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Hamburg-Tatort «Kaltstart»

ARD/NDR TATORT: KALTSTART, am Sonntag (27.04.14) um 20:15 Uhr im ERSTEN.
Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) recherchiert mit Falke (Wotan Wilke Möhring) über den gesuchten Afrikaner Jérome Mdanga.
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Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) recherchiert mit Falke (Wotan Wilke Möhring). Bild: NDR Presse und Information

Informationen, die wir zum Lademeister haben 

Beim dritten Fall für Kommissar Falke aus Hamburg ist der Name Programm: «Kaltstart» holpert am Anfang und kommt dann nicht in Gang.

27.04.14, 21:39

matthias dell

Es gibt Menschen, bei denen Scham ausagiert wird durch Sich-abwenden. Was beim Fernsehen schlecht ist, weil das vom Hingucken lebt. «Kaltstart» ist aber eine derart schlimme Folge, dass man als Zuschauerin irgendwann am liebsten woanders wäre: In ein gutes Buch vertieft, in eine Unterhaltung verwickelt, beim Essen, auf dem Klo oder vor der Tür beim Rauchen. Nur eben nicht Zeugin eines Falls (NDR-Redaktion: Donald Kraemer), mit dem das deutsche Fernsehen versucht, etwas von dreckigen Geschäften in einer globalisierten Ökonomie zu erzählen.

Es kann losgehen, die Kommissare treffen am Tatort ein. Bild: NDR Presse und Information

Dabei ist Greater Hamburg – für das Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) zuständig sind, weil Til Schweigers Nicklas Tschiller nur einmal im Jahr aufläuft – im Ansatz nicht unsympathisch. Möhring hat ein Grundcharisma, das schon mal mehr hermacht als die Ausstrahlung der Kinder von Erfurt oder die von Ludwigshafens Mario Kopper. Und der Auftakt von «Kaltstart» deutet Interesse an einer gewissen Grösse an: Eine so aufwendige Szene mit Polizei-Grosseinsatz auf mächtigem Hafengelände gönnt sich nicht jeder «Tatort».  

«Eine so aufwendige Szene mit Polizei-Grosseinsatz auf mächtigem Hafengelände gönnt sich nicht jeder ‹Tatort›.»

Leider entpuppt sich die Nummer rasch als plumpe Effekthascherei. Man würde gern, kann aber nicht. Was ziemlich viel damit zu tun hat, dass das Drehbuch (Volker Krappen, Raimund Maessen) oder was davon dann verfilmt worden ist, gerade erst in den Kindergarten gekommen ist – es hätte noch Jahre der Reifung vor sich. «Kaltstart» ist so ein Fall, in dem die – schon 100 Mal angedacht, noch immer nicht produziert – Original-Sonntagabendkrimi-Bullshit-Bingo-Bögen die 90 Minuten vor der Knipse kurzweiliger gestalten hätten können. 

Die Kommissare am Jade-Weser-Port. Bild: NDR Presse und Information

Von «Immer diese Alleingänge» über «Machst dir schon Feinde» und «Da muss mehr dahinter stecken» bis «Sie haben versagt» und «Es geht ums Geld» ist alles dabei. Wenn jemand wie Falke-Buddy Katz (Sebastian Schipper) sagt, man habe «Halotan» gefunden, informiert Falke-Kollegin Lorenz per Rückfrage: «Halotan ist doch ein Narkotikum?» 

Dass die Bösewichter der Rüstungsindustrie – oder in welcher Branche auch immer man diese ominöse Zentrale lokalisieren soll, in der der «Tatort» gottähnlich wie ein Videospiel verfolgt wird – in ihren wenigen Auftritten eigentlich immer nur «Scheisse» sagen («So eine», «reingeritten», «rauskommen» usw.), kann man für konsequentes Corporate Gerede halten. 

