Sport

WM 2003: Bruno Kernen stürzt sich aus dem Abfahrts-Starthaus in die Tiefe. Bild: KEYSTONE

Darum dürfen die Frauen an der Ski-WM nicht auch den freien Fall hinunter

Make-Up nach dem Rennen und eine Louis-Vuitton-Tasche als Siegpreis – bei der Ski-WM in St.Moritz kümmert man sich besonders um die Rennfahrerinnen. Die Veranstalter arbeiten am femininen Profil des Wintersportorts.

24.12.16, 20:20 02.02.17, 07:29

Frederik Jötten

Es gibt diese Anekdote von Lindsey Vonn, die sie in St.Moritz als Erfolg sehen. Zu Beginn der Saison 2012/2013, als der Ski-Weltcupzirkus noch in Kanada Station machte, nahm die erfolgreichste Weltcupfahrerin aller Zeiten einen Schweizer Journalisten zur Seite und fragte ihn, ob er wisse, ob es in diesem Jahr bei den Rennen in St.Moritz wieder je eine Louis-Vuitton-Tasche für die Siegerin geben werde. Diese hatten ihr die Veranstalter im Vorjahr gleich zweimal überreicht, nachdem sie zweimal gewonnen hatte. «Anscheinend gefiel ihr die Tasche so gut, dass sie gerne noch eine gewonnen hätte», sagt Andri Schmellentin, Chef des Sponsorings beim Weltcup-Veranstalter mit einem Lächeln.

Die Initialen verpflichten zum Kauf: LV steht schliesslich auch für Lindsey Vonn.

Er steht auf einer Plattform weit oberhalb von St.Moritz auf fast 3000 Metern. Hinter ihm ist der Start des Herren-Abfahrts-Rennens, 100-Prozent Gefälle, der steilste Starthang im Skiweltcup. Von oben sieht es aus, als würde man ins Nichts fallen, wenn man sich abstösst. Mitte Februar wird hier die Herren-Abfahrt der Ski-WM 2017 ausgetragen.

Aber Andri Schmellentin, 45-jähriger Marketingfachmann aus Samedan, interessiert sich eher für die Frauen. «Bei den Alpinen sind die Männer Kraftmöbel und fertig», sagt Schmellentin. «Mit den Damen kann man Wellness, Well-Being und Fashion vermitteln, da hat man im Marketing viel mehr Möglichkeiten.»

Wieso die Frauen nicht vom freien Fall starten dürfen

Auch sportlich traut Schmellentin den Frauen einiges zu: «Die Damen könnten den freien Fall genauso runter fahren wie die Herren», sagt er. «Aber wo sollten wir dann die Männer starten lassen?» Für ein Herren-Rennen brauche man einen Mythos. Er schüttelt den Kopf: «Es ist undenkbar, dass die Männer auf der gleichen Strecke fahren würden, wie die Frauen.»

Der «Free Fall» aus der Distanz … Bild: KEYSTONE

… und der Start aus der Nähe. Bild: KEYSTONE

Für die Damen-Abfahrt wurde unterhalb des «Freien Falls» ein neuer Startplatz gebaut, von oben zu sehen als eine schmale, schneebedeckte Terrasse im Hang. «Die Damen werden damit auch mehr Geschwindigkeit drauf bekommen als bislang», sagt Martin Berthod, sportlicher Leiter der Rennen in St.Moritz. An die 125 km/h. Künftig soll die Weltcup-Abfahrt der Frauen immer hier starten.

So wurde der «Free Fall» für die WM 2003 gebaut. Paul Accola kam persönlich mit dem Menzi Muck. Video: YouTube/St. Moritz 2017

Eine «Beauty Box» musste her

Seit 2012 gewann Lindsey Vonn übrigens zwei Edel-Taschen. Ob es diesen Preis in Zukunft noch geben wird ist im Moment nicht klar – die Hauptsponsoren müssen zustimmen, es gab schon Unstimmigkeiten deswegen. Sicher ist aber, dass Andri Schmellentin alles tut, damit sich die Fahrerinnen in St.Moritz wohl fühlen. Er hat sich viel mit ihnen unterhalten und herausgefunden, dass der Zielraum für die Athletinnen kein schöner Ort ist.

