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epa06175143 Swiss defender Stephan Lichtsteiner reacts during the 2018 FIFA World Cup group B qualification soccer match between Switzerland and Andorra, in St. Gallen, Switzerland, 31 August 2017.  EPA/PETER SCHNEIDER

Stephan Lichsteiner ist immer mit vollem Einsatz bei der Sache. Bild: EPA/KEYSTONE

Lichtsteiner will Deutschland und macht Dampf: «Zurücklehnen kommt nicht infrage»

28.11.17, 10:04 28.11.17, 10:20

sven schoch / sda



Drei Tage vor der WM-Gruppenauslosung im Moskauer Kreml (Freitag, 16 Uhr) analysiert Stephan Lichtsteiner in einem Interview mit der Nachrichtenagentur SDA die globale Positionierung der Schweizer Auswahl. «Bei jenen Verbänden, die seit Jahren zur erweiterten Spitze gehören, sind wir dabei.» Der Captain lobt explizit auch die Arbeit auf Verbandsebene. Er spüre eine verbreitete Leistungskultur, so der 96-fache Internationale.

Der bald 34-jährige Aussenverteidiger spricht auch über seine persönlichen Perspektiven im SFV-Ensemble. Und der sechsfache Serie-A-Champion tönt zumindest an, wie es im Sommer nach seinem wahrscheinlich letzten Juventus-Jahr auf Klubebene weitergehen könnte.

Neben der SFV-Auswahl haben es in der europäischen Konföderation nur der aktuelle Welt- und Europameister sowie drei Ex-WM-Titelträger geschafft, sich viermal in Folge für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Wo ordnen Sie die Schweiz ein?
Zu den ganz Grossen darf man uns nicht zählen, aber sicher zu den Top 10 – bei jenen Verbänden, die seit Jahren zur erweiterten Spitze gehören, sind wir dabei. Ich denke da an Polen, Belgien und an uns. Andere Top-Nationen hatten teilweise Mühe, ihr Level zu halten.

An wen denken Sie?
Italien zum Beispiel, das erstmals seit 1958 scheiterte. Wir hingegen haben sehr gut gearbeitet. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir spielen einen guten Fussball und verstecken uns vor keiner Aufgabe. Die Mannschaft macht Spass und verdient Respekt. Dem Verband, den Coaches, allen Beteiligten gebührt ein grosses Lob.

Die Spieler schöpfen die Ressourcen nahezu perfekt aus.
Die Basis stimmt, der vom Verband geschaffene Rahmen ist optimal. Ich spüre eine verbreitete und gelebte Leistungskultur. Wir haben inzwischen eine Reihe von Spielern im Kader, die viel gewonnen haben und regelmässig in wichtigen Partien Verantwortung tragen. Im Playoff gegen Nordirland zahlten sich diese Werte aus. Mit der extrem anspruchsvollen mentalen Herausforderung ging das Team vorbildlich um.

Das Selbstbewusstsein der Mannschaft wirkt nicht antrainiert. Die Haltung, jedes Spiel dominieren zu wollen, haben die Protagonisten verinnerlicht.
Das kommt nicht von ungefähr. Die meisten sind in der Bundesliga, in Italien, in England oder in Spanien im Einsatz. So lernt man den Druck und die Intensität der Kritik kennen, die auf internationalem Level üblich ist. Wer Woche für Woche das Trikot eines europäischen Topklubs trägt, kennt die Unterschiede. Die Erwartungen sind immens, der Konkurrenzkampf ist unerbittlich.

Swiss head coach Vladimir Petkovic and Stephan Lichtsteiner, from left, during a press conference in Lucerne, Switzerland, on Saturday, November 12, 2016. Switzerland is scheduled to play a 2018 Fifa World Cup Russia group B qualification soccer match against Faroe Islands on Sunday, November 13, 2016. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Stephan Lichtsteiner ist Vladimir Petkovics verlängerter Arm auf dem Platz. Bild: KEYSTONE

Die Mannschaft scheint für den nächsten Schritt an der Endrunde bereit. Schildern Sie uns Ihre persönlichen Erwartungen.
Vieles ist möglich. Im Fussball gibt es keine Gewissheit, dass eine Mannschaft automatisch weiter aufsteigt, weil sie in Vergangenheit konstant starke Leistungen und überzeugende Ergebnisse erbracht hat. So funktioniert der Sport nicht. Auch wenn uns 2014 theoretisch nur ein paar Minuten zur möglichen Achtelfinal-Sensation gegen Argentinien fehlten und wir ein sehr gutes EM-Turnier spielten, konnten wir den WM-Viertelfinal nicht für uns verbuchen.