Falke und Lorenz vernehmen Flüchtlinge. Bild: NDR Presse und Information

Es hätte einem der Beteiligten aber auch auffallen können, wie einfallslos das ist. Diese Person gab es offensichtlich nicht, denn nicht aufgefallen ist auch, dass Falke nach dem Kawumms am Anfang zu «Eberhard» ins Krankenhaus fährt, dort aber «Stefan» anspricht – die Rolle von Ronald Nitschke ist im Presseheft und bei crew-united uncreditiert. Solche Fehler passieren den Grössten, im Fall von«Kaltstart» aber laufend. Wenn Falke am Hafen dem ablegenden Containerschiff hinterherschaut und einen rumstehenden Polizisten mit «Haltet den doch auf, Mann» anflucht, sagt der Polizist: «War nichts zu machen.» Und das ist eben kein Satz, den man sagt, sondern die Botschaft, die rüberkommen soll.

Gute Dialoge werden nicht von der Botschaft her gedacht. Man muss diesen «Tatort» nicht mal als Grossesganzes gegen das Licht halten, um zu erkennen, was für ein Fake das ist (Wer ermordet hier wen und warum?). Schon die Kleinigkeiten sind ridiculous.

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) findet in seinem Freund und Kollegen Jan Katz (Sebastian Schipper) einen Zuhörer und Ratgeber. Bild: NDR Presse und Information

Wie will denn Lorenzen die Narbe im Gesicht des Laptop-Diebes gesehen haben, wenn sie nicht einmal das Nummernschild erkennen konnte – war der Herr so nett, fürs Zerschlagen des Autofensters extra den Helm abzunehmen und sich dann auch noch zu ihr umzudrehen? Und wie ist er dann entkommen mit dem Helm in der Hand auf dem Motorrad? 

Ein Satz wie Katzens Fazit angesichts des jesushaft in seiner Tennisplatzlagerhalle drapierten Dreyer (jüngst erst in Kiel am Start: Andreas Patton) widerspricht sich passenderweise selbst: «Jetzt warten wir erst mal die kriminaltechnische Untersuchung ab, aber ich denke, wir haben unseren Mörder.» Und wenn Lorenzen die schreckliche Nebengeschichte mit dem Flüchtlingsjungen glücklich abheftet («Wenigstens kann der kleine Junge hierbleiben»), dann kann man sehen, wie so ein «Tatort» sich vor dem Senderkalkül rechtfertigt. Der kleine Junge hat doch mit der Ermittlung nichts zu tun: Das «Wenigstens» ist also nur gegen Bedenken gerichtet, der «Tatort» könne zu pessimistisch oder was auch immer daherkommen. 

Lademeister Martinser (Jochen Nickel) steht unter Mordverdacht. Bild: NDR Presse und Information

«Kaltstart» besteht aus drei leicht auseinanderzunehmenden Bauteilen: Dem Pseudo-Thriller mit den Waffengöttern, der Flüchtlingsschnulze von Lorenzen und dem Tote-Loverinnen-Blues von Falke. Letzterer sorgt – immerhin, angesichts der Standardmucke, für die gleich zwei Leute verantwortlich zeichnen müssen (Stefan Will, Marco Dreckkötter) – für das Anspielen des Apparat feat. Soap&Skin-Songs «Goodbye». Ansonsten muss man den zusammengelöteten Schaltkreis der drei Gefühle (der Schnitt, auch hilflos: Lars Jordan) schon demagogisch nennen, auch wenn das keiner wissen will von denen, die sich Montag früh über die Quoten freuen: Wie man permanent politische Brisanz mit billiger «Emotionalität» kontert, wird hier präzise vorgeführt. 

