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Die Erlösung nach dem Sieg: Timea Bacsinszky und Martina Hingis stehen im Doppel-Final. Bild: EPA/KEYSTONE

Die Schöne und das Biest – zwei Tennis-Waisenkinder schreiben ein olympisches Märchen

Martina Hingis (35) und Timea Bacsinszky (27) gewinnen den Olympia-Halbfinal gegen die Tschechinnen 5:7, 7:6, 6:2 und spielen am Sonntag um Gold. Eine Geschichte, die alle phantastischen olympischen Wirklichkeiten übertrifft.

13.08.16, 08:09 13.08.16, 11:03

klaus zaugg, rio de janeiro

Es waren einmal... So müsste diese Geschichte beginnen. Es waren einmal zwei olympische Waisenkinder. Ungeliebt und beim grossen olympischen Ball nur am Katzentisch geduldet. Nun sind sie lorbeerumkränzte Königinnen.

Martina Hingis und Timea Bacsinszky spielen dieses Doppel nur, weil sie von der olympischen Tennisfamilie verlassen worden sind. Martina Hingis hätte mit Roger Federer das Mix-Doppel und mit Belinda Bencic das Doppel spielen sollen. Roger Federer und Belinda Bencic haben auf Rio verzichtet. Und so muss Martina Hingis halt mit Timea Bacsinszky vorliebnehmen. Zwei Waisenkinder finden zueinander. Sie haben vorher nie zusammen gespielt. Und schreiben ein olympisches Märchen.

Belinda Bencic war als Doppelpartnerin von Hingis vorgesehen, musste aber wie Federer (und Wawrinka) für Rio Forfait geben. Bild: AP

Neues Element

Es ist ein Tennis-Doppel wie Feuer und Wasser. Genie und Energie, Technik und Kraft verbinden sich zu einem neuen Element.

Die erste Runde hatten sie nur dank Martina Hingis' Klasse, Erfahrung, taktischer Schlauheit doch noch überstanden. Die Frage zu diesem Zeitpunkt, nicht boshaft, sondern realistisch: Gewinnt Martina Hingis TROTZ Timea Bacsinszky eine Medaille?

Das Duo Hingis/Bascinszky steigerte sich kontinuierlich. Bild: KEYSTONE

Der zweite Sieg korrigiert diese Einschätzung ein wenig. Die Frage lautet nun: Gewinnt Martina Hingis MIT Timea Bacsinszky eine Medaille? Und nach der dritten Runde und vor dem Halbfinal ist klar: Martina Hingis kann DANK Timea Bacsinszky eine Medaille holen.

Am Auge getroffen

Dieses Halbfinal-Drama gegen Andrea Hlavackova/Lucie Hradecka wird auf den ersten Blick durch einen «Kopftreffer» von Martina Hingis entschieden. Die Schweizerinnen gewinnen nach der Abwehr von zwei Matchbällen mit 5:7, 7:6 (7:3), 6:2.

Martina Hingis trifft Andrea Hlavackova beim zweiten Matchball gegen die Schweizerinnen voll am Kopf. streamable

Martina Hingis hatte beim Stand von 5:7, 4:5 zwei Matchbälle abgewehrt. Beim zweiten schlägt sie Andrea Hlavackova den Filzball volley ins Gesicht. Diese muss sich während rund zehn Minuten verarzten lassen. Es ist die spektakuläre Wende in einem Spiel, das bereits verloren schien.

Welch enorme Wirkung dieser unabsichtliche Treffer tatsächlich hatte, wird erst nach dem Spiel in vollem Umfang klar. Andrea Hlavackova verlässt nach dem Drama die Arena scheinbar unversehrt. Kein blaues Auge. Keine Schwellungen im Gesicht.

Andrea Hlavackova kam zwar ohne blaues Auge und Schwellungen davon, die Wirkung des «Kopftreffers» war dennoch beträchtlich. Bild: KEYSTONE

War alles halb so schlimm? Ist sie am Ende gar eine Drama-Queen? Nein. Es war wirklich ein Drama. Sie erzählt: «Ich bin genau auf dem linken Auge getroffen worden. Nicht neben dem Auge. Ich habe nichts mehr gesehen und bangte um mein Augenlicht.»

Erst nach zehn Minuten sei das Sehvermögen zurückgekehrt. Aber nicht ganz. «Bis zum Ende des zweiten Satzes habe ich die Bälle doppelt gesehen. Es ist schwierig, ein Doppel zu spielen, wenn ich die Bälle doppelt sehe…»

So stark wie noch nie

Andrea Hlavackova machte Martina Hingis keinen Vorwurf und sie suchte auch nicht nach Ausreden. «Das war einfach Schicksal, es stand wohl in den Sternen geschrieben, dass es so kommen muss. Martina und Timea waren letztlich besser. Sie haben sich immer besser auf unser Spiel eingestellt und haben immer aggressiver gespielt.»

