Syrien
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Rubble covers the street following an alleged airstrike by a Syrian army helicopter in the northern city of Aleppo, on June 11, 2014. More than 162,000 people have been killed in Syria since the conflict broke out in March 2011, the Syrian Observatory for Human Rights said in a new toll published on May 19. AFP PHOTO /ZEIN AL-RIFAI

Bürgerkriegsinferno: Aleppo nach einem Luftangriff von Regierungstruppen.  Bild: AFP

Flucht aus Syrien

Die schlimmste Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg – und Europa macht die Schotten dicht

Millionen fliehen vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Immer mehr von ihnen suchen Zuflucht in Europa. Das ist nach wie vor nur ein Rinnsal – verglichen mit den Flüchtlingsströmen, die von den Nachbarländern Syriens aufgenommen wurden. 

13.06.14, 17:06 25.06.14, 15:34

Seit März 2011 tobt in Syrien ein zunehmend blutiger Bürgerkrieg. Mehr als 150'000 Menschen sind den erbitterten Kämpfen schätzungsweise schon zum Opfer gefallen. Von den Überlebenden leidet gemäss einem UNO-Bericht jeder fünfte an Mangelernährung oder Hunger. 

Kein Wunder, fliehen die Menschen vor Elend und Gewalt. 45 Prozent der rund 20 Millionen Syrer sind mittlerweile auf der Flucht; die meisten davon – etwa sechs Millionen – sind Vertriebene im eigenen Land, sogenannte Binnenflüchtlinge. 2,8 Millionen Syrer sind laut den neusten Zahlen des UNO-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) aus ihrem zerrissenen Land geflohen. Hilfswerke bezeichnen die Tragödie als schlimmste Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Flucht aus Syrien

Anzahl der registrierten Flüchtlinge aus Syrien (Dezember 2011 bis Juni 2014).  Grafik: UNHCR

«Festung Europa» schottet sich ab

Syrien liegt gewissermassen vor der Haustür Europas: Von Damaskus ist es nur etwa halb so weit nach Zypern wie nach Bagdad. Mit der Türkei, die teilweise in Europa liegt, hat das Land eine lange gemeinsame Grenze. Dennoch sind bisher nur sehr wenige Flüchtlinge aus Syrien in die «Festung Europa» gelangt; Griechenland und Bulgarien, die europäischen Nachbarländer der Türkei, haben ihre Landesgrenzen mit Zäunen gesichert

Das UNHCR hat Europa aufgefordert, dieses Jahr 30'000 und 2015/2016 weitere 100'000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Rund 20'000 sind bisher in Form von Kontingenten auf die Aufnahmeländer verteilt worden; am grosszügigsten hat sich dabei Deutschland gezeigt, das allein mehr als die Hälfte davon aufgenommen hat. Am 12. Juni beschlossen die Innenminister von Bund und Ländern zudem die Aufnahme von weiteren 10'000 Flüchtlingen. 

Die Schweiz hat für die nächsten drei Jahre 500 Plätze zugesagt; 150 Personen sind bereits aufgenommen worden. Zu wenig, findet das schweizerische Hilfswerk HEKS, das eine Erhöhung des Kontingents von 500 auf 5000 Flüchtlinge fordert. 

Syrische Asylbewerber

Allerdings gelangen die Flüchtlinge nicht nur über Kontingente des UNHCR ins Land. Bedeutend mehr versuchen ihr Glück als Asylbewerber. In Deutschland haben seit Beginn des Konflikts etwa 32'000 Menschen aus Syrien ein Asylgesuch gestellt; jeden Monat kommen rund 1'800 neue dazu. 

In der Schweiz ersuchten im ersten Quartal 2014 beinahe 1200 Syrer um Asyl. Sie machten – vor jenen aus Eritrea und Sri Lanka –  fast ein Viertel aller Asylanträge aus. Im gesamten Jahr 2013 gab es 1'901 Asylgesuche von syrischen Flüchtlingen. 

Ein grosser Teil dieser Asylgesuche wurde laut Angaben des Bundesamts für Migration (BFM) von Personen eingereicht, die Verwandte in der Schweiz haben. Für diese syrischen Staatsangehörigen erliess das Eidgenössische Justiz– und Polizeidepartement (EJPD) eine zeitlich begrenzte Visaerleichterung. 3'000 weitere Gesuche für eine erleichterte Erteilung eines Visums seien derzeit noch hängig; vermutlich werden von den Menschen, deren Antrag bewilligt wird, ebenfalls viele um Asyl ersuchen. 

