Tatort

«Freddy tanzt»

Der «Tatort» mit einem verliebten Freddy Schenk: 100 Kilo pure Begierde

Klassik, Disco, Bossa: Der «Tatort» aus Köln kommt diesmal musikalisch und kunstsinnig daher. Da beginnt selbst der schwere Körper des verliebten Freddy Schenk zu tanzen.

31.01.15, 22:56 01.02.15, 10:37

Christian Buss

Wenn reifere Herren mit 100 Kilo Kampfgewicht auf der Tanzfläche in den Rhythmus finden, kann das spitzenmässig aussehen. So wie in diesem «Tatort», in dem sich Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) erst in eine attraktive Kunstdozentin verliebt, um sich am Ende schwermütig im blauen Licht einer Hotelbar zu wiegen. Aus den Boxen pumpt «I Love You» von Woodkid, Freddy schliesst die Augen, legt den Kopf zurück, hebt ab. Der Bär tanzt.

Freddy tanzt in «Freddy tanzt». bild: ard

Inszeniert wurde der «Tatort» von Andreas Kleinert. Schon den kompakten Henry Hübchen brachte der Regisseur einst dazu, für eine spektakuläre Schweriner «Polizeiruf»-Folge seinen Körper einsam zum Techno-Geballer in einer Ost-Disse hin und her zu schmeissen. Götz George liess er in dem Stricher-Thriller «Nacht ohne Morgen» zu Bronski Beat durch die Berliner Schwulenszene cruisen.

Freddy Schenk ist verliebt in die Kunstdozentin Claudia Denk.  bild: ARD

Und Lavinia Wilson schwebte unter seiner Regie für den Kieler «Tatort» im geblümten Sommerkleid durch den vielleicht sonnigsten Borderline-Schocker aller Zeiten. Krimis kommen bei Kleinert als kleine, oft federleichte Poeme daher.  

Der Kölner «Tatort» mit dem malad-melancholischen Freddy Schenk scheint sich da auf den ersten Blick einzureihen. Doch ach, leider verhakt sich die Story. Die Idee stammt von Andreas Knaup, aufgeschrieben hat sie dann WDR-Hausautor Jürgen Werner, eine solche Konstellation klingt nach Komplikationen bei der Buchentwicklung. Und so werden wir mit vielen Figuren einfach nicht warm, der kriminalistische Plot bekommt keine Dynamik.  

Der Penner-Pianist

Der Konzertpianist Daniel Gerber wird sterben. bild: ard

Was nicht heisst, dass dieser «Tatort» verschenkte Zeit ist. Die Verzahnung von Disco und ein bisschen Punkrock, von viel Klassik und einem Quäntchen Kunst hält starke Momente parat. Nur sind sie meist schwach verknüpft.

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Der Tod von Daniel Gerber ist auch für Cellistin Julia Koch (Laura Sundermann) ein Schock. bild: ard

Vor einem Wohnhaus wird ein Obdachloser totgeschlagen; der Spross einer Musikerfamilie, der immer davon geträumt hat, Rachmaninows 3. Klavierkonzert in einer grossen Konzerthalle zu spielen. Leider hat er es nur bis zur Hotelbar geschafft, und da wurde er von besoffenen Boni-Bankern für seine als Geklimper empfundenen Fingerübungen gedemütigt und nach einer halben Stunde vor die Tür gesetzt.

Max Ballauf (l. Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär). bild: ard

In dem Wohnhaus reagierte niemand auf das verzweifelte Geklingel des Penner-Pianisten. Schenk und Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) begegnen einer Hausgemeinschaft, deren Bewohner alle ein Geheimnis verbergen: die Übersetzerin, die von ihrem Ex-Mann gestalkt wird, der Eishockeytrainer, der sein Team als «Schwuchteln» beschimpft, wenn es nicht die eingeforderte Leistung erbringt – sich aber in seinen vier Wänden als feinsinniger Kunstfreund gibt, und eben die Kunstdozentin Claudia Denk (grandios wie immer: Ursina Lardi), die sich für Einladungen mit Mäzenen aufbrezelt, um Geld für ihre Studenten zu akquirieren. Wenn es sein muss, legt sie eine hoch erotische Bossa-Darbietung obendrauf.

Marita Gerber (Lina Wendel) ist die Mutter von Daniel Gerber. bild: ard

Selbstverleugnung, Existenzangst und Prostitution im prekären Akademikermilieu – Kleinert bringt das in einzelnen Szenen mit Spiegelungen über Gemälde und Musik auf den Punkt. An den Wänden der Protagonisten hängen Kopien alter Meister, das WDR Funkhausorchester ist bei Proben zu sehen, Dekor und Score erzählen beinahe schon eine eigene Geschichte. 

In seinen besseren Momenten ist diese Episode ein schönes Stück zum Thema Rettung und Versklavung durch Kunst. In seinen schlechteren Momenten ein prätentiöses Panorama über die, nun ja, Kälte zwischen den Menschen. Aber wenn Freddy auf der Tanzfläche elegant seine 100 Kilo pures Begehren in Bewegung setzt, sind alle Schwachpunkte sofort vergessen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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