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Die Fackel kommt – es dauert nicht mehr lange bis zur Eröffnung der 31. Olympischen Sommerspiele.
Bild: Charlie Riedel/AP/KEYSTONE

Das Fest der olympischen Götter – trotz aller Schwierigkeiten und Skandale

Heute werden die Olympischen Spiele offiziell eröffnet. Wo stehen die Spiele? Sie sind, ungeachtet aller Skandale, stärker als je zuvor.

05.08.16, 06:59 05.08.16, 08:10

klaus zaugg, rio de janeiro

Die Olympischen Spiele werden durch ein ganz besonderes Ritual eingeleitet. Kurz vor der Eröffnung wenden sich die Medien dem Spektakel zu. Da es noch keine sportlichen Triumphe und Dramen zu erzählen gibt, die Chronistinnen und Chronisten aber bereits vor Ort sind, werden alle möglichen Missstände thematisiert. Die Anlagen werden nicht fertig sein, ein Chaos ist zu befürchten, die Sinnfrage dieser gigantischen Sportshow wird gestellt. Selbst eine defekte Toilette oder ein fehlender Duschvorhang können es in die globalen Schlagzeilen schaffen. Auch vor Rio hat es an vorolympischen Themen wahrlich nicht gefehlt. Russland, das sportliche «Reich des Bösen» (Doping), wird uns noch eine Weile beschäftigen.

Aber sobald der Wettstreit beginnt, dominieren die sportlichen Themen. Und Spiele, die keiner wollte, werden am Ende zu den «besten Spielen aller Zeiten». Diese Zusammenfassung mag salopp sein. Aber sie ist treffend.

Auch Miss Schweiz Lauriane Sallin war im House of Switzerland zugegen. Bild: PRAESENZ SCHWEIZ/HOUSE OF SWITZERLAND BRAZIL 2016

Jedem Reich seine Geschichte

Sinn, Zweck, Bedeutung und Zukunft der Olympischen Spiele werden immer wieder in Frage gestellt. Nach den Dopingskandalen rund um den russischen Sport noch selten so stark wie vor Rio 2016. Auf den ersten Blick scheint, um eine weltberühmte Formulierung des Geschichtsphilosophen Oswald Spengler zu verwenden, der «Untergang des olympischen Abendlandes» nahe. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Die Spiele sind so stark wie nie zuvor.

Sensible Zeitgenossen konnten aus dem alle vier Jahre aufgeführten globalen Spektakel schon oft die Zukunft deuten. Die Emanzipation der Frau war durch die Zulassung zu den Spielen von 1928 zu erkennen, bevor sie in allen gesellschaftlichen Bereichen durchgesetzt wurde – auch wenn allen Athletinnen noch vorgeschrieben wurde, dass der Rock eine bestimmte Länge haben musste. Heute befehlen die Reglemente, wie knapp die Tenues beim Beach Volleyball zu sein haben.

Als Zwischensnack: Die erfolgreichsten Teilnehmer Olympischer Sommerspiele

Die Spiele verloren ihre politische Unschuld 1936 und wer wollte, konnte hier die Macht der Propaganda, der politischen Verführung erkennen. Der Aufstieg der asiatischen Wirtschaftsmächte zeigte sich eindrücklich in den Olympischen Spielen von 1964 (in Tokyo) und hat sich seither in weiteren Austragungen in Asien bestätigt.

Amerikas Verunsicherung erkannten wir bei den Spielen von 1968 vor den grossen Protesten gegen den Vietnamkrieg, als Tommy Smith und John Carlos die Siegerehrung nach dem 200-Meter-Lauf zum Protest gegen die Rassendiskriminierung nutzten.

Die Niederlage der Sowjets gegen die USA («Miracle on Ice») 1980 in Lake Placid nahm den Untergang des Kommunismus vorweg. Der enthemmte Kapitalismus war im olympischen Geschäft früh zu erkennen.

