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Die albanischen Nationalspieler hören bei Gianni De Biasi ganz genau hin.
Bild: STEPHANE MAHE/REUTERS

Herr De Biasi, stimmt es, dass für Albanien nur Schweiz-Albaner spielen, die es nicht in die Nati geschafft haben?

07.06.16, 06:19

Seit Gianni de Biasi im Dezember 2011 zum albanischen Nationalcoach ernannt worden ist, verbringt er sehr viel Zeit in seinem Auto. Seine Spieler sind über halb Europa verteilt. Sie besucht er regelmässig. «Ich will meine Spieler so oft wie möglich sehen. Ich will ihre Trainings im Klub beobachten, denn ich muss mir aus erster Hand ein Bild über ihre Fitness und ihre Stimmung machen können.»

Und so sitzt der bald 60-jährige Italiener auch am Tag des Interviews mit der Nachrichtenagentur SDA hinter dem Steuer. Er fährt von seinem Wohnort Conegliano im Veneto, wo nicht nur feiner Schaumwein, sondern auch das italienische Fussball-Monument Alessandro del Piero herkommt, in Richtung Kroatien. Er hat dort ein Treffen mit einem Staff-Mitglied, das von Albanien her den Balkan hinauf fährt.

Gianni De Biasi hat grossen Anteil am steilen Aufstieg der albanischen Nationalmannschaft.
Bild: ARMANDO BABANI/EPA/KEYSTONE

Sonst ist De Biasi noch häufiger in die andere Richtung unterwegs, führt ihn sein Weg in die Schweiz, weil einige Spieler seiner Auswahl in der Super League engagiert sind. «Am meisten bin ich in der Schweiz, in Deutschland, in Italien und in Albanien», sagt er am Telefon. «Ich führe ein Nomadenleben.»

Gianni de Biasi, wie kommt man als erfahrener italienischer Serie-A-Trainer auf die Idee, Nationalcoach von Albanien zu werden?
Gianni de Biasi: Ich habe immer gedacht, dass mich der Job des Nationaltrainers eines Tages reizen würde. Ich habe oft mit Nationaltrainern gesprochen und sie auch beneidet. Sie können Trainer sein und dabei zu 100 Prozent im Zentrum eines Projektes, ihres Projektes, stehen. Dann hatte ich dieses negative Erlebnis in Udine, als ich nach kurzer Zeit entlassen wurde, weil mich die Mannschaft nicht wollte. Da sagte ich mir: «Schluss, ich will nichts mehr mit der Serie A zu tun haben».

Und Sie waren froh, kam bald die Anfrage aus Albanien.
Ich will ehrlich sein. Mich hat das nicht auf Anhieb begeistert und ich habe auch nicht sofort zugesagt. Und auch als alles geregelt war, war ich nicht der glücklichste Mensch der Welt, nur weil ich Nationaltrainer von Albanien werden konnte.

Wann haben Sie gemerkt, dass es passen könnte?
Sofort, nachdem ich mit der Arbeit angefangen hatte. Ich spürte, dass Albanien womöglich sogar ideal war, um die Karriere als Nationaltrainer zu beginnen. Ich konnte mein Amt rundum so ausüben, wie ich mir das vorgestellt und gewünscht hatte. Ich konnte die Spieler aussuchen, die voll und ganz zu meinem Konzept und zu meiner Philosophie passten. So etwas ist bei einem Klub nicht möglich, weil da immer auch ein Sportchef und ein Präsident mitbestimmen. Speziell in Italien.

In welchem Zustand war das Nationalteam Albaniens zu Beginn?
Es war eine Auswahl, die nicht gut war in der EM-Qualifikation 2012. Es war auch eine Auswahl, die etwas überaltert war. Da musste ich ansetzen, ich musste das Team verjüngen.

De Biasi kann auch mal laut werden. Bild: ARBEN CELI/REUTERS

Mit Spielern, die über ganz Europa verstreut lebten.
Wir haben viel Zeit in das Scouting investiert. Es genügte nicht, die Spieler nur vom TV oder Internet zu kennen. Wir wollten den Spielern Perspektiven aufzeigen. Dafür mussten wir sie persönlich kennenlernen. Und sie mussten uns kennenlernen. Wir brauchten den intensiven direkten Austausch, um die Spieler für unser Projekt zu begeistern.

Was haben Sie den Spielern konkret aufgezeigt? Wie sah das Projekt aus?
Wir haben natürlich stark an die Gefühle für die Heimat Albanien appelliert. Wir haben den Spielern aufgezeigt, dass es mit einer neuen Struktur, einer neuen sportlichen Führung und mit neuen, hungrigen Spielern möglich wäre, eine gute Mannschaft entstehen zu lassen. Eine Mannschaft, die etwas Grosses erreichen kann und auf welche die Menschen in Albanien stolz sein würden.

Viele solcher Spieler haben Sie in der Schweiz gefunden.
Wir wussten, dass in der Schweiz viele Familien mit albanischem oder kosovarischem Hintergrund lebten. Aber es war uns auch bewusst, dass die Schweiz diesen Leuten eine neue Chance gegeben und ein neues Leben geboten hatte. Deshalb haben wir keinen einzigen Spieler angefragt, bei dem es zu einem Konflikt mit dem Schweizer Verband hätte kommen können. Wir sind auf die Spieler zugegangen, von denen wir wussten, dass sie nach den Schweizer Nachwuchs-Auswahlen nicht weitergekommen sind und die beim Schweizer Verband ins Abseits geraten waren, weil sie nach der U19 oder der U21 den entscheidenden Schritt nicht geschafft hatten.

