Sport

Faust und Trophäe in die Höhe: Tom Lüthi feiert den Sieg beim GP von Japan. Bild: David Goldman/freshfocus

GP-Sieg provoziert die Frage

Bringt sich Tom Lüthi durch den Markenwechsel 2015 um den WM-Titel?

Tom Lüthi dominiert den GP von Japan und gewinnt seinen dritten Moto2-GP. Aber nächste Saison fährt er nicht mehr sein Sieger-Bike. Ist das eine Torheit? Oder kann er 2015 auf Kalex Weltmeister werden?

13.10.14, 06:17 13.10.14, 11:21

Wenn alles passt, dann ist Tom Lüthi (27) unschlagbar. Beim GP von Japan hat endlich wieder einmal alles gepasst. Der 125er-Weltmeister von 2005 liess alle Gegner stehen und feierte einen Start-Ziel-Sieg.

Dieser Triumph provoziert jetzt eine Frage, die uns möglicherweise während der ganzen nächsten Saison beschäftigen wird: Ist es klug, dass Tom Lüthi die Sieger-Marke wechselt? Er steigt vom Schweizer Fabrikat Suter auf die Deutsche Marke Kalex um.

Die Zielflagge wird geschwenkt, Lüthi triumphiert. Bild: David Goldman/freshfocus

Suter nächste Saison kaum mehr vertreten

Die Moto2-WM ist eine Einheitsklasse. Alle fahren die gleichen Motoren (Honda) und die gleichen Reifen. Einen offenen Markt gibt es nur bei den Fahrwerken. Zwei Hersteller dominieren den Markt. Der Schweizer Eskil Suter aus Turbenthal und die vom Techniker-Duo Alex Baumgärtel und Klaus Hirsekom gegründete Firma Kalex aus Bobingen bei Augsburg. Suter rüstet diese Saison 12, Kalex 16 Piloten aus.

Nächste Saison gibt es im Feld der 32 Fixstarter eine erdrutschartige Verschiebung. Voraussichtlich wird Kalex den Marktanteil von 16 auf 23 Piloten steigern und Eskil Suters Kundschaft schrumpft von 12 auf 2 Fahrer. Er verliert unter anderem die drei Schweizer Tom Lüthi, Dominique Aegerter und Robin Mulhauser. Das Trio steigt auf Kalex um.

Lüthi auf Suter noch nie mit Titel-Chancen

Aber eben: Ist das klug? Auf den ersten Blick ist die Antwort klar: Ja, das ist klug. In der WM stehen die Kalex Piloten auf den Positionen 1, 2, 3, 7, 8, 9 und 10. Dazwischen die Suter-Chauffeure Dominique Aegerter, Tom Lüthi und Johan Zarco auf den Rängen 4, 5 und 6. Diese Saison haben nur Dominique Aegerter und Tom Lüthi je einen Sieg für Suter herausgefahren. Alle anderen Rennen haben Kalex-Fahrer gewonnen.

Dominique Aegerter sitzt seit seinem Einstieg in die Moto2-WM 2010 auf einer Suter. Tom Lüthi bestritt seine erste Moto2-Saison 2010 auf der japanischen Moriwaki und fährt seit 2011 auf Suter. Er hat alle drei Moto2-Siege mit der Suter herausgefahren.

Hätte Dominique Aegerter auf Kalex schon mehr als nur ein Rennen (2014 auf dem Sachsenring) gewonnen? Wäre Tom Lüthi auf einer Kalex womöglich schon einmal Moto2-Weltmeister geworden? Solche Fragen sind schon öfters diskutiert worden. Auf einer Suter hatte Tom Lüthi bisher noch nie eine Titel-Chance. Nacheinander ist er auf die Schlussränge 5 (2011), 4 (2012) und 6 (2013) gefahren. Aktuell liegt er mit zwei Punkten Rückstand auf Dominique Aegerter auf dem 5. WM-Zwischenrang.

