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Thomas Schaaf (M.) mit seinen Trainer-Kollegen David Moyes (l., ebenfalls technischer Beobachter) und Arsène Wenger (r.).
Bild: ABEDIN.TAHERKENAREH/EPA/KEYSTONE

UEFA-Funktionär Thomas Schaaf zieht Zwischenbilanz: «Die Isländer strafen Modus-Kritiker Lügen»

Der Deutsche Thomas Schaaf arbeitet bei der Europameisterschaft für die UEFA als «technischer Beobachter», der unter anderem für die Wahl des besten Spielers jeder Partei zuständig ist. Der ehemalige Bundesligatrainer und -spieler zieht eine EM-Zwischenbilanz.

30.06.16, 11:23 30.06.16, 13:30

markus brütsch / Aargauer Zeitung

Herr Schaaf, sind die EM-Auftritte der Isländer auch für einen Experten wie Sie eine Überraschung?
Thomas Schaaf: Natürlich, genau wie für alle anderen. Die Isländer schreiben eine ganz tolle Geschichte.

Was steckt dahinter?
Eine unheimliche Disziplin und Bereitschaft, alles zu geben. Natürlich auch das Gefühl, dass man gar nicht so viel zu verlieren hat. Aber es sind ja keine Anfänger. Alle stehen in einem gewissen Alter und haben schon einiges erlebt. Sie haben zu einer Gemeinschaft gefunden, die sie trägt. Wenn man die Wege sieht, die sie zurücklegen − einfach grossartig!

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Woran sind die Engländer gescheitert?
An der isländischen Mauer.

Und es gibt keine Lösung, um diese zu durchbrechen?
Es gibt für alles eine Lösung. Wir haben ja auch immer geglaubt, die Spanier seien eine Mannschaft, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Jetzt haben die Italiener das Gegenteil bewiesen. Die Frage, was gegen diese Isländer zu tun ist, muss nun Frankreichs Coach Didier Deschamps beantworten.

Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps wirkt zuversichtlich, dass er gegen die Isländer den richtigen Plan hat.
Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Wenn Sie Deschamps wären?
Ich tue mich schwer damit, eine Lösung aufzuzeigen (Schaaf möchte gegenüber dem englischen Coach Roy Hodgson nicht als Besserwisser auftreten; die Red.). Ich bin sicher, Hodgson hatte sich ein Rezept zurechtgelegt. Aber dieses hat halt nicht funktioniert. Es ist eben auch ausserordentlich schwierig, sich gegen eine so gut gestaffelte Mannschaft durchzusetzen.

Wird die englische Premier League überschätzt?
Englands Nationalteam und die Premier League darf man jetzt nicht 1:1 sehen, denn die Liga ist sehr stark mit ausländischen Spielern besetzt. Persönlich habe ich übrigens die Engländer in den Spielen zuvor sehr positiv gesehen. Sie haben flott nach vorne gespielt und ein gutes Tempo in ihrem Spiel gehabt. Es ist auch eine sehr junge Mannschaft.

Die gescheiterten Engländer Jamie Vardy, Marcus Rashford und Harry Kane (v.l.). Bild: PETER POWELL/EPA/KEYSTONE

Haben die Italiener gegen Spanien auch Ihnen Spass gemacht?
Nun, man hatte ja vor dem Turnier nicht besonders viel von ihnen erwartet. Wir haben gesagt, es sei eine ordentliche Mannschaft, aber ob sie ganz vorne dabei sein könne, müsse man erst mal sehen. Dann haben die Italiener gegen Belgien ein tolles Spiel hingelegt und wir haben aufgehorcht. Gegen Spanien war Italien sehr diszipliniert, sehr engagiert, aber eben nicht nur, was die Defensive angeht. Es waren viele gute Offensivaktionen zu sehen.

Hat der spanische Coach Vicente Del Bosque zu wenig rotiert?
Sein Team wirkte platt. Del Bosque hat erklärt, seine Spieler seien sich diesen Rhythmus gewohnt, was ja auch stimmt. Aber es ist schon richtig: Die Spanier haben vielleicht noch etwas mehr als andere eine verdammt lange Saison in den Knochen.

Die Achtelfinals sind gespielt, wie hat Ihnen die EM bislang gefallen?
Es gab am Anfang die Diskussion, ob die Gruppenspiele im neuen Modus langweilig seien. Es wurde intensiv über den neuen Modus debattiert: Sind 24 Mannschaften nicht zu viel? Wenn ich nun aber gesehen habe, wie sich die Isländer wehrten oder wie gut die Ungarn gespielt haben, dann muss ich sagen, dass der Modus kein Problem ist. Sie straften die Kritiker Lügen.

Aber defensiver wird schon gespielt als bei den letzten Turnieren.
Ich hatte zumindest am Anfang den Eindruck, dass Defensive angesagt ist. Aber war dies nicht schon immer so gewesen? Warum soll man in der Gruppenphase auch ein Risiko eingehen, wenn es das gar nicht braucht?

Doch so, wie sich die Nordiren gegen Deutschland eingemauert haben, geht es auch nicht.
Aber die Nordiren sind in die nächste Runde gekommen! Solche Spiele gibt es auch in der Champions League und in der Bundesliga. Es gibt halt Mittel, die nicht besonders attraktiv, aber legitim sind. Und vielleicht gibt es ja auch Zuschauer, die das anhaltende Passspiel der Spanier nicht mögen, sondern lieber Kick-and-Rush sehen.

Welchen Eindruck hatten Sie von der Schweiz?
Ich habe sie in Paris gesehen. Sie durfte die berechtigte Hoffnung haben, sich gegen Polen durchzusetzen. Wenn sie dann ein solch tolles Tor durch Shaqiri schiesst und doch im Elfmeterschiessen ausscheidet, ist es schon hart.

Wie nehmen Sie die Ambiance in Frankreich wahr? Ist es ein Fest?
Als ich in Paris ankam, gab es Demonstrationen und Streiks. Das war ein Dämpfer. Aber wenn ich dann später die euphorischen Fans gesehen habe und wie die Iren und Nordiren sangen und die Isländer ausgeflippt sind, dann ist es schlicht grossartig hier.

Positive Erscheinung in Paris: (Nord-)Irische Fans. (Nein, sie pinkeln da nicht gerade an das Gebüsch). Bild: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA/KEYSTONE

Was passiert in den Viertelfinals?
Eine Menge! Polen und Portugal sind zwei Teams mit hervorragenden Individualisten; Deutschland - Italien ist eine grosse Nummer; die Belgier sind jetzt gut im Turnier drin, man sieht plötzlich, was in ihnen steckt; und über die Isländer haben wir schon gesprochen.

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