Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Alt-Bundesrat Schmid zum Russen-Doping: «Russische Spione waren in der Schweiz»

Alt-Bundesrat Samuel Schmid leitete für das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Doping-Untersuchung, die zu einer Sperre von Russland für die Spiele in Pyeongchang 2018 führte. Er spricht über Untersuchungen, Sicherheitsvorkehrungen und das Verhalten der Russen.

09.12.17, 08:16

Othmar von Matt und Rainer Sommerhalder / Schweiz am Wochenende



Samuel Schmid, President of the IOC Inquiry Commission and former President of Switzerland, reacts during a press conference after an Executive Board meeting, in Lausanne, Switzerland, Tuesday, December 5, 2017. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Samuel Schmid leitete für das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Untersuchung, die zu einer Doping-Sperre Russlands für Pyeongchang 2018 führte. Bild: KEYSTONE

Herr Schmid, Russland klagt, der Entscheid des IOC sei eine «Verschwörung des Westens». Ist er das?
Sicher nicht. Es existieren Fakten, die sich nicht weglügen lassen. Proben müssen manipuliert worden sein, chemische Zusammensetzungen von Urinproben sind nicht natürlich. Es kamen viele Elemente zusammen. In Russland versucht man, sich herauszureden, indem man die Schuld auf eine sehr kleine Gruppe von Verschwörern abwälzt.

Es geht aber um staatlich mit beeinflusstes Doping?
Vielleicht kann man tatsächlich von einer Verschwörung reden. Professor Richard McLaren schreibt in seiner Untersuchung von systematischem Doping von bis zu tausend russischen Athleten. Er schreibt von einer Verschwörung, in die sogar Teile des russischen Staates verwickelt sind.

Wer ist der Kopf der Verschwörung?
Das konnten wir nicht genau eruieren. Verschiedene Leute sagen, Whistleblower Grigori Rodschenkow sei es gewesen, damals Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Er scheint sehr kompetent zu sein. Aber er spielte auf zwei Seiten. Er brauchte seine wissenschaftlichen Erkenntnisse – und missbrauchte sie.

Er sorgte dafür, dass das Doping nicht entdeckt wurde?
Es wurden Mittel abgegeben, die es erschwerten, verbotene Substanzen zu finden. Mit seinem sogenannten Duchess-Cocktail aus drei Steroiden hat Rodschenkow offenbar eine Mischung hingekriegt, die für die Athleten eine Raketen-Wirkung hatte. Er hatte Einfluss. Auserlesene Eliten erhielten eine Kurpackung dieses Cocktails. Es mussten auch nummerierte Flaschen ausgetauscht werden. Dabei passierten Fehler, die man entdeckte. Es waren derart viele Leute involviert, dass man die Schuld nicht einfach auf Herrn Rodschenkow abschieben kann. Ich warf die Frage auf: Weshalb war der Nachrichtendienst im Labor?

Der russische Inlandgeheimdienst FSB war involviert?
Man sagte mir, er habe für die Sicherheit sorgen müssen. Nur: Bei uns sorgt die Polizei für die Sicherheit. Das sind Schutzbehauptungen. Wir suchten nicht Beweise, um Sportminister Witali Mutko zu überführen. Wir analysierten die Situation Bottom-up, von unten nach oben.

epa06369477 (FILE) - Russia's deputy prime minister Vitaly Mutko speaks during a press conference before the Final Draw of the FIFA World Cup 2018 in Moscow, Russia, 01 December 2017 (reissued 05 December 2017). The International Olympic Committee (IOC) on 05 December 2017 announced that Russian deputy prime minister Vitaly Mutko, then minister of sport during the Sochi 2014 Olympics, has been banned from any participation in all future Olympic Games, following an investigation into allegations of state-sponsored doping in Sochi.  EPA/SERGEI CHIRIKOV

Witali Mutko Bild: EPA/EPA

Letztlich landeten Sie aber bei Mutko?
Die Recherchen ergaben Verantwortlichkeiten bis hin zu ihm. Er unterschrieb den Host-City-Vertrag der Olympischen Spiele von Sotschi und trug damit eine administrative Verantwortung, die auch rechtlicher Natur ist. Im Vertrag gab es die Verpflichtungen, die Charta der Olympischen Spiele zu wahren und ein korrekt arbeitendes Labor zur Verfügung zu stellen.

