TV
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Meisterwerk «Gomorrha»: Da hilft kein Beten und Ballern

Die alten Paten verheizen sich in Machtspielen, die Frauen übernehmen. Die zweite «Gomorrha»-Staffel ist ein furioses Krimi-Panorama über die Umbrüche der Macho-Mafia-Welt.

10.05.16, 20:57

Christian Buss



Ein Artikel von

[Achtung, Spoiler! Wenn du dir die erste Staffel von «Gomorrha» noch anschauen willst (was du unbedingt tun solltest, wenn du es noch nicht getan hast), dann schaue dir nur den untenstehenden Trailer an und lies nicht weiter. Anm. d. watson-Red.]

Trailer zu ersten Staffel vom «Gomorrah».
YouTube/polyband

Selbst der Titel «Pate» ist nichts mehr wert. Irgendwann in der zweiten Staffel von «Gomorrha» hockt Pietro Savastano (Fortunato Gerlino) auf ein paar Quadratmetern in der heruntergekommenen Sozialbausiedlung «Vele di Scampia», dort also, wo früher jeder des Mafiosos Hand geküsst hat, bevor sich seine einstigen Alliierten gegen ihn verbündeten.

Die Segel von Scampia, was für ein Euphemismus: In den Sechzigerjahren wurde den markant gestapelten, weiss gestrichenen Sozialbauwohnungen am nördlichen Rand von Neapel dieser Namen gegeben; damals glaubte man noch, man könne die Armen der «Vele di Scampia» in eine bessere Zukunft navigieren. Inzwischen sieht der verwitterte Gebäudekomplex in Segelform allerdings eher aus wie ein auf Grund gelaufenes Kreuzfahrtschiff.

Und nun ist eben auch der einst so mächtige Don Pietro hier gestrandet, in einem Loch im zehnten Stock. Nach der Flucht aus dem Knast haben ihn seine letzten treuen Gefolgsleute darin versteckt, er kriegt aufgewärmte Pasta serviert und muss zuschauen, wie seinem Clan die Drogengeschäfte unten auf der Piazza aus den Händen gleiten. Kurz, es herrscht Don-Dämmerung in der zweiten Staffel von «Gomorrha».

Pietro Savastano alias «Don Pietro». bild: sky

Autor der Mafia-Story lebt unter Polizeischutz

2006 hatte der Italiener Roberto Saviano unter diesem Titel seine aufsehenerregende, dokumentarische Studie über die Umtriebe der neapolitanischen Mafia veröffentlicht, kurz danach wurde er wegen Drohungen der Camorra unter Polizeischutz gestellt.

Autor Roberto Saviano.
Bild: Luca Bruno/AP/KEYSTONE

2008 kam der Film zum Buch ins Kino, in dem der Stoff als Gangsterdrama aus den eher prekären Regionen des organisierten Verbrechens umgesetzt wurde. In der 2014 entstandenen ersten Staffel der Serie wurden dann die Geld- und Kraftströme aus dem lokalen Getto in die nationale Immobilienbranche und internationale Hochfinanz verhandelt.

Am Montagabend feierte im Teatro dell'Opera di Roma in Anwesenheit des immer noch unter Polizeischutz stehenden Saviano die zweite «Gomorrha»-Staffel ihre Uraufführung; ab Dienstag läuft sie bei Sky Atlantic. Don Pietro kehrt im Laufe der zwölf Folgen - eine von ihnen spielt übrigens komplett in Köln – zurück in den kriminellen Urschlamm von Scampia und versucht, die auseinanderbrechenden Familien der Comorra wieder unter seine Führung zu bringen. Schwierig, denn die junge Konkurrenz agiert zum Teil wie im Wahn, das macht sie unberechenbar.

Da ist Ciro (Marco D'Amore), der seinen Weg nach oben mit Leichen gepflastert hat und der nun in einem Anflug von Paranoia die eigene, geliebte Frau erwürgt. Da ist der streng gläubige Salvatore Conte (Marco Palvetti), der das Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet trägt, sein wahres Ich aber versteckt.

