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Neymar und Brasilien droht am olympischen Fussballturnier die ganz grosse Schmach.  Bild: Eraldo Peres/AP/KEYSTONE

Neymar und die Furcht vor den Dämonen von 1950 und 2014

Brasilien bangt um sein Nationalteam. Nach 1950 und 2014 droht die dritte nationale Fussballtragödie – und Neymar eine lebenslängliche Strafe.

10.08.16, 10:43 10.08.16, 10:53

klaus zaugg, rio de janeiro

Alleine die Betonung des Wortes lässt erahnen, was «Futebol» hier bedeutet. «Futschibooau» sprechen es die Menschen in Rio weich, melodisch und ein wenig melancholisch aus. Fussball ist 1894 als «brutaler britischer Sport» nach Brasilien gekommen. In der Zeitspanne von wenigen Jahrzehnten ist daraus das stärkste Symbol brasilianischer Identität geworden. Die «Seleçao Brasileira» hat fünfmal den WM-Titel gewonnen. Aber noch nie olympisches Gold.

Das erste brasilianische Fussball-Nationalteam anno 1914.  bild: wikipedia

Schon nach wenigen Tagen können wir davon ausgehen, dass die Chronisten diese Spiele von Rio zu den stimmungsvollsten aller Zeiten küren werden. Eine Mischung aus Sportfest, Karneval und wilden Partys. Emotional, laut, feurig, fröhlich, farbig. Egal, wer siegt. Die brasilianische Lebensfreude ist längst im olympischen Dorf der Athleten eingezogen. Eine der meistverbreiteten News: 450'000 Kondome sind im olympischen Dorf verteilt worden. Umgerechnet zwei pro Athletin bzw. Athlet vom ersten bis zum letzten letzten Tag. Und es ist in Rio noch nicht aller olympischen Tage Abend.

Wir sind vom Thema abgeschweift. Was den Brasilianerinnen und Brasilianern wirklich am Herzen liegt, ist der Fussball. «Futschibooau. Noch nie hat Brasilien einen globalen Titel im eigenen Land gewonnen. Weil ein Fluch über diesen Turnieren liegt. Nun zieht nach der WM von 1950 und 2014 wieder ein Fussballdrama herauf. Brasilien hat gegen die Exoten Südafrika und Irak kein Tor erzielt. Zweimal 0:0. Nur noch ein Sieg heute gegen Dänemark kann das vorzeitige Ausscheiden in jedem Fall verhindern.

Die Südafrikaner (rechts Captain Keagan Dolly) rangen den Brasilianern (Zeca) ein Remis ab. Bild: UESLEI MARCELINO/REUTERS

Es ist der schlimmste Start zu einem olympischen Turnier seit 1972 in München. Damals scheiterte Brasilien nach Niederlagen gegen Dänemark (2:3) und Iran (0:1) sowie einem Remis gegen Ungarn (2:2) schon in der Vorrunde. Eine Pleite ohne Folgen und weit weg von der Heimat. Brasilien war damals Weltmeister.

Aber jetzt ist alles anders. Brasiliens Fussball ist in eine Depression geraten und ist ein Spiegelbild des Landes. Auch Verbandspräsident Marco Polo Del Nero steckt in einem Amtsenthebungsverfahren. Weil ihn die US-Justiz sucht, kann er sein Land nicht mehr verlassen. Er steht im Verdacht, in eine Geldwäscheaktion im Umfang von 200 Millionen Dollar verwickelt zu sein. Und jetzt auch noch sportliches Scheitern? Nein, das darf nicht sein. Denn dann kehren die «Dämonen» von 1950 und 2014 zurück. Unvorstellbar. Brasilien bangt um sein Nationalteam. Um seine Seele. Um seine Identität. Fussballdramen sind in Brasilien immer nationale Tragödien.

Kein anderes Land der Welt beschäftigt sich so intensiv und ausdauernd mit seinen fussballerischen Triumphen und Dramen. In keinem anderen Land hat Fussball eine so grosse Bedeutung. Auch nicht in Deutschland, Italien oder England.

Läuft es der Nationalmannschaft, so ist ganz Brasilien zufrieden, wie beim WM-Truimph 1970 mit dem grossen Pelé. Bild: EPA

Fussball ist in Brasilien viel mehr als Sport. Seit der Gründung als Republik im Jahre 1889 hat Brasilien – abgesehen von wenigen Grenzstreitigkeiten – mit keinem seiner Nachbarn Krieg geführt. So ist es bis heute geblieben. Das Land hat politische Aufstände erlebt und Diktatoren kommen und stürzen sehen. Es erduldet wirtschaftliche Depressionen. Aber es hat kaum gemeinsame historische Momente. Kein Morgarten, Marignano, Trafalgar, Pearl Harbor, Caporetto, Waterloo, Sedan, Gallipoli oder Tannenberg.

In Europa wird die Zeiteinteilung des 20. Jahrhunderts in den meisten Ländern von den beiden Weltkriegen bestimmt. Brasilien bezieht sein historisches Zeitgefühl aus den Rhythmen der Fussball-Weltmeisterschaften. In den Wochen eines grossen Fussballturniers fühlt es sich am meisten als geeinte Nation.

Brasilien hat als einziges Land an allen Weltmeisterschaften teilgenommen, so dass sich die Lage der Nation seit 1930 in Zeitsprüngen von vier Jahren darstellen lässt.

Und nun also das olympische Fussballturnier im eigenen Land. Keine WM. «Nur» ein olympisches Turnier. Und doch die goldene Chance, die Dämonen der Niederlagen von 1950 und 2014 zu vertreiben und Frieden mit der Vergangenheit zu schliessen.

