Tatort

Adrett und nett: Professor Boerne (Jan Josef Liefers, l.) und Kommissar Thiel (Axel Prahl) führen sich so auf, wie sie das von einem schwulen Ehepaar erwarten.  bild: ard

«Tatort»-Faktencheck: Können Kugelschreiber Leben retten?

Lebensrettung durch einen beherzten Schnitt am Kehlkopf und den Einsatz eines Kugelschreibers: Wie realistisch war Börnes medizinisches Manöver im Münster-«Tatort»?

01.06.15, 09:32

Nina Weber

Ein Artikel von

Als Kommissar Thiel vergeblich nach Luft schnappt, weil er sich an einem Schnittchen verschluckt hat, handelt Professor Karl-Friedrich Börne umgehend. Erst führt er das sogenannte Heimlich-Manöver durch. Es soll dafür sorgen, dass sich Verschlucktes im Hals löst. Nachdem es nicht fruchtet, greift Börne erst zu einem Kugelschreiber, dessen obere Hälfte er abschraubt, und dann zum nächstbesten Messer.

bild: ard

Er setzt einen Schnitt in der Höhe des Kehlkopfes und stopft den Kugelschreiber hinein. Dank der improvisierten Atemhilfe überlebt Thiel, dem der sogenannte Bolustod gedroht hatte, wie Börne schildert: Weil die empfindlichen Nerven im Kehlkopf durch den Fremdkörper gereizt werden, bleibt das Herz stehen.

Was ist von der Szene im Münster-«Tatort» zu halten?

Tod durch Schnittchen – ist das realistisch?

«Dass Menschen sterben, weil etwas im Hals stecken geblieben ist, passiert – besonders im Sommer, wenn in der Grillsaison Würstchen auf dem Teller liegen», sagt Martin von der Heyden, Notarzt bei der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern. Die beste Schutzmassnahme ist eine Banalität: vorm Schlucken ordentlich kauen.

Stirbt man beim Bolustod wirklich nicht durch Ersticken?

Börne schildert im Tatort ausführlich, dass der Bolustod keiner durch Ersticken sei. Stattdessen würde das Herz wegen gereizter Nerven stehenbleiben. Doch das ist umstritten. Die Theorie, dass man durch eine Nervenreizung sterbe, sei «ungeprüft über die Jahrzehnte hinweg» weitergegeben worden. Sie «findet sich auch in neuesten Lehrbüchern, obwohl gravierende Einwände dagegen sprechen», schrieben zwei Rechtsmediziner schon 1990 im Fachbuch «Ersticken: Fortschritte in der Beweisführung». In einem Lehrbuch aus dem Jahr 2014 heisst es wiederum: Vieles spreche für die Nervenreflex-Theorie.

Wird das Heimlich-Manöver in dieser Notsituation empfohlen?

Ja, als zweite mögliche Massnahme. Hat sich jemand so schwer verschluckt, dass er nicht sprechen kann, nur tonlos hustet, deutliche Probleme beim Atem hat und droht, bewusstlos zu werden, versucht der Rettungsdienst als erstes, den Fremdkörper zu lösen, indem er den Patienten nach vorne lehnt und fünfmal kräftig mit dem Handballen zwischen die Schulterblätter schlägt.

Bewirkt das nichts, ist es Zeit fürs Heimlich-Manöver – so die Leitlinien-Empfehlung der Kardiologen. Sie beschreibt das Verfahren wie folgt: «Hinter den Patienten stellen, beide Arme um den Oberbauch (...) schlingen, eine Hand zur Faust ballen und zwischen Nabel und Brustbeinende platzieren. Die Faust mit der anderen Hand fassen und fünfmal kräftig nach innen und oben ziehen.»

Das Heimlich-Manöver. bild: screenshot youtube/guidodeutz

«Das Heimlich-Manöver kann zu inneren Verletzungen führen, etwa einem Milzriss. Wenn jemand in Lebensgefahr schwebt, ist das aber ein tragbares Risiko – lieber verletzt als tot», sagt von der Heyden.

Machen Notärzte wirklich einen Luftröhrenschnitt?

«Wenn das Heimlich-Manöver nichts bewirkt, ist ein Luftröhrenschnitt die richtige Massnahme», so der Mediziner. «In manchen Fällen ist es auch möglich, den steckengebliebenen Gegenstand mit einer speziellen Zange herauszuholen.» Beides können aber nur medizinische Fachkräfte mit dem richtigen Gerät.

Der Luftröhrenschnitt. bild: screenshot youtube/guidodeutz

Taugt der Kugelschreiber als rettendes Utensil?

Eher nicht. Wissenschaftler in Grossbritannien haben gängige Kugelschreiber auf ihre Eignung als Notfallhilfe überprüft. Das Ergebnis fiel mager aus: Die meisten Modelle waren aus Sicht der Forscher untauglich. Problematisch ist, dass die Hüllen in der Regel zur Spitze hin schmaler werden – die Atmung durch diesen kleinen Durchmesser aufrechtzuerhalten, ist meist nicht möglich.

Kugelschreiber taugen in den meisten Fällen nicht viel, Strohhalme schon. bild: screenshot youtube/guidodeutz

2002 hatten zwei US-amerikanische Militärärzte darüber berichtet, dass sich einer von ihnen bei einem Vorfall auf der Strasse mit einem dicken Strohhalm beholfen habe – so konnte er einem Menschen das Leben retten. Die beiden Experten verglichen daraufhin Strohhalme und Kugelschreiber miteinander auf ihre Tauglichkeit. Ihr Schluss: Die Strohhalme sind in Notfallsituationen eine gute Option, die Kugelschreiber dagegen nicht.

Was können Laien tun, wenn sich jemand schlimm verschluckt hat und keine Luft mehr bekommt?

In den Hals schneiden – das muss man den Profis überlassen. «Laien sollten sofort den Notruf wählen, wenn jemand in ihrer Nähe zu ersticken droht», sagt Notarzt von der Heyden. Eine gute erste Hilfsmassnahme sei, den Betroffenen in die stabile Seitenlage zu bringen und dann wiederholt zwischen die Schulterblätter zu schlagen. Dadurch kann sich der Fremdkörper lösen. «Eine weitere Möglichkeit ist, den Betroffenen zu beatmen, soweit das am verschluckten Gegenstand vorbei möglich ist.»

Und ganz wichtig: «Ist der Betroffene bewusstlos und atmet nicht mehr, sollte man sofort mit der Herzdruckmassage beginnen und damit nicht aufhören, bis der Rettungsdienst übernimmt.»

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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