Mag sein, dass erst Martinas «Tennis-Tellgeschoss» in diesem fast dreistündigen Drama (2:42 Stunden) den Weg in den Final geöffnet hat. Aber eine noch entscheidendere Rolle spielte Timea Bacsinszkys Energie.

Mit ihrer Energie trug Timea Bascinszky wesentlich zum Exploit der Schweizerinnen bei. Bild: KEYSTONE

Erst ab dem dritten Satz entfaltet die Mischung aus Genie und Energie, Technik und Kraft die volle Wirkung – nach der Abwehr der zwei Matchbälle steht der Sieg nie in Gefahr und im dritten Satz spielen die beiden Schweizerinnen so stark wie noch nie in diesem Turnier.

Martina Hingis hatte im zweiten Satz in ihrer Körpersprache leise Zeichen der Resignation verraten. Auf der Tribune kamen zwei hoch angesehene Experten, deren Namen mir soeben entfallen sind, zu einem eindeutigen Urteil: «Es ist vorbei.»

Bacsinszky auf Betriebstemperatur

Aber Timea Bacsinszky rettet die Situation. Sie strahlt unverdrossen Energie, Mut und Zuversicht aus. Sie tigert über den Platz, steht nie still, muntert ihre Partnerin auf und tatsächlich wird sie hinterher verraten: «Ich habe Martina gesagt, dass ich einfach nicht aufgeben werde, dass ich um Gold spielen will, dass ich dafür wenn nötig einen Marathon laufen und bis nach Mitternacht spielen werde, um dieses Ziel zu erreichen.»

Ohne die Energie ihrer Partnerin wäre Martina Hingis gar nicht mehr zum «Tennis-Tellschuss» gekommen. So wie Martina Hingis mit ihrer Klasse, Schlauheit und Erfahrung den Sieg gerettet hatte, so ist es nun Timea Bacsinszky, die sich revanchiert. Und hinterher wird Martina Hingis das aggressive Spiel und die Energie ihrer Partnerin ausdrücklich loben.

Timea Bacsinszky fehlt die göttliche Leichtigkeit des Spiels, die bei Martina Hingis immer wieder aufblitzt und erahnen lässt, warum sie einmal die beste Spielerin der Welt war. Timea Bacsinszky wirkt eher ungelenk («Rumpeltennis») und es scheint, als brauche sie eine gewisse Zeit, um in Hitze zu geraten, das Feuer der Leidenschaft zu entfachten, Betriebstemperatur und Kampfgeist zu finden. Im Einzel ist sie bereits in der ersten Runde kläglich ausgeschieden, weil sie diese Betriebstemperatur nie erreicht hatte. Die wahre Timea Bacsinszky haben wir erst jetzt im Halbfinal an der Seite von Martina Hingis gesehen.

Die Finalgegnerinnen Jekaterina Makarowa (l.) und Jelena Wesnina. Bild: EPA/EFE

Tennistechnisch ist sie ein Biest. Timea Bacsinszky und die mit göttlichem Talent gesegnete Martina Hingis – es ist die Geschichte von der Schönen und dem Biest. Übertragen aufs Tennis.

Im Final warten am Sonntag im Spiel um Gold und Silber, die Russinen Jekaterina Makarowa/Jelena Wesnina.

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    Alle Leser-Kommentare
  • AJACIED 14.08.2016 00:34
    Highlight Spielen super Tennis 👏👏👏🖖. Aber ???? Ääääh wer ist hier die Schöne und das Biest???
    0 0 Melden
  • saderthansad 13.08.2016 15:19
    Highlight Das Web ist voll davon: Wenn die Zeit drängt und der Originalitätszwang drückt, dann wird allzu oft das mit der Schönen und dem Biest bemüht, ob treffend oder nicht.
    Warum nicht einfach weglassen. Es sind eh beide schön. Und es geht ja eigentlich um Tennis...
    28 0 Melden
    • Volande 13.08.2016 15:44
      Highlight Und dann noch «Waisenkinder» und «Tellschuss», ein wahrer Metaphernterrorist!
      22 1 Melden
  • Ratboy 13.08.2016 14:45
    Highlight Da hat sich der Herr Zaugg schön verrannt mit seinem ersten "trotz" Artikel...
    Mag sein, dass ich ein bisschen sensibel bin bei KZ Artikeln,
    aber diesen Titel finde ich extrem beleidigend.

