Sport

Aegerter hatte in Barcelona technische Probleme – sagen würde er das aber nie. Bild: EDDY LEMAISTRE/EPA/KEYSTONE

Skandal um Dominique Aegerter – wie ein Töffstar bei 100 Grad geröstet wird

Töffstar Dominique Aegerter sagt nach dem völlig missglückten GP von Katalonien, die Luft sei ihm ausgegangen. Es ist die offizielle Version und eine Lüge, die einen Skandal verschweigt.

11.06.17, 20:55 12.06.17, 09:04

Jammern über die Technik ist im Macho-Millieu Töff unehrenhaft. Und nicht gut fürs Geschäft. Kein technischer Ausrüster liest oder hört gerne über Mängel an seinen Höllenmaschinen.

Deshalb sagt Dominique Aegerter nach dem 17. Platz in Barcelona kleinlaut: «Die Luft ist mir ausgegangen. Ich musste auf den Geraden den Kopf heben um Sauerstoff zu bekommen. Ich konnte einfach nicht mehr. Sonst wäre wohl ein 8. Rang möglich gewesen.» Er nimmt die Schuld auf sich. So möge die Kirche im Dorf bleiben.

Im Training stürzte der Berner. Aber auch das Rennen lief nicht nach Wunsch. Bild: EPA/EFE

Die Überhitzung ist das Problem

Aber die Kirche ist schon lange nicht mehr im Dorf. Ein Fahrer, der das Talent für Podestplätze hat, schafft es gerade in die 7. Startreihe (19.) und im Rennen auf den 17. Platz. Da stimmt etwas nicht. Und die Erklärung des Piloten ist ein Witz. Dominique Aegerter geht schon vor der Rennhälfte die Luft aus? Einem der besttrainierten Töffpiloten der Welt? Einem jungen Mann, der Marathonläufe bestreitet?

Nicht zum ersten Mal im Fokus: Dominique Aegerter

Tatsächlich ist Dominique Aegerters Erklärung barer Unsinn. Sein Manager Robert Siegrist und sein Cheftechniker Jochen Kiefer mögen diese offizielle Lüge nicht mehr hören. Das Problem ist die Technik. Die gefährliche Überhitzung der Motoren.

«Die Überhitzung war besorgniserregend.» 

Jochen Kiefer, Teamchef

Motoren bringen die beste Leistung bei einer Betriebstemperatur von knapp 80 Grad. Heisser sollten die Triebwerke nicht werden. Weil dann die Leistung abbaut. Wenn ein Motor gar über 100 Grad erhitzt, dann nimmt die ganze Maschine die Hitze auf, wird im besten Sinne zu einer Höllenmaschine und macht das Fahren für den Piloten zur Qual. Wie die neue Suter.

Bestätigung des Teams

Jochen Kiefer bestätigt den Augenschein des Chronisten in der Box: «Ja, es stimmt, die Überhitzung war besorgniserregend. Die Temperatur stieg auf über 100 Grad. Dominique konnte nicht mehr Windschatten fahren – er musste ausscheren um sich und den Motor zu kühlen ...» Normalerweise suchen die Piloten den Windschatten.

Dominique Aegerter wurde hier in Barcelona auf einer Maschine, die 100 Grad Hitze abstrahlte, buchstäblich geröstet. Er musste auf den Geraden nicht den Kopf heben um Sauerstoff zu bekommen – sondern um sich zu kühlen. Und das schon ab der 5. Runde. Tarran McKenzie, der zweite Pilot im Kiefer-Team, konnte nicht einmal mehr Arme und Beine eng an die Maschine anschliessen. Zu heiss.

Ist auf eigenem Kühlsystem unterwegs: Franco Morbidelli. Bild: EDDY LEMAISTRE/EPA/KEYSTONE

In der Moto2-Klasse haben alle die gleichen Motoren (Honda) und die gleichen Reifen – aber unterschiedliche Fahrgestelle und Verschalungen. Das Marc VDS-Team, das mit Alex Marquez und Franco Morbidelli die Klasse dominiert, hat sogar ein eigenes Kühlungssystem entwickelt und unter der Verschalung eingebaut. Jochen Kiefer sagt: «Erstens ist der Kühler der Suter-Maschinen kleiner als bei der Kalex. Aber das eigentliche Problem ist ein anderes: Die heisse Luft fliesst nicht ab und es kommt zu einem Hitzestau. Das wird bei Hitzerennen zum grossen Problem.»

Besserung versprochen

In Mugello hatte die Hitze Dominique Aegerter und der Maschine bereits Probleme bereitet – aber bei einer Temperatur von 23 Grad und 31 Grad auf dem Asphalt es ging gerade noch. In Barcelona war es 32 Grad warm und der Asphalt erhitzte auf 50 Grad.