Als Falke vom Tod der lovely Rita erfährt, kriegt das Bild gleich Zeitlupe, weil es so betroffen ist. Nach der Nummer mit dem Rechner (unglaublich, wie die fiesesten Superbösen glücklicherweise immer die allerdämlichsten Fehler machen, zumal sie eigentlich schon entkommen sind), wo doch eigentlich an einem krassen Beweisstück rumermittelt werden müsste, fährt Falke erstmal an irgendein Wasser, um mit Katz den Tagesordnungspunkt «Privates» zu diskutieren (darin: junge Väter, bindungsunwillige Männer).

«Kaltstart» ist ein Beispiel für die Pilcherisierung des «Tatort»

Hermann Jertz (André M. Hennicke) hat die Kommissare im Blick. Bild: NDR Presse und Information

Und von der Waffenindustrieverschwörungsfabel wollen wir schweigen. Man kann sich als totalaufgeklärte deutsche Medien natürlich über den Dönekes ereifern, mit dem so ein, sagen wir, Wladimir Putin Politik macht. Aber dann könnte doch auch jemand von den Verantwortlichen bemerken, was das Erste Deutsche Fernsehen in seiner Aushängeschild-Quality-Sonntagabendkrimireihe den Leuten vom Pferd erzählt, wo es Kapitalismus und Gegenwart zu buchstabieren versucht.

Gerd Carstens (Sascha Alexander Gersak) ist schockiert vom Unfalltod seiner beiden Kollegen. Bild: NDR Presse und Information

«Kaltstart» ist ein Beispiel für die Pilcherisierung des «Tatort»: Schöne Menschen vor schönen Landschaft, egal, was sie tun. Kann man alles machen, die Quoten sagen doch, «dass die Leute das sehen wollen». Aber Film möchte man das bitte nicht nennen. In manchen Teilen wirkt alles schon wie die eigene Parodie: das ewige Digger-Gehamburge von Falke (den der Film in seinem breitbasigen Gang nicht gut aussehen lässt), die vorgestanzten Sätze, und nicht zuletzt, da wird es eigentlich am lustigsten, dass Stefan/Eberhard mit seinem Augenverband aussieht wie Bart Simpson nach der Verwandlung in eine Fliege.

«Wenn man kaum was sehen kann, dann schmeckt irgendwie alles scheisse.» 

Dass Regisseur Marvin Kren, der bislang als Genre-Regisseur hervorgetreten ist («Lammbock», «Blutgletscher»), dieser Tage gleich seinen zweiten, nächsten Falke-«Tatort» dreht, wird seine Gründe haben. Ausgeschlossen ist aber: Weil «Kaltstart» für künstlerisch so hochstehend befunden wurde.

Eine Erkenntnis, die besser mal bei der Drehbuchbesprechung gekommen wäre: «Die Geschichte glaubt uns kein Mensch»

Ein Satz, den Dunkelrestaurantbetreiber nicht auf sich sitzen lassen würden: «Wenn man kaum was sehen kann, dann schmeckt irgendwie alles scheisse.» 

Etwas für den Grabstein: «Ich war mal Semi-Profi»

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • wernerkampmann 28.04.2014 16:59
    Highlight Außerdem: es kann nicht nur Sonnenschein geben. Solange ab und zu noch Tatort-Perlen gezeigt werden, halte ich das aus und freue mich dann umso mehr daran (vielleicht ist das beabsichtigt?). Allerdings darf es nicht nur regnen...
    0 0 Melden
  • Rene_Artois 28.04.2014 09:10
    Highlight Ist das Kunst oder kann das weg ... – habe leider nicht länger als zwanzig Minuten durchgehalten. Bei solchen "Tatorten" trauert man den VHS-Kassetten mit den Mitschnitten von "Veigl"- oder "Brinkmann"-Tatorten nach ... – Besonders perfide macht das ja zur Zeit "Eins Festival": Da folgen solche Un-Filme als Giga-Antiklimax seit kurzem auf Filme skandinavischer Provenienz: gestern z. B. eine Folge "Maria Wern" ... – fies! Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde.
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  • hugohug 28.04.2014 08:45
    Highlight Warum immer dieses Gemotze. Mir hat dieser Tatort gefallen. Schöne Aufnahmen und spannend bis zum Schluss. Besser eine etwas ungewöhnliche Geschichte als die offenbar ach so beliebten Familiendramen und Serientäter.

