Terrorismus

Onur und Johanna in einem Zelt der Koran-Verteilaktion «Lies».  Bild: Srf

Ostschweizer Dschihadist hält seine Frau in Syrien fest – «Ich will nach Hause, bitte helft mir»

Ein junger Ostschweizer befindet sich seit einem halben Jahr in Syrien. Er hält seine deutsche Ehefrau gegen ihren Willen im Kriegsgebiet fest, wie ein Bericht der «Rundschau» des SRF enthüllt. Seit November führt die Bundesanwaltschaft (BA) in Bern eine Strafuntersuchung gegen den Mann. 

04.03.15, 11:31 04.03.15, 22:16

Ein junger Ostschweizer reist in den Dschihad und lässt seine schwangere Ehefrau wohl unter falschem Vorwand nachkommen. Heute sitzt sie in Syrien fest – mitten im Krieg. Dies zeigen eindringliche Tondokumente, die die «Rundschau» heute Abend ausstrahlen wird. Die 22-jährige Deutsche Johanna (Name geändert) sendet Lebenszeichen an ihre Familie: «Ich will nach Hause, bitte helft mir.» Seit einem halben Jahr sitzt sie in Syrien fest, in der Region Idlib, mitten in einem Kriegsgebiet – und das unfreiwillig. 

Festgehalten wird sie von ihrem Ehemann Onur*, einem 21-jährigen Logistik-Fachmann aus Arbon TG, wie die Recherchen der «Rundschau» in Zusammenarbeit mit den «Stuttgarter Nachrichten» ergeben haben. Auch Onur schickt Sprachnachrichten per Whatsapp. «Ich bin hergekommen, um die Köpfe der Kufar abzuschlagen. Ich bin bereit.» Die Kufar, die Ungläubigen, zu bekämpfen, sei seine Pflicht. Und er droht aus Syrien: «Irgendwann sind wir in der Schweiz.» Onur macht den Daheimgebliebenen klar, dass er im Dschihad kämpft. Er hat sich Jabhat al-Nusra angeschlossen, einem Ableger der Terrororganisation Al-Kaida.

Kennengelernt über Heiratsvermittlung

Kennengelernt haben sich die beiden über eine Heiratsvermittlung. Doch eine Sache verband sie bereits vorher: Beide hatten Kontakt zum Verein «Lies! – die wahre Religion». «Lies!» ist das Projekt des deutschen Salafisten-Predigers Ibrahim Abou-Nagie. Er will 25 Millionen Koran-Übersetzungen verteilen lassen. Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten «Lies!» seit 2011. 

«Die Problematik liegt darin, dass relativ viele Leute, die mit dieser «Lies»-Aktion konfrontiert oder aktiv waren, in der Zwischenzeit in den Dschihad gegangen sind», sagt Manfred Schmitt, zuständig für Islamismus beim Staatsschutz der Stuttgarter Polizei. Er weiss auch durch die Überwachung von Facebook-Einträgen, dass Johanna 2013 durch die Verteilaktion zum Islam konvertiert ist. Der Thurgauer Onur hat sich 2013 für den Aufbau von «Lies!» 2013 in der Schweiz engagiert. Er nahm regelmässig an Koran-Verteilaktionen in der Deutschschweiz teil. 

Onur stammt aus einer türkischen Grossfamilie, hat seit 1995 den Schweizer Pass. Vor seiner Radikalisierung sei er integriert gewesen, habe Fussball gespielt, Partys gefeiert, erzählen Personen, die ihn gekannt haben. Nahe Verwandte sagen, dass er doch nur Hilfsgüter nach Syrien habe bringen wollen und letztlich Opfer einer Gehirnwäsche durch radikale Prediger sei. Johanna und Onur heirateten in einer Moschee in Stuttgart nach islamischem Recht, anschliessend in der Schweiz standesamtlich. Das Paar zog im Jahr 2013 nach Arbon in ein Mehrfamilienhaus. Eine Nachbarin erinnert sich: «Es gab immer Streit, ein Riesengeschrei. Die Frau war komplett verschleiert.» Heute ist die Wohnung verlassen. An der Wohnungstüre finden sich Spuren eines Polizeisiegels. 