Was nun? Bei Hitzerennen ist Dominique Aegerter arg im Nachteil. Jochen Kiefer verspricht Besserung. «Wir werden in den nächsten Tagen am Problem arbeiten. Aber auf die Schnelle ist keine Lösung möglich.» Am meisten wird wohl bei den nächsten Rennen kühleres Wetter helfen. Aber es kann in Assen, auf dem Sachsenring und nach der Pause in Brünn oder in Misano auch teuflisch heiss werden.

Tom Lüthi hatte auf der Suter ebenfalls Mühe. Bild: EPA/EFE

Das Hitzeproblem bei den Suter-Maschinen ist bekannt. Tom Lüthis Manager Daniel M. Epp sagt: «Wir hatten mit der Suter ähnliche Probleme. Und das ist drei Jahre her.» Tom Lüthi ist Ende Saison 2014 auf Kalex umgestiegen.

Jochen Kiefer ist zwar sauer, aber auch diplomatisch. «Es gibt nur Lösungen mit einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Hersteller.» Er hat gar keine andere Wahl. Eskil Suter, der Schweizer Hersteller der Höllenmaschinen von Dominique Aegerter, ist gefordert.

MotoGP-Fahrer Nicky Hayden (35†) nach Velounfall gestorben

Das könnte dich auch interessieren:

«Bei welcher Temperatur serviere ich den Wein?»

Wie zur Hölle schreibt man «Liebe»? Danach hat die Schweiz 2017 gegoogelt 

Sunrise und Swisscom machen das Internet-Abo bald für viele überflüssig

Kommt man schwul zur Welt? – Forscher sind der Antwort näher gekommen

Ausgebimmelt – Wie ein Quartierstreit das Land verändern könnte

«Habe beim Asthma-Mittel die Dosis erhöht» – Chris Froome an der Vuelta positiv getestet

«Danke für deine Daten, du Lauch!» Wenn der Facebook-Rückblick ehrlich wäre ...

Ein Klimmzug zuviel: «Rooftopper»-Star filmt, wie er selbst in die Tiefe stürzt

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ursus51 12.06.2017 09:40
    Highlight Da ist jetzt Eskil Suter gefordert den Wärmehaushalt seiner Konstruktion in Griff zu bekommen, nicht das ein Top Fahrer wie Dominique Aeberter sprichwörtlich verbraten wird.
    15 0 Melden
  • Herbert Anneler 12.06.2017 04:19
    Highlight Der Skandal ist, dass es auch im Angebotssegment für Hobby-FahrerInnen Böcke gibt, welche - wider Erwarten - die Passagiere um so mehr aufheizen, je schneller man fährt. Dehydrierung, Konzentrationsprobleme, verzögerte Reaktionen - eine erhebliche Gefahr für Fahrer und Mitfahrer. Ist den meisten Töffnauern ziemlich wurst. Alle Jahre ein neues Design und basta. Wenn jeweils nur ein oder zwei Design- und Merketingleute einen solche Bock probefahren würden, wären sie erschrocken.
    29 1 Melden
  • Jaing 11.06.2017 21:15
    Highlight Unter einem Skandal würde ich was anderes verstehen.
    73 3 Melden
    • fadnincx 11.06.2017 23:03
      Highlight Schon, aber ich finde es eine Frechheit, das ein Fahrer "Notlügen" muss, damit der Materialhersteller nicht schlecht da steht obwohl es ganz klar ein gravierendes Problem des Materialherstellers ist. Meiner Meinung nach müsste der den Kopf hinhalten und sagen: "Ja wir haben ein scheiss Motorrad konstruiert das den Fahrer grilliert aber wir sind unfähig das zu ändern! "
      67 3 Melden
    • ujay 12.06.2017 14:25
      Highlight @fadnincx. Das Team hats ja die Hitzeprobleme bestaetigt. Dass ein Fahrer nicht so dumm ist, das eigene Team im Interview in die Pfanne zu hauen, sollte auf der Hand liegen.....schon mal was von Loyalitaet gehoert?
      8 0 Melden

Ultimatum für Aegerters Investor – sonst muss der Schweizer selbst in die Tasche greifen

Töff-Star Dominique Aegerter wartet weiterhin auf Millionen aus Russland. Muss er nun seine Karriere mit eigenem Geld retten?

Offiziell ist alles klar: Dominique Aegerter fährt nächste Saison die Moto2-WM im Deutschen Kiefer Team. Der freundliche Deutsche Sturzpilot Sandro Cortese wird sein Teamkollege. Gefahren wird auf österreichischen KTM-Bikes. Finanziert wird das Abenteuer vom britischen Geschäftsmann David Pickworth. Angeblich vertritt er Investoren aus Russland, die bereit sind, Millionen auszugeben. Die Verträge sollten längst unterschrieben, die KTM-Höllenmaschinen bestellt und das Personal für …

Artikel lesen