(Smartphone-User für eine zoombare Version bitte hier klicken.) Tabelle: Bundesamt für Migration (BFM)

Bootsflüchtlinge bei der Ankunft in Palermo, Sizilien.  Bild: EPA/ANSA

Immer mehr Bootsflüchtlinge

Die Zahl der Asylgesuche dürfte zudem weiter steigen, da in Süditalien und Malta immer mehr Bootsflüchtlinge anlanden – jene, die ihre gefährliche Reise überhaupt überlebt haben. Gerade über Pfingsten kam es zu einem regelrechten Massenansturm; tausende Flüchtlinge kamen in Süditalien an. Viele von ihnen sind aus Syrien. Sie werden in Auffanglager gebracht oder machen sich auf den Weg nach Norden

Aufnahme syrischer Flüchtlinge in Europa

Kontingente des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in verschiedenen Ländern (ohne Asylgesuche). Quelle: UNHCR

Die meisten bleiben in der Region

Die Zahl der syrischen Flüchtlinge, denen es gelingt, die Grenzschranken der «Festung Europa» zu überwinden, ist freilich verschwindend klein, verglichen mit all jenen, die in den Ländern der Region selbst Zuflucht suchen. Im Irak, der selbst am Rande eines Bürgerkriegs steht, leben derzeit etwa 225'000 syrische Flüchtlinge – weit mehr als bisher in Europa insgesamt aufgenommen wurden. 

Am meisten syrische Flüchtlinge halten sich derzeit im Libanon auf, der enge kulturelle und historische Bande mit Syrien hat. Zu den nur gerade 4,5 Millionen Einwohnern des fragilen Levante-Staates sind knapp 1,1 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hinzugekommen. Und auch in Jordanien, mit gut 6 Millionen Einwohnern ebenfalls kein demographisches Schwergewicht, befinden sich momentan rund 600'000 syrische Flüchtlinge. 

Das Flüchtlingslager al-Azraq in Jordanien.  Bild: JAMAL NASRALLAH/EPA/KEYSTONE

Mehr als eine Dreiviertelmillion beherbergt die Türkei, deren Streitkräfte sich schon mehrmals Artillerieduelle oder Luftkämpfe mit der syrischen Armee geliefert haben. Immerhin noch mehr als 130'000 Flüchtlinge haben sich nach Ägypten durchgeschlagen, wo sie jedoch seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Mursi im Juli 2013 zunehmend Anfeindungen und Repressionen ausgesetzt sind. Viele von ihnen denken deshalb daran, Ägypten zu verlassen und erneut zu fliehen – diesmal nach Europa.  

Syrische Flüchtlinge im Nahen Osten (registrierte Flüchtlinge und «Persons of Concern» laut UNHCR). Karte: watson