«Die Frauen nehmen den Helm runter, die Haare sind zerzaust, das Gesicht von der Anstrengung gerötet», sagt er. «Und dann richten sich hundert Kameras auf sie! Das ist vielen unangenehm.» Sich vor dem Rennen zu schminken gehe aber nicht, weil der Schweiss die Schminke verlaufen lasse. «Die Tina und die Lindsey haben deshalb permanent Make up», sagt Schmellentin, er spricht von der mittlerweile zurückgetretenen Doppel-Olympiasiegerin Tina Maze und von Lindsey Vonn.

Dank kurzem Gang in ein Zelt sieht Lara Gut in der Leader Box kurz nach der Fahrt schon wieder frisch aus. Bild: AP/The Canadian Press

Wegen der Probleme mit dem Look im Zielraum kam Schmellentin auf die Idee, direkt nach der Materialkontrolle – dort müssen die Fahrerinnen nach dem Rennen als erstes durch – eine «Beauty-Box» einzurichten. «Es geht da nicht ums Aufbretzeln, sondern um ein kleines Refreshing, bevor es vor die Kamera geht», sagt Schmellentin. «Die Fahrerinnen haben sich da sehr drüber gefreut.»

Nicht mal die Hälfte der Wintertouristen geht auf die Pisten

Schliesst man die Augen, während Schmellentin spricht, kann man sich manchmal fühlen, als spreche der Chef einer Beauty Farm. Öffnet man die Augen allerdings, steht vor einem ein Oberengadiner Koloss in Skijacke, die übersät ist mit den Brandings der Sponsoren. Das Kümmern um die Damen hat auch geschäftliche Gründe. «Dass sich die Frauen ein bisschen zurecht machen nach dem Rennen, passt sehr gut zu St.Moritz», sagt er. «Wir haben die ganzen Shopping-Möglichkeiten hier, wir sind eine feminine Destination.»

Winter wonderland: Der Blick auf St.Moritz hinunter. Bild: KEYSTONE

Andererseits erhofft man sich in St.Moritz, dass durch das Weltcupfinale und die Ski-WM auch wieder etwas anderes sichtbar wird hinter den ganzen Glamour-Geschichten, die die Schlagzeilen über das Oberengadin beherrschen: der Wintersport-Ort. Nur 40 Prozent aller Touristen, die zwischen Dezember und April nach St.Moritz kommen, nutzen die aufwändig präparierten Pisten. Das soll sich ändern. Schön sein und Ski fahren, das geht zusammen, soll wohl die Botschaft sein.

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Wird es zur WM jetzt besonders grosse Edeltaschen für die Siegerinnen geben? «Nein», sagt Schmellentin. «Wenn es um den WM-Titel geht, wollen wir das so stehen lassen, als Wertschätzung für die Leistung der Frauen.» Wer weiss, vielleicht bekommt Andri Schmellentin bald auch eine Trophäe: als Rennfahrerinnen-Versteher von St.Moritz.

