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«Tatort»-Sequel mit Lars Eidinger: Das Monster hat jetzt einen Sohn

Er leckt wieder an fremden Zahnbürsten und überschüttet die Menschen mit grausamer Liebe: Als Psycho Kai Korthals zog Lars Eidinger schon vor drei Jahren «Tatort»-Gucker in den Bann – jetzt kehrt er mit Nachwuchs zurück.

27.11.15, 15:25

Christian Buss

Ein Artikel von

«Er hat sich tatsächlich vermehrt!» Ein Satz wie aus einem Horrorfilm, in dem das Böse seine Macht über den Nachwuchs ausbaut und vollendet. Hier beziehen sich die Worte auf den Paketboten Kai Korthals, der bereits in einem Kieler «Tatort» vor drei Jahren Mitmenschen mit zweifelhaften Päckchen und noch zweifelhafteren Zärtlichkeiten behelligte.

Der sanfte Berserker Lars Eidinger spielte Korthals als Psycho auf der Suche nach Nähe, als Voyeur mit Helfersyndrom. Er verschaffte sich Zutritt in fremde Wohnungen, putzte sich verzückt mit anderer Leute Zahnbürste die Zähne, leckte lustvoll an liegengebliebenen Brötchenresten, schnüffelte beseelt an den Turnschuhen junger Frauen. Er kümmerte sich aber auch um das vernachlässigte Kleinkind einer Prostituierten. Der Spanner, dein Freund und Helfer.

Die Figur, die zugleich Beschützer und Peiniger ist, brannte sich tief ins kollektive «Tatort»-Gedächtnis ein, wie zuvor der leicht autistische Aushilfsermittler Gisbert im München-«Tatort» (Fabian Hinrichs) oder das rabiate Vatertier Trimborn im Köln-«Tatort» (Armin Rohde). Beide wurden im Nachgang vom Publikum gefeiert. Auch Eidinger bewies, wie viel Raum für schockschöne Ambivalenzen im doch oft so schlicht-öden deutschen Fernsehkrimi steckt.

Von Caligari bis Totmacher

Jetzt ist er also wieder da. «In Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes» hat Eidingers Korthals mit einer allein lebenden Borderlinerin ein Baby gezeugt, das er jetzt mit Flasche aufzuziehen versucht. Die Kindsmutter - halb tot, halb lebendig - hat Korthals in einem Kühlschrank aus dem Haus abtransportiert und den Kühlschrank am Strand abgestellt. Bald irrt die Arme im Sand herum, später sitzt sie bei Kommissar Borowski (Axel Milberg) und Kollegin Brandt (Sibel Kekilli) und malt im Wahn mit Kohlestift gigantische Bilder, in dem der gute, der böse Korthals als übergrosse Macht dargestellt wird.

Man fühlt sich bei diesen Verweisen auf den Expressionismus unweigerlich an Robert Wienes cineastische Psycho-Ursuppe «Das Cabinet des Dr. Caligari» (1920) erinnert. Das Kino der Angst wie das Kino des Kranken sind ja eine deutsche Spezialität. Das Pathologische, es wurde nirgendwo so lust- und liebevoll ins Visier genommen. Von, eben, «Caligari» über Fritz Langs frühen Pädo-Krimi «M - Eine Stadt such einen Mörder» (1931) bis Romuald Karmakars Mörderbeichte «Der Totmacher» (1995). Deutschland, Deine Serienkiller.

Der aktuelle «Tatort» steht ganz in dieser Filmtradition, seziert und zelebriert dabei das Kranke gleichermassen. Das zeigt sich besonders in Kommissar Borowski, der in seiner Affinität zu den seelisch Verbeulten und kriminell Derangierten vielleicht der deutscheste aller Ermittler ist. Oder wie er es selbst in diesem «Tatort» bei einem Abendessen bei seiner zukünftigen Schwiegermutter auf den Punkt bringt: «Ich wollte immer Verbrecher werden. Ich habe sechs Semester forensische Anthropologie studiert, dann wurde mir klar, dass man Verbrecher und Psychologe werden kann: Man wird Beamter!»

Liebesglück und Alpdruck

Ausgedacht hat sich diesen und andere tolle Sätze in «Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes» Sascha Arango. Der Drehbuchautor steigt immer wieder mit Schattenwesen, Borderlinern und Grosspsychopathen in deren ganz eigene Gedankenwelten hinab. Liebesakte nehmen sich da schon mal wie Gewaltakte aus. Zuletzt sah man das sehr schön in der Kieler «Tatort»-Folge «Borowski und der Engel» , in der ein Mädchen im Sommerkleidchen Morde begeht wie andere Blumen pflücken.

Für die Rückkehr des Kai Korthals hat Arango jetzt ein weiteres Mal mit der Regisseurin Claudia Garde zusammengearbeitet, die bereits seine Drehbücher zu «Borowski in der Unterwelt» und «Borowski und das Mädchen im Moor» als Mischung aus schönen und bösen Träumen in Szene gesetzt hat. Auch in dem neuen gemeinsamen «Tatort» nun gibt es ein Wechselspiel zwischen Liebesglück und Alpdruck.

Und das liegt auch an Maren Eggert als Psychologin Frieda Jung. Eigentlich war die Figur ja vor fünf Jahren aus dem Kiel-Krimi herausgeschrieben worden, jetzt ist sie wie aus dem Nichts wieder da, und auf einmal löst sich all der aufgestaute Druck bei Kommissar Borowski auf. Wo die beiden früher wütend aufeinander einredeten, da betatschen sie sich jetzt aufgeregt wie Teenager im ersten Liebesglück. Borowski hat sich einen kecken Schnauzer wachsen lassen, die Sonne lacht, der Schatten wirkt in diesem Film umso düsterer.

Leider aber geht dieser Liebesstrang erzählerisch nicht ganz auf, und ein bisschen zu geballt kommt auch der psychologische Furor daher, mit der hier die Spiegelungen zwischen Ermittler und Täter vorangetrieben werden. Nach dem Motto: Sind wir nicht alle ein bisschen krank?

Das doch nicht. Hoffen wir zumindest. Umso stärker erschüttert, bewegt und, auch das, unterhält uns die pervertierte Liebe des Kai Korthals. Wir freuen uns - eine Trilogie sollte schon noch drin sein - so oder so auf ein weiteres Wiedersehen.

Bewertung: 7 von 10

«Tatort: Borowski und der stille Gast», Sonntag, 20.o5 Uhr, SRF1

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • maru67 28.11.2015 08:47
    Highlight Hallo Watson

    Die Folge am Sonntag heisst: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes

    Borowski und der stille Gast lief 2012 ....
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