Aegerter fährt kommende Saison den gleichen Töff wie Rivale Lüthi. Bild: shizuo kambayashi/AP/KEYSTONE

Alles neu in Tom Lüthis Leben

Für einen Siegfahrer und ehemaligen Weltmeister wie Tom Lüthi muss der WM-Titel das Ziel sein. Die Überlegungen von Tom Lüthi und seinem Freund und Manager Daniel M. Epp sind logisch: Mit Suter hatten wir bisher keine Chance auf den Gesamtsieg. Also versuchen wir es mit Kalex. Tom Lüthi ist ein hochsensibler Stilist. Wenn alles stimmt, dann ist er unbesiegbar – wie wir soeben in Japan erlebt haben. Aber er kann nicht gewinnen, wenn es technische Probleme gibt. Andere sind dazu in der Lage. Die Kalex ist weniger heikel abzustimmen. Die Wahrscheinlichkeit ist also recht gross, dass es für ihn einfacher ist, eine Kalex perfekt abzustimmen.

Ein Wechsel kann eine grosse Chance sein. Und jetzt ist der Zeitpunkt für eben diesen Wechsel gekommen. Die Karten werden für 2015 neu gemischt: Neues Team (unter einem Dach mit Dominique Aegerter) und neues Bike. Und wer will, kann noch süffisant anmerken: Auch privat hat es einen Wechsel gegeben. Tom Lüthi hat sich von seiner Langzeit-Freundin Fabienne Kropf getrennt.

Bei Kalex gegenüber jetzigen Piloten im Nachteil

Während Dominique Aegerter (24) auch 2015 mit der Crew um den französischen Cheftechniker Gilles Bigot arbeiten wird, ist noch offen, mit welchem Personal Tom Lüthi arbeiten wird. Während der schwierigen ersten Saisonphase schien es zu einer Trennung vom deutschen Cheftechniker Alfred Willecke zu kommen. Das hat sich geändert. Daniel M. Epp sagt: «Die Verhandlungen laufen noch. Wir möchten die Zusammenarbeit mit Alfred Willecke fortführen.» Hingegen werde es bei den Mechanikern schon wegen der Verlegung des Team-Hauptquartiers von Deutschland nach Südfrankreich (Le Castellet) zu Wechseln kommen.

Aber eben: Ist der Marken-Wechsel wirklich eine Chance? Oder am Ende eine Torheit? Denn nun kommt ein neuer Faktor ins Spiel. Tom Lüthi und Dominique Aegerter werden nur zwei von 23 Kalex-Piloten sein. Mehr noch: Die bisherigen Kalex-Fahrer werden nächste Saison bevorzugt behandelt. Das hat Firmenchef Alex Baumgärtel seinen Neukunden offen gesagt. Also keine Vorzugsbehandlung wie bisher bei Eskil Suter.

Daumen hoch: Tom Lüthi läuft's viel besser als auch schon in den letzten Jahren. Bild: Gareth Harford/freshfocus

Epp: «Technische Entwicklung ist praktisch ausgereizt»

Manager Daniel M. Epp sieht allerdings kein Problem: «Die Situation bei Kalex ist transparent. Wir beginnen die Saison mit einem 2014er-Modell. Das 2015er-Modell bekommen vorerst nur die bisherigen Kunden. Aber das spielt keine grosse Rolle. Wir wissen ja noch gar nicht, ob das neue Modell tatsächlich besser sein wird.» Im Laufe der Saison gilt die Regelung, dass ein Team seine Weiterentwicklungen drei Rennen lang für sich exklusiv nutzen kann und dann erst den anderen Kalex-Kunden zugänglich gemacht werden.

Markenwechsel sind im Motorsport noch viel heikler als Transfers im Mannschaftsport. Sehr oft ist der Dominator einer Saison der Hinterherfahrer des nächsten Jahres. Weil der Verlierer im Winter Himmel und Hölle für technische Verbesserungen in Bewegung setzt und der Sieger stehen bleibt. Aber Daniel M. Epp erwartet keine technische Revolution. «Die technische Entwicklung in der Moto2-Klasse ist praktisch ausgereizt. Da gibt es keine grossen Sprünge mehr. Entscheidender ist die reibungslose Zusammenarbeit während der Saison. Die ist bei Kalex gewährleistet.»

