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Als Hornusser verkleidet: Ärzte, Juristen, Bänkler und Versicherungsfachleute. Bild: KEYSTONE

Hornusser – die besseren Schweizer? Vielleicht. Jedenfalls haben Hornusser Stil

An den folgenden zwei Wochenenden zelebrieren die Hornusser den Vater aller Wettkämpfe: Das 37. Eidgenössische Hornusserfest in Limpach. Zeit, die Hornusser-Kultur etwas näher kennenzulernen.

23.08.15, 11:08 23.08.15, 11:35


Die Hornusser – senkrechte Musterschweizer und konservative Blocher-Buben? Völlig falsch. Hornusser sind aufmüpfiger, moderner, kritischer und internationaler als die meisten anderen Sportler. Seit mehr als 300 Jahren.

Alle drei Jahre wird den Hornussern urwüchsige Art, bodenständiges Wesen, erdgebundener Charakter quasi amtlich bescheinigt. Wenn die Politiker beim «Eidgenössischen» ihre Lobreden halten. Ueli Maurer wird beim diesjährigen Eidgenössischen in Limpach der Festredner sein.

Dieses Wochenende startet das eidgenössische Hornusserfest in Limpach. Bild: ehf limpach

Die Musterschweizer

Hornusser sind in der Tat Musterschweizer – aber anders, als die Festredner glauben. Hornusser sind kritisch, intelligent, weltoffen, gewiss im Geiste. Frank A. Meyer oder Adolf Muschg so nahe wie Christoph Blocher oder Adolf Ogi.

Hornussergesellschaften waren schon vor 300 Jahren im autoritären Stadtstaat Bern Keimzellen der Demokratie. Von Kanzeln herab wetterten die Pfarrherren gegen die Hornusser, und die Obrigkeit versuchte vergeblich, das Spiel zu verbieten.

Unabhängig von Beruf, Stand und Religion schlossen sich die Männer in den Hornussergesellschaften zu einer Interessengemeinschaft zusammen – Bauer und Knecht, Viehhändler und Melker, Advokat und Taglöhner, Söhne, Väter und Grossväter.

Als man in Paris die Wörter Guillotine und Robespierre noch nicht einmal buchstabieren konnte, wussten die Emmentaler dank den Hornussern schon, was die französische Revolution wollte.

Die 10 Hornusser-Gebote

1. Du sollst nicht mit ausgeliehenen Hornussern spielen, die nicht zu deiner Gesellschaft gehören.
2. Du sollst die gegnerische Gesellschaft achten.
3. Du sollst die Kampfrichter nicht belästigen und beschimpfen.
4. Du sollst vor dem Spiel das Spielreglement studieren damit du nicht ungerechtfertigt kritisierst.
5. Du sollst während des Spiels nicht zu viel trinken.
6. Du sollst dich nicht darum kümmern, was auf den anderen Spielfeldern vorgeht.
7. Du sollst einen Mitspieler, der einen Fehler macht, nicht mit Schimpfworten überhäufen. Sondern daran denken, dass dir das gleiche auch passieren kann.
8. Du sollst dich nicht über gegnerische Gesellschaften lustig machen.
9. Du sollst als Präsident einer Gesellschaft mit einem guten Beispiel vorangehen.
10. Du sollst nach dem Spiel die Kameradschaft pflegen, dich zu einem guten Glas Wein und einem Essen an den Tisch setzen, es aber nicht übertreiben.

Mit Alkohol und Gewalt konfrontiert

Im 19. Jahrhundert, als die demokratischen Ideale in der Bundesverfassung verankert waren, wurden die unbändigen Energien der Hornusserkultur frei, die Hornusser mutierten vorübergehend zu «Agrar-Rockern».

Sie sahen sich mehr als hundert Jahre vor dem modernen Sport in ihrem Spiel mit den Problemen Alkohol und Gewalt konfrontiert. Die Spieler, vom Branntwein erhitzt, machten rasch Schindel und Stecken zu Schlagwerkzeugen. Das «Nachspiel» zu einer Partie in Form wüster Schlägereien und Gerichtshändel entheiligte das Hornussen.

1886 forderte die Kirchensynode des Kantons Bern gar ein generelles Hornussenverbot. Doch die Hornusser brachten selber, ohne fremde Einmischung, Ordnung in ihr Spiel. Sie gründeten 1902 ihren Verband, organisierten 1907 eine Unfallversicherung für sämtliche Spieler.

