Terrorismus

Für die Opfer des «Bataclan»: Vor der Konzerthalle hängen Fotos der Terror-Opfer, Blumen werden niedergelegt. 
Bild: Jerome Delay/AP/KEYSTONE

«Die beiden Dschihadisten explodierten»: Polizeiarzt schildert Gräuel vom Bataclan – Beamte präsentieren durchlöcherten Polizeischild

Der Polizeiarzt Denis Safran gehörte zu den ersten Beamten, die den Pariser Club Bataclan erreichten. Jetzt hat er den Einsatz gegen die Terroristen beschrieben – er schildert schreckliche Szenen.

18.11.15, 14:30 18.11.15, 15:01

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Denis Safran ist ein erfahrener Polizist und Mediziner. Er ist Chefmediziner der Such- und Eingreifbrigaden BRI, einer Spezialeinheit der französischen Polizei.

Am vergangenen Freitag gehört Safran zur ersten Kolonne, die in den Konzertsaal Bataclan in Paris eindringt. Etwa um 22.15 Uhr, rund 35 Minuten nach Beginn des Terrorangriffs, stürmen die Einsatzkräfte den Saal. Dort stossen sie auf entsetzliche Szenen.

«Ich habe so etwas niemals gesehen», sagt Safran der Nachrichtenagentur AFP. «Ein Meer aus Menschen, Dantes Inferno, überall Blut, wir gehen über Leichen, wir rutschen aus im Blut.» Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Polizisten der Brigade zur Kriminalitätsbekämpfung (BAC) ins Bataclan eingedrungen und hatten einen der drei Attentäter im Erdgeschoss erschossen.

Verhandlungen mit den Terroristen waren vergebens

«Als wir eintrafen, hörten wir keinen einzigen Schuss. Wir fragten uns, ob die Terroristen durch den Hinterausgang verschwunden sind», berichtet Safran. Auf dem Gehweg seien Tote gewesen, auch in der Eingangshalle. «Im Parkett lagen mehrere hundert Menschen einer über dem anderen, riefen um Hilfe, eine Mischung aus Toten, aus Verletzten», sagt Safran.

Während eine zweite Kolonne nachkommt und die Eliteeinheit Raid den Eingang sichert, rückt die erste Einsatzgruppe weiter vor. «Jedes Mal, wenn wir eine Tür öffneten, fanden wir Geiseln. Wir mussten sichergehen, dass es wirklich Geiseln sind und sie keine Waffen hatten», sagt Safran.

Bataclan-Überlebende werden von einem Polizisten in die Sicherheit geführt.
Bild: CHRISTIAN HARTMANN/REUTERS

Die Zuschauer des Rockkonzerts hätten sich überall versteckt, «in abgehängten Decken, unter Sofas», berichtet Safran. Rasch rücken die Polizisten in die oberen Stockwerke vor – dann stossen sie auf die Attentäter. Um 23.15 Uhr «waren wir vor einer Tür, hinter der ein Terrorist schrie. Sie waren zu zweit mit einem Sprengstoffgürtel, den sie zu zünden drohten», berichtet Safran.

«Sie wollten, dass wir zurückweichen, drohten Geiseln zu enthaupten, sprachen von Syrien.» Ein Unterhändler der Polizei verhandelt mit den Attentätern, doch vergebens.

«Die beiden Dschihadisten explodierten»

Um 0.18 Uhr entscheidet sich die Polizei zum Zugriff. Hinter der Tür stossen sie auf einen Gang von 15 Metern Länge, vor den Attentätern eine Gruppe von Geiseln. Die Terroristen eröffnen das Feuer, die Geiseln werfen sich auf den Boden, «versuchten sich klein zu machen». Die Polizisten rücken hinter einem Schutzschild vor, ohne das Feuer zu erwidern.

Polizisten präsentieren ein Schild, das beim Zugriff verwendet wurde

«Wir bildeten eine menschliche Raupe, um die Geiseln hinter uns zu bringen», berichtet der Sanitäter. Der Schutzschild fängt rund 20 Schüsse ab. «Und dann waren keine Geiseln mehr zwischen ihnen und uns, der zweite Zugriffsbefehl wurde erteilt.» Ein Polizist wird durch einen Querschläger verletzt. «Eine Stufe, der Schutzschild fiel, wir sahen einen Schatten, wir schossen, wir sahen den Schatten fallen, er explodierte. Wir wussten nicht wie, aber das Ergebnis war, dass die beiden Dschihadisten explodierten», erzählt Safran.

Insgesamt töten die drei Attentäter an diesem Abend im Bataclan 89 Menschen, 39 weitere sterben bei Angriffen ihrer Komplizen auf Cafés und Restaurants in der Nachbarschaft, ein Mann wird von drei Attentätern am Stade de France in den Tod gerissen.

Für die Polizisten der ersten Kolonne im Bataclan war es nicht der erste Einsatz gegen islamistische Terroristen in Paris: Sie stürmten im Januar bereits den jüdischen Supermarkt, in dem der Dschihadist Amédy Coulibaly zwei Tage nach dem Anschlag auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» vier Menschen erschossen hatte. (syd/AFP)

Anti-Terror-Razzia in Saint-Denis, Paris

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    Alle Leser-Kommentare
  • aye 18.11.2015 14:55
    Highlight Unvorstellbar was diese Polizisten und Mediziner erlebt haben müssen. Bleibt zu hoffen, dass alle beteiligten Einsatzkräfte die psychologische Betreuung erhalten welche sie benötigen. Und dass sie es schaffen, diese anzunehmen.
    84 1 Melden
    • René Obi 18.11.2015 17:13
      Highlight Es ist zu befürchten, dass Frankreich diese Männer weiter brauchen wird. Sie verdienen unseren grössten Respekt.
      63 0 Melden

Telefonmitschnitt

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