Sport
epa04278250 Luis Suarez of Uruguay (R) reacts during the FIFA World Cup 2014 group D preliminary round match between Italy and Uruguay at the Estadio Arena das Dunas in Natal, Brazil, 24 June 2014. 

(RESTRICTIONS APPLY: Editorial Use Only, not used in association with any commercial entity - Images must not be used in any form of alert service or push service of any kind including via mobile alert services, downloads to mobile devices or MMS messaging - Images must appear as still images and must not emulate match action video footage - No alteration is made to, and no text or image is superimposed over, any published image which: (a) intentionally obscures or removes a sponsor identification image; or (b) adds or overlays the commercial identification of any third party which is not officially associated with the FIFA World Cup)  EPA/EMILIO LAVANDEIRA JR   EDITORIAL USE ONLY

Bild: EPA/EFE

Der verbissene Engel

Luis Suarez trank mit 14, verpasste Schiedsrichtern Kopfnüsse und reiste für seine Liebe nach Europa

Luis Suarez stammt aus armen Verhältnissen. Inzwischen ist er ein Weltklassestürmer. Warum immer diese Ausraster?

25.06.14, 13:14 25.06.14, 13:59

Lukas Rilke / spiegel.de

Ein Artikel von

Dreieinhalb Jahre ist es jetzt her, aber vielleicht hat die FIFA Glück und findet noch Spuren an der Schulter von Otman Bakkal. Der Weltverband ermittelt gegen Luis Suarez, den mutmasslichen Beisser von Natal, und kann für das Disziplinarverfahren Beweise gut gebrauchen. 

Da böte sich ein Vergleich der Abdrücke an, die der Uruguayer offenbar auf der Schulter von Italiens Giorgio Chiellini hinterlassen hat und derer, die Suarez' Zähne an gleicher Stelle bei Bakkal zurückliessen. 

Der Biss von Suarez gegen Bakkal. Video: Youtube/www.HDErdivisie.blogspot.com

«Spitzname Kannibale nach dem ersten Biss»

Damals, im November 2010, fiel Suarez erstmals als Beisser auf. Der Stürmer spielte bei Ajax Amsterdam, bei einer Rudelbildung in der Partie gegen die PSV Eindhoven beendete er einen Disput mit seinem Gegenspieler per Biss. Sein Klub hatte Suarez damals für zwei Partien gesperrt, der niederländische Fussballverband KNVB die Strafe später auf sieben Spiele erhöht. Den Spitznamen «Kannibale» gab es gratis dazu. 

Genie und Wahnsinn: Luis Suarez. Bild: TORU HANAI/REUTERS

Zwischen der Aktion und seinem Biss am Dienstagabend gegen Chiellini liegen nicht nur dreieinhalb Jahre und Dutzende Tore des Weltklassespielers Suarez, sondern auch immer wieder übelste Verfehlungen und Kontrollverluste auf dem Platz. Aussetzer, die auch nicht mit vorhergehenden Fouls und Beleidigungen durch die späteren Opfer zu entschuldigen sind. Und so ist Suarez nicht nur der vielleicht beste Stürmer der Welt, gejagt vom FC Barcelona und von Real Madrid, sondern auch der umstrittenste Spieler im Weltfussball, noch vor Portugals Pepe oder Italiens Mario Balotelli

«Luis tut alles, um zu gewinnen. Manchmal muss man ihm befehlen, sich zu benehmen»

«Sobald Luis den Platz betritt, ist er ein anderer Mensch», sagte Ron Jans im vergangenen Jahr dem «Guardian». Jans war Suarez' Trainer beim FC Groningen, die erste Station des damaligen Teenagers in Europa. 800'000 Euro hatte der Klub für das Talent an Nacional Montevideo gezahlt. Mit Hilfe seines Landsmanns Bruno Silva und des Brasilianers Hugo lebte sich Suarez in Holland schnell ein, lernte die Sprache, war beliebt bei den Mitspielern, erinnerte sich Jans. Gebissen hat Suarez in Groningen niemanden. 

Doch wenn das Spiel lief, wurde der «Familienmensch» (Jans) schon damals zum Problemfall: «Luis tut alles, um zu gewinnen. Manchmal muss man ihm befehlen, sich zu benehmen. Er muss seine Extreme in den Griff bekommen.» 

«Er ist ein Engel, aber auf dem Platz wird er zum Teufelskerl»

Der «Guardian» hatte Jans damals nach seinen Erfahrungen mit Suarez' Aussetzern gefragt, nachdem der Uruguayer - seit Januar 2011 beim FC Liverpool - in der Premier-League-Partie gegen den FC Chelsea seinen Gegenspieler Branislav Ivanovic biss, diesmal in den Arm. Die Folge: zehn Spiele Sperre. «Er ist ein Engel. Aber wenn er auf dem Rasen ist, wird er zu einem Teufelskerl», charakterisierte ihn anschliessend Arsenal-Coach Arsène Wenger. 