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    • Matthias Dell 28.04.2014 11:11
      Highlight Ihre Meinung nimmt Ihnen ja keiner, ich würde mich nur dagegen wären, dass die Alternativ zu der schlampig zusammengehauen Story von "Kaltstart" "Familiendramen und Serientäter" sein sollen
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    • wernerkampmann 28.04.2014 16:36
      Highlight Verehrter Herr Dell, da Sie - völlig zu recht - die handwerklichen Stümpereien ansprechen (dass in der Anfangsszene trockene Straßen und Landregen gezeigt werden, ist ein weiteres Beispiel): "wären" ist nicht gleich "wehren"! ;-)

      @hugohug: ohne das Gemotze ist die "Tatort-Experience" unvollständigt. Ich fan den Tatort zunächst auch immerhin mittelprächtig. Die wahre Bewertung wird aber eigentlich erst mit den Dell'schen Erläuterungen so richtig rund. Weil - zumindest mir - vieles erst beim Lesen der Kritik auffält.
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  • renard79 28.04.2014 08:29
    Highlight Das war nichts gestern, die Tatort-Macher haben zu viel in diese 90 Minuten reingewurstelt. Diese Rita-Geschichte, das Flüchtlingskind - das hat mich in dieser Folge völlig kalt gelassen. Schöne Bilder der Region allerdings, und dieser Riesenfrachthafen gut in Szene gesetzt... "Pilcherisierung des Tatorts" :) ziemlich gut getroffen... Immerhin: Euer Tatort-Kommentar hat Spass gemacht :)
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    • Matthias Dell 28.04.2014 11:15
      Highlight Danke. Wobei ich bei der Verfolgungsjagd zu Fuß am Ende anmerken würde, dass der Raum gerade nicht gut inszeniert/erfasst war. Aber ein Ort wie der Hafen macht zweifellos Eindruck
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  • Staal 28.04.2014 07:39
    Highlight Und dann hackt man auf den CH Tatort rum. Der gestern und soviele vorher aus dem grossen Kanton waren einfach nur schlecht
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  • Gelöschter Benutzer 28.04.2014 06:11
    Highlight Ja, der Tatort schiesst sich so langsam selbst in's Knie. Ab und zu werde ich einzelnen Tatort noch eine Chance geben, aber nur ganz wenigen... gute Tatorte in Serie - lang lang ist's her
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  • Gelöschter Benutzer 27.04.2014 23:19
    Highlight Eine ziemlich krude Geschichte mit seltsamem Ende. Wirklich Spannung kam da selten auf.
    2 0 Melden
  • Sark 27.04.2014 23:03
    Highlight Hiess der nicht Stefan Eberhard?
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    • Gelöschter Benutzer 28.04.2014 10:34
      Highlight Hm, das dachte ich auch. Vom Tatort kann man ja halten was man möchte, aber einen Journalisten, der einen Satz wie "Schon die Kleinigkeiten sind ridiculous." absondert, kann ich auch nicht wirklich ernst nehmen.
      3 0 Melden
    • Matthias Dell 28.04.2014 11:13
      Highlight Möglich wär's. Bzw. Spitzenerklärung. Wie geht's Eberhard, fragt Falke meiner Erinnerung nach. Das kann natürlich auch ein Nachname sein
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  • Nita 27.04.2014 21:52
    Highlight Tatort war wirklich schlecht, doof hab ich den Beitrag nicht vorher gesehen...
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    • Matthias Dell 28.04.2014 11:12
      Highlight Das geht leider nicht, weil der Beitrag erst nach Tatort-Ende erscheint - um vorher nichts - von der Spannung - zu verraten und danach drüber reden zu könenn
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