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Quo vadis, Urs Meier? Wie lange hält Canepa noch an seinem Coach fest? Bild: Steffen Schmidt/freshfocus

Leistungsnachweis: Ungenügend – weshalb Ancillo Canepa Urs Meier an die Uni Zürich schicken sollte

Der FC Zürich blamierte sich gestern Abend beim 0:1 gegen Dinamo Minsk bis auf die Knochen. Urs Meier und sein Team befinden sich bereits derart lange auf Talfahrt, dass sich langsam aber sicher die Frage nach der Zukunft des FCZ-Coachs stellt.

31.07.15, 13:59 31.07.15, 18:20

«Wir reisen jetzt nächste Woche nach Russland und wissen, dass wir das Spiel drehen müssen.» Klar, von einem Fussball-Coach zu erwarten, dass er die bewegte Geschichte der weissrussischen Stadt Brest kennt – auch wenn dort 1918 gegen Ende des 1. Weltkriegs ein berühmter Friedensvertrag zwischen der Sowjetunion und den Mittelmächten geschlossen wurde –, wäre ein wenig gar viel verlangt. 

Dass nächste Woche das Rückspiel der Europa-League-Qualifikation gegen Dinamo Minsk nicht in Russland sondern in Weissrussland stattfinden wird, hätte FCZ-Trainer Urs Meier aber eigentlich schon wissen können. Zwar nicht in Minsk, sondern eben auf dem Kunstrasen in der weissrussisch-polnischen Grenzstadt Brest. 

Ganz im Westen von Weissrussland trägt der FCZ nächste Woche sein Rückspiel aus.  bild: google maps

Doch als Urs Meier gestern Abend nach dem Auftritt seiner Mannschaft vor die Kamera des Schweizer Fernsehens trat, hatte er andere Sachen als eine aktuelle politische Landkarte Europas im Kopf. Farblos, wie die Aussicht vom Schlafzimmer von Alexander Lukaschenko auf die Minsker Innenstadt an einem Novembermorgen, hatte sein FCZ gespielt. Nach dem 0:1 im Hinspiel gegen die Gäste aus Weissrussland droht der FC Zürich bereits Saisonziel Nummer 1 zu verpassen: Die Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League

Hängende Köpfe beim FCZ: Minsk gewinnt im Letzigrund mit 1:0.  Bild: KEYSTONE

Miserabler Leistungsnachweis

Doch es ist nicht nur das gestrige Spiel, was den meisten der nur gerade 3587 Zuschauern im Letzigrund – so wenige wie seit 12 Jahren und einem Match gegen den FC Wil nicht mehr – Sorgen bereitet haben dürfte. Saisonkartenbesitzer der Zürcher Südkurve, welche seit dem 5. Oktober 2014 an jedem Heimspiel ihrer Mannschaft waren, durften seit diesem Tag gerade einmal einen einzigen Sieg bejubeln – ein 4:3 gegenüber Stadtrivale GC am letzten Spieltag der vergangenen Saison. In den weiteren 13 Heimspielen seit jenem 3:0-Sieg gegen Vaduz holten die Zürcher gerade mal vier Punkte. Auswärts sieht die Bilanz nur wenig besser aus.

In der Super League gibt es für eine derart uninspirierte Leistung immerhin hin und wieder Punkte. Wäre Urs Meier allerdings Student an der Uni Zürich, hätte er vergangenes Semester wohl kaum einen ECTS-Punkt verdient gehabt: Seit der Winterpause 2015 ist der Leistungsnachweis von Urs Meier schlicht ungenügend. Doch über Meier urteilt momentan kein Professor, sondern ein ihm äusserst wohlgesinnter Ancillo Canepa. Ein Ausflug an die Universität Zürich würde dem Duo Canepa-Meier indes nicht schaden. Dies zeigt nur schon ein Blick auf die Personalia Chikhaoui. 

Weil er beim FCZ beinahe alles darf: Yassine Chikhaoui konnte vergangene Woche nicht mittrainieren, da er in seiner Heimat einen kaum zu definierenden Radiopreis in Empfang nehmen musste. 

Immer wieder Chikhaoui

Den Tunesier mit einer Quasi-Vollmacht im Zürcher Mittelfeld auszustatten und ihn als Captain zu nominieren, ist eine ähnlich sichere Anlagestrategie, wie sein ganzes Geld in die Exportindustrie von tunesischen Kamel-Hufeisen zu setzen. Öfter verletzt als das Herz eines Teenagers in der MTV-Sendung «My Super Sweet 16» und launisch wie ein Taxifahrer auf Djerba während dem Ramadan, wartet man im Letzigrund seit einer gefühlten Ewigkeit vergebens darauf, dass Chikhaoui endlich einmal die irrwitzig hoch gesteckten Erwartungen erfüllen wird.

