Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Christian Stucki jubelt nach seinem Sieg gegen Daniel Boesch im ersten Gang, beim Unspunnen-Schwinget 2017 am Sonntag, 27. August 2017 in Interlaken. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Curdin Orlik liegt am Boden, Christian Stucki ballt die Siegerfaust. Bild: KEYSTONE

Wenn Könige fallen wie Knechte – Christian Stuckis grösster Triumph

Christian Stucki feiert seinen grössten Sieg und bewahrt die Berner bei einem grandiosen Unspunnen-Fest vor einem Debakel.



Unspunnen 2017. Die kreativsten Köpfe der besten Werbebüros der Welt wären nicht dazu in der Lage, einen auch nur annähernd so guten Werbespot über die Schweiz zu produzieren.

Das friedliche Fest. Das Wetter, nicht strahlend schön, immer ein paar zur Demut mahnende Wolken am Himmel. Die Kulisse mit den Bergen, Wäldern und Silhouetten der Luxushotels. Alles wunderbar besungen, bejodelt und bealphornt.

Ein grosses Fest. 15'800 Zuschauer. Aber nicht zu gross. Grad in der richtigen guthelvetischen Dimension, die Platz für Bescheidenheit lässt und niemanden hoffärtig werden lässt. Ohne die brummende, tosende Vermarktung und dem inzwischen fast an olympischen Gigantismus mahnenden, immer grösseren Rahmen eines Eidgenössischen Schwingfestes.

Zuschauer verfolgen das Geschehen in der Arena am Unspunnen Schwinget, am Sonntag, 27. August 2017, in Interlaken. (KEYSTONE/Peter Schneider)

15'800 Zuschauer fanden den Weg nach Interlaken. Bild: KEYSTONE

Wahrlich, der «Mythos Unspunnen» lebt und seine Erfinder hätten es sich zu Beginn der 1800er Jahre nicht träumen lassen, dass ihre Idee Jahrhunderte und alle politischen Stürme überstehen und auch noch im 21. Jahrhundert eine so starke politische, kulturelle und sportliche Ausstrahlung in der Schweiz des 21. Jahrhunderts haben würde.

Unspunnen wurde von unseren Vorvätern erfunden, um unser Brauchtum zu pflegen, Stadt und Land zusammenzuführen und in unsicheren Zeiten eine Identität zu stiften. Genau das war Unspunnen auch 2017. Und natürlich war es auch Sport. Grosser, dramatischer Sport.

«Unspunnen 2017» hat auch auf begeisternde Art und Weise die dynamische Entwicklung des Schwingens bestätigt. Könige sind gefallen wie Knechte und am Ende triumphierte mit dem sanften Titan Christian Stucki einer, der noch nie auf dem Thron sass, aber als «König der Herzen» der populärste «Böse» aller «Bösen» ist.

Christian Stucki praesentiert den Siegerstier

Christian Stucki mit Siegermuni «Gottlieb».  Bild: KEYSTONE

Dass auch mächtigen sportlichen Königen die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dass am Ende jener einen dramatischen Schlussgang gewinnt, den wir nicht nur respektieren und bewundern, sondern vor allem wegen seiner gemütlichen Art mögen: Das gefällt uns freien Schweizern ja mindestens so gut wie schönes Brauchtum.

Nur der «König der Herzen» ist stehen geblieben. Christian Stucki (32), der Titan mit dem weichen Herzen. Er hat als erster Berner seit 30 Jahren Unspunnen gewonnen. Der letzte war 1987 Niklaus Gasser.

Nach Kilchberg 2008 triumphierte Christian Stucki zum zweiten Mal bei einem Fest mit eidgenössischem Charakter. Also mit allen Bösen des Landes. Nun ist ihm auch ohne Königstitel ewiger Ruhm sicher. Nicht einmal die Könige Karl Meli, Rudolf Hunsperger und Ernst Schläpfer haben Unspunnen und Kilchberg gewonnen.

Christian Stucki, oben, besiegt Curdin Orlik im Schlussgang beim Unspunnen-Schwinget 2017 am Sonntag, 27. August 2017 in Interlaken. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Die Entscheidung: Stucki drückt Curdin Orlik zu Boden.  Bild: KEYSTONE

Ja, Christian Stucki hat die Berner vor einer Demütigung sondergleichen bewahrt. Sie beginnen nämlich dieses Fest mit Karacho. Christian Stucki braucht gegen Titelverteidiger Daniel Bösch und Marcel Mathys nicht einmal eine Minute zur Maximalnote. Nach zwei (von sechs Gängen) finden wir in der Rangliste unter den ersten neun nicht weniger als sechs Berner.