Trafen Sie Mutko?
Ja. Zu Beginn hatten wir Mühe, Kontakt zu Russland aufzubauen. Gegen Ende unserer Untersuchung kamen die Russen aber auf uns zu. Witali Mutko war bei uns. Und auch Alexander Schukow, der Präsident des Olympischen Komitees Russlands.

Sie kamen in die Schweiz?
Ja. Wir konnten Fragen stellen. Wir würdigten das und stellten im Bericht auch fest, Russland selbst habe Massnahmen ergriffen. Auch Herr Putin gestand Fehler ein. Letztlich hiess es aber in Russland, der Verbrecher sitze in den USA und heisse Grigori Rodschenkow.

Trafen Sie ihn ebenfalls persönlich?
Er ist in einem Zeugenschutzprogramm in den USA. Aber wir sprachen mit ihm.

Mit Präsident Wladimir Putin selbst konnten Sie nicht sprechen?
Hätten wir Anhaltspunkte gehabt, dass er verwickelt ist, hätten wir es versucht. Ob es uns gelungen wäre, weiss ich nicht. Bei uns war ja alles freiwillig.

Putin hat Mutko dann zum Vize-Premierminister befördert, als McLaren seinen ersten Bericht veröffentlichte. Lässt das darauf schliessen, dass letztlich sogar Putin involviert war?
Sie können das privat so sehen. Der Kommissions-Präsident kann das aber nicht tun. Im Bericht halten wir fest, dass wir nicht feststellen konnten, dass Herr Putin von den Vorfällen wusste.

epa06242438 Russian President Vladimir Putin (R) and Russian Deputy Prime Minister Vitaly Mutko (L) attend a meeting of Presidential Council for the development of physical culture and sport in the Kremlin in Moscow, Russia, 03 October 2017.  EPA/ALEXEY NIKOLSKY / SPUTNIK / KREMLIN POOL MANDATORY CREDIT

Wusste Putin von den Vorfällen? Bild: EPA/SPUTNIK POOL

Putin verzichtet nun auf einen kompletten Olympia-Boykott Russlands.
Herr Putin ist bereit, die Chance zu packen, die ihm das IOC eröffnet hat. Mit gutem Grund: Es geht ihm um den Sport in Russland. Er kann nur jenen Zweig wieder aufbauen, der gesund ist. Dafür braucht es saubere Athleten.

Im Bericht schreibt die Kommission von einem Betrugsschema, das es in dieser Art noch nie gegeben habe und das «ausserordentlichen Schaden» an der Integrität des IOC angerichtet habe. Ein harter Satz.
Dieser Satz ist wahr. Ein Fragezeichen machte ich nur beim Begriff «noch nie da gewesen». Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der ehemaligen DDR, über die wir uns ebenfalls orientieren liessen, ist dieses Wort wohl falsch.

Sie gerieten in einen neuen Kalten Krieg zwischen Russland und den USA. Realisierten Sie das?
Ich hatte nie einen Druckversuch.

Samuel Schmid

Der Alt-Bundesrat präsidierte die fünfköpfige Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die den Einfluss der russischen Behörden auf das russische Dopingsystem untersucht hat. Samuel Schmid (70), Jurist und Bundesrat von 2000 bis 2008, war vom IOC im Sommer 2016 mit der Leitung der Kommission betraut worden. Schmid ist auch Mitglied der IOC-Ethikkommission.
Der Untersuchungskommission gehörte auch die chinesische Ex-Eisschnellläuferin Yang Yang an. Die Kommission kam zum Ergebnis, dass es über Jahre hinweg und bei den Winterspielen 2014 in Sotschi ein systematisches Dopingsystem in Russland gegeben habe. Zuvor hatte der kanadische Jurist Richard McLaren die Doping-Vergehen über ein Jahr lang untersucht.
Sonderermittler McLaren profitierte dabei vom Insiderwissen von Grigori Rodschenkow. Der Chemiker war von 2006 bis 2015 Leiter des Moskauer Labors und eine der Schlüsselfiguren des Dopings in seinem Land. Rund 1000 russische Athleten sollen selbst gedopt oder von der Doping-Verschleierung durch den Staat profitiert haben, berichtete McLaren.
Neben der Schmid-Kommission war auch eine zweite IOC-Kommission tätig, unter dem Vorsitz des Neuenburger Juristen und IOC-Mitglieds Denis Oswald. Sie beschäftigte sich mit der Manipulation von Dopingproben russischer Athleten während der Spiele in Sotschi. (aargauerzeitung.ch)

Weder aus Russland noch den USA?
Es gab Hacker-Angriffe. Doch wir hatten Sicherheitsmassnahmen getroffen, bevor wir unsere Arbeit aufnahmen. Zudem war es schwierig, an Beweismittel zu gelangen.

