Terrorismus

Terror im Regierungsviertel

Todesschütze von Ottawa galt laut Geheimdiensten als «hochgefährlich» 

22.10.14, 16:26 23.10.14, 10:02

Übersicht

Anschlag in Ottawa

Ein oder mehrere Angreifer haben am Mittwochmorgen das Parlamentsgebäude in Ottawa überfallen und zahlreiche Schüsse abgefeuert. Nach Angaben der Polizei und kanadischer Medien wurden infolge des Angriffs mindestens einer der Angreifer und ein Wachsoldat getötet.

Gemäss dem US-Sender CBS und der kanadischen Zeitung «Globe and Mail», die sich auf Behördenangaben berufen, handelt es sich bei dem getöteten Angreifer um den 1982 in Kanada geborenen Michael Z. Die Geheimdienste sollen den Islam-Konvertiten als «hochgefährlichen Reisenden» eingestuft haben, ihm wurde demnach kürzlich der Pass entzogen. 

Der Schütze hatte eine kriminelle Vergangenheit: Wegen Raubes und Waffenbesitzes war Michael Z. zudem 2003 zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden, wie der kanadische Sender CTV berichtete.

Seine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken deuten laut BBC darauf hin, dass er mit dem IS sympathisiert hatte und von dessen Propaganda inspiriert war.

Polizei sieht keine Gefahr mehr

Nach dem Angriff hat die Polizei die Absperrungen in der Innenstadt weitgehend aufgehoben. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass für die Bürger keine Gefahr bestehe, erklärte die Polizei am Mittwochabend (Ortszeit).

«Kanada wird niemals eingeschüchtert sein. Wir werden unsere Anstrengungen im Kampf gegen den Terror verdoppeln.»

Premierminister Stephen Harper

Allerdings bleibe das Gebiet rund um das Parlament noch gesperrt. Premierminister Stephen Harper kündigte ein stärkeres Engagement seines Landes im Kampf gegen den internationalen Terrorismus an. «Kanada wird niemals eingeschüchtert sein», sagte Harper am Mittwochabend (Ortszeit) bei einer TV-Ansprache. «Wir werden unsere Anstrengungen im Kampf gegen internationale Terrororganisationen verstärken und noch einmal verdoppeln. Es wird für sie keinen sicheren Ort geben.»

Rede von Premierminister Harper an die Nation

youtube/thenational

Erster Angriff vor Kriegsdenkmal

Situationskarte. Bild: watson

Die Attacke beginnt kurz vor zehn Uhr morgens (15 Uhr Schweizer Zeit), als im Parlament gerade die wöchentlichen Fraktionssitzungen begonnen haben. An den Sitzungen nehmen traditionell zahlreiche Abgeordnete und Senatoren teil.

Laut Zeugenaussagen nähert sich ein mit einem Gewehr bewaffneter Mann dem Kriegsdenkmal unweit des Parlamentsgebäudes und streckt den dort postierten Wachsoldaten mit vier Schüssen in den Rücken nieder. Rettungskräfte versuchen vergeblich, ihm mit einer Herzdruckmassage das Leben zu retten. Er erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Ein Tweet, kurz aufgenommen vor dem Angriff, zeigt das Kriegsdenkmal und den getöteten Wachsoldaten, links im Bild.

Intensiver Schusswechsel

Eine Videoaufnahme zeigt, wie der Angreifer nach den Schüssen am Kriegsdenkmal in ein Auto einsteigt und dann zum Eingang des Parlaments fährt. Verfolgt von bewaffneten Polizisten rennt er ins Gebäude.

Das Video zeigt, wie der Schütze beim Kriegsdenkmal in ein Auto steigt. Video: youtube/the national

Die Beamten rufen allen zu, «in Deckung zu gehen», berichtet der Parlamentsmitarbeiter Marc-André Viau. Im Gebäude werden etwa 20 Schüsse aus einer automatischen Waffe abgefeuert.

Das Denkmal für die Kriegstoten steht unmittelbar am Parlamentspark, nur durch eine Strasse getrennt. Die Ehrenwächter sind zwar bewaffnet, die Sturmgewehre sind aber gesichert und dienen rein repräsentativen Zwecken. 