Bänkler in der Überzahl

Die Hornusserbewegung hat sich dem Wandel der Schweiz vom Agrar- zum Industrie- und Dienstleistungsstaat angepasst. Heute sind die Bauern in der Minderheit. Ärzte, Juristen, Bänkler und Versicherungsfachleute in der Mehrheit.

Die ersten Hornusse wurden am Eröffnungsfest bereits durch die Luft geschlagen. Bild: EHF Limpach.

Durch den Beitritt zum Landesverband für Sport (1978) unterliegen die Hornusser sogar den Doping-Gesetzen. Fairplay wird grossgeschrieben. Vorbei die Zeiten, als der Nouss blau eingefärbt wurde, damit ihn die Abtuer vor dem Hintergrund des blauen Himmels nicht sahen. Heute ist undenkbar geworden, dass die Verlierer durch flegelhaftes Benehmen die Siegerehrungen verunmöglichen.

Konservativ? Mitnichten

Heute wird Schlauheit und Kreativität in immer sorgfältigere Materialvorbereitung investiert. Die Hornusser passen laufend die Reglemente und das Material zweckmässiger und umsichtiger den Erfordernissen der Entwicklung an, als die meisten olympischen Sportarten.

Aber doch politisch konservativ? Mitnichten. Im Bernbiet respektierten die Hornusser weibliche Kampfrichter, lange bevor die erste Frau im Grossen Rat sass und das Wort «Emanze» in die deutsche Sprache kam. Im Emmental sind Tamilen geschätzte und tüchtige Aktivmitglieder in Hornussergesellschaften. Die Trinkhörner als symbolische Preise importierten Hornusser aus Kostengründen schon in den 30er Jahren aus Argentinien. Gegen südafrikanische Gesellschaften trugen sie Wettkämpfe aus, als über dem Burenstaat wegen der Apartheid noch ein weltweiter Boykott lag.

Wäre die Apartheid ein Hornuss gewesen, die Hornusser hätten ihn weiter von sich weg geschlagen denn je zuvor.  Bild: KEYSTONE

Weil sich eine Hornusserpartie in der Regel über einen halben Tag lang hinzieht, bleibt viel Zeit für Gespräche – in den Emmentaler und Oberaargauer Dörfern sind die Hornussergesellschaften mächtiger als die politischen Parteien, mächtiger als die Fussball- und Hockeyklubs. So mancher politische Entscheid ist während des Hornusser-Spiels aufgegleist worden.

Im schwarzen Benz

Hornusser – die besseren Schweizer? Vielleicht. Jedenfalls haben Hornusser Stil. Der legendäre Ruedi Etter war während Jahren als Zentralpräsident oberster Hornusser und hatte als Offizier, Unternehmer und Nationalrat auch neben dem Ries viel Wasserverdrängung.

Er pflegte im pechschwarzen Mercedes vorzufahren. Als sein Mosterei-Imperium unter einem Schuldenberg zusammenbrach, floh er nicht feige auf die Bahamas. Er wählte den Freitod wie ein Mann von Welt.

Im schwarzen Benz.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Plöder 23.08.2015 13:21
    Highlight Die Regeln in einer verständlichen Sprache würden mich ebenso interessieren..
    2 1 Melden
  • oskar 23.08.2015 12:16
    Highlight ein humorvoller artikel. allerdings eher dem schalk als den tatsachen verpflichtet. ich kenne viele Emmentaler hornusser und kann bestätigen, dass diese stolz und bodenständig sind und in der gemeinde mehr zu melden haben als mancher politiker. sie sind aber auch oft stockkonservativ (bis reaktionär) und allen fremden gegenüber misstrauisch bis ablehnend eingestellt. und die erwähnten akademiker unter ihnen dürften nach wie vor die ausnahme sein. die meisten sind wohl mittlerweile gewerbler und bauern
    2 0 Melden
  • goalfisch 23.08.2015 11:43
    Highlight und ein Freitod ist nicht feige?

    sorry, klaus
    mit dem letzten satz ist der ganze artikel in sich zusammen gebrochen.
    28 3 Melden
    • mmh!pastis 23.08.2015 13:19
      Highlight Der ganze Artikel ist voller Sarkasmus, nicht nur diese letzte Bemerkung.
      2 0 Melden

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