Sie waren ja Verteidigungsminister.
Genau. Der Nachrichtendienst war mir unterstellt. Während unserer Arbeit erhielten wir Hinweise auf Aktivitäten. Auch das IOC hat eine Sicherheitsorganisation.

Aktivitäten? Hackerangriffe? Oder wurde Ihr Telefon abgehört?
Es waren Leute in der Schweiz.

Russische Spione kamen in die Schweiz?
Wie funktionieren Nachrichtendienste? Wir leben nicht im Paradies. Während einer Wada-Konferenz befand sich eine Delegation eines russischen Nachrichtendienstes im selben Hotel. Das machte uns klar: Wir sind ein konkretes Angriffsziel.

Was kehrten Sie vor?
Das Übliche. Die Sekretärinnen arbeiteten auf Computern, die nicht am Netz angeschlossen waren und sich in einem geschlossenen Kreis befanden. Die Rollläden unseres Büros waren geschlossen, Sitzungszimmer und Vorgärten überwacht. Es wurde regelmässig auf Abhöranlagen untersucht. Wir nahmen keine elektronischen Geräte in den Raum. Wir wollten uns nicht naiv erwischen zu lassen.

Das IOC sperrte Witali Mutko lebenslänglich. Doch Mutko ist 2018 auch Cheforganisator der Fussball-WM in Russland. Müsste die Fifa reagieren?
Ich mag durchaus eine Meinung haben. Sie ist aber nicht von Bedeutung. Das ist Sache der Fifa.

epa06360986 Russia's deputy prime minister Vitaly Mutko (L) and FIFA President Gianni Infantino (R) attend a press conference before the Final Draw of the FIFA World Cup 2018 at the State Kremlin Palace in Moscow, Russia, 01 December 2017. The FIFA World Cup 2018 will take place from 14 June until 15 July 2018 in Russia.  EPA/SERGEI CHIRIKOV

Muss die FIFA reagieren? Bild: EPA/EPA

In der Fifa entscheidet die Ethikkommission über das weitere Vorgehen. Was würde die Ethikkommission des IOC tun, in der Sie Mitglied sind?
Sie würde diesen Fall sicher ernsthaft diskutieren. Wie der Beschluss ausfallen würde, kann ich aber nicht sagen.

Sie sagen, Athleten sollten sich stärker zur Wehr setzen gegen Doping. Besteht das Problem nicht darin, dass sich genau das gar nicht lohnt?
Ein guter Gedanke. Genau deshalb brachten wir zur Sprache, eine Ombudsstelle zu schaffen, was meines Wissens bei der Wada an die Hand genommen wird.

Sportler äussern sich fast nicht zu Doping. Weil es noch ein Tabu ist?
Möglicherweise. Vielleicht müsste man sich überlegen, Olympische Spiele generell ohne Flaggen durchzuführen. Heute instrumentalisieren Nationen den Sport. Dieses System verführt dazu, nachzuhelfen. Zum Beispiel mit Duchess-Cocktails.

Sehen Sie Ihre Untersuchung als ein Schritt, Olympische Spiele wieder ehrlicher werden zu lassen?
Ich glaube, dass IOC-Präsident Thomas Bach und das IOC selbst diesen Willen haben. Das Exekutiv-Komitee beschloss die Sanktionen gegen Russland einstimmig, obwohl darin auch Freunde Russlands sitzen. Das hat mich beruhigt. Ich zweifelte daran, dass das IOC dies wirklich durchziehen würde, obwohl Präsident Bach von Anfang an eine entschiedene Auffassung vertrat. Er wollte aber eine exaktere Untersuchung. Das war ein wesentlicher Grund, dass ich das Mandat annahm.

Putin kann auch Piano spielen. Also er versucht es zumindest

Video: watson

Olympische Winterspiele 2018 in Pyeongchang

Mit diesem Flussdiagramm findest auch du deine Olympia-Sportart

Der ultimative Test: Welcher Schweizer Olympionike bist du?