Auf einem von der Zeitung «The Globe and Mail» veröffentlichten Video wurde ein intensiver Schusswechsel im Inneren des Gebäudes erfasst. Die lokalen Medien berichteten von zwei bewaffneten Männern, die Polizei fahndet zunächst nach bis zu drei Angreifern. 

Dann schlägt die Stunde des Kevin Vickers: Der frühere Polizist ist «Sergeant-at-Arms» im kanadischen Parlament, also der Mann mit dem Hausrecht. Wie lokale Medien berichten, erschiesst er den Eindringling. Vickers wird als Held gefeiert.

Zu dem Zeitpunkt ist immer noch nicht klar, ob es sich bei dem Schützen um einen Einzeltäter handelt. Die Polizei vermutet, dass sich ein weiterer Angreifer möglicherweise auf dem Dach des Parlamentsgebäudes verschanzt hat. Die Bevölkerung wird aufgerufen, sich von Fenstern fernzuhalten. 

Vergeltung des «Islamischen Staates»?

Ottawa ist erschüttert. Es stellen sich Fragen wie: War es islamistischer Terror? Hat der Angriff damit zu tun, dass sich Kanada im Kampf gegen den «Islamischen Staat» (IS) engagiert? Die Terrormiliz hatte seine Anhänger zu Anschlägen in Ländern des internationalen Anti-IS-Bündnisses aufgerufen. 

Und gibt es eine Verbindung zu der Attacke vom Montag? Ein polizeibekannter IS-Anhänger hat bei Montréal zwei Soldaten mit dem Auto überfahren und einen von ihnen getötet. Anschliessend wurde der Täter von der Polizei erschossen. Die Tat des 25-Jährigen wurde von der Regierung in Ottawa als «terroristisch» bezeichnet.

Die kanadischen Behörden haben erst am Dienstag die Warnstufe für terroristische Gefahren um eine Stufe von gering auf mittel heraufgesetzt.

Auch USA in erhöhter Alarmbereitschaft

Kanada und die USA versetzten das gemeinsame Luftverteidigungskommando in erhöhte Alarmbereitschaft. Gepanzerte Fahrzeuge und schwer bewaffnete Polizisten gingen vor dem Gebäude im Zentrum Ottawas in Stellung. 

Die Sicherheitskräfte riegelten das Parlament sowie den Regierungssitz ab. Premierminister Stephen Harper wurde in Sicherheit gebracht, wie Regierungssprecher Jason MacDonald über den Kurzbotschaftendienst Twitter mitteilte. Er befand sich nach Angaben eines Parteikollegen zum Zeitpunkt des Angriffs im Parlament. 

Premierminister Stephen Harper sprach später von einem «verachtenswerten Angriff». Die Polizei fahndete in der Hauptstadt nach weiteren Tätern. Nach Angaben eines Sprechers des Weissen Hauses sprach Harper später mit US-Präsident Barack Obama. Die US-Botschaft in Ottawa wurde vorübergehend geschlossen. Eine Partie der beliebten Eishockey-Liga NHL zwischen den Teams von Ottawa und Toronto wurde abgesagt.