Trotz grossem Trainingsrückstand kam Chikhaoui gestern gegen Minsk zu seinem Saisondebüt. Sofort ging er im lust- und ideenlosen Zürcher Kollektiv unter. 

Chikhaoui konnte seinen Trainingsrückstand gestern nicht verbergen. Bild: Claudia Minder/freshfocus

In acht Jahren beim FC Zürich hat der mittlerweile 28-Jährige gerade mal 116 Super-League-Spiele absolviert und 23 Tore erzielt. Berauschend ist das nicht, dennoch wird diese Saison beim FCZ wieder einmal alles auf den Tunesier gesetzt. Jeder drittsemestrige Ralph-Lauren-Naseweis am Institut für Banking und Finance an der Universität Zürich würde den Herren Canepa und Meier empfehlen: Portfolio diversifizieren! 

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Wegweisendes Derby

Doch stattdessen wurden in der Sommerpause vielversprechende Assets wie Francisco Rodriguez, Nico Elvedi, Dimitri Oberlin und Djibril Sow aus dem Kader gestrichen. Avi Rikan ist mittlerweile ebenfalls weg und auch Franck Etoundi dürfte in den nächsten Tagen das Weite suchen. 

Die Entourage von Yassine Chikhaoui sollen andere bilden. Doch deren Einsatz ist in den kommenden Spielen ebenfalls höchst fraglich. Die Leistungsträger Marco Schönbächler und Gilles Yapi plagen sich mit Langzeitverletzungen herum, Davide Chiumiento musste gestern verletzt ausgewechselt werden und Neuzuzug Cabral ist für die nächste Super-League-Partie gesperrt. «Mal sehen, wer am Sonntag noch alles da ist», analysiert Urs Meier die Personalsituation für das Stadtderby gegen GC. Zuversicht und Strategie sieht anders aus. 

Chiumiento ist für das Derby gegen GC ebenfalls fraglich.  Bild: Claudia Minder/freshfocus

Im Gegensatz zum Rückspiel in der Europa-League-Qualifikation dürfte Urs Meier also keine Mühe haben, um den Austragungsort des nächsten FCZ-Pflichtspiels zu lokalisieren. Sollte der FCZ aber auch in dieser kapitalen Partie versagen, muss sich Ancillo Canepa für Urs Meier vielleicht dennoch einen alternativen Weg überlegen. Ein Sabbatical als Zuhörer an der Universität Zürich wäre für den überfordert wirkenden Fussball-Trainer doch sicherlich keine schlechte Idee. Die Vorlesung jeweils mittwochs von 10-12 Uhr zur Geschichte Ostmitteleuropas soll im Herbstsemester 2015 besonders interessant sein. 

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • PV3L0 31.07.2015 14:54
    Highlight Als FCB-Fan wünsche ich mir nichts mehr als das Canepa endlich diesen Meier in hohem Bogen rauswirft, am liebsten Chikhaoui auch gerade. Als aussenstehender wirkt es äusserst unprofessionell. Man könnte die letzten 20 Interviews mit Meier zusammenschneiden und nicht identifizieren welche Aussage von welchem Spiel stammt. Immer das gleiche.

    "Wir konnten nicht umsetzen was wir uns vorgenommen haben"
    "Heute waren wir besser, leider stimmt das Resultat nicht"
    "Die Jungs haben gekämpft, es wollte einfach nicht sein"

    Also bitte, Herr Canepa, sehen Sie es ein und geben Sie sich einen Ruck.
    22 2 Melden
    • Gigle 31.07.2015 15:22
      Highlight Canepa sollte sich lieber auch gleich selbst rauswerfen!
      26 3 Melden
    • The fine Laird 01.08.2015 10:22
      Highlight @PV3LO
      Wiso denn? So lange Meier dort ist kommen sie nicht vom Fleck.

      @Gigle
      Wenn Herr & Frau Canepa nicht mehr dort sind wird es au kein fcz mehr geben. Die beiden zusammwn haben 90% Aktienanteil. Und ganz ehrlich wer will diesen Verein schon übernehmen?
      4 1 Melden
    • Gigle 01.08.2015 11:21
      Highlight @finelaird Das ist mir schon klar, es ist nur einfach so, dass die Canepas mehr kaputt machen oder sagen wir verhindern, als dass sie dazu beitragen, den Club wieder aus der Lethargie zu ziehen. Aber ja, ich kenne leider auch niemanden, den ich jetzt so spontan als neuer Präsident vorschlagen könnte.
      3 0 Melden
    • PV3L0 01.08.2015 11:42
      Highlight @finelaird Weil der FCZ als FCB-Fan eine gewisse Bedeutung hat. Die Spiele zwischen diesen beiden Clubs waren in letzter Zeit zu unbedeutend. Ich wünsche mir das wieder eine ähnliche Spannung wie noch vor einigen Jahren entsteht. Für den Fussball.
      5 1 Melden

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