Dann stimmt es, wenn Valon Behrami sagt, für Albanien spielen nur die Schweiz-Albaner, die es nicht in die Schweizer Nationalmannschaft geschafft haben?
Vor drei bis vier Jahren hätte Valon Behrami völlig recht gehabt. Wie gesagt, haben wir bloss Spieler angefragt, die für die Schweiz keine zentrale Rolle mehr spielten und die deshalb froh waren über unsere Anfrage. Heute stimmt diese Behauptung nur noch zur Hälfte. Es gibt viele Spieler oder deren Berater, die auf uns zukommen und fragen, ob sie für das albanische Team in Frage kommen. Jetzt ist auch Albanien attraktiv geworden, selbst für Spieler, die in der Schweiz aufgewachsen sind. Jetzt wissen sie, dass sie auch mit Albanien die Möglichkeit haben, ein Turnier zu spielen und sich mit den Besten zu messen. Deshalb ist die langfristige Bedeutung, welche diese EM-Teilnahme für Albanien hat, noch gar nicht abzuschätzen.

Valon Behrami ist einer von sechs Nati-Spielern mit albanischen Wurzeln.
Bild: KEYSTONE

Wie sehen Sie die Ausgangslage für das Startspiel gegen die Schweiz am 11. Juni in Lens?
Die Gewichte haben sich nicht verschoben, aber Albanien ist der Schweiz im Vergleich zu den beiden Niederlagen in der WM-Qualifikation 2014 näher gekommen. Die Schweiz hat natürlich immer noch eine sehr starke Mannschaft mit exzellenten Einzelspielern und einer guten Organisation. Wir dagegen sind immer noch in einem Entwicklungsprozess und haben weiterhin Steigerungspotenzial. Aber wir haben aufgeholt.

Was könnte für Albanien der Schlüssel gegen die Schweiz sein?
Wir müssen immer unsere wichtigste Eigenschaft vor Augen haben: Wir müssen als Mannschaft auftreten. Und dann ist es meine Aufgabe, informiert zu sein, wie der Gegner spielt, um meine Arbeit auf die Schwächen des Gegners auszurichten. Das ist der Weg, den ein Aussenseiter gehen muss.

Ist es für Ihr Team ein Vor- oder Nachteil, die EM gegen die Schweiz zu beginnen?
Ein Startspiel ist immer heikel, weil man zwar in der Vorbereitung an jedes Detail denkt, vor dem ersten Einsatz aber eben doch nicht weiss, wo man steht. Dazu gibt es die Ungewissheit, ob die Spieler mit dem Druck umgehen können und ob sie den Erwartungen gerecht werden können. Das sind die Sorgen, die ich habe vor dem ersten Spiel, egal, wie der Gegner heisst.

Zumindest müssen Ihre Spieler gegen die Schweiz nicht speziell motiviert werden.
Wer meint, mein Team sei besonders motiviert, weil der Gegner die Schweiz ist, der irrt. Jeder meiner Spieler ist erstmals an einer EM dabei. Nie hatte er eine grössere Bühne als im EM-Startspiel, da brauche ich in Bezug auf die Motivation ganz sicher nichts zu sagen.

Albanien hat in der EM-Vorbereitung nur gegen Luxemburg und Katar gewonnen. Bild: CHRISTIAN BRUNA/EPA/KEYSTONE

Sie sprachen von den Fortschritten Ihrer Mannschaft. Sie sprachen aber auch von einem Projekt, das sich nach etwas Grossem anhörte. Arbeiten Sie auch an der Entwicklung des albanischen Fussballs im Allgemeinen?
Wir arbeiten schon hauptsächlich an der Verbesserung der Bedingungen für die Auswahl-Mannschaften und führen deshalb regelmässig Trainings oder Kurse mit den Trainern dieser Teams durch. Aber ab und zu lade ich auch die Trainer der 1. und 2. Liga zu einem Training der Nationalmannschaft ein, damit sie unsere Methoden studieren können.

Hat sich das Niveau des Klubfussballs dadurch auch verbessert?
Es hat sich etwas getan, aber wir sind noch lange nicht in der ersten oder zweiten Reihe, vielleicht sind wir der dritten nähergerückt. Es fehlte in Albanien in den letzten Jahren ein Team, das regelmässig in der Gruppenphase der Europa League spielte und den anderen als Lokomotive hätte dienen können. In der letzten Saison hat immerhin Skënderbeu Korça diese Gruppenspiele mal erreicht. Im Moment würde ich sagen, dass das Niveau mit dem Mittelfeld der Serie B etwa vergleichbar ist.

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Ist der Weg mit Albanien mit dieser EM-Teilnahme zu Ende?
Ich habe noch einen Vertrag bis 2017, also bis zum Ende der WM-Qualifikation. Nach der EM werde ich mit dem Präsidenten reden. Dann sehen wir, ob wir noch die gleichen Ziele verfolgen. (pre/sda)

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Valindra Valindragam 07.06.2016 07:51
    Highlight T. Xhaka & Co. hätten es nie und nimmer in die Schweizer Nati gebracht von dem her eine logische Konsequenz sich am letzten Strohhalm festzuhalten!
    15 22 Melden
  • giguu 07.06.2016 07:00
    Highlight Ich freue mich auf das albanische Nationalteam. Auch wenn ich keinen Bezug zu Albanien habe, dieses kleine Team ist mir sympathisch, so wie auch ihr Trainer.

    Btw: Was heisst Hopp Albanien auf albanisch? (Wie spricht man es aus?)
    39 10 Melden
    • 33EVROPA 07.06.2016 07:24
      Highlight Forca Shqipëri!
      24 7 Melden

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