Sport

Hier lerne ich gerade Segeln: Unvorhersehbare Einflüsse habe mir meine Herausforderung jedoch erschwert. Bild: watson/sandro zappella

Wie ich in einer Woche in den Kykladen segeln lernen wollte – und dabei Schiffbruch erlitt

Während sieben Tagen wollte ich die Weltmeere erobern. Doch ich musste leider realisieren, dass ich kein moderner Magellan bin, sondern eher eine Seegurke. Eine Reportage.

13.09.15, 17:50

«Du willst Segeln lernen? Los geht's!» Skipper Philipp weckt mich an meinem ersten Segeltag morgens um 6 Uhr – die Sonne über Paros ist noch nicht mal aufgegangen. Ich bin nach einer feuchtfröhlichen Nacht zu allem bereit, aber nicht zum Aufstehen. Schliesslich habe ich knappe zwei Stunden Schlaf in meiner ultrakleinen Kajüte hinter mir.

Ich habe mich gefühlt wie im Sarg: Mein Schlafplatz für eine Woche auf dem Segelschiff.  bild: watson/sandro zappella

Mein Kopf erinnert mich freundlich, aber bestimmt an meinen Weinkonsum vom Vorabend. Die erste meiner Vorstellungen, nämlich, dass ein Rausch das Wanken des Boots ausgleicht, stellt sich als unrichtig raus. Mein erstes Learning: Es macht es nur noch schlimmer, Minus und Minus ergibt nicht immer Plus.

Als Journalist auf hoher See

Ich bin der Typ, der schon am Seepferdchen im Schulschwimmen gescheitert ist. So viel zu meiner Liebe zum Wasser. Zudem können meine zarten Journalistenhände zwar flink auf der Tastatur tippen, für das Ziehen und Zerren an Seilen sind sie aber definitiv nicht geschaffen. Selbst durch das Pumpen an der Klospülung kriege ich Schwielen an den Händen.

Das Badezimmer: Dusche und WC, mehr braucht es nicht. 

Obwohl, oder gerade weil, ich nicht die besten Voraussetzungen mitbringe, stelle ich mich der Herausforderung des Segelns. Um die Schwierigkeit nochmals etwas zu erhöhen, frage ich Google vorab nicht, wie denn das genau funktioniert – kann ja nicht so kompliziert sein.

Raus aus dem Hafen

Zurück auf dem Boot: Dass mich Philipp bereits so früh am Morgen piesackt, hat einen guten Grund: Ein Boot neben uns am Hafen hat seinen Anker nicht richtig gelegt. In der stürmischen Nacht hat sich dieser losgerissen, das Boot wird gegen zwei weitere, kleinere Boote gedrückt, welche beschädigt werden und denen es ebenfalls den Anker rausreisst.

Bevor wir hier in einem spontanen Domino-Day landen, in dem unser Boot der nächste Stein ist, heisst es: Weg hier und zwar sofort. Unter Mithilfe von Skipper Philipp schaffe ich es gerade noch rechtzeitig, den Anker einzuholen und wir können den Hafen unbeschädigt verlassen.

Herr über dieses Boot wollte ich werden. bild: watson/sandro zappella

Statt gemütlich über das Wasser zu gleiten, stürmt es während meiner jungfräulichen Segelfahrt in den Kykladen schon ordentlich. Der Meltemi, der vorherrschende Wind während des Sommers in der Ägäis, begleitet uns auf meiner ersten Segeltour. Die hohen Wellen, welche das Boot schon mal schräg ins Wasser stellen, fordern die ersten Opfer, welche sich der umgekehrten Peristaltik hingeben. Dass ich gegen Seekrankheit resistent bin, weiss ich seit diesem Tag. Glück für mich, sonst hätte es meine Mission weiter erschwert.

Transparenz-Box

Philipp Gaschütz hat 2009 das Segeltour-Unternehmen «Seven Sails» gegründet und Segelreisen im Mittelmeer, der Karibik und den Seychellen veranstaltet. Die Segeltour erfolgte auf Einladung von Philipp, welcher dem Autoren während einer Woche versuchte, das Segeln beizubringen.​

Ich bin Pinky, Philipp ist Brain

Ich mache Knoten, löse Seilbremsen, kurble auf der Winsch, setze Segel und vor allem eines: Ich habe keine Ahnung davon, was ich da eigentlich mache. Ich bin Pinky, Philipp ist Brain. Nicht denken, bloss ausführen ist meine Devise für den ersten Tag, während Philipp die Welt(meere) erobert. Immerhin habe ich bereits gelernt, den Anker einzuholen respektive zu legen. Ausserdem beherrsche ich den Webeleinstek-Knoten, was deutlich schwieriger klingt, als es tatsächlich ist.