    Aber der liebe Chronist! hat es auch nicht einfach-es wird auch wirklich jede Hafechäs von ihm gedruckt.
    34 2 Melden
  • Gsnosn. 13.08.2016 13:02
    Highlight Wer ist denn die schöne? :-p
    29 6 Melden
    • Gilbert Schiess 13.08.2016 14:22
      Highlight öhm, Martina
      5 6 Melden
  • Pasionaria 13.08.2016 13:00
    Highlight Klaus Zaugg
    Die Assoziation 'die Schöne und das Biest' scheint mir wirklich nicht passend, erkenne darin weder die eine noch die andere Spielerin! Ein von weit her geholter Vergleich, tönt aber gut!?
    Weniger reisserisch würde der Titel eher 'die mit dem Händchen und die mit dem Willen' lauten. Für diesen Halbfinal dann noch passender: die Glücklichen gegen die Leidvollen....
    Martina wird wohl nicht bereuen, dass ihre erste Wahl (ehemalige Landsfrau!) nicht zustande kam. Dies spätestens jetzt!

    Jedenfalls darf man sich auf den Final freuen.
    36 5 Melden
    • trio 13.08.2016 14:04
      Highlight Auf ihr Tennisspiel bezogen, stimmt das schon mit dem Titel. Aber so wirklich glücklich finde ich die Wahl auch nicht.
      11 3 Melden
  • Luca Brasi 13.08.2016 12:23
    Highlight Oho, läuft da was unter den Sandstränden von Rio zwischen Herrn Zaugg und Frau Hingis? Die Schöne...alter Schlawiner...Hehe. 😉
    45 3 Melden
  • _stefan 13.08.2016 10:04
    Highlight «unabsichtlicher Treffer»? Wohl kaum!
    Es gehört einfach zum Doppel dazu, dass auf den Körper gespielt wird. Hingis hat ganz klar versucht, Hlavackova in die Defensive zu drängen. Eine gute Doppel-Spielerin ist für solche Bälle gewappnet.
    26 35 Melden
    • Raembe 13.08.2016 10:21
      Highlight Trotzdem am Kopf treffen wollte sie die Tschechin sicher nicht.
      80 7 Melden
    • politico 13.08.2016 10:34
      Highlight Natürlich war der Volley auf den Körper Absicht. Aber dass der genau aufs linke Auge prallt, war wohl nicht geplant...
      76 3 Melden
    • FrancoL 13.08.2016 13:39
      Highlight Auf den Körper heisst nicht unbedingt auf den Kopf. Ist ja auch logisch, wenn ich auf Kopfhöhe ziele riskiere ich dass der Ball wenn er denn nicht trifft ins Aus fliegt, also viel zu viel Risiko, bringt also gar nichts.
      Also kurz mal überlegen was auf den Körper ziel heissen würde.
      Kommt dazu dass der Volley stark auch von trainierten Reflexen beeinflusst wird und diese sind auch nicht auf Kopfhöhe angesiedelt, sondern in Flugbahnen die wenn möglich immer noch im Feld landen.
      5 3 Melden
  • Bruno Wüthrich 13.08.2016 09:35
    Highlight Einsicht oder Resignation? Nicht von Anfang ihrer Karriere an, aber seit einigen Jahren, verliert Martina Hingis, wenn ich ein Spiel von ihr anschaue. Weil Doppel- und Mixedmatchs nur selten übertragen werden, war die jedoch nur selten der Fall.

    Gestern ging ich nach 5:7 0:3 ins Bett. Ich wollte die Niederlage nicht miterleben, hatte aber irgendwie im Gefühl, dass Martina und Timea besser spielen würden, wenn ich nicht mehr schauen würde.

    Und siehe da: Tatsächlich! Am Ende ein dramatischer Sieg. Und die Erkenntnis, dass die Schweiz diese Medaille auch ein Bisschen mir zu verdanken hat. ;-)
    87 26 Melden
    • pun 13.08.2016 10:38
      Highlight Lässt sich dieses "Talent" auch auf andere Sportarten anwenden? Dann wärs mir nämlich ganz lieb, sie würden in den nächsten Wochen kein Spiel des FC St. Gallens anschaun. ;-) ... Nur bis sie über den Berg sind?
      66 2 Melden
    • hoi123 13.08.2016 11:17
      Highlight Besser er würde viele Spiele des FCSG schauen dann steigen sie ab
      15 25 Melden
    • Volande 13.08.2016 11:38
      Highlight Das funkt immer, AUSSER beim FC St.Gallen.
      12 3 Melden
    • Dan Rifter 13.08.2016 12:06
      Highlight Jetzt ist mir auch klar, wie es die Tigers damals in den grünen Teil des Teletext geschafft haben. :-)
      17 0 Melden
    • TanookiStormtrooper 13.08.2016 12:20
      Highlight @pun
      Oder viele GC Spiele anschauen, dann gibt es nächste Saison wieder ein Züri-Derby ;D
      25 2 Melden
    • Imfall 13.08.2016 13:30
      Highlight das gibts nur wenn gc niederhasli oben bleibt
      4 8 Melden

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