Ciro mischt die alte Mafia-Ordnung in Neapel auf.
Bild: sky

Seine Macht zeigt sich auch daran, dass er dem Pater des Viertels diktieren kann, wie das Gesicht der Heiligen Jungfrau bei einer Prozession auszusehen hat: Die Figur soll das Konterfei von Contes geheimer Liebe tragen, einer transsexuellen Sängerin.

«Mean Streets» in der 3.0-Version

Und da ist schliesslich Don Pietros abtrünniger Sohn Genny (Salvatore Esposito), der dem Getto in Neapels Norden längst den Rücken gekehrt hat, um mit den Gewinnen aus Drogendeals in Rom unternehmerisches Neuland zu betreten. Gennys Schwiegervater mischt in der Baubranche mit; der junge Mafioso lernt schnell, dass Einkaufszentren und Luxushotels eine sicherere Währung sind als Koks und Heroin.

Mit Genny, dem Sohn von Don Pietro, willst du keinen Ärger haben!
bild: sky

Wie in der gerade gestarteten Netflix-Produktion «Marseille» wird in der zweiten Staffel von «Gomorrha» mustergültig gezeigt, wie sich im Serienformat mit Panoramablick die wirtschaftlichen Dynamiken im Krieg um eine Stadt nachzeichnen und sich dabei gleichzeitig ein üppiges, vielschichtiges Figurenensemble entwickeln lässt.

Bemerkenswert zum Beispiel, mit welcher Genauigkeit und Grausamkeit die Showrunner (Stefano Sollima, Francesca Comencini, Claudio Cupellini und Claudio Giovannesi) davon erzählen, wie der streng gläubige Drogenboss Conte zwischen Kirche, Männerbund und queerer Liebe aufgerieben wird. So könnte «Mean Streets», Martin Scorses Coming-of-Age-Gangsterdrama über das Zusammenspiel von Katholizismus, Machismo und Gewalt, in der 3.0-Version aussehen.

Die Männer habe da längst nicht mehr das absolute Sagen. Schon in der ersten «Gomorrha»-Staffel hatte die Patin Immacolata Savastano einen zentralen Part und dafür gesorgt, dass man die Einnahmen aus der Koks-Schattenwirtschaft in seriöse Branchen pumpt. Am Ende wurde sie erschossen, wohl auch, weil die alten Männer mit ihren dreckigen Drogengeldbündeln ihr Felle davon schwimmen sahen. In der zweiten Staffel rücken nun weitere kluge weibliche Charaktere nach.

Der (italienische) Trailer zur zweiten Staffel.
YouTube/Sky

Eine der interessantesten ist eine Patin (Cristina Donadio), die «Scianel» genannt wird, angelehnt an die Duftmarke Chanel. Als ihr ein Kleingangster mit vorgehaltener Maschinenpistole ein Haufen Scheine abnimmt, den sie gerade beim Pokern gewonnen hat, sagt Scianel: «Weisst du, weshalb ich meinen Namen trage? Ich kann jedes Parfüm erkennen. Und du riechst nach Tod.»

Ein anderes Mal erhält die Mafia-Blondine von einer Boutiquenverkäuferin ein Kompliment, das sie in Rage bringt - sie sähe in ihrem neuen schwarzen Kleid wie ein Panther aus. Scianels schneidende Anwort: «Panther? Ich bin ein Hyäne! Unter Hyäenen regieren die Frauen.»

Die Männer in «Gomorrha» können beten und ballern soviel sie wollen, ihr Machismo hat sich erledigt. Ihre Körper zucken noch, aber die Hyänen sind schon da, um sie zu verspeisen.

«Gomorrha», zweite Staffel ab 10. Mai, 21.05 Uhr bei Sky Atlantic.