Thomas Bach und das IOC setzen mächtig viel Geld um. Bild: LARRY W. SMITH/EPA/KEYSTONE

Mit der Zulassung der Profis in den 1980er Jahren (Los Angeles 1984 waren die ersten Spiele mit einem grossen Gewinn) und der Entwicklung des IOC zu einem milliardenschweren globalen Konzern im Laufe der 1990er Jahre. Dass die Griechen über ihren Verhältnissen lebten, konnte jeder Besucher bei den Spielen von 2004 in Athen erkennen. Die Verunsicherung vor Rio, ausgelöst durch die heftigen Kontroversen im IOC wegen des Russland-Problems, spiegelt die Unsicherheit der Zeit, in der wir gerade leben.

Die höheren Mächte

Warum ist das so? Warum sind die Spiele wie Seismographen der Gesellschaft und warum ist die olympische Idee stärker denn je? Es ist die Kombination von verschiedenen Faktoren. Der wichtigste ist das Charisma der grossen olympischen Helden. Von Koroibos von Elis über Sophyros von Syrakus, von Bernhard Russi von Andermatt bis Michael Phelps von Amerika. Während Jahrtausenden. Der Amerikaner Stephen Amidon hat diese Strahlkraft einmal mit einem Satz auf den Punkt gebracht: «Something like the Gods.»

Olympische Götter? Ja, keine anderen sportlichen Wettkämpfe, ja, kein anderer Bereich der Gesellschaft bringen seit beinahe ewigen Zeiten so strahlende Helden hervor. So war es bei den alten Griechen, so ist es im 21. Jahrhundert. Die Spiele waren, sind und bleiben das Fest der olympischen Götter. Ungeachtet aller Schwierigkeiten und Skandale.

Fehlt im Rio wegen einer Verletzung: Roger Federer.
Bild: AP/AELTC POOL

Gewiss, Roger Federer ist auch ohne Olympische Spiele eine globale Sportfigur geworden. Aber er ist die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Schon Muhamad Ali, der Grösste von allen, begann seine Karriere mit einem Olympiasieg. Die überwiegende Zahl der Weltstars in den Einzelsportarten verdankt den Weltruhm olympischem Gold. Sonja Henie, Jesse Owens, Jean-Claude Killy, Johnny Weissmüller, Carl Lewis, Toni Sailer, Emil Zatopek, Bernhard Russi, Katharina Witt oder Simon Ammann – sie alle verdanken ihre Karriere olympischem Gold.

Das Zusammenspiel mit der Politik

Die Strahlkraft der Spiele hat auch mit dem Logo der fünf ineinander verschlungenen Ringe zu tun. Dieses Symbol steht weltweit für sportliche Träume, Triumphe und Tragödien. Die grossen Geschichten bleiben uns im Gedächtnis haften, auch weil sie nur alle vier Jahren geschrieben werden und nicht bloss flüchtige Episoden bleiben wie gewöhnliche sportliche Tagessiege. Weil die Regierungen weltweit den propagandistischen Wert der Spiele erkennen, sind die nationalen olympischen Komitees in jedem Land stark mit der Politik verbunden, in vielen Ländern werden die Sportler staatlich gefördert und finanziert, teilweise sogar in der Armee ausgebildet. Die Olympischen Sommerspiele haben eine noch stärkere globale Ausstrahlung als die Fussball-WM. Weil alle Länder mitmachen können.

Die US-Fussballerinnen haben den ersten Schritt zur Medaille getan. Bild: MARIANA BAZO/REUTERS

Die Ausstrahlung ist in Nordamerika viel stärker als in Europa. «Olympics» haben in der nordamerikanischen Gesellschaft eine geradezu magische Ausstrahlung, und es ist kein Zufall, dass die US-TV-Stationen und US-Firmen als Sponsoren nach wie vor den grössten Teil zum Milliarden-Geschäft beitragen.