Wie sehr diese Niederlagen von 1950 und 2014 das Land traumatisiert haben, hat der Journalist Paolo Perdigao einmal so beschrieben. «Sie sind das Waterloo der Tropen und ihre Geschichte unsere Götterdämmerung.»

Der WM-Final von 1950 ging als «Maracanaço» (Schock von Maracanã) in die Geschichte ein. Ghiggia (Mitte) trifft, Uruguay wird in Brasilien Weltmeister.  Bild: AP, WCSCC

Ein Waterloo der Tropen, eine Götterdämmerung wäre auch ein Scheitern im olympischen Fussballturnier. Und es hätte wohl politische Folgen. Das 1:2 von 1950 führte bei den Wahlen im gleichen Jahr zu einem Regierungswechsel und mündete schliesslich in einer Militärdiktatur. Das Land wurde um Jahre zurückgeworfen. Das 1:7 gegen Deutschland von 2014 markiert den Beginn einer schweren Krise, die noch nicht ausgestanden ist.

Das Ende eines Traumes, das Ende der Illusion, mit Präsident Lula da Silva und «Lulaismus» einen neuen, einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gefunden zu haben. Die schon lange bereitliegenden Dossiers der Opposition, um alle Ungereimtheiten der Regierenden anzuprangern, sind hervorgeholt worden. Die Nachfolgerin von Lula da Silva steckt in einem Amtsenthebungsverfahren. Als ob so stellvertretend die schmachvolle Fussball-Niederlage aufgearbeitet werden könnte. Was würde auf ein Scheitern bei Rio 2016 folgen?

Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva. Bild: PAULO WHITAKER/REUTERS

Wieder spielt Neymar da Silva Santos Junior (24) eine zentrale Rolle. Beim 1:7 gegen Deutschland im WM-Halbfinal 2014 fehlte er wegen einer Blessur und entkam der Schande. Jetzt ist er dabei. Sein Arbeitgeber Barcelona hat ihm im Jahre 2016 die Teilnahme eines Turniers erlaubt. Entweder «Copa Americana» oder das olympische Fussballturnier. Er hat Rio gewählt.

Rio wird sein Triumph – oder sein persönliches Waterloo. Er weiss, was ihm blüht. Moacyr Barbosa, Brasiliens WM-Goalie von 1950, war damals einer der besten Torhüter der Welt. So wie heute Neymar einer der besten Stürmer der Welt ist. Er sagte einmal über sein Los nach dem fatalen 1:2 gegen Uruguay, an dem er unschuldig war und doch deswegen fortan geächtet wurde als sei er von den Dämonen dieser Niederlage besessener Unglücksbringer. Nicht einmal des Verbrennen der Torposten des Gehäuses, das er damals gehütet hatte, konnte ihm helfen. «Die Höchststrafe, welche in Brasilien für ein Kapitalverbrechen verhängt wird, dauert 30 Jahre. Ich habe lebenslänglich gekriegt. Ohne Chance auf Begnadigung.»

Nun droht Neymar ebenfalls lebenslänglich.

Lebenslanges Trauma: Der frühere brasilianische Goalie Paulo Moacyr Barbosa Nascimento.  bild: wikipedia

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • SJ_California 10.08.2016 17:49
    Highlight Wer spielt denn überhaupt an Neymars Seite in Rio? Wie gut/schlecht ist das Team?
    3 0 Melden
  • Bluetooth 10.08.2016 13:26
    Highlight Überdramatisiert! 1950 lässt sich nicht mit heute vergleichen. Sei es nun 2014 oder 2016, Fussball ist selbst in Brasilien auch nur noch ein Spiel. Mehr als die Enttäuschung der Fussballfans, die btw. auch nicht ganz Brasilien repräsentieren, wird es nicht geben. Das Land vereint schon lange mehr als ein Sport.
    Zu Neymar: Der ist noch jung, war in Santos bereits ein Star, spielt heute in einem Topclub. Den werden sie niemals so früh wegwerfen, schon gar nicht wegen ein Olympiaturnier. Die Beziehung Neymar-Nationalmannschaft ist z.b. durchaus stabiler als die zwischen Messi und Argentinien.
    4 4 Melden
  • Amboss 10.08.2016 11:25
    Highlight Der Artikel ist gut - wenn man alle Teile weglässt, die 2014 und 2016 betreffen, weglässt.

    2014 und 1950 lässt sich einfach nicht vergleichen.
    1950 war wirklich ein Waterloo, ein Untergang des ganzen Landes.
    Das 1:7 2014 war schon schmerzhaft. Aber der Fussball hat nicht mehr die Bedeutung. "Ist nur Fussball" war eher die Stimmung im Land.

    Auch wird Neymar sicher nicht "lebenslänglich" bekommen, wenn er den Titel nicht holt.
    Und selbst wenn, ist es ihm ziemlich schnuppe. Barcelona ist weit weg von Brasilien.

    Und die Krise des brasilianischen Fussballs hat schon deutlich vorher begonnen.
    16 3 Melden
  • Luca Brasi 10.08.2016 11:14
    Highlight Aha. Es braucht kriegerische gemeinsame historische Momente wie Tannenberg, etc. um eine geeinte Nation zu sein? Creepy.
    5 15 Melden
    • Gelöschter Benutzer 10.08.2016 13:08
      Highlight Es gibt schon auch Beispiele. z.B. die schrecklichen Luftangriffe auf England im 2. Weltkrieg, welche die Engländer zuammenrücken liess.. Aber du hast schon recht, allgemein lässt sich das so nicht formulieren und geht wohl auch nicht durch...
      10 0 Melden

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