Bundesanwaltschaft ermittelt

Ende des Jahres 2014 durchsuchte die Bundesanwaltschaft die Wohnung. Auf Hinweis der deutschen Behörden. Doch da war das Paar bereits in Syrien. Onur reiste bereits im Spätsommer 2014 von Hamburg aus in die Türkei und weiter nach Syrien. Johanna folgte ihm – schwanger – im Oktober. Die genauen Umstände ihrer Reise sind unklar. Ihrer Schwester sagte sie, sie wolle nur für eine Woche zu ihrem Mann nach Syrien. Doch Johanna kam nicht zurück. 

Seither empfängt die Familie regelmässig ihre Hilferufe. «Man muss eigentlich jeden Tag mit dem Gedanken umgehen, ob man sie wiedersieht, ob sie die Situation überlebt», so die Mutter. Am letzten Montag kam die Nachricht, Johanna habe eine Tochter geboren – mitten im Kriegsgebiet. Für Reinhold Gall, Innenminister des Bundeslandes Baden-Württemberg, hat das Drama um Johanna höchste Priorität, denn sie sei nicht freiwillig in Syrien: «Diese junge Frau möchte gerne wieder nach Hause. Bis jetzt wird ihr die Rückkehr verwehrt.» 

Ermittelt wird gegen den Mann wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, wie Bundesanwalt Michael Lauber in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF vom Mittwochabend sagte. Weil er auch das Schweizer Bürgerrecht besitze, könne er aber an einer Wiedereinreise in die Schweiz nicht gehindert werden.

Der Fall geniesse hohe Priorität unter den 20, welche die Bundesanwaltschaft derzeit verfolge, sagte Lauber. Die Ernsthaftigkeit der Drohungen, die der Mann via Internet verbreite, sei aber schwer einzustufen. Der Thurgauer prahlte in den Beiträgen, welche die «Rundschau» vorspielte, unter anderem mit der Sprengung eines Bahnhofs.

(zvg/srf/sda)

Islamistische Terroristen

Bulgarien ist das neue Einfallstor für Dschihadisten auf dem Weg nach Syrien

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
7
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • quark 04.03.2015 17:00
    Highlight Es gilt noch immer: "Mitgegangen ist Mitgefangen". Hilfe in diesem Fall wäre das schlechteste Zeichen, das man setzen könnte.
    0 0 Melden
  • Tobias K. 04.03.2015 14:27
    Highlight Vielleicht wäre es mal an der Zeit den IZRS zu verbieten? Auf der Facebookseite prahlen die da lauthals mit ihren friedlichen Koranverteilungen. Man sieht ja was das für freidliche Menschen sind, welche den Schinken verteilen.
    10 1 Melden
  • sewi 04.03.2015 13:13
    Highlight Offenbar hat sie den Koran nie aufgemacht und gelesen.....
    12 3 Melden
  • thompson 04.03.2015 12:44
    Highlight friedlich korane verteilen und hinten durch in den heiligen krieg! da gibt es nur ein model. wohnung und besitz seiner familie in der schweiz zerstören! Das heiligste weg nehmen... zu radikal? der einzige weg
    27 5 Melden
  • DerWeise 04.03.2015 12:39
    Highlight Oh welch Überraschung: Wieder einer aus dem Kreise der Koranverteiler der LIES!-Aktion... Warum pennt die Schweiz und verbietet das Missionieren nicht auf öffentlichen Plätzen? Vielen sekularen Muslimen wäre damit geholfen...
    40 3 Melden
    • Hans Jürg 04.03.2015 15:43
      Highlight Komisch. Warum schreibn die das englische Wort LIES (Lügen) auf ihre Werbung. Die sind ja ehrlich...
      7 1 Melden
  • zombie1969 04.03.2015 11:57
    Highlight Wer als Schweizer mit Nichtschweizer Wurzeln aus einem Terror-Camp/Syrien/Irak in die CH zurück will, hat die Schweizer Staatsbürgerschaft verspielt und kann seine Suppe in Syrien oder sonstwo selber auslöffeln. Klingt böse... ist auch so gemeint!
    44 2 Melden

Gedenken an die Opfer des Anschlags auf «Charlie Hebdo»

Drei Jahre nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitung «Charlie Hebdo» mit zwölf Toten haben am Samstag hunderte Menschen in Paris an die Tat erinnert. Die Gedenkveranstaltung fand am Nachmittag in einem Theatersaal der französischen Hauptstadt statt.

Zum Anlass mit dem Titel «Toujours Charlie» (Immer Charlie) hatten drei laizistische Organisationen eingeladen: Republikanischer Frühling, Liga gegen Rassismus und Antisemitismus (Licra) sowie das Komitee Laizität Republik. Stimmen aus …

Artikel lesen