Was sind denn die Grundvoraussetzungen für weitere Fortschritte?
Jeder Einzelne muss sich in den nächsten sechs Monaten auf seinen Job konzentrieren, an sich arbeiten und sein leistungsmässiges Optimum abrufen. Im Frühling muss die persönliche Verfassung stimmen. Es sollte sich möglichst keiner verletzen, damit der interne Konkurrenzkampf spielt. Nur wenn jeder Spieler bereit ist, sich wieder neu zu beweisen und wir auch als Mannschaft noch eine Schippe drauflegen, liegt etwas drin in Russland; dann werden wir eine gute Endrunde spielen.

Anders als vor der EM in Frankreich steht das taktische Konzept, die Mechanismen sind vorhanden. Das Team hat seinen Stil gefunden, oder?
Ja, wir sind uns einig, was wir wollen – zum Beispiel konsequent am Ball bleiben. Wir warten nicht einfach ab, sondern wollen die Kontrolle der Partie übernehmen. Gegen Nordirland sind wir mit dieser Marschroute gut gefahren. Einzig an der mangelnden Effizienz gilt es zu arbeiten. Wir müssen noch mehr tun, um ein Tor zu schiessen.

epa06327512 Italy's goalkeeper Gianluigi Buffon reacts after the FIFA World Cup 2018 qualification playoff, second leg soccer match between Italy and Sweden at the Giuseppe Meazza stadium in Milan, Italy, 13 November 2017. Sweden won 1-0 on aggregate.  EPA/DANIEL DAL ZENNARO

Lichtsteiners Teamkollege Gigi Buffon ist an der WM in Russland nicht dabei. Bild: EPA/ANSA

Sie denken täglich an Russland, Ihre italienischen Teamkollegen verbinden diese WM ausschliesslich mit dem eigenen Scheitern. Wie nehmen Sie die Fussball-Depression im Land Ihres Arbeitgebers wahr?
Es tut mir sowohl für meine Mitspieler als auch für das ganze Land leid. Ich hätte Italien das Turnier gegönnt. Für viele war es altersbedingt die letzte Chance. Die Zeitungsberichte nach dem WM-Out habe ich nicht gelesen. Ich kann mir aber die Art der medialen Aufarbeitung gut vorstellen: Wenn es nicht läuft, ist jeder ein Versager und prinzipiell alles schlecht.

Wie interpretieren Sie denn das italienische WM-Out?
Wir brauchen nicht zu diskutieren: Es ist ein gewaltiger Misserfolg und Schock für ein Land, das von morgens bis spätabends Fussball atmet. Aber wenn Italien aus dieser Niederlage die richtigen Schlüsse zieht und Gas gibt, wird es ein Comeback geben. England oder Frankreich haben vergleichbare Perioden durchmachen müssen – inzwischen sind sie wieder voll da.

Wie geht es für Sie weiter? Zum einen im Klub, andererseits mittelfristig als Captain des Nationalteams?
Ich will sicher weitermachen. Auch wenn ich im nächsten Januar zwar 34 werde, fühle ich mich körperlich fit, gesund und leistungsfähig. In mir steckt noch viel Energie, Kraft und Lust, auf hohem Niveau Fussball zu spielen.

Ihr Vertrag in Turin läuft im kommenden Frühling aus. Wo setzen Sie ihre Karriere fort?
Wo ich das tun werde, weiss ich noch nicht. Es gibt ein paar spannende Optionen, die mich interessieren. Viele Faktoren müssen passen, alles macht man nicht mehr mit. Die Meinung meiner Familie ist mir ebenfalls wichtig.

Stephan Lichtsteiner ist derzeit voll auf Juve fokussiert.

Konkrete Vorstellungen haben Sie noch nicht? Ist England ein Thema?
Mir schwebt vor allem vor, mit Jungen etwas zu bewegen – so wie in der Nationalmannschaft. Aber ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht im Detail mit meiner Zukunft beschäftigt. An einem Transfer studiere ich nicht herum, ich habe vor, die Saison in Turin erfolgreich zu beenden. Vorerst denke ich nur an Juve! Ich will nochmals alles gewinnen, was in dieser Saison noch schwieriger werden dürfte. Doch ich werde, wie gewohnt alles geben – fino alla fine!

In Turin haben Sie alle kritischen Beobachter widerlegt: Sie sind in der Liga ausnahmslos gesetzt. Behalten Sie diesen Status nach der WM auch im Nationalteam bei?
Ich werde zu gegebener Zeit mit dem Trainer sprechen und erfahren, wie seine Planung aussieht. Am Ende zählt immer die Leistung. Auf dem Plus, eine wunderbare Karriere gemacht zu haben, kann ich mich nicht ausruhen; zurückzulehnen kommt nicht in Frage.