Mit dieser Bedienung den Anker einholen und auswerfen: Etwas vom Wenigen, was ich auf dem Boot perfekt beherrsche. bild: watson/sandro zappella

Die folgenden Tage laufen ähnlich ab. Ich lerne zwar, wie wild auf der Winsch zu kurbeln. Doch welches der Seile jetzt die Grossschot ist und in welchem Moment ich kurbeln muss, will mir einfach nicht in den Kopf. 

Dazu meint es Poseidon nicht gerade gut mit uns. Es ist kaum Wind angesagt für die kommenden Tage, trotzdem geraten wir in einen Sturm der Stärke 8-9. Fliegendes Wasser und Zwei-Meter-Wellen begleiten uns während Stunden, doch Skipper Philipp sagt immer wieder: «Das Boot ist unsinkbar.» Naja, haben sie von der Titanic auch behauptet. Aber natürlich vertraue ich Philipp. Etwas anderes bleibt mir auch nicht übrig.

Ich brauche durchschnittlich 30 Minuten, um meine Kopfhörer zu entwirren. Wie soll ich nur da nur diese Seile kontrollieren? bild: watson/sandro zappella

Das Dingi-Beiboot, welches bei uns auf dem Deck befestigt ist, bläst es irgendwann gar weg und es hängt in den Seilen. Mit etwas Glück können wir es etwas später doch noch retten. Trotzdem habe ich ein zweites Learning: Die Wettervorhersagen hier sind in etwa so zuverlässig wie ein einheimischer Finanzberater. Seekrank bin ich auch bei diesen Turbulenzen kein bisschen geworden. Das macht Mut! Vielleicht werde ich dank meinem strammen Magen ja doch noch Inselentdecker oder Freizeitpirat.

Das Verhängnis

Eine Woche: Das klingt ziemlich lang, um etwas zu lernen. Auch fürs Segeln. Mein Sportchef Reto Fehr behauptet, er hätte es als Schüler mal an einem Tag gelernt. Aber der ist eh sowas wie ein sportlicher Superheld und schafft es auch, mit dem Velo durch alle 2324 Gemeinden der Schweiz zu fahren. 

Ich brauche da etwas länger. Und obwohl ich ziemlich viel Theorie nötig hätte, komme ich einfach nicht zum Büffeln, dafür gibt es schlicht zu viel Ablenkung. Entweder sind es spontane Boots-Partys oder die Workouts mit Fitnesscoach Armin vom Nachbarboot, die mich davon abhalten, mal in Ruhe hinzusitzen und zu lernen, wie man Kapitän wird. 

Workout auf den Schiffen: Während ich fleissig trainiere, liegt Fabiano, der Skipper des zweiten Schiffes, gemütlich in der Hängematte. 

Und da ist noch die ganze Atmospähre. Wer will es denn schon verpassen, in den Sonnenuntergang zu segeln, oder ins glasklare Meer zu springen? Dafür bin ich einfach zu schwach. Dazu kommt die Müdigkeit. Das Schlafen in meiner Kajüte habe ich aufgegeben, die Nächte verbringe ich pseudo-romantisch auf dem Deck – mit Blick auf den Sternenhimmel. Das ist zwar schön, mein Rücken vermisst trotzdem eine komfortable Matratze.

Braucht jemand einen Bootsjungen?

Mit der Theorie mache ich also, was ich am besten kann: Ich schiebe sie auf. Doch auf einmal ist der letzte Tag da und Philipp testet mich: «Naaa Sandro, wir setzen Segel, was müssen wir machen?» Unsicher wie ein jungfräulicher Matrose antworte ich: «Ähm ja, gegen den Wind fahren erstmal.» Immerhin das weiss ich. Dann bin ich mit meinem Latein praktisch am Ende. 

Die Seile müssen auf die Winsch und die Segel hochgezogen werden. Aber in welcher Reihenfolge? 

Welches Seil muss wann auf welche Winsch? Segeln ist komplexer, als ich es mir vorgestellt habe.  bild: watson/sandro zappella

Philipp hilft mir auf die Sprünge, dann klappt es ganz gut. Befehle ausführen, das kann ich schliesslich wirklich gut. Trotzdem muss ich realisieren, dass ich als Kapitän definitiv versagen würde. Immerhin würde ich einen durchaus brauchbaren Bootsjungen hergeben. Und so segle ich der Sonne entgegen, mit der leisen Hoffnung, vielleicht doch mal noch Herr über Seile und Segel zu werden.

Ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder Artikel über das Segeln muss mit einem Bild enden, wie jemand in den Sonnenuntergang segelt. Voilà. bild: watson/sandro zappella

Dieser Mann lebt für das Abenteuer

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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