Sport

Jörg Schild lässt seinem Ärger freien Lauf.
Bild: KEYSTONE

Swiss-Olympic-Präsident haut auf den Tisch: «Ich bin erstaunt, enttäuscht und verärgert»

Ärger über den feigen Entscheid des IOC im «Fall Russland». Jörg Schild, Swiss-Olympic-Präsident ist enttäuscht, dass der Weltverband Führungsstärke vermissen lässt und sagt: «Ein Familienmitglied betrügt alle übrigen Familienmitglieder auf eine so unglaubliche Weise. Es ist eine Ohrfeige für alle Sportler.»

24.07.16, 18:15 25.07.16, 07:08

Das IOC sperrt nicht alle russischen Athleten für Olympia. Es lässt die internationalen Fachverbände entscheiden, nur die 68 Leichtathleten bleiben ausgeschlossen. Damit wird ein deutliches Zeichen im Kampf gegen das Doping verpasst.

Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild ist gar nicht erfreut über den Entscheid:

«Entscheidend an dem ganzen Fall ist, dass es sich in Russland nicht um Dopingvergehen einzelner Athletinnen und Athleten handelt. Es war eine konzentrierte und orchestrierte Aktion des Staates, sogar des Geheimdienstes und vor allem auch des Nationalen Olympischen Komitees. Nach dem jetzigen Entscheid des IOC bin ich erstaunt, enttäuscht und verärgert. Ich bin erstaunt, dass plötzlich nicht das IOC entscheiden will, sondern dass es die Entscheide den einzelnen Sportverbänden überlässt. Ich bin enttäuscht, dass das IOC in dieser Sache jegliche Führungsstärke vermissen lässt. Und ich bin verärgert darüber, dass das IOC selber nichts unternimmt, wenn Russland die anderen Nationalen Olympischen Komitees weltweit betrügt. Das IOC spricht ja immer von der Olympic Family. Und jetzt betrügt ein Familienmitglied alle übrigen Familienmitglieder auf eine so unglaubliche Weise. Was ist denn die Charta wert, wenn das IOC nicht jetzt daran denkt. Es ist eine Ohrfeige für alle Nationalen Olympischen Komitees und alle Sportlerinnen und Sportler.

Jörg Schild kann den Entscheid des IOC nicht verstehen.
Bild: KEYSTONE

Ähnlich hört es sich bei Gian Gilli, dem früheren Chef de Mission Swiss Olympic, an:

«Der Entscheid hätte ja lauten müssen: Ausschluss der ganzen russischen Delegation. Wenn Doping in der ganzen staatlichen Organisation systematisch betrieben wird, muss man mit aller Härte und gnadenlos durchgreifen. Was passiert ist, ist wirklich gravierend. Gegen das Ja zum Ausschluss hätte nur gesprochen, dass es auch saubere Sportler getroffen hätte, die zum Teil in Sportarten aktiv sind, in denen Doping nichts bringt. Aber jetzt, wo das IOC die Verantwortung an die Sportverbände abgetreten hat, glaube ich, dass gar nichts passieren wird. Alle werden nach Rio fahren. Zudem ist die Zeit jetzt schon unglaublich knapp.»

Nicht äussern will man sich beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS): 

«In Absprache mit Bundesrat Parmelin kann ich Ihnen mitteilen, dass wir den Entscheid nicht kommentieren werden. Das IOC entscheidet gemäss ihren geltenden Richtlinien und den Entscheid haben wir nicht zu kommentieren.»

Internationale Reaktionen

Jelena Isinbajewa (zweifache Olympia-Siegerin im Stabhochsprung aus Russland):

«Die komplette russische Mannschaft nicht zuzulassen, wäre ein riesiger Fehler und ein internationaler Sportskandal gewesen.»

Jelena Isinbajewa: Was hätte sie auch sonst sagen sollen? Bild: SERGEI KARPUKHIN/REUTERS

Alfons Hörmann (Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes):

«Das IOC hat einen zweifelsohne schwierigen, harten und in mehrfacher Hinsicht konsequenten Entscheid getroffen. Wer also systematisch gegen die Regeln verstösst, erhält die Rote Karte. Im Sinne der Chancengleichheit und des Fairplays können nun aber diejenigen Sportler, die den Nachweis von Kontrollen ausserhalb Russlands erbringen, noch eine Teilnahme erwirken.»

Alfons Hörmann äussert sich versöhnlich.
Bild: RALPH ORLOWSKI/REUTERS

Witali Mutko (Sportminister Russlands):

«Die Kriterien sind sehr hart, aber ich bin überzeugt, dass die meisten Athleten sie erfüllen. Wir werden für einen sauberen Sport kämpfen. Nur uns zu kritisieren, scheint mir nicht ganz korrekt. Doping ist nicht nur ein Problem Russlands. Die Entscheidung des IOC liegt im Interesse des internationalen Sports und der olympischen Familie. Russland ist dem Internationalen Olympischen Komitee dankbar, dass das Land nicht komplett von Olympia in Rio de Janeiro ausgeschlossen wurde. Wir sind dankbar, dass das IOC jedem sauberen Sportler die Chance auf eine Olympia-Teilnahme gibt.»

Travis Tygart (Chef der Anti-Doping-Agentur der USA):

«Das IOC hat sich geweigert, entschiedene Führungskraft zu zeigen, in dem es Russland nicht komplett ausgeschlossen hat. Der Entscheid und das Chaos, das er auslöst, ist ein harter Schlag für die Rechte der sauberen Athleten.»

(sda)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • insider 26.07.2016 09:26
    Highlight Es gab gestern den "SommerTalk" mit J. Blatter. Dabei wurde er zur IOC-Entscheidung befragt und gab eine bemerkenswerte Antwort (ab ca. 17:00 min). Sinngemäss sagt er, dass nur die Sportverbände Sportler zu den Spielen zulassen können und dass dies vom CAS in seinen Urteilen auch bestätigt wird.
    Ich finde diesen Punkt sehr interessant, kann aber nicht beurteilen, ob diese Argumentation stimmt. Ebenso habe ich diesen Standpunkt noch nirgends gelesen. Das wäre doch noch etwas für watson!
    (http://www.telezueri.ch/64-show-sommertalk/11401-episode-sepp-blatter)
    0 0 Melden
  • Radiochopf 25.07.2016 03:27
    Highlight Herr Schild ist mit seiner Meinung auch nicht mehr tragbar und sollte besser zurück treten... Es gibt immer noch Gesetze und Richter die nicht politischen und emotionell entscheiden sonst müsste man die auch gleich abschaffen wenn man unbedingt ein ganzes Land und unschuldige Sportler sperren soll.. Denken sie mal darüber nach Herr Schild, bevor sie sich öffentlich mit ihrer ganz persönlichen Meinung dazu äussern..
    5 5 Melden
    • manhunt 25.07.2016 23:02
      Highlight genau, es gibt gesetze und richter. zum beispiel am cas. und dieses gericht hat entschieden, die russische delegation nicht zuzulassen. wo liegt also das problem?
      2 0 Melden
  • Pius C. Bünzli 24.07.2016 23:58
    Highlight Bei jedem einzelnen Sportler sollte man individuel entscheiden ob man ihn sperren soll oder nicht. Kollektivstrafen sind so oder so schlecht.
    5 1 Melden
  • Christian Gerber 24.07.2016 23:04
    Highlight Der lange Arm des Wladimir Putin...
    3 2 Melden
  • Beobachter24 24.07.2016 22:27
    Highlight Es ist überhaupt nicht feige, dass sich das IOC einer politischen Einflussnahme verweigert, im Gegenteil, das ist mutig.

    Systematisches Doping ist keine Weltneuheit - Sippenhaftung für einen ganze Abteilung (russisches Leichtathletik-Team) hingegen schon.

    Hut ab vor dem IOC - und einen Kaktus an Jörg Schild.
    4 7 Melden
  • terribile 24.07.2016 21:42
    Highlight IOC hmmm das erinnert mich etwas an FIFA. Darum ist dieser Club der erhabenen Männer in die gleiche Schublade zu verschliessen ich habe habe absolut kein verständnis.
    Ich verstehe sehr gut wie sich Jörg Schild fühlt. Wut und Scham.
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  • dergraf 24.07.2016 21:35
    Highlight Nun bleibt als einzige Konsequenz diese frisierte Show zu boykottieren und nicht hinzufahren.
    Der Nichtentscheid des IOC heisst ganz einfach, dass Kohle vor Ethik kommt; resp. Dopingkontrollen nur für die Dummen sind.
    Aber hier hat die Schweiz auch noch ein paar Aufgaben: nach Peking reiste über ein Drittel der CH-Delegation mit einem Attest (entspricht legalem Dopen...). Entweder kann man eine Sportart ohne chem. Hilfsmittel bestehen oder man nimmt nicht teil. Muss sich halt was anderes suchen...
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Herr Schmid, Russland klagt, der Entscheid des IOC sei eine «Verschwörung des Westens». Ist er das?Sicher nicht. Es existieren Fakten, die sich nicht weglügen lassen. Proben müssen manipuliert worden sein, chemische Zusammensetzungen von Urinproben sind nicht natürlich. Es kamen viele Elemente zusammen. In Russland versucht man, sich herauszureden, indem man die Schuld auf eine sehr kleine Gruppe von Verschwörern abwälzt.

Es geht aber um staatlich mit beeinflusstes Doping?Vielleicht kann man …

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