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Thiem nach seinem erfolgreichen Viertelfinal gegen David Goffin. Bild: BENOIT TESSIER/REUTERS

Vor dem ersten grossen Knüller: Das ist der aufstrebende Ösi Dominic Thiem

Nach einem bisher grandiosen French Open steht der junge Österreicher Dominic Thiem zum ersten Mal in seiner Karriere in einem Halbfinal eines Grand Slams. Dort wartet ausgerechnet die Weltnummer 1 Novak Djokovic.

03.06.16, 08:27 03.06.16, 10:19

Die Geschichte des 22-jährigen Dominic Thiem ist zugegebenermassen etwas verrückt. Am 11. Mai 2015, also vor etwas mehr als einem Jahr, lag der Österreicher noch auf Rang 49 der ATP-Weltrangliste. Da war ein allfälliger Grand-Slam-Halbfinal etwa soweit weg wie ein mittelfristig anderer deutscher Meister als Bayern München.

Nicht komplett absurd, aber auch nicht gerade das Ereignis, worauf in Wettbüros jeder sofort Geld gesetzt hätte. Sein bisher bestes Ergebnis auf oberster Stufe war ein Achtelfinal bei den US Open 2014, ansonsten war immer schon in der ersten Woche Schluss.

Djokovic ist heiss, will das French Open endlich zum ersten Mal gewinnen.
Bild: Michel Euler/AP/KEYSTONE

Nun, ein Jahr später steht der 185 cm grosse Rechtshänder bei seinem zehnten Anlauf in eben einem solchem Halbfinal eines Majors. Er trifft heute Nachmittag (ab 15 Uhr) auf den absoluten Dominator der letzten halben letzten Tennisdekade, auf die serbische Weltnummer 1 Novak Djokovic. Gegen diesen spielte Thiem bisher zweimal – und verlor jeweils auf Hartplatz ohne Satzgewinn. Zuletzt war dies im März beim 3:6, 4:6 in Miami der Fall.

Experten sagten dem jungen Österreicher längst eine grosse Karriere – Grand-Slam-Siege und Weltnummer 1 inklusive – voraus. In unserer watson-Prognose der Top Ten von 2021 steht Thiem auf Rang 4. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis der Mann aus Wien bei einem grossen Turnier mal weit kommt. Ein zukünftiger Grand-Slam-Sieger ist er eh, die Frage ist nur: Beginnt die Zukunft schon jetzt beim French Open 2016? 

«Das Match beginnt von Null, ganz klar. Ich werde mein Bestes geben und dann werden wir sehen, was rauskommt am Ende.»

Dominic Thiem gegenüber Eurosport über das bevorstehende Halbfinale

Das fantastische Jahr 2016

Während Dominic Thiem in seiner Karriere – der Österreicher ist seit 2011 Profi – bisher sechs Turniere gewinnen konnte und in zwei weiteren Finals stand, kommt «Nole» in derselben Statistik auf sagenhafte 64 Titel und 27 Finals.

Thiems bisherige Turniersiege

2015: Gstaad, Umag, Nizza (alle Sand)
2016: Nizza (Sand), Acapulco (Hart), Buenos Aires (Sand)

Der Fall sollte also klar sein, alles andere als ein Sieg Djokovics würde die Tennisexperten landauf und landab doch eher erstaunen. Doch ganz abschreiben sollte man Thiem noch nicht. Zum einen ist er nach Djokovic derjenige Tenniscrack, der im Jahr 2016 am meisten Siege eingefahren hat (41:10 gegenüber Djokovics 42:3). Zum anderen impliziert Thiems rasanter Aufstieg in den letzten zwölf Monaten ja auch, dass er mit dem Tennisracket stets etwas anzufangen weiss.

Teil der zehn Besten

Thiems Markenzeichen ist die starke einhändige Rückhand. Unglaublich, aber wahr: Bis er 12 Jahre alt war führte er seinen Paradeschlag doppelhändig aus und das wurde ihm von seinem langjährigen Trainer Günter Bresnik dann abgewöhnt. «Mit der einhändigen Rückhand habe ich dann zwei Jahre gegen Spieler verloren, die vorher keinen Ball gegen mich gesehen hätten. Jetzt kann ich die Früchte ernten», so Thiem in einem Interview mit dem «Kurier». Heutzutage führen die Backhand fast alle Spieler zweihändig aus.

Zudem ist der Österreicher flink und kann von der Grundlinie enorm viel Druck aufbauen. Auch mit der Vorhand, die er ähnlich hart schlagen kann wie Stan Wawrinka. Selbst mit dem Kopf ist der 22-Jährige in der Lage zu punkten, weshalb Novak Djokovic gewarnt ist, seinen Halbfinal-Gegner besser nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Thiem gilt als bescheidener Kerl, der sich auch in heiklen Situationen hervorragend auf das Wesentliche konzentrieren kann. Bei Big Points halt – und die musst du gewinnen, willst du die Besten schlagen.

Den Ball immer im Fokus: Auf Thiem wartet eine glorreiche Zukunft.
Bild: ETIENNE LAURENT/EPA/KEYSTONE

Dominic Thiem, der im aktuellen French Open der Reihe nach Cervantes, Garcia-Lopez, Zverev, Granollers und Goffin eliminiert hat, spricht im «Spiegel» vom «grössten Match meiner jungen Karriere». Professionell, wie auf der Tour üblich, legte der Shootingstar aber nach: «Klar bin ich unglaublich glücklich, aber ich muss jetzt fokussiert bleiben.»

Auch Promis wie Comedian Oliver Pocher freuen sich für Dominic Thiem.

Aktuell liegt der Österreicher in der ATP-Weltrangliste auf Rang 15. Unabhängig davon, wie der Halbfinal gegen Djokovic ausgeht, figuriert der 22-Jährige nach dem French Open zum ersten Mal in seiner Karriere in den Top 10, nämlich auf Position 7. Doch das ist Thiem nicht genug: «Ziel muss immer die Nummer 1 sein.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Schreiberling 03.06.2016 11:31
    Highlight Eine Spielintelligenz die an Federer erinnert. Eine Power ähnlich deren Wawrinkas. Dazu eine faire, bodenständige Persönlichkeit (anders als beispielsweise Tomic und Kyrgios).

    Mit etwas Erfahrung und Konstanz, die in den nächsten Jahren zweifelslos kommen wird, ist das eine sehr vielversprechende Kombination.
    5 1 Melden
  • Merengue 03.06.2016 09:10
    Highlight Auf dieses Match bin ich ja gespannt. Es ist davon auszugehen, dass Djokovic ständig auf Thiems Rückhand spielt, da letzterer mit der Vorhand echt unglaublich viel Druck machen kann. Die Rückhand dagegen wackelt zum Teil noch gewaltig. Je nachdem, wie er sie zu Beginn trifft, wird entscheidend sein. Ein locker aufspielender Thiem könnte verdammt gefährlich werden für Djokovic. Aber eben, was heisst schon locker bei einem GS HF ...
    6 0 Melden
    • Typu 03.06.2016 10:52
      Highlight Es bewährt sich nicht immer zu konzentriert auf eine schlagseite zu spielen. Das kann den gegner auch reinbringen und wenns läuft sehr stabil machen. Wenn man dann aus verzweiflung versucht zu varrieren blüht der gegner auf einmal auf da er dann auch mit der starken seite agieren kann.
      Für alles gilt, muss nicht aber kann. Oft genug selbst erlebt.
      3 0 Melden

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