Abonniere unseren Daily Newsletter

9
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • DreamerTeamer 11.05.2016 00:21
    Highlight Die Serie bedient sich leider zu sehr melodramatischen Inszenierungen.
    Eine richtige Erzählung der Realität ist sie über weite Strecken nicht, obwohl Teile davon (wie der Drogenhandel au den Plätzen und in verbarrikadierten Hauseingängen) so tatsächlich vorkommen. Ich kenne das Quartier gut.
    In diesem Sinne,
    "Quando la felicità non la vedi, cercala dentro"
    4 7 Melden
  • Spooky 10.05.2016 23:19
    Highlight Die Serie "Gomorrha" ist absoluter Bullshit. Sie hat nichts, aber auch gar nichts, mit der Realität der Mafia zu tun. Die oberste Maxime der Mafia ist nicht einmal das Geld (wie in unserem immerhin noch logisch nachvollziehbaren Kapitalismus), sondern der stupide, absurde, von allerniedrigsten Instinkten begründete Verrat. In der Serie "Gomorrha" werden die Mafiosi aber als irgendwie intelligente, belastbare Leute dargestellt. Das ist absoluter Bullshit. Mafiosi sind Lausbuben. Sie sind autoritätshörig und knien vor jedem nieder, der Macht hat oder vorgibt, sie zu haben.
    3 15 Melden
    • Stachanowist 11.05.2016 00:26
      Highlight Mit Ihrem Insiderwissen sollten Sie beim italienischen Geheimdienst anheuern. Oder bei der Ndrangheta
      8 3 Melden
    • Fumo 11.05.2016 07:55
      Highlight "In der Serie "Gomorrha" werden die Mafiosi aber als irgendwie intelligente, belastbare Leute dargestellt. Das ist absoluter Bullshit."

      DAS ist Bullshit. Die Strukturen innerhalb der organisierte Kriminalität sind weitaus komplexer und intelligenter. Nicht umsonst halten sich die Organisationen seit Jahrhunderte am Leben.
      5 1 Melden
    • Spooky 11.05.2016 17:55
      Highlight @Stachanowist
      Die italienischen Geheimdienste (es gibt davon mehrere) pflegen gute Beziehungen zu den italienischen Mafiosi. Natürlich nicht zu den Killern, sondern zu den Bossen. Es läuft in Italien genau gleich wie in allen anderen Ländern auf unserem Planeten: Die kleinen Kriminellen sperrt man ein. Mit den grossen verhandelt man.
      0 0 Melden
    • Spooky 11.05.2016 18:06
      Highlight @Fumo
      Mafiosi sind perfid, nicht intelligent. Aber sie sind auf einem unvorstellbar tiefen Niveau derart perfid, dass sie jeder humanen Intelligenz weit überlegen sind. Das ist die Stärke der Mafia.

      Dazu kommen die engen Verbindungen der Mafiosi mit dem Vatikan und mit gewissen Staatsoberhäupern. Mit Intelligenz hat das nichts zu tun.
      0 1 Melden
  • giguu 10.05.2016 22:28
    Highlight Ich habe die serie bei einem aufenthalt im ausland auf netflix entdeckt und wollte heute die erste episode schauen.... Natürlich ist die serie im schweizer netflix nicht verfügbar... Grml... Vpn :)
    4 1 Melden
  • LaTschuberlinca 10.05.2016 22:16
    Highlight Danke für die Spoiler-Warnung! Will/muss/sollte mir die Serie umbedingt bald reinziehen!
    2 1 Melden

«Game of Thrones»-Fans aufgepasst! HBO will jetzt die Vorgeschichte drehen 😱

Gute Nachricht für Fans der Fantasy-Serie «Game of Thrones»: Der US-Sender HBO will in einem Prequel die Vorgeschichte der Kämpfe um den Thron des Kontinents Westeros erzählen.

Der Sender habe nun einen Pilotfilm für die noch titellose geplante Serie bestellt, wie das US-Branchenblatt «Hollywood Reporter» am Freitag berichtete.

Als Autoren wurden die britische Schriftstellerin Jane Goldman («Kingsman: The Golden Circle») und ihr US-Kollege George R.R. Martin verpflichtet. Martin ist der Schöpfer der Fantasy-Saga «Das Lied von Eis und Feuer», auf der die Fernsehserie «Game of Thrones» beruht.

Die Vorgeschichte soll mehrere Tausend Jahre vor der Mittelalter-Saga «Game of …

Artikel lesen