Arbeitsminister Jason Kenney kondolierte über Twitter der Familie des getöteten Soldaten und erklärte, er bete für den verwundeten Wachmann am Parlamentsgebäude. «Kanada wird sich nicht terrorisieren oder einschüchtern lassen», erklärte der Minister. (rey/pma/kub/sda/afp/dpa) 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Adonis 23.10.2014 09:47
    Highlight Wache stehen, ist nicht einfach. Ich 48er, war während des Jurakonflikts im WK auf der Wache. Beinah hätte ich damals eins auf die Rübe gekriegt. Konnte zum Glück sofort Alarm auslösen. Wir sind überall an neuralgischen Punkten gefärdet, auch in der Schweiz!
    0 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 23.10.2014 08:20
    Highlight Schade dass Watson sich von Reuters, AFP, DPA, etc. vordiktieren lässt, was sie so schreiben sollen. Abgesehen von der Tatsache, dass er zum Islam konvertiert ist. Sind alle Moslems Terroristen? Man hat keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass er aus Glaubensgründen gehandelt hat. Aber Hauptsache man kann schlecht über den Islam schreiben. Und Watson übernimmt die Reuters Texte 1:1... schade.
    3 16 Melden
  • sewi 23.10.2014 05:30
    Highlight Tja.... da sehen wir wieder wie richtig und nötig das Minarettverbot ist. Allenfalls ist dem Islam der Status als Religion abzuerkennen und festzuhalten dass es sich dabei um eine Ideologie handelt
    11 38 Melden
    • Gelöschter Benutzer 23.10.2014 07:20
      Highlight Was soll ein Minarettverbot gegen kranke Extremisten, die es nunmal überall gibt, genau bewirken? Und dann wollen sie 2 Milliarden Menschen ihren Glauben verbieten? Na dann viel Glück...
      21 5 Melden
    • sewi 23.10.2014 07:45
      Highlight http://mobile.nzz.ch/feuilleton/toeten-im-namen-allahs-1.18378020.
      3 10 Melden
    • Gelöschter Benutzer 23.10.2014 08:22
      Highlight Verstehe den Zusammenhang immer noch nicht, Sewi. Was soll genau ein Minarettverbot und Aberkennung des Islams als Religion genau an den herrschenden Gegebenheiten und der Geschichte des Islams ändern? Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann dass Hass und Abneigung gegenüber etwas nie eine Lösung ist...
      11 3 Melden
    • hektor7 23.10.2014 08:53
      Highlight @sewi: Diese Extremisten töten jetzt im Namen des Islams. Würde es den Islam nicht geben, würden sie im Namen von irgendetwas anderem töten...
      Und die Frage, inwiefern das Minarettverbot diesbezüglich nur annähernd irgendwas verbessern sollte, hast noch nicht beantwortet. Hast wohl keine Antwort, was?
      11 1 Melden
    • Ginokuma 23.10.2014 17:49
      Highlight Jede Religion ist eine Ideologie. Sie schreibt einem vor welche Meinung zu welchem Thema man haben soll, diktiert das ganze Leben. Wenn du einer Religion deswegen den Status aberkennen willst und sie evtl. auch verbieten willst bleibt auch das Christentum und praktisch alle anderen Religionen nicht verschont...
      1 0 Melden
    • sewi 23.10.2014 23:05
      Highlight @ginokuma: als Ideologie verstehe ich den Islam, weil er ganz klar nach weltlicher Macht strebt. Ausserdem gibt es nur islamischen Terror um so die eigene Ideologie zu verbreiten.
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  • SeKu 22.10.2014 23:23
    Highlight Laut britischen Medien soll es zwei Tweets von kanadischen Abgeordneten geben, welche sagen, dass die Mörder "Allah uh akbar" schreien. Aber klar, das Motiv ist damit sogennant "unklar".
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  • M@ Di11on (亚光狄龙) 22.10.2014 23:14
    Highlight Das Motiv ist wohl klar: "allah u akbar" wie diese Irren vor sich hingrölen und mit Inbrunst sich und andere killen.


    11 2 Melden
  • mono 22.10.2014 20:30
    Highlight Kann man die Terroristen nicht beim Namen nennen?
    16 3 Melden
  • zombie1969 22.10.2014 20:08
    Highlight Motive? Täter? Wird sich zeigen.

    Heute wird jedenfalls noch die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafza in Ottawa erwartet, damit ihr die Ehrenstaatsbürgerschaft Kanadas überreicht werden kann.
    16 3 Melden
    • Daylen 22.10.2014 22:43
      Highlight Und genau diese tasache lässt vermuten dass es IS Sympatisanten/Anhänger waren. Sie hatten ihr schon mehrmals gedroht...
      15 2 Melden
    • goschi 23.10.2014 09:57
      Highlight Äh nein, tut es nicht.
      Sie vermischen kausale Zusammenhänge mit zufälligem Zusammenfallen, nur weil etwas gleichzeitig passiert muss nicht automatisch ein Zusammenhang bestehenen, rein aus zeitlicher Nähe darauf zu schliessen ist geradezu farlässige vereinfachung der Beweisführung.

      Es könnte einen Zusammenhang geben, es könnte aber auch zufällig sein, es könnte auch ganz andere Gründe geben.
      Aktuell ist die Faktenlage zu dürftig um überhaupt irgendeinen Schluss zu ziehen!
      2 2 Melden
    • Daylen 23.10.2014 13:36
      Highlight Weder Zombie1969 noch ich haben gesagt, dass es so ist... Nur die Vermutung geäussert, dass es ein Zusammenhang möglich ist.
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