«Sie wäre längst nicht mehr mit mir zusammen, würde ich mich abseits des Platzes genau so aufführen.» 

Luis Suarez über seine Frau.

Der Engel, der Familienmensch, der Gefühlsmensch Suarez, der nach seinen beiden Toren zum 2:1-Sieg gegen England gar nicht aufhören konnte zu schluchzen, aus Dankbarkeit gegenüber seinem Physiotherapeuten, der ihn rechtzeitig fit bekommen hatte. Der verliebte Jungstar, der der Familie seiner Jugendliebe trotz besserer Angebote aus Südamerika nach Europa folgte und beim FC Groningen unterschrieb, nur um sie nicht zu verlieren? 

Herkunft als Grund für die Ausraster?

Wo bleibt diese Seite von Suarez, wenn es um Tore und Siege geht? Eine Seite, die seine Jugendliebe und heutige Frau Sofia nach Aussage von Luis Suarez dazu bringt zu sagen, sie wäre längst nicht mehr mit ihm zusammen, würde er sich abseits des Platzes genau so aufführen. 

Luis Suarez mit seiner Jugendliebe und heutigen Frau Sofia. Bild: AP

Für seine Ex-Trainer Jans und Martin Jol, der ihn später bei Ajax Amsterdam coachte, sind Suarez' südamerikanisches Temperament und seine Herkunft Grund für die Ausraster. Mit drei älteren und drei jüngeren Brüdern wuchs Suarez in bescheidenen Verhältnissen in der Stadt Salto im Nordwesten Uruguays auf, ehe die Familie in die Hauptstadt Montevideo umzog. Da war Luis Suarez sieben Jahre alt. Zwei Jahre später liessen seine Eltern sich scheiden. 

Vom Partykönig zum Musterprofi

In der Jugend fiel Suarez immer wieder durch Undiszipliniertheiten auf, verpasste einem Schiedsrichter eine Kopfnuss, trank zu viel und feierte die Nächte durch. Mit 16 Jahren riss er sich zusammen und schaffte den Sprung in das Profikader. Aus dem Partykönig wurde ein Musterprofi. 

Sämtliche Coaches schwärmen seitdem von der Besessenheit, mit der Suarez trainiert. «Er ist absolut unermüdlich», sagt stellvertretend sein aktueller Coach beim FC Liverpool, Brendan Rodgers. Sein Mitspieler Steven Gerrard nennt ihn den besten Spieler, mit dem er jemals zusammen kickte. Rodgers schwärmt ebenfalls von der Intelligenz seines «besten Spielers», selbst Marco van Basten, der Suarez bei Ajax trainierte und nie so recht mit ihm warm wurde, sagte anerkennend: «Er ist schwer zu beeinflussen, aber das macht ihn besonders.» 

Steven Gerrard (r.) sagt, Suarez sei der beste Spieler mit dem er je spielte. Bild: Michael Sohn/AP/KEYSTONE

Ausraster werden bleiben

Suarez weiss um sein Problem. Trainer und Mitspieler beschrieben ihn in der Vergangenheit nach seinen Eklats als am Boden zerstört. Bei Bakkal und Ivanovic bat er jeweils um Entschuldigung. «Manchmal denke ich nicht darüber nach, was ich tue. Das tut mir sehr leid, denn so bin ich eigentlich nicht. Ich muss hart an mir arbeiten.»

Leider stammt dieses Versprechen nicht von Dienstagabend, sondern ist dreieinhalb Jahre alt. So gerne man Suarez beim Toreschiessen zusieht: Die Hoffnung, dass aus dem Weltklassestürmer auch auf dem Platz noch ein Weltklassetyp wird, sollte man sich nicht machen.

Auf dem Fussballplatz wohl für immer unverstanden. Bild: AFP

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 25.06.2014 18:32
    Highlight Der Kerl sollte therapiert werden. Obs was nützt? Fraglich.
    1 1 Melden

Alle sagen, moderner Fussball sei super. Ich sage: Im modernen Fussball haben sich Saumoden eingenistet, die mich laufend kotzen lassen

Gestern. Chelsea vs. PSG. Ibrahimovic foult Oscar. Rote Karte. Rudelbildung. Rudelbildung! Gefühlte 45 Minuten Rudelbildung! 

Von den Junioren bis zum Erreichen des Champions-League-Niveaus spielen Profis ungefähr eine Zillion Spiele und erleben dabei eine Zillion strittige Szenen. Und in wie vielen Fällen hat der Schiedsrichter seine Meinung geändert? Nie.

Nie.

Fucking NIE!

Meiner zweijährigen Tochter brauche ich die Dinge zwischen zwei- bis fünfmal zu sagen, bis sie es begreift. Ein Hund …

Artikel lesen