Reicht es Fabian Cancellara zu einer dritten olympischen Medaille?
Bild: KEYSTONE

Der letzte Olympionike

So wie die FIFA, so wird sich allerdings auch das IOC in den kommenden Jahren reformieren müssen. Oder zumindest so tun als ob. Die Durchführung der Spiele wird in Zukunft schwieriger werden. Das IOC verlangt die politische Zustimmung der Bevölkerung dort, wo es Demokratie gibt. Deshalb sind in jüngster Vergangenheit die olympischen Macher in der Schweiz (Davos/St.Moritz) und in Deutschland (Hamburg und München) an Volksentscheiden gescheitert und mussten auf eine Kandidatur verzichten. Aber es gibt nach wie vor genug Länder und Städte die bereit sind, die Spieler zu organisieren.

Die ersten olympischen Wettkämpfe wurden mehr als 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung zelebriert, die Siegerlisten reichen bis ins Jahr 776 vor Christus zurück, die Spiele sind älter als die Katholische Kirche und der Islam. Ihre Magie ist so stark, dass sie alle Stürme der Zeit, alle Krisen und Skandale überstehen. Wenn die Welt dereinst untergeht, wird der Letzte, der das Licht löscht, nicht ein Bankier oder ein Politiker sein. Sondern ein verspäteter Heimkehrer von den Olympischen Spielen.

Die Schweizer Fahnenträger bei Olympia

Unvergessene Olympia-Momente: Sommerspiele

28.8.1972: Mark Spitz holt sich die ersten zwei von sieben Goldmedaillen und schwimmt in jedem Rennen Weltrekord

08.05.1984: Die Sowjets boykottieren Olympia. Eine Retourkutsche, die ihre Wirkung komplett verfehlt

04.08.2012: Das knappste Finale in der Olympia-Geschichte im Triathlon gewinnt Nicola Spirig dank einer unglaublichen Willensleistung

08.08.1992: Marc Rosset holt sich an Roger Federers 11. Geburtstag den einzigen grossen Titel, der dem «Maestro» noch fehlt

18.10.1968: Bob Beamon springt so weit, dass nicht einmal das Massband reicht

06.08.1984: Carl Lewis holt sich zum ersten Mal Olympia-Gold in seiner Lieblingsdisziplin

26.07.1992: Das beste Team, das jemals Basketball gespielt hat, verzaubert die ganze Welt

25.07.1908: Wyndham Halswelle wird Olympiasieger über 400 Meter – weil er im Final der einzige Läufer ist

28.07.1984: Gaby Andersen-Schiess torkelt in der Hitze von LA völlig dehydriert über die Zielgerade des Olympia-Marathons

17.08.2008: Amor trifft besser als der Sportschütze, der nur deshalb berühmt wurde, weil er auf die falsche Scheibe zielte

Die Geschichte eines Bauernsohns, der im vorletzten Jahrhundert zum Olympiahelden wurde

01.10.2000: Der Abschluss der Spiele von Sydney ist der Beginn der grossen Liebe zwischen Roger und Mirka

17.09.1988: Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Seoul gibt es geröstete Tauben

06.08.2012: Felix Sanchez schmuggelt Foto von totem Grosi unter die Startnummer und schafft das grösste Comeback der Leichtathletik

16.10.1968: Tommie Smith und John Carlos sorgen für die berühmteste Siegerehrung bei Olympia

19.09.2000: Eric «The Eel» Moussambani säuft über 100 m Freistil fast ab und wird trotzdem zum grossen Star

26.08.1900: Ein Siebenjähriger wird zum jüngsten Olympiasieger aller Zeiten, aber bis heute kennt niemand seinen Namen

09.06.1924: Die Schweiz verpasst den Olympiasieg – aber wird Europameister!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hallo1995fl 05.08.2016 19:10
    Highlight Bitte für Olympia auch ein "weg damit" knopf!
    5 3 Melden

Wir haben Gedanken gelesen: 9 Dinge, die dem grinsenden Bolt durch den Kopf gingen – mit Bonus!

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