So schön war die Schweiz, als es noch schneereiche Winter gab

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Fonzie 26.12.2016 09:24
    Highlight Eine Make-Up-Box... Der ganze Zirkus klingt irgendwie nach den Tributen von Panem.
    1 0 Melden
  • Kookaburra 25.12.2016 13:52
    Highlight Es ist bald 2017 und wir haben immer noch getrennte Sportbewertungen! Es wäre schon längst Zeit für Gleichberechtigung. Es kann ja nicht sein, dass Frauen gesondert behandelt werden und nicht bei den Männern mitmachen!
    Dieses Denken ist absolut rückständig. Frauen haben es verdient genauso wie Männer behandelt zu werden! Gesonderte Frauenveranstaltungen sind absolut sexistisch und gehören abgeschafft. Nieder mit der Diskriminierung! Frauen haben in unserer Zeit absolut dasselbe verdient, wie Männer.
    Es ist Zeit endlich diese konservative, archaische Gender-Mentalität zu überwinden!
    13 21 Melden
    • fcsg 25.12.2016 21:10
      Highlight Es gibt auch so etwas wie körperliche Voraussetzungen. Frauen können physisch gewisse Abfahrten gar nicht fahren, wie z.B. die Streif in Kitzbühel.
      Ausserdem wären Frauen gegen Männer im Skisport bei weitem chancenlos in jeder Disziplin, bis auf die 1-2 Besten. Die könnten vielleicht unter die ersten 30 fahren bei den Männern. Daher braucht es getrennte Rennen.
      5 2 Melden
    • Ruffy 26.12.2016 09:03
      Highlight Die Realität sieht halt so aus, dass dann wohl jeweils kaum mal eine Frau in den Top 10 wäre. Männer und Frauen sind nunmal nicht identisch.
      1 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 25.12.2016 06:41
    Highlight Etwas komischer Artikel, schon der zweite Satz ist Unsinn, es gibt immer noch einen Frauenweltcup in Kanada (Lake Louise). Das mal beiseite: Von der Vermarktungsperspektive verstehe ich es, nur das Männerrennen mit dem freien Fall zu starten und dem Frauenrennen einen anderen Start zu geben, denn das differenziert mehr. Ausserdem war der freie Fall ja Teil der Männerrennen die bis vor 10 Jahren in St. Moritz waren, und nie Bestandteil der Frauenrennen seither.
    29 4 Melden
    • Sandro Lightwood 25.12.2016 10:33
      Highlight Wieso differenziert dass mehr, nur weil die frauen 50 Meter weiter unten starten? Ist für mich irgendwie nicht nachvollziehbar. Als ob die Tatsache, das Frauen statt Männer starten und somit vollkommen andere Teams und Einzelfahrer, nicht schon genug differenzieren würde. Oder anderst gefragt: wird jemand die Männerabfahrt nicht mehr schauen, nur weil auch die Frauen den Steilhang herunterdüsen? Wohl kaum. Würden ev. mehr die Frauenabfahrt schauen, wenn auch diese den spektakulären Start hätten? Auf jeden! Alles andere sind Ausreden und chauvinistisches Geschwätz mancher Herren.
      40 7 Melden
  • Bijouxly 25.12.2016 00:33
    Highlight Also, was er da rauslässt find ich teilweise sehr fragwürdig. Aber das mit der makeup box finde ich eine gute Idee, kann mir sehr gut vorstellen, dass das unangenehm ist, so "verdruckt" vor die ganzen Kameras zu stehen.
    32 20 Melden
    • 's all good, man! 25.12.2016 10:22
      Highlight Ja, aber nur, weil in unseren Köpfen das Bild so fest eingebrannt ist, dass die Mädels sich hübsch zu machen haben. Bei den Männern spielt es ja auch keine Rolle, wenn sie ausgepumpt, zersaust und mit gerötetem Gesicht in der Leaderbox im Endorphin-Rausch in die Kamera lachen. Die Frauen, die das Angebot der Beauty-Box dann auch annehmen, helfen eben auch nicht dabei, dieses Denken aus unseren Köpfen zu bekommen.
      45 3 Melden
    • Bijouxly 25.12.2016 10:59
      Highlight Soll es doch jeder machen können wie er möchte. Es kann und soll niemand dazu gezwungen werden, aber auf der anderen Seite soll auch niemand unfreiwillig zur Ikone der nicht-mehr-oberflächlichen-Welt werden müssen. Mir wäre das ebenfalls sehr unangenehm und ich finde es gut, dass man sich Gedanken darúber macht.
      13 3 Melden
    • nick11 25.12.2016 12:34
      Highlight Was ist daran soooo schlimm, dass wir dieses Bild im Kopf haben? Müssen Männer und Frauen den unbedingt "gleich" gemacht werden? Wir sind nun mal unterschiedlich..! Das Leben wäre sooo langweilig, gäbe es keine Unterschiede mehr.
      6 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 25.12.2016 00:28
    Highlight Gerade als ich angefangen habe Frauen Ski ernst zu nehmen..