Die Diskussionen drehen sich nicht mehr darum, ob die Schmach von 2011 (als die Berner nach drei Gängen schon keine Chance mehr auf den Festsieg hatten) getilgt wird. Der Sieg scheint sicher. Die Frage ist nur noch, an wen er fallen würde. An die Könige Matthias Sempach und Kilian Wenger? Oder doch eher an Christian Stucki? Und die Kenner diskutieren bereits, ob das Einteilungskampfgericht mangels konkurrenzfähiger Gegner gar schon im dritten oder doch spätestens im vierten Gang Berner gegen Berner antreten lassen muss.

Matthias Sempach, links, und Kilian Wenger schreiten ueber das Gelaende am Unspunnen Schwinget, am Sonntag, 27. August 2017, in Interlaken. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Weder Sempach noch Wenger schwingen um den Sieg mit. Bild: KEYSTONE

Und dann geht das bernische «Königreich der Bösen» nach der Mittagspause innert ein paar Minuten beinahe unter. Die Könige fallen auf einmal wie Knechte. Gleich nacheinander verlieren die Könige Kilian Wenger (gegen Armon Orlik) und Matthias Sempach (gegen Reto Nötzli) und sind aus dem Rennen.

Aber Christian Stucki bleibt stehen. Er siegt auch im dritten und im vierten Gang und sichert sich mit einem «Gestellten» gegen den wehrhaften Sven Schurtenberger im fünften Durchgang die Qualifikation fürs Finale.

Dieser Schlussgang gegen den «Papier-Berner» Curdin Orlik gerät zum Drama. Erst knapp eine Minute vor Ablauf der Kampfzeit gelingt ihm unter Aufbietung aller seiner urweltlichen Kräfte doch noch, seinen Gegner zu bezwingen. Schon beginnen die verzagten unter seinen Anhängern zu resignieren. Nein, es reicht nicht mehr. Und dann folgt sozusagen ein schwingerisches Naturereignis: Welch ein Bild, wie der wahrscheinlich kräftigste Mann des Landes mit einer letzten, gewaltigen Willensanstrengung doch noch den grossen Triumph erringt. Im Falle eines Unentschiedens hätte Joel Wicki den Festsieg geerbt.

Play Icon

Der entscheidende Zug im Schlussgang. Video: streamable

Christian Stucki ist ein Titan mit einem sanften Gemüt über den sein Lehrer Hansjörg Wegmüller (7. Bis 9. Klasse) einmal gesagt hat: «Christian überragte alle anderen um mehrere Kopflängen. Er war aber immer sehr rücksichtsvoll gegenüber allen Mitschülern. Auch bei Ballspielen. Oft verzichtete er auf den eigenen Vorteil. Sowieso war er gegenüber Kleineren und Schwächeren immer behilflich. Hob die Kleinen sogar auf eine Mauer, damit er mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren konnte. Christian war ein sympathischer, guter Schüler und so bescheiden, dass er seine Erfolge bei den Jungschwingern nie erwähnte.»

Christian Stucki posiert fuer ein Foto mit einem jungen Fan, nach seinem Sieg im ersten Gang gegen Daniel Boesch, beim Unspunnen-Schwinget 2017 am Sonntag, 27. August 2017 in Interlaken. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Stucki posiert mit einem jungen Fan. Bild: KEYSTONE

«Jetzt gehe ich erst einmal duschen …»

Christian Stucki

So wie er als Schüler war, so ist er auch heute noch, mit 32 Jahren und längst zum Titanen von 198 Zentimetern Grösse und gut und gerne 150 Kilo Gewicht herangewachsen. Dass er noch nie König war, dürfte seine Ursache in eben dieser Art haben: Der ultimative Ehrgeiz, die königliche Verbissenheit ist nicht seine Sache. Und er sagte gestern deshalb auch, dass der Schlüssel zum Erfolg eine Zielstrebigkeit war, um die er sich gerade in dieser Saison bemüht habe. Und wie es seine Art ist, hat er gleich nach dem wohl grössten Triumph seiner Karriere seinen Gegner gewürdigt und zur starken Leistung gratuliert. Und auf die Frage, was er nun tun werde, entgegnete er, so typisch «Stucki Chrigu»: «Jetzt gehe ich erst einmal duschen …»

