Sport

Bauernschlau zu Olympia

14.02.1988: «Eddie The Eagle» begeistert die Welt: Mithüpfen ist wichtiger als gewinnen

14. Februar 1988: Der legendärste Skispringer aller Zeiten betritt die olympische Bühne. «Eddie The Eagle» hat die dicksten Brillengläser und hüpft mehr, als er springt - der Brite ist bis heute ein unumstrittener Publikumsliebling.

14.02.15, 00:01

Er ist der lebende Beweis, dass es bei Olympischen Spielen nicht nur um Medaillen geht: Michael Edwards. Seit er ein kleiner Bub ist, träumt er davon, einmal an diesem Grossanlass teilzunehmen. Er versucht sich als Skifahrer, verpasst die Olympiaqualifikation für Sarajevo 1984. Leider ist der weitsichtige Michael nicht mit übermässig grossem sportlichen Talent gesegnet. Dafür mit einer grossen Portion Bauernschläue.

Als Edwards in Lake Placid, der Olympiastadt von 1980, ist, entdeckt er die Skisprungschanzen und stellt fest, dass die Sportart einerseits olympisch ist und es andererseits keinen einzigen britischen Athleten gibt, der sie ausübt. «Also habe ich mir gedacht, dass ich das mal versuchen sollte», erinnert er sich.

Rosa Anzug, topmoderne Brille: Michael Edwards hat alle Voraussetzungen, um durchzustarten.

Der internationale Durchbruch gelingt ihm 1987, keine zwei Jahre nachdem er erstmals vom Skispringen gehört hat. Mit 73,5 Metern stellt er an der WM in Oberstdorf den britischen Rekord auf.

Dass der Maurer mit den Flaschenböden als Brille mit dieser Leistung Letzter wird – wen kümmert's? Die Herzen des Publikums erobert der 24-Jährige im Sturm. Michael Edwards nennt ihn niemand mehr, fortan ist er ein Adler: «Eddie The Eagle.»

Von kleinen Rückschlägen lässt sich ein Adler nicht beeindrucken.

Olympischer Höhenflug

1988 in Calgary geht der grosse Traum des kleinen Vogels aus dem englischen Cheltenham in Erfüllung: Er ist Teilnehmer Olympischer Spiele. Einige Kilos schwerer als alle Konkurrenten, mit schlechterer Technik, aber genau gleich grossem Mut, sich in die Tiefe zu stürzen.

«Für mich war allein die Teilnahme an Olympischen Spielen so viel Wert wie eine Goldmedaille.»

 

Daumen hoch! Die Olympia-Quali ist geschafft.

Abgeschlagen Letzter auf der Normalschanze, Schlusslicht auf der Grossschanze, Erster bei den Fans. Angeblich unterbricht selbst der amtierende US-Präsident Ronald Reagan eine Sitzung kurz, um das Phänomen der Schanze zu sehen.

An der Abschlussfeier vor 100'000 Zuschauern erwähnt ihn OK-Chef Frank King in seiner Rede, als er die Leistungen der Sportler würdigt: «Sie haben Weltrekorde gebrochen, persönliche Bestleistungen aufgestellt und einer von ihnen flog gar wie ein Adler!». Für Edwards stellen diese Worte den grössten Moment seiner Karriere dar: «Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.»

Nochmals die Brille putzen und dann runter in die Tiefe: «Eddie The Eagle» in Calgary. Video: Youtube/DannielPL

Gefeiert wie ein Rockstar

Als er zurück nach England fliegt, erwarten ihn am Gepäckband zwei Dutzend Polizisten. «Wir helfen Ihnen, durch den Flughafen zu kommen», sagen sie dem verdutzten Skispringer.

Dieser realisiert erst als sich die Türen öffnen, was in der Heimat los ist: Mehr als 10'000 Leute erwarten ihn in London-Heathrow, Fernsehteams und Zeitungsreporter reissen sich um ihn. «Da wurde mir bewusst, dass ich offensichtlich etwas ausgelöst habe.»

Ab 3:15 Min: An der Abschlusszeremonie feiert ihn das ganze Stadion mit «Eddie! Eddie!»-Rufen. Video: Youtube/London 2012

Kurze Sprünge, grosse Wirkung

Den plötzlichen Ruhm nutzt der Engländer. Er schreibt ein Buch, nimmt Platten auf und ist mit diesen vor allem in Finnland populär – der Heimat von Matti Nykänen, dem zweifachen Goldmedaillengewinner von Calgary.

Er schreibt ein Buch und singt – sogar auf finnisch, Bierdose auf den LP-Covern inklusive.

«Zwei Jahre lang war ich unterwegs», blickt Edwards zurück. «Ich habe Einkaufszentren eröffnet, Achterbahnen und Hotels. Habe Schauspieler getroffen, unzählige Fernsehauftritte gehabt und bin um die ganze Welt geflogen. Aber nichts war so gut, wie in Calgary auf der Schanze oben zu stehen.»

Der Ruhm wird versilbert: «Eddie The Eagle» als Werbefigur.

Die «Eddie The Eagle»-Regel

«99 Prozent der anderen Springer fanden es gut, was ich tat», sagt der Adler. «Dank mir kam ihr Sport plötzlich auf Seite eins.» Aber den Funktionären ist der hüpfende Clown ein Dorn im Auge, so sehr er die Ernsthaftigkeit seines Unterfangens auch beteuern mag.

Wegen «Eddie The Eagle» verschärfen sie die Regeln so, dass Exoten nur noch an Olympischen Spielen teilnehmen dürfen, wenn sie ein gewisses Niveau erreichen.

«Eddie The Eagle» blickt 2012 auf seine Karriere zurück. Die Augen sind mittlerweile operiert, seine charakteristische Brille weg. Video: Youtube/TomCarstairs

In England immer noch C-Promi

Köstlich: 2012 tritt der Skispringer als Austin Powers in einer Tanzshow des britischen Fernsehens auf. Video: Youtube/BBC

Im Januar 2013 siegte er gemeinsam mit Weltmeister Tom Daley in der englischen Variante des «TV Total Turmspringens». Video: Youtube/Tom Daley

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • obi 14.02.2015 13:38
    Highlight What a ledge.
    4 0 Melden

Ammann gewinnt nach 1722 Tagen endlich wieder – und schreibt mit Kumpel Küttel Geschichte

2. Dezember 2006: Simon Ammann gewinnt nach 1722 sieglosen Tagen endlich wieder ein Weltcup-Springen. Weil sein guter Freund Andreas Küttel Zweiter wird, sorgt das Duo für den ersten und bislang einzigen Schweizer Skisprung-Doppelsieg.

Viereinhalb Jahre oder umgerechnet 1722 Tage hat sie gedauert, die Leidenszeit des Simon Ammann. So lange musste er warten, bis er endlich, endlich seinen zweiten Weltcupsieg feiern durfte. In Lillehammer siegt der Toggenburger im zweiten Springen der Saison 2006/07 vor seinem Kumpel Andreas Küttel.

Genau ein Jahr nach seinem ersten Weltcupsieg an gleicher Stätte liegt Küttel bei Halbzeit noch knapp in Führung – 0,8 Punkte vor Ammann. Doch «Simi» kann das Blatt im Final noch …

Artikel lesen