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FILE - In this file image taken from video obtained from Voice Of Jihad Website, which has been authenticated based on its contents and other AP reporting, Sgt. Bowe Bergdahl, right, stands with a Taliban fighter in eastern Afghanistan. Bergdahl was freed in a swap in which the U.S. freed five Taliban detainees, a diplomatic victory for the insurgent group. In a belt from Iraq to Pakistan, militants scored a series of successes the past weeks, a sign of their continued power 13 years into the U.S. "war on terrorism." (AP Photo/Voice Of Jihad Website via AP video, File)

Bild: AP/Voice Of Jihad Website

Tagebuch des US-Soldaten Bergdahl

«Ich will mich verstecken vor dem Monster in mir»

Wie verschwand US-Soldat Bergdahl in Afghanistan – und warum? Darüber wird in den USA heftig gestritten. Tagebücher und Mails zeichnen das Bild eines verstörten Mannes, der den «Feldern voller Blut» entfliehen wollte. 

12.06.14, 15:42 12.06.14, 17:39

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Der US-Soldat und frühere Taliban-Gefangene Bowe Bergdahl wird zurzeit in einem Militärkrankenhaus in Deutschland behandelt, seine Rückkehr in die Heimat dürfte nicht leicht werden. Er wird in den USA als Deserteur beschimpft. Konservative Politiker kritisieren scharf, dass hochrangige Taliban gegen ihn ausgetauscht wurden.

Freunde von Bergdahl versuchen nun, das öffentliche Bild des Soldaten zu korrigieren. «Er ist es wert, dass wir ihn schützen, so seine Freundin Kim Harrison in der «Washington Post». Bergdahl hatte ihr noch vor seinem Verschwinden vor fünf Jahren sein Tagebuch und andere persönliche Gegenstände zugeschickt. Nun hat sie sich entschieden, Teile von Bergdahls Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Sie wolle damit zeigen, dass er kein «berechnender Deserteur» sei, sondern ein «sensibler und verletzlicher» junger Mann.

«Ich versuche, mich zusammenzureissen.»

Aus den Aufzeichnungen und E-Mails wird laut «Washington Post» deutlich, dass Bergdahl nach eigenen Angaben schon seit seiner Ausbildung beim Militär mit sich selbst und seiner Umwelt zu kämpfen hatte. Demnach schrieb Bergdahl: «Ich versuche, mich zusammenzureissen. Ich bin so erschöpft von dieser Dunkelheit. … Verdammt, warum denke ich immer und immer wieder darüber nach.»

In dem Tagebuch und in Mails an Freunde und Familie habe er von vagen Träumen und Plänen berichtet, sich nach China oder in die Berge abzusetzen, oder «in die gemalte Welt eines Künstlers, in der ich mich verstecken kann vor Feldern voll Blut und Schreien, versteckt vor dem Monster, das ich in mir trage.»

«Amerika ist abstossender Horror»

Dass Bergdahl unter der Situation in Afghanistan litt, gelangte erstmals 2012 an die Öffentlichkeit. Damals publizierte das US-Magazin «Rolling Stone» E-Mails von Bergdahl, die er kurz vor seiner Gefangennahme geschickt hatte. Aus den Schreiben ergab sich das Bild eines äusserst frustrierten Soldaten. «Die US-Armee ist der grösste Witz der Welt», so der Soldat. «Sie ist die Armee der Lügner, Verräter, Idioten und Tyrannen.»

Er schilderte, wie das Militär die Einheimischen drangsalierte. «Wir machen uns vor ihren Augen über sie lustig und lachen über sie, wenn sie unsere Beleidigungen nicht verstehen.» In seiner letzten E-Mail klagte er laut «Rolling Stone», es tue ihm «alles so leid». «Amerika ist ein abstossender Horror.»

Harrison und andere Freunde erheben nun auch Vorwürfe gegen die US-Armee. Sie bezweifeln laut «Washington Post», dass Bergdahl in der psychischen Verfassung gewesen sei, in den Soldatendienst aufgenommen zu werden. «Er hätte niemals in den Krieg ziehen dürfen.» Sie führen an, dass Bergdahl 2006 nach nur 26 Tagen Grundausbildung aus dem Dienst der Küstenwache entlassen worden sei - die normalerweise 180 Tage dauere. Die Zeitung zitiert Freunde, die glauben, er habe damals psychische Probleme gehabt. 

Die Küstenwache selbst wollte sich gegenüber der Zeitung nicht zu den Gründen äussern. Ein hochrangiger Vertreter der US-Armee bestätigte, dass die Truppe informiert gewesen worden sei über die Entlassung. 

Floh Bergdahl vor den Taliban?

Einer aktuellen Umfrage für die Zeitung «Washingon Post» und den Fernsehsender ABC zufolge missbilligen mittlerweile 51 Prozent der US-Bevölkerung den Gefangenenaustausch. 73 Prozent wollen ein Verfahren gegen Bergdahl, sollte sich der Verdacht auf Fahnenflucht erhärten.

Laut CNN wurde der US-Soldat während seiner fünfjährigen Gefangenschaft durch die Taliban körperlich misshandelt. Bergdahl habe während seiner Gefangenschaft zwei Mal versucht zu fliehen, sei aber gefasst und anschliessend in eine Art Käfig gesperrt worden, hiess es. (kgp)

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