Olympische Spiele oder Street Parade – welcher Slogan gehört wohin?

Nach dem Erfolg die Magersucht – das wurde aus dem 15-jährigen Star der Spiele von Sotschi

12 wahnwitzige Curling-Szenen, die die Lust auf Olympia wecken

7 bemerkenswerte Fakten zu den 171 Schweizer Olympia-Teilnehmern

Noch ein Monat bis Olympia – das sind unsere grössten Medaillen-Hoffnungen

Ein Langläufer aus Tonga?! Pita Taufatofua hat sich tatsächlich für Olympia qualifiziert

Olympia droht Doping-Skandal, weil sich diese Fläschchen öffnen lassen

Vier neue Disziplinen: In Pyeongchang geht's um 102 Medaillensätze

Hier finden die Wettkämpfe der Olympischen Winterspiele 2018 statt

Wir sind Soohorang und Bandabi, die Maskottchen der Winterspiele 2018

Pyeongchang wie Sapporo und Nagano? Die Schweizer Bilanz bei Winterspielen in Asien

So kam Pyeongchang zu den Olympischen Winterspielen 2018

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

7
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • chäsli 10.12.2017 05:40
    Highlight Dass man diese Ex-Politiker nach ihrem Wirken immer noch anhören bzw. von ihnen lesen muss. Dieser Schmid hat sich weiss Gott keine Lorbeeren geholt. Er war ein reiner Verwalter und sicher kein Macher, heute ist er noch ein Sprücheklopfer, fast peinlich.
    5 6 Melden
  • Derpsie 10.12.2017 04:06
    Highlight "Heute instrumentalisieren Nationen den Sport."

    Naja... das ist es ja schon frühsten seit die Spiele von 1936. Sport wir immer als Propagandamaschine dienen. Da es Aufmerksamkeit generiert.
    4 1 Melden
  • reconquista's creed 09.12.2017 15:41
    Highlight Warte noch auf die Kommentare der “alles Lüge und politisch motiviert, alle gegen Russland“-Trolle
    9 6 Melden
  • Hugo Wottaupott 09.12.2017 11:04
    Highlight Schmid so: "Ich habe keine Angst vor Putin." Tag später: "Russische Spione waren in der Schweiz." MIMIMI...
    8 38 Melden
  • redeye70 09.12.2017 09:59
    Highlight Schade um den Sport. Leider wurden die olympischen Spiele schon vor Jahrzehnten von der Politik gekapert, man denke nur an die Zeit des Kalten Krieg. Schmid formuliert es sehr treffend, es kann nur eine Veränderung geben wenn die Politik nicht mehr die nationalistische Karte spielt. Aber wie es scheint will die Menschheit auch hier nicht lernen.
    26 3 Melden
  • Schnuderbueb 09.12.2017 08:58
    Highlight Spitzen aber auch viele Möchtegern Athleten sind halt gesellschaftlich und politisch angesehene und gefeierte Junkies. Junkie kann man auch aus narzisstischen Gründen werden, nicht nur aus mangelten Selbstvertrauen.
    14 1 Melden
    • Siebenstein 09.12.2017 10:32
      Highlight Ohne dem Druck von oben nachzugeben darf halt kein Athlet mitmachen bei den schmutzigen Spiel, denke ich.
      5 1 Melden

SP-Nationalrat wollte in der Türkei Prozess beobachten und musste Flucht ergreifen

Um sich ein Bild vor Ort zu machen, bereiste der SP-Nationalrat Fabian Molina die Osttürkei. Sein Versuch als Beobachter an einem Gerichtsprozess teilzunehmen, scheiterte.

Gemeinsam mit dem emeritierten Soziologie-Professor Ueli Mäder und dem Präsidenten des Schweizerischen Friedensrats Ruedi Tobler bereiste der SP-Nationalrat Fabian Molina anfangs Oktober die Osttürkei. Fünf Tage war die kleine Reisegruppe unterwegs. Zurückgekommen ist sie mit einem Strauss voller intensiver Erfahrungen. 

Die Mission sei gewesen, sich ein Bild der aktuellen Situation in der Türkei und speziell von derjenigen der ethnischen Minderheiten zu verschaffen. Seit seinem …

Artikel lesen