Wer viel arbeitet, kann auch viel verkehrt machen

Bei Eskil Suter hätten Dominique Aegerter und Tom Lüthi 2015 allerdings einen exklusiven Service bekommen. Sie wären die einzigen wichtigen Piloten gewesen. Die beiden voraussichtlichen Suter-Kunden (Team Ioda, Team Tasca Racing) werden nur Hinterherfahrer beschäftigen. Die Bikes hätten laufend nach den individuellen Wünschen weiterentwickelt werden können. Aber hier können wir wiederum einwenden: Manchmal ist zu viel auf technischem Gebiet auch nicht gut. Laufende Verbesserungen bergen auch das Risiko von laufenden Irrtümern in sich.

Bereits während der Vorsaisontests wird sich im nächsten Frühjahr zeigen, ob die Kalex-Neukunden wie Dominique Aegerter und Tom Lüthi gegenüber den Kalex-Stammkunden einen Nachteil haben. Sollten die beiden Schweizer bei den ersten Rennen Schwierigkeiten haben, dann werden wir ein ganz besonderes Spektakel erleben: Die Diskussionen um eine Rückkehr zu Suter. Einen Markenwechsel während der Saison hat es bei einem WM-Kandidaten allerdings noch nie gegeben. Daniel M. Epp schliesst einen solchen Umstieg eigentlich aus. «Weil das ganze Team auf die neue Marke ausgerichtet ist und entsprechende finanzielle Investitionen gemacht worden sind, ist ein Markenwechsel während einer Saison praktisch nicht machbar.»

Manager Epp und Fahrer Lüthi. Bild: Waldemar Da Rin/freshfocus

Eklat bei schlechten Resultaten vorprogrammiert

Daniel M. Epp wird 2015 nach 13 Jahren nicht mehr Tom Lüthis Teamchef sein. Sondern «nur» noch sein persönlicher Manager. «In dieser Funktion werde ich nach wie vor bei einzelnen Rennen präsent sein.» Das neue Team mit Tom Lüthi und Dominique Aegerter wird vom freundlichen Selbstdarsteller Fred Corminboeuf gemanagt.

Epp sagt, er werde sich nicht einmischen. «Das werde ich gerade wegen meiner jahrelangen Erfahrung als Teamchef unterlassen.» Aber er sagt auch: «Wenn etwas nicht passt, dann weiss ich, wohin ich mich wenden muss.» Damit ist klar: Sollte es nicht wie gewünscht laufen, dann ist der Eklat zwischen Corminboeuf und dem charismatischen Alphatier Epp programmiert. So oder so: Mit ziemlicher Sicherheit wird uns 2015 das interessanteste Jahr unserer Töff-Geschichte (seit 1949) bescheren.

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Tom Lüthi vor seinem 250. Grand Prix – 10 legendäre Rennen des Emmentalers

In Malaysia bestreitet Tom Lüthi am Sonntag schon seinen 250. Motorrad-GP. Nach zwei enttäuschenden Rennen ist ihm aber nicht gross nach Feiern zumute – denn seine Chancen auf den WM-Titel sind nur noch minim.

Nach 16 von 18 WM-Rennen liegt Tom Lüthi 29 Punkte hinter Leader Franco Morbidelli. In Sepang geht es für ihn also vor allem darum, den Titelkampf bis zum letzten GP der Saison in Valencia offen zu halten. Es wird in Malaysia schon der 250. Grand Prix sein, bei dem der 31-jährige Emmentaler am Start steht. Das Jubiläum macht Lüthi «doch etwas stolz. Um so viele Grands Prix bestreiten zu können, muss man einiges gezeigt und richtig gemacht haben.»

Dank einer Wildcard gibt der 15-jährige Lüthi …

Artikel lesen