Sport

Selbstvermarktung wird auch im Schwingsport ein immer grösseres Geschäft. Bild: KEYSTONE

Noch mehr Geld für die «Bösen» – aber keiner wird Millionär

Das Werbegeld im Schwingen hat sich seit 2011 mehr als verdoppelt. Im letzten Jahr ist die Rekordsumme von 1,92 Millionen Franken für Werbung im Schwingen ausgegeben worden. Tendenz weiterhin steigend.

09.02.17, 14:58 09.02.17, 16:59

Schwingen ist der einzige Sport mit exakten Zahlen zur Werbung. Die Bösen dürfen heute Werbegelder kassieren (was noch im letzten Jahrhundert verboten war) – im Gegenzug liefern sie zehn Prozent ihrer Werbeeinnahmen dem Schwinger Verband (ESV) ab. Das Geld wird zweckgebunden in die Nachwuchsausbildung investiert.

Diese «Reichtumssteuer» hat der damalige Obmann Ernst Schläpfer im Jahre 2011 eingeführt. Im Herbst nimmt Verbandsgeschäftsführer Rolf Gasser jeweils Einblick in die Werbeverträge und schreibt Ende Oktober jedem die entsprechende Steuerrechnung.

Die Bösen Buben müssen einen Teil der Werbegelder dem Verband abtreten. Bild: KEYSTONE

Die Zahlen dokumentieren den Boom des vaterländischen Sportes. So viel Geld ist seit 2011 für Werbung im Schwingen ausgegeben worden:

Die Entwicklung der Werbeeinnahmen im Schwingen. bild: watson

2017 wird wohl die 2-Millionen-Grenze geknackt

2017 dürfte die Zwei-Millionen-Schallmauer fallen. Denn 2017 vermarktet sich neu auch Matthias Glarner als König. Charismatische Könige (es gibt keine Ex-Könige, wer einmal König war, trägt diesen Titel für immer) wie Kilian Wenger und Matthias Sempbach sowie Christian Stucki, der «König der Herzen», sind weiterhin aktiv und eine neue Generation von wilden, für die Werbung attraktiven Jungen drängt weiter nach oben. Vielleicht hat es noch nie so viele so attraktive «Böse» gegeben wie 2017 – alleine im Bernbiet wird jedes Schwingfest mit Wenger, Sempach und Glarner zu einem «Dreikönigs-Tag».

Wie viel Geld verdienen die einzelnen Schwinger mit Werbung? Offizielle Zahlen gibt es nicht. Alle in den Medien genannten Werbeeinkommen der einzelnen «Bösen» sind Schätzungen, und die Beteiligten hüten sich, Zahlen zu nennen oder zu bestätigen.

Matthias Glarner dürfte deutlich mehr als einen Kranz verdienen. Bild: KEYSTONE

Eine Umfrage ergibt erstaunliche Summen. Das Werbeeinkommen des entthronten Königs und Kilchberg-Siegers Matthias Sempach wird von Branchenkennern auf etwa 750'000 Franken geschätzt. Auch Kilian Wenger, der König von 2010, verdient nach den gleichen Quellen über 600'000 Werbefranken. Christian Stucki, dem Schlussgang-Verlierer von 2013 und «König der Herzen», wird ein «königliches Werbeeinkommen» zwischen 300'000 und 500'000 Franken attestiert. Hinter diesen Titanen gibt es eine ganze Reihe von Schwingern, die gemäss Kennern fünf- bis knapp sechsstellig mit der Werbung verdienen. Das Geld liegt offensichtlich im Sägemehl. Die Bösen müssen es nur aufheben.

Werbeeinnahmen werden überschätzt

Das Problem ist bloss: Wenn wir die Schätzungen der Insider addieren, dann müsste das gesamte Werbevolumen der Schwinger inzwischen über drei Millionen Franken ausmachen. Die Werbe-Einkommen der einzelnen Schwinger werden nach wie vor überschätzt.

Kilian Wenger: Er weiss, wie er sich gut vermarkten kann. Bild: AP IMAGES/Hublot

Rolf Huser, der ehemalige Mitarbeiter der Vermarktungsagentur IMG (International Management Group), ist einer der besten Szenenkenner. Als Pionier hat er 2008 mit Jörg Abderhalden die erste professionelle Vermarktung eines Schwingers aufgegleist. Er bestätigt, dass auf dem Werbemarkt nur die Titanen Matthias Sempach, Kilian Wenger und Christian Stucki und der neue König Matthias Glarner das Potenzial für sechsstellige Werbeeinnahmen haben. Und er schliesst aus, dass ein «Böser» eine halbe Million oder gar mehr verdient und sagt: «Die Obergrenze für einen einzelnen Schwinger dürfte zwischen 300'000 und 400'000 Franken liegen.» Verbandsgeschäftsführer Rolf Gasser gibt zu bedenken: «Der Werbemarkt beschränkt sich auf die Deutschschweiz.»

Sechsstellige Einnahmen gibt's nur für drei Könige

Am Ende ist es wohl wie im richtigen Leben: viel für ein paar wenige und wenig für viele. Immerhin gibt es eine gewisse Demokratisierung: 2011 teilten sich knapp 30 «Böse» das Werbegeld. Jetzt sind es 62. «Aber der grösste Teil verdient mit der Werbung bloss einen Zustupf», sagt Rolf Gasser. 

Matthias Sempach dürfte der bestverdienende Schwinger sein. Bild: PPR

Zehn Schwinger dürften 80 Prozent der Gesamtsumme für sich beanspruchen. Somit beschränkt sich die Möglichkeit des Geldverdienens ziemlich genau auf den Kreis der eidgenössischen Kranzgewinner. Sechsstellige Werbeeinahmen fliessen nur für die drei Könige Kilian Wenger, Matthias Sempach und Matthias Glarner sowie Christian Stucki. Also nur für Berner, die wenigstens im Schwingen keine Gelder aus anderen Kantonen für den Finanzausgleich brauchen. Für die «wilden» Jungen – allen voran Armon Orlik – muss es das Ziel sein, 2017 ein sechsstelliger Böser zu werden. Der Unspunnen-Schwinget (27. August) hat daher nicht nur eine grosse sportliche, sondern auch eine kommerzielle Bedeutung.

Doping-Kontrollen neu von fremden Richtern

Schwingen prosperiert finanziell und ist sportlich erstaunlich stabil. Seit Jahren pendelt die Zahl der Aktiven stabil um etwa 6000 – die Hälfte davon Jungschwinger. Rolf Gasser sagt: «Damit das weiter so bleibt, ist es wichtig, dass wir durch unseren Anteil an den Werbeeinnahmen in die Nachwuchsarbeit investieren können.»

Im sichtbaren (TV-)Bereich ist beim Schwingen keine Werbung erlaubt. Bild: KEYSTONE

Soeben ist ein neues Schwinger-Lehrbuch erarbeitet worden. Seit dem 1. Januar 2017 ist der ESV Mitglied von Swiss Olympic mit allen Rechten und Pflichten. Ein historisches Datum: Zum ersten Mal seit der Gründung (1896) duldet der ESV fremde Richter. Dopingkontrollen haben die Schwinger zwar auch bisher durchgeführt – aber seit dem 1. Januar werden Doping-Vergehen nicht mehr von der verbandseigenen Justiz sanktioniert. Sondern von Swiss Olympic. Also von fremden Richtern. «Das ist im Sinne der Transparenz und der Gewaltentrennung gut so», sagt Rolf Gasser.

So ist Werbung im Schwingen erlaubt

In der Schwingerarena (im Schwenkbereich der TV-Kameras) darf nach wie vor keine Werbung platziert werden. Hingegen ist es heute den «Bösen» erlaubt, auf Mann Werbung zu machen.

Verboten ist aber Werbung, die anstössig oder sexistisch ist, die die politische Neutralität des Schwingens verletzt oder für Mittel wirbt, die mit den Grundwerten des Schwingens nicht vereinbar sind. Es sind lediglich Werbeaufschriften in der Grösse von 90 Quadratzentimetern auf Kleidungsstücken inklusive Rucksack erlaubt, aber nicht auf dem Wettkampftenue und auf der Festbekleidung. Das bedeutet, dass ein Schwinger dann, wenn er im Sägemehl kämpft und im Fokus der TV-Kameras steht, keinerlei Werbeaufschriften tragen darf.

