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YEARENDER 2009<br />Palestinian civilians and medics run to safety during an Israeli strike over a UN school in Beit Lahia, northern Gaza Strip early on January 17, 2009. A woman and a child were killed early today in the Israeli strike on the UN-run school in northern Gaza where civilians were sheltering from the fighting, medics and witnesses said. Fierce clashes were underway around the school as Israeli tanks exchanged fire with Palestinian militants, they said. AFP PHOTO / MOHAMMED ABED

Angriff auf Zivilisten in Gaza: Dieses Bild kursiert im Netz – es stammt jedoch aus dem Jahr 2009. Bild: AFP

Propaganda im Krieg

Bilder, die lügen 

Massenhaft werden Bilder des Leids aus Israel, Gaza oder Syrien im Netz geteilt. Doch oft sind die grausigen Fotos von Kriegen falsch datiert oder verortet. Einige drastische Beispiele. 

14.08.14, 09:23 26.08.14, 12:18

Leon Scherfig / spiegel online

Ein Artikel von

Fast 6,5 Millionen Mal haben Twitter-Nutzer in den vergangenen vier Wochen den Hashtag #GazaUnderAttack benutzt. Pro Stunde kamen teils rund 6500 Tweets hinzu. Der Gaza-Krieg tobt auch in den sozialen Netzwerken. Drastische Bilder machen bei Twitter und Facebook die Runde. Aber dieser Krieg im Netz wird von beiden Seiten mit oft unsauberen Mitteln geführt – es wird gefälscht und gemogelt. 

«Je ungenauer die Bilder kontextualisiert sind und desto ungewisser deren Herkunft ist, umso eher eignen sie sich, für andere Zwecke verwendet zu werden», so der Historiker und Bildwissenschaftler Gerhard Paul von der Universität Flensburg. Er gilt als einer der führenden Experten für «Visual History», ein Forschungsfeld, das sich mit der Rolle von Bildern bei der Geschichtsschreibung beschäftigt. 

Auch wenn der Konflikt abebbt, prägen die im Netz verbreiteten Bilder weiterhin die öffentliche Meinung. Dabei spielt es oft keine Rolle, ob die Fotos manipuliert oder aus dem Kontext gerissen sind. Je eindrücklicher das Motiv, desto länger bleibt es einem breiten Publikum in Erinnerung. 

Von einem der herzzerreissendsten Fotos aus dem Gaza-Konflikt spricht zum Beispiel der Autