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Eines von insgesamt circa 80'000 Schafen, die auf den Färöer leben. bild: klaus zaugg

Zu Besuch auf den Färöer – Fussball auf den Inseln der Hippie-Schafe

Dank dem Fussball wissen wir, dass es die Färöer-Inseln gibt. Bald spielen unsere kurzbehosten Eidgenossen dort um die WM-Qualifikation. Es ist eine Reise ans freundliche Ende der Welt, auf die Inseln der Hippie-Schafe.

07.06.17, 09:18 07.06.17, 10:08

Die Fussball-Nationalmannschaft von den Färöer, den 18 Inseln im Nordatlantik, spielt in der gleichen WM-Qualifikationsgruppe wie die Schweiz. Fussball ist ein Stück der nationalen Identität und Kultur. Die Namen der Spieler, die am 12. September 1990 im Rahmen der EM-Qualifikation Österreich 1:0 besiegt haben, kennt jeder Einwohner auswendig.

Die Färöer wurden 1988 Mitglied der FIFA und 1990 der UEFA. Das Spiel gegen Österreich war das erste Pflichtspiel in der Geschichte Färöer. Die Partie fand in Schweden statt, da es auf den Färöern damals nur Kunstrasenplätze gab. Allgemein wurde eine himmelhohe Niederlage erwartet. Der österreichische Nationaltrainer dachte an ein 10:0, und auch die Färinger rechneten mit einer vernichtenden Niederlage. Ein 0:5 wäre als Erfolg gewertet worden.

Nicht länderspieltauglich: Ein Fussballplatz auf den Färöern. Quelle: wikipedia

Bloss 1265 Fans waren ins Stadion von Landskrona (Fassungsvermögen: 14'000) gekommen, die meisten Färinger. Etwa 100 Journalisten waren anwesend. Es war das Ereignis mit der bislang grössten internationalen Aufmerksamkeit für die Färöer.

Kurz vor Anpfiff des Spiels brach die Übertragungsleitung des färöischen Radios zusammen. Die beiden Fussballreporter berichteten während der ersten Halbzeit telefonisch.

Zur Pause stand es 0:0. In der 62. Minute fiel der entscheidende Treffer durch Torkil Nielsen, der drei Abwehrspieler umspielte und den Ball aus etwa 16 Metern Entfernung mit dem linken Fuss hart und flach mitten ins Tor schoss. Die Siegermannschaft wurde bei ihrer Ankunft in Torshavn von etwa 20'000 Menschen begrüsst, fast der Hälfte der Bevölkerung. Die Spieler gelten seitdem als Nationalhelden.

Die Highlights der Partie Färöer vs. Österreich. Video: streamable

Auf dieses Spiel gibt es eine Hymne. Reytt og blátt og hvítt («Rot und blau und weiss» in Anlehnung an die färöischen Landesfarben). Im Refrain heisst es:

«Merkið reytt og blátt og hvítt, veittrar frítt um heimin vítt. Fjøllini, fólkini stolt standa rætt, Dávid her feldi Goliat. Dávid her feldi Goliat. Koyrið á … Koyr á Føroyar …»

«Die Flagge rot und blau und weiss, weht frei um die weite Welt. Die Berge und das Volk stolz stehen sie da, David stürzte Goliath. David stürzte Goliath.Vorwärts … Vorwärts Färöer …»

Die Siegeshymne: «Reytt og blátt og hvítt». Video: YouTube/Farerets

Fussballinseln also. Als Feriendestination sind die Färöer hingegen nahezu unbekannt – und das war für mich erst recht ein Grund, dort auszuspannen. Schliesslich war es einst das Privileg der Reichen, der Sommerhitze in kühlere Gefilde zu entfliehen. Nun können sich auch Proleten eine Reise in sommerliche nordische Frische leisten.

Von Kopenhagen aus sind es noch zwei Flugstunden Richtung Nordwesten. Nur die «Atlanic Airways» fliegt von Kopenhagen aus dieses wunderliche Inselreich an. Die Firma besitzt lediglich drei Flugzeuge und der Flughafen Vagar in der Nähe von Torshavn zählt weniger Flugbewegungen als Belp. Die Güter werden in erster Linie mit Schiffen zu den Inseln transportiert und im Hafen von Torshavn abgeladen. Im Dezember übrigens auch eine Schiffsladung Tannenbäume. Auf den praktisch baumlosen Inseln mag niemand auf den Weihnachtsbaum verzichten. Die Hauptstadt ist nicht ganz so gross wie Langenthal.

Hochseetrawler im Hafen von Tórshavn. quelle: wikipedia

Die Konzentration auf den Schiffstransport hat seinen Grund. Der Anflug ist wegen schräg einfallender Winde und der kurzen Landebahn so heikel, dass nur speziell ausgebildete Piloten hier landen sollten. Die französische Fussball-Nationalmannschaft pflegt mit einem eigenen Jet zu reisen. Man hatte den Franzosen angeboten, einen Piloten der heimischen Fluggesellschaft zur Verfügung zu stellen. Die Hilfe wurde abgelehnt und beim Anflug wäre es um ein Haar zu einer Katastrophe gekommen. Das Flugzeug kam Zentimeter vor dem Ende der Piste, dort, wo es steil runter geht, doch noch zum Stillstand.

Was kann der Fremde hier unternehmen? Wandern und sonst nichts. Zwei Wochen verbrachten wir auf einem Haus auf Suduroy, der südlichsten Insel. Am Ende der Welt. Oder vielleicht war die Welt ja am Anfang so. Ohne Zeit. Mit richtigem Wetter. Ohne Eile. Der Golfstrom sorgt dafür, dass es hier nie richtig kalt wird. Nirgendwo ist es im Winter so hoch im Norden so mild. Dank der Lage so weit «oben» wird es auch nie richtig warm. Jetzt im Hochsommer ist es in der Regel 10 Grad. Das Wetter bietet täglich alles. Regen, Wind, Sonne und Nebel. Die Nächte sind hell, tiefe, finstere Dunkelheit gibt es im Sommer nicht – im Winter hingegen schon.

Die Westküsten der Inseln sind oft steil und unzugänglich, nach Osten hin fällt das Land ab. quelle: wikipedia

Die Färöer Inseln sind eine Oase ohne Kriminalität, mit offenen Türen (niemand schliesst sein Auto oder sein Haus ab), bewohnt von freundlichen, eigenwilligen Menschen und unzähligen Schafen. 80'000 Schafe für 50'000 Menschen. Schafsinseln werden sie daher auch genannt. Überall auf den baumlosen, grünen Hügeln weiden einzelne Schafe. Nicht Herden. Anders als kapitalistisch ausgebeutete Schafe werden sie hier nie geschoren. Ihre Felle sind deshalb lang und zottelig. Hippie-Schafe. Gehalten werden die Tiere eigentlich nur als Hobby und zum Eigenbedarf. Betrieben wird mehr oder weniger eine «Hobby-Schafwirtschaft» um nebenbei an die staatlichen Schafs-Subventionen heranzukommen.

Eines der zahlreichen «Hippie-Schafe». bild: Klaus zaugg

Wer gut essen will, muss selber kochen. Die Restaurants auf den Inseln lassen sich an einer Hand abzählen. Auf Suduroy gibt es in den 17 Ortschaften gar keines und gute wie wir sie kennen eigentlich nur in Torshavn. Was keineswegs ein Zeichen fehlenden Soziallebens oder Geselligkeit ist. Gefeiert wird viel und getrunken auch. Aber nicht in der «Beiz». Sondern bei gegenseitigem Einladen zu Hause. Es gibt auch eine ganz eigene Volksmusik mit schwermütigen, melancholischen Liedern.

Eile, Stress und unfreundliches Hasten sind unbekannt. Die meisten Arbeitsplätze bietet die staatliche Administration, dazu gibt es ein paar Jobs in der Ölsuch-Industrie, im Transportwesen und in der Fischerei. In den Buchten wird in riesigen Netzen Lachs gemästet. Es soll der beste Lachs der Welt sein.

Aquakultur zur Aufzucht von Lachs. quelle: wikipedia

Dänemark subventioniert sein Inselreich grosszügig, investiert, wie es in Skandinavien der Brauch ist, viel in Bildung und Allgemeinwohl. Zwischen den Inseln verkehren die Fährschiffe, günstig und schneller sind die subventionierten Helikopterverbindungen. Auf die kleinste Insel wird für zwei Schüler regelmässig ein Lehrer mit dem Helikopter eingeflogen.

Die Färöer-Inseln geniessen innerhalb des Dänischen Königreiches Autonomie (aber keine vollständige), haben deshalb ihren eigenen Fussball-Verband und ihre Fussball-Nationalmannschaft. Sie sind, anders als Dänemark, nicht in der EU. Die Demokratie ist direkt wie bei uns und die EU wird, so ist hier zu erfahren, als Hort der Kontrolle und Korruption abgelehnt.

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Genital Motors 07.06.2017 11:43
    Highlight Alles was mit Vik aufhört muss bereist werden!! :D
    5 1 Melden
    • thomz 07.06.2017 14:04
      Highlight Auch zu empfehlen ist die Ortschaft, welche mit Vik beginnt und aufhört - Vik selbst auf Island :)
      7 1 Melden
  • R.P. 07.06.2017 11:29
    Highlight Vielen Dank für den spannenden Artikel. Schön das du versuchst alle Facetten der Färöer aufzuzeigen. Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen während der Reise, aber auf den Färöer wird noch immer Walfang betrieben. Dies auf eine Art und Weise, wo gesamte Grindwalschulen mitsamt Jungtieren abgeschlachtet werden, ohne das nur der Hauch einer Chance auf ein teilüberleben der jeweiligen Grindwalschule besteht. Es gibt sogar das Gesetz: wenn jemand (z.B. ein Tourist) eine Schule beobachtet, muss er dies sofort melden, ansonsten würde er sich strafbar machen, weil er so einen Grindadrap verhindert.
    13 11 Melden
    • Mr. Holmes 07.06.2017 12:42
      Highlight Ich glaube mit unserer Fleischindustrie müssen wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Die Wale sind für den Inselstaat eine logische und natürliche Nahrungsmittelquelle. Zudem ist diese Art von Walfang stark reguliert und anders als unsere Fleischindustrie nicht gewinngesteuert. Aber diese Diskussion ist hier eigentlich am falschen Ort.
      16 12 Melden
    • Amboss 07.06.2017 13:15
      Highlight @RP: Naja, Jagd ist nirgendwo etwas "schönes", das ist so.
      Zudem sollten wir die Klappe nicht zu fest aufmachen.
      Such mal ein bisschen auf Youtube bzgl. Fleischindustrie. Auch nicht als Vegetarier kann man ein reines Gewissen haben, wenn man Eier isst (Stichwort: küken sexen)

      Jagd wird auf den Färoern seit jahrhunderten durchgeführt - ohne sie wäre ein Überleben dort früher absolut unmöglich gewesen.

      Zudem: Auch wenn es wegen dem vielen Blut sehr grausig aussieht, die Jagd läuft einigermassen human ab, ohne langen Todeskampf.
      9 10 Melden
    • R.P. 07.06.2017 13:45
      Highlight @Mr. Holmes: Nun ja, bei unserer Fleischindustrie werden die Tiere genau zu diesem Zweck herangezüchtet...beim Walfang ist dies nicht der Fall, und jeglich Chance auf Fortpflanzung wird verhindert. Zudem ist das Walfleisch massiv mit Quecksilber belastet und sollte nicht verzehrt werden, weil gesundheitsschädlich.

      @Amboss: genau: FRÜHER wäre es unmöglich gewesen ohne Walfang zu überleben, heute wäre dies möglich...
      Ob es wirklich human ist, dass nach stundenlanger stressiger Treibjagd ein Jungtier direkt neben dem Muttertier geschlachtet wird, wage ich in Frage zu stellen...
      6 5 Melden
    • Amboss 07.06.2017 14:04
      Highlight @RP: Ich hab ja geschrieben, Jagd sei nicht was "Schönes".
      Jagd ist nun mal Jagd. Da geht es ums töten, was in der Tat grausam sein kann.

      Ich sage nur, wir sollten nicht mit dem Finger auf andere zeigen.

      Grindwaljagd ist nicht grausamer oder schlimmer oder was auch immer, als das, was bei uns passiert
      5 4 Melden
    • Genital Motors 07.06.2017 14:32
      Highlight Chuck Norris geht nicht Jagen, er geht töten.
      4 5 Melden
  • sevenmills 07.06.2017 09:39
    Highlight Die Färöer sind ein wunderbares Land. Ich hab sie mit einer Kollegin im Sommer 2015 bereist. Touristen gibt es wenige und entsprechend ist die touristische Infrastruktur noch sehr dürftig, was aber zum Charme der Inseln beiträgt. Das beinahe einzige für Rucksacktouristen preiwerte Restaurant in Torshavn ist das Irish Pub, in Klaksvik gibt es noch ein Steakhouse. Busverbidungen ausserhalb des Hauptortes gibt es nur schlechte. Auto mieten! Wer auf die Färöer reist, muss die Stille, das Wetter, die Natur und den Wind lieben, dazu die Einsamkeit. Für den, der das liebt, sind die Färöer ein Traum.
    25 1 Melden
    • c-bra 07.06.2017 10:09
      Highlight Danke für die Gänsehaut. :-) schon seit vielen vielen Jahren möchte ich die Färöer Inseln bereisen, leider hab ich es bis heute nicht geschafft, aber definitiv bleiben sie auf meiner ToDo Liste. :-)
      12 0 Melden
    • sevenmills 07.06.2017 10:18
      Highlight Unbedingt hingehen, wenn es sich mal ergibt! Es lohnt sich :)
      8 0 Melden
    • LarsBoom 07.06.2017 20:20
      Highlight Hast du im Irish Pub auch das Pork Chop mir fritten und Pfeffersauce gegessen?
      2 0 Melden
    • sevenmills 07.06.2017 23:21
      Highlight Lustigerweise erinnere ich mich nur noch daran, was meine Kollegin bestellt hat aber schlussendlich nie bekommen hat, und zwar den Fischburger (ich müsste mich schon sehr täuschen, etwas mit fritiertem Fisch war es auf alle Fälle)... jeden Abend, an dem wir dort gegessen haben, war der Fisch aufgebraucht und sie wurde auf den nächsten Tag vertröstet. Die Lieferung kam offensichtlich die ganze Woche nicht an 😂
      4 0 Melden

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