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Brikne, 20.7.2017
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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Genti 20.06.2014 12:16
    Highlight Das Problem lässt sich nicht lösen durch Aufnahme von Flüchtlingen. Die Probleme müssen da gelöst werden wo sie entstehen. Alles andere hilft niemandem und ist nur kurzsichtig.
    0 0 Melden
  • zigmaster 14.06.2014 05:11
    Highlight die paranoide angst vor marginalem wohlstandsverlust einiger meiner landsleute erschüttert mich zutiefts... jaa, es macht mich gar krank!!! menschen flüchten im wahrsten sinne des wortes vor tod und verderben und wir schauen zu und tun nichts... ruanda reloaded
    8 2 Melden
    • sewi 14.06.2014 16:41
      Highlight Also..... handeln Sie und lassen eine Familie bei sich in der Wohnung wohnen..... Teilen Sie Ihren Wohlstand.... oder haben Sie diffuse unbegründete Ängste?
      1 2 Melden
    • zigmaster 16.06.2014 00:30
      Highlight @sewi
      nope... leider hatte ich nie die möglichkeit jene notleidende menschen, welche villeicht alles was ihnen lieb ist verloren haben, auf diese weise zu unterstützen, (liegt villeicht auch daran, dass viele dieser menschen auf dem meeresgrund liegen oder festsitzen in einem unterversorgtem flüchtlingscamp...) würde dies aber ohne weiteres tun wenn sich eine derartige situaton ergibt! sie etwa nicht? bereits die frage, welche sie mir stellen scheint meine aussage von zuvor zu bestätigen :)
      "spass" bei seite... ich wollte mit meinem post sie nicht auffordern fremde menschen in ihre stube zu lassen. jedoch würde der schweiz und ganz europa ein bisschen mehr menschlichkeit und solidarität nicht schaden... unschuldigen menschen welche um ihr leben flüchten, muss geholfen werden! alles andere widerspricht jeglicher humaner logik... spenden sie der glückskette, dem roten kreuz, unicef oder sonst einem hilfswerk... jede hilfe ist besser als gar keine!
      0 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 14.06.2014 02:01
    Highlight Kein Diktator, kein Aggressor kann für längere Zeit ein besiegtes Volk mit Waffengewalt unterdrücken. Nichts im Universum ist stärker und ausdauernder als der Wunsch nach Freiheit. Gegen diesen Wunsch kann keine Regierung bestehen, ebensowenig ein Tyrann mit seiner Armee.
    1 1 Melden
    • sewi 14.06.2014 16:43
      Highlight Das sind keine freiheitsliebenden Demokraten. Die
      Wollen Sharia und heiliger Krieg
      3 0 Melden
  • Benja 14.06.2014 01:14
    Highlight Das schmeckt bitter - Einen Artikel über derart unmenschliche Vorgänge veröffentlichen. Und dann Kommentare aufschalten (müssen), die dem Ganzen noch eins draufsetzen. Kommt einem Autoren da nicht die Sinnfrage hoch?
    6 2 Melden
  • sewi 13.06.2014 23:24
    Highlight Statt darüber zu debattieren wo man die syrischen Menschen unterbringen soll, wäre es besser der syrischen Regierung zu helfen die Terroristen zu vernichten. Und mit Demokratisierungsfantasien vorsichtig sein.... Zuerst kommt Sicherheit, Arbeit, dann politische Mitbestimmung. Was die Menschen erleiden ist für uns nicht nachfühlbar...
    2 5 Melden
  • koala 13.06.2014 22:37
    Highlight Und diese alten geldgeilen Herren der steuerfreien FIFA feiern gerade den brasilianischen Karneval. Ihr Slogan lautet ja: FIFA - For the game. For the World. Ich verlange von denen eine sofortige finanzielle Unterstützung! Die schwimmen in Geld und nicht wie tausende Flüchlinge halbtot vor Lampedusa.
    3 4 Melden
  • koala 13.06.2014 22:26
    Highlight Krieg ist so langweilig! Wir haben ja jetzt wieder Brot und Spiele in Brasilien! Jippie! Fernseher an - Hirn aus. Die regierende Klasse weiss halt, wie man die Menschen von den eigentlichen Problemen ablenkt.
    4 3 Melden
  • Androider 13.06.2014 17:48
    Highlight Denen von den HEKS gehts wohl nicht mehr gut! 5000 von denen sollen wir nehmen?! Das Boot ist jetzt schon überfüllt! Die sollen dankbar sein, dass wir überhaupt ein paar Syrer aufgenommen haben!
    11 18 Melden
    • Amanaparts 13.06.2014 19:43
      Highlight Überfüllt sagst du?! Du hast entweder keine Ahnung oder kein Herz. Vielleicht auch beides
      15 7 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.06.2014 21:14
      Highlight Wieviele Asylanten hat denn Driton Deda zuhause? Wieviel sind Sie bereit zu bezahlen? In Europa leben 500 Millionen Menschen und im rest der Welt noch viel mehr, hier gilt das feine System der gleichen Verteilung. Aber solch ein System kennen Sie nicht, Sie sind der Meinung die Schweiz sei eine Arche Noah und müsse sich alleine um das Wohl von 2 Milliarden armen Menschen kümmern.

      Wissen Sie, Geld beseutet nicht alles auf dieser Welt. Bei gewissen angelegenheiten müssen alle genau gleich stark am Seil ziehen damit sich die gewünschten Resultate zeigen werden. Es ist gleich wie bei den Steuern, Sie dürfen niemanden einfach so melken.
      5 11 Melden
    • Amanaparts 13.06.2014 22:41
      Highlight Ich stimme dir zu david. Ich sage lediglich, das wir mehr tun können und sollten. Überfüllt sind wir noch lange nicht und humanitäre Hilfe ist eine moralische Verpflichtung, besonders für ein so reiches Land, wie wir es haben. Und noch was... Im Netz dutzt man sich :-P
      4 3 Melden
    • ex00r 13.06.2014 23:03
      Highlight Diese "Das Boot ist voll"-Mentalität ist so lächerlich. Die Schweiz hätte bei weitem genügend Platz für tausende Flüchtlinge (und genügend Geld) und ungleich von Wirtschaftsflüchtlingen geht es bei den Syrern um Leben und Tod, die Flüchtlinge die kommen haben Familienangehörige verloren, haben ihr Zuhause verloren, ihre Existenzgrundlage! Es ist für mich unverständlich, wie Europa und die Schweiz nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen will, wahrhaft eine humanitäre Katastrophe!
      8 4 Melden
  • Chamudi 13.06.2014 17:13
    Highlight Rigoros zurück schicken! Die Leute fühlen sich bei uns nicht wohl. Und ich will mein Steuergeld nicht für soches Ausgaben aufwenden.
    12 16 Melden
    • Licorne 13.06.2014 20:13
      Highlight Nicht wohlfühlen..? Eventuell fühlen sie sich wohler in einem Land, in welchem sie nicht von Bomben, Gewehrkugeln oder Panzern zerfetzt werden. Nur eventuell.

      Es ist ja nicht so, dass sie freudig ihre Sachen packen und bewusst auswandern. Sie flüchten vor dem Tod. Was würdest du tun?

      Und woher kommt dieser Hass gegen Kriegsflüchtlinge?
      12 4 Melden

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