Die hässlichsten und kuriosesten Pokale im Sport

Unvergessene Kampfsport-Geschichten

22.01.2010: Beim Einmarsch ist «Uzzy» mindestens Ali oder Tyson – dann fällt er wie ein Sack

Link to Article

21.06.1969: Boxer Norbert Grupe gibt das lustigste «Interview» der Geschichte, indem er einfach schweigt

Link to Article

28.06.1997: Mike Tyson beisst im legendärsten Boxkampf aller Zeiten ein Stück von Evander Holyfields Ohr ab

Link to Article

24.06.1998: Ein MMA-Fight mit 196 Kilo Gewichtsunterschied – und einem unerwarteten Ende

Link to Article

01.10.1975: Der «Thrilla in Manila» zwischen Ali und Frazier wird zum (ewigen?) Höhepunkt der Box-Geschichte

Link to Article

13.12.1997: Stefan Angehrn zermürbt Torsten May und träumt vom grossen Geld – stattdessen landet er in der Schuldenfalle

Link to Article

11.02.1990: Gegen 42:1-Aussenseiter James Douglas geht Mike Tyson im 38. Kampf erstmals k.o.

Link to Article

30.10.1974: Die «Biene» Ali sticht «Bär» Foreman im «Rumble in the Jungle»

Link to Article

05.11.1994: 20 Jahre nach dem «Rumble in the Jungle» wird George Foreman ältester Boxweltmeister aller Zeiten

Link to Article

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

Link to Article

20.08.1931: Happy Birthday, Don King! Die schrägste und kontroverseste Figur der Sportwelt erblickt das Licht der Welt

Link to Article

08.03.1971: Der «Kampf des Jahrhunderts» und die Auferstehung eines Champions

Link to Article

04.01.2010: Stucki Christian fliegt nach Japan, um sich mit Sumoringern zu messen – dabei entsteht dieses witzige Bild

Link to Article

22.08.2010: Wenger stürzt König Abderhalden und darf sich selber krönen lassen

Link to Article

25.01.1995: King Cantona flippt aus – er setzt zum legendärsten Kick der Fussball-Geschichte an

Link to Article

06.02.1988: Der berühmteste Griff in die Eier 

Link to Article

13.09.1985: Gabet Chapuisat zertrümmert Lucien Favres Knie – das schlimmste Foul im Schweizer Fussball lässt beide bis heute nicht los

Link to Article

07.03.2007: Johann Vogel droht Köbi Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

Link to Article

03.04.1999: Titan Kahn tickt komplett aus – erst knabbert er Herrlich an, dann fliegt er in Kung-Fu-Manier auf Chapuisat zu

Link to Article

24.09.1983: Der «Schlächter von Bilbao» setzt Maradona mit der «brutalsten Blutgrätsche aller Zeiten» für 108 Tage ausser Gefecht

Link to Article
Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

Themen
1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Troxi 27.08.2017 20:56
    Highlight Highlight Das Unspunnen war an Dramatik nicht zu überbieten. Ich freute mich bereits als Innerschwizer über den Sieg des ISV, als 61s vor Ablauf der Zeit des Schlussganges, Stucki den Orlik ins Sagmähl betten konnte. Ich freue mich allerdings sehr für den Erfolg von Stucki. Ich finde ihn extrem Sympathisch und wenn die ISV weg vom Fenster sind hoffe ich jeweils auf ein Sieg von Stucki. Hoffentlich macht er noch ein paar Jahre, wäre schön ihn auch am Eidgenössischem in Zug zu sehen.
    73 2 Melden

Dario Simion – einer, der gekommen ist, um zu bleiben

Die Schweiz besiegt die Slowakei zum Auftakt des Deutschland Cup 3:2. Zugs Dario Simion ist auf dem Weg zu einem WM-Aufgebot.

Die alten Bauern wussten: «Novemberkatzen» haben kein langes Leben. Katzen, die im November das Licht der Welt erblickten, waren in der Regel zu schwach, um den Frühling zu erleben.

In gewisser Weise gilt diese Bauernweisheit für viele Spieler, die im November zu den «Operetten-Länderspielen» aufgeboten werden. Nur wenige werden im Frühjahr bei der WM noch dabei sein. Dies gilt beispielsweise für Lino Martschini. Er blieb beim 3:2 gegen die Slowakei ohne Eintrag in der Skorerliste und …

Artikel lesen
Link to Article