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Trotz dem privaten Schicksal zeigt Dominique Aegerter gute Leistungen. Bild: EPA/EFE

«Vollgas!» – ein Wort vom Vater aus dem Spitalbett beflügelt Dominique Aegerter

Zum ersten Mal stehen zwei Schweizer in der ersten Startreihe eines Töff-GP. Die beste Ausgangslage aller Zeiten. Gelingt Tom Lüthi nach einer aufwühlenden Woche in Assen die Soloflucht zum Sieg oder fährt Dominique Aegerter für seinen Vater im Spital einen Erfolg ein?

25.06.16, 19:35 26.06.16, 08:50

Klaus Zaugg, Assen

Auf den ersten Blick ist nichts mehr so, wie es einmal war. «Blochen in Assen» – das ist der Titel der berühmten Reportage von Niklaus Meienberg (1940 bis 1993) über Assen. Exakt 40 Jahre sind seither ins Land gezogen. Das, was einst ein faszinierender Kosmos zwischen lustigem Zigeunerleben und Todesgefahr war, ist heute ein durchorganisierter Sport geworden. Und die Piloten haben im Wesen und Wirken kaum noch etwas Abenteuerliches: Es sind hochprofessionelle Athleten. Politisch korrekt präsent in allen sozialen Netzwerken und abgeschirmt von PR-Profis.

Aber nun erleben wir beim Schweizer Rennteam mit Dominique Aegerter (25) und Tom Lüthi (29) wie sehr die Piloten nach wie vor von «weichen Faktoren», von Gefühlen, Emotionen abhängig sind. Dass Tom Lüthi (1.) und Dominique Aegerter (3.) aus der ersten Reihe starten (Sonntag, 12.15 Uhr, SRF 2) hat wenig mit Motoren, Fahrwerken und Reifen zu tun. Aber viel mit Emotionen. Schnelligkeit kann auch Kopfsache sein.

Tom Lüthi träumt von der «Königsklasse».
Bild: Italy Photo Press

Lüthi und die Höllenmaschine

Tom Lüthi hat in Assen noch nie die Pole herausgefahren. Er hat hier auch noch nie gewonnen, aber renntechnisch eine Woche wie noch nie hinter sich. Am letzten Dienstag und Mittwoch durfte er in Mugello (It) erstmals das MotoGP-Bike von KTM testen – und dabei hat er alle bisher von den Testpiloten mit dieser Maschine erreichten Rundenzeiten pulverisiert.

Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er ausgiebig jenes technische Wunderwerk testen, das auf der höchsten Stufe in der Benzinverbrennungs-Nahrungskette steht, gut 100 PS mehr leiste als eine Moto2-Maschine – und überzeugte, ja alle begeisterte.

«Wow», sagt er mehrmals und spricht auch mit den Händen über dieses Abenteuer. Er sei fast über die Zielgerade geflogen. Er schwärmt mit leuchtenden Augen wie ein junger Mann nach dem ersten Kuss. Aber für 2017 sind die zwei KTM-Maschinen schon an Bradley Smith (GB) und Pol Espargaro (SP) vergeben. Doch wer weiss, vielleicht reicht es ja für 2018 doch noch für den MotoGP-Aufstieg.

Die Euphorie hat Tom Lüthi Flügel verliehen. Trainingsbestzeit. Die Taktik fürs Rennen ist klar: «Weil der Windschatten weniger eine Rolle spielt als auf anderen Pisten ist bei trockenem Wetter hier eine Soloflucht möglich. Das werde ich versuchen.»

Die Fähigkeit des Verdrängens

Die Umstände sind bei Dominique Aegerter anders und weit dramatischer. Am vergangenen Montag hat sein Vater Ferdinand «Fere» eine Gehirnblutung erlitten. Dominique hatte ihn in die Notaufnahme des Spitals gebracht. «Ich wusste am Mittwoch noch nicht, ob ich nach Assen fliegen würde. Ich habe den Flug erst einmal vom Mittwoch auf Donnerstag verschoben und dann am Donnerstag erst entschieden, in Assen doch zu fahren.» «Fere» liegt nach wie vor auf der Intensivstation des Berner Inselspitals. Es gibt Hoffnung, dass es vielleicht doch gut kommt.

Aegerter ist in Assen mehr als sonst gefordert. Bild: EPA/EFE

Wenn die Gladiatoren der Rennpiste den Helm aufsetzen, dann müssen sie alles verdrängen können, was sie beschäftigt. Diese Fähigkeit ist überlebenswichtig in einem Sport, in dem jeder Fehler tödlich sein kann. 

«Ich fahre für meinen Papa»

Die Sorgen um seinen Vater zu verdrängen, ist gerade für Dominique Aegerter besonders schwer. Es gibt nicht viele Fahrer, die ein so enges Verhältnis zu ihrem Vater haben. Der bedingungslose Rückhalt der Familie ist der Schlüssel zum Selbstvertrauen, zum coolen Wesen des Rohrbachers. Er weiss: «Was immer passiert, ich habe meine Familie.» Vor jedem Training und jedem Rennen bespricht er sich kurz mit seinem Vater – am Telefon, wenn er nicht vor Ort ist.

Noch am Vormittag war Dominique Aegerter schweigsam, bedrückt, traurig. In tiefer Sorge um seinen Vater. Und dann, kurz vor dem Abschlusstraining, darf er erstmals mit ihm Telefonieren. «Vollgas!», kann sein Vater sagen.

«Das war für mich eine riesige Erleichterung. Jetzt will ich im Rennen so schnell wie möglich ins Ziel kommen – um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen und bei meinem Vater zu sein.» Zwei Schweizer auf dem Podest – das ist in Assen möglich!

Die Schweizer Moto2-Piloten 2016

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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