Gestatten Sie uns einen Ausblick auf die Gruppen-Auslosung vom 1. Dezember im Moskauer Kreml. Wen aus dem Topf 1 wünschen Sie sich? Portugal wohl kaum ein zweites Mal?
Warum auch nicht? Wir spielten gegen die Portugiesen nicht schlecht. Bis zum unglücklichen Eigentor im Rückspiel liessen wir gegen sie wenig zu.

Germany's Mats Hummels, center, scores a goal between Swiss players Philippe Senderos, left, and Stephan Lichtsteiner, right, during an international friendly test game between the national soccer teams of Switzerland and Germany at the St. Jakob-Park stadium in Basel, in Switzerland, Saturday, May 26, 2012. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Stephan Lichtsteiner würde gerne gegen Deutschland spielen – wie hier 2012 in einem Testspiel in Basel. Bild: KEYSTONE

Wie sähe denn Ihre Lieblingsgruppe aus?
Deutschland müsste dabei sein – gegen Sami Khedira (Teamkollege bei Juventus – Red.) würde ich gerne spielen. Und es ist immer eine Herausforderung, sich mit dem Weltmeister zu messen. Dazu vielleicht noch Costa Rica und Panama. Schwer wird es so oder so, aber wir können ein gefährlicher Aussenseiter sein.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Triumvir 28.11.2017 13:29
    Highlight Ach ja. Deutschland als Wunschgegner !? Wenn man unbedingt bereits in der Vorrunde die Segel streichen möchte, dann kann man sich natürlich gerne die Teutonen als Gegner wünschen ;-P
    5 35 Melden
    • Mia_san_mia 28.11.2017 15:28
      Highlight Man hätte ja nicht 3 mal Deutschland als Gegner...
      33 1 Melden
  • JZ4EVER 28.11.2017 10:51
    Highlight Die Wunschgruppe von Lichtsteiner ist gar nicht möglich. Panama und Costa Rica sind vom gleichen Kontinentalverband...ausserdem sollte er mit Kritik an Italien etwas vorsichtiger sein. Italien ist in der Barrage gescheitert gegen den stärksten Gegner nachdem man in der Gruppe Spanien hatte. In der Barrage mit viel Pech und etwas Unvermögen. Wenn man die Qualität der ital. U21 sieht mache ich mir weniger Sorgen für die Zukunft.
    12 109 Melden
    • goncman 28.11.2017 13:24
      Highlight Es wurden für Schweden aber 2 Elfmeter nicht gepfiffen (und einen für Italien zugegebenermassen). Wenn man vom Schiedsrichter bevorteilt wird, dann sollte man das WM-Aus nicht auf das Pech schieben.
      Ich glaube es gab sogar einen Artikel von Watson mit Videos zu den nicht gepfiffenen Elfmetern.
      17 5 Melden
    • JZ4EVER 29.11.2017 13:33
      Highlight Ja genau...Fakt ist, dass der klarste Elfmeter für Italien nach 5 Minuten nicht gegeben wurde. Dann wären sie 1 0 in Führung gegangen und das Spiel hätte einen komplett anderen Verlauf genommen. Das ändert aber nichts daran, dass sich Schweden die Quali durchaus verdient hat. Aber das derzeitige Bashing der Azzurri geht mir dermassen auf den Senkel. Vor etwas mehr als einem Jahr hatten sie an der EM die hochgelobten Belgier und die Spanier noch an die Wand gespielt. Und jetzt redet man alles in Grund und Boden. Italien kommt schon wieder...
      1 0 Melden
  • rodolofo 28.11.2017 10:18
    Highlight Lichtsteiner sollte weniger ausrufen und reklamieren und mehr Lockerheit und Humor an den Tag legen!
    Als unausstehlicher Drill-Sergant, der sogar den Schiedsrichter in den Senkel stellen will, so dass dieser irgendwann die Gelbe, oder gar die Rote Karte zücken muss, leistet er unserer tollen Schweizer Mannschaft nämlich einen Bärendienst.
    Kompliment an die übrige Mannschaft, dass sie es schafft, ihn zu integrieren!
    DAS spricht wirklich für die (auch zwischenmenschlich) weit herangereifte Mannschaft und ihren geradezu Bernerisch gelassenen Trainer Petkovic!
    18 170 Melden
    • Pegi9999 28.11.2017 11:30
      Highlight Hä?😂
      89 4 Melden
    • rodolofo 28.11.2017 11:46
      Highlight @ Pegi9999
      Du musst schon etwas verständlicher fragen, wenn ich Dir eine sinnvolle Antwort geben soll.
      Zweiter Versuch?
      8 69 Melden
    • Streikende Darth Unicorn 28.11.2017 11:59
      Highlight Ja das Hä passiert wenn jeder einen auf Fussball Experte machen möchte und mit Vokabular herum schmeisst das man bei Echten Sportexperten gelesen hat :P
      59 3 Melden
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