Darin unterscheidet sich Schwingen von anderen Einzelsportarten (wie Tennis, Velo, Ski), die Werbung auf Mann oder Frau sowohl in der Arena als auch auf dem Wettkampftenü erlauben. Immerhin darf ein Schwinger bei Werbekampagnen mit Festbekleidung und Kranz, in Wettkampftenüs und Schwingerhosen auftreten. Alle PR- und Werbeaktivitäten sowie Werbeverträge müssen durch den Verband genehmigt werden. (kza)

Alle Schwingerkönige seit 1961

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pfützentreter 09.02.2017 23:14
    Highlight Gerade weil es keine Profis sind, finde ich Schwingen spannend. Gerade weil ich weiss, dass ein Schwinger nebenbei normal arbeitet, kann ich staunen darüber, was ein Mensch mit Muskeln und Technik schaffen kann. Weil er kein Produkt ist, sondern ein authentischer Sportler. Sobald zuviel Stutz im Rennen ist, werde ich abschalten. Sobald nicht mehr der Sportler im Mittelpunkt steht, wird es zu reinem Kommerz werden. Siehe Fussball, Eishockey, Velorennen und so weiter. Fernsehen sei dank.

    Noch ist es nicht soweit.
    10 0 Melden
  • Jekyll & Hyde 09.02.2017 20:12
    Highlight Irgend ein Schwingerkönig (Name leider vergessen) Arbeitet nur 40%. Ich glaube wir wissen alle das man mit 40% nicht über die Runden kommt, daher finde ich es eher lächerlich das die Sportler als Amateure verkauft werden. Allerdings, solange da bei den Gangpaarung es auch darauf ankommt wie gut dein "Verbandspaarer" ist und nicht nur wie gut du Schwingst ist es e ein Amateursport, so und nun freu ich mich auf eure Blitze ;-)
    5 7 Melden
  • Pfützentreter 09.02.2017 18:52
    Highlight Gekonnt, der Input mit dem Doping. Das hängt alles verdammt nah zusammen!
    0 3 Melden
  • Pfützentreter 09.02.2017 18:48
    Highlight Geld, Geld, Geld. Ich rege mich gerade tierisch auf. OK, wer Aussergewöhnliches leistet, kann meinetwegen auch aussergewöhnlich kassieren. Ein sechsstelliger Betrag für einen Hobby-Athleten? Macht nicht reich? Ich hoffe, dass die Aussichten auf so viel Zaster unseren Kekränzleten (und denen, die es noch werden) nicht zu kopf steigt
    1 9 Melden
  • Tikkanen 09.02.2017 18:21
    Highlight ...Chlöisu, bitte kein falsches Licht auf die Bösen werfen😳 Solange Spitzenschwinger wie z.B. Bärnu Kämpf weniger Entschädigung als irgend eine 4th Line Pussy in der NLA erhält ist die Gefahr vom Big Business Schwingen noch lange nicht in Sicht😤
    27 5 Melden
    • RoJo 09.02.2017 21:29
      Highlight Mit Verlaub, Tikkanen. Mit zwei Eidgenössischen Kränzen und spätestens ab nächstem Jahr nicht mehr zu den Jungschwingern gehörend (Jg. 1988) würde ich nun nicht zwingend von einem Spitzenschwinger sprechen (um aber seine Leistungen in keiner Art und Weise zu schmälern). Vermutlich wird es ihm neben dem Schwingen noch reichen, einer regelmässigen Arbeit nachzugehen! In der NLA wirds da schon schwierig! Und es gibt Sportler in der Schweiz, die in ihrer Sportart zur Elite (z.T) sogar International zählen und über Schwinger-Preise und Gelder nur staunen....
      4 3 Melden
  • Kris 09.02.2017 18:02
    Highlight Spannend wäre hier auch eine Aussage zu Sämi Giger, dessen Marktwert ebenfalls sechsstellig geschätzt wird, er aber auf Werbeeinnahmen verzichtet.
    10 1 Melden

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