    Wir wollen Sport und zersauste Frisuren sehen nach dem Rennen😎
    96 10 Melden
  • Ruffy 24.12.2016 23:34
    Highlight Wie sexistischbist dass denn, männer können sich nicht zurecht machen und bekommen keine lv tasche!
    73 5 Melden
    • Bijouxly 25.12.2016 08:21
      Highlight Also in dem Artikel steht nicht, dass Männer ausgeschlossen werden. Kann mir sehr gut vorstellen, dass die sich auch noch kurz kämmen können.
      5 4 Melden
  • Kaiserin 24.12.2016 23:21
    Highlight Tja, solange ich noch solchen Scheiss lesen muss und es Menschen gibt, die so rückständig denken, ist der Kampf um echte Gleichstellung noch längst nicht zu Ende. Es müssen dringend die Mauern in den Köpfen niedergerissen werden!
    74 30 Melden
    • nick11 25.12.2016 12:41
      Highlight Gleichstellung im Sinne von Gleichberechtigung, absolut und unbedingt.
      Gleichstellung im Sinne von Verhalten, Einstellung etc., wieso?! Was bringt das? Wir sind nunmal unterschiedlich!
      Auf das Skirennen bezogen: Wieso dann nicht gemeinsam starten lassen mit gemeinsamer Rangliste? Ah Stimmt, dann gäbe es keine Frauen mehr auf den vorderen plätzen. Wieso bloss, wenn wir doch alle gleich sind?
      8 2 Melden
    • Kaiserin 25.12.2016 16:16
      Highlight Es geht ja offensichtlich nicht um genau, genau gleich! Es geht darum, dass Frauen nicht auf Beauty und Mode reduziert werden.
      2 3 Melden
  • Chrispy 24.12.2016 23:15
    Highlight Ich frage mich: Realsatire oder doch frugale Ironie? In letzterem Falle, auf den ich ehrlichgesagt immer noch hoffe, wäre der Artikel einfach nur schlecht. Meint der Autor sein Gesäusel über dieses sexistische Geschlechterverständnis jedoch ernst, dann lohnt sich ein Kommentar dazu erst gar nicht.
    53 15 Melden
  • lillimaid 24.12.2016 21:59
    Highlight Hoch leben die traditionellen Geschlechterrollen.
    Die Männer als die unerschrockenen Alleskönner und die Frauen als die zierlichen, hübsch zurechtgemachten Geschöpfe. http://
    144 22 Melden
    • nick11 25.12.2016 12:50
      Highlight Es gibt da noch die Männer als Kriegsführer und Zerstörer, und die Frauen als die "besseren" Menschen, einfühlsamer und vernünftiger. Auch das ist Geschlechterrolle. Wir sind nunmal verschieden, und das ist gut so. Der Unterschied zu früher ist, dass einzelne Individuen selbst entscheiden können wie sie sein möchten, und das wird (meistens) akzeptiert, leider noch nicht immer und überall. Deswegen aber unbedingt jegliches geschlechterspezifisches Verhalten als unnatürlich und veraltet abzustempeln halte ich wiederum für rückständig und weltfremd.
      6 0 Melden
  • jjjj 24.12.2016 20:45
    Highlight Wow, so eine sexistische S**** die der Schmellentin da rauslässt! Traurig!!!
    141 37 Melden
    • blobb 25.12.2016 03:03
      Highlight Hab das selbe gedacht.
      21 12 Melden
    • Darkside 25.12.2016 03:17
      Highlight Solange die Frauen sich über ein "Make-Up Zelt" im Zielraum freuen ist dein Argument ungültig.
      64 12 Melden
    • supremewash 25.12.2016 07:27
      Highlight Wohl deshalb wurde ausdrücklich nochmal darauf hingewiesen dass der WM-Titel der einzige Lohn und Preis sein wird. Blöd auch, dass sich manche Athletin doch tatsächlich noch über die 'beauty-box' zu freuen scheint...Wer also wegen ein bisschen Schminke und einer Handtasche die vorher erbrachte Leistung der Frauen verkennt, tut diesen selbst Unrecht. Wichtig ist einzig der Umgang der Fahrerinnen mit dem Angebot. Mit der Ware auf Insta posieren oder Medienwirksam ablehnen. Hauptsache selbst entscheiden. So geht Feminismus!
      32 1 Melden
    • nick11 25.12.2016 12:51
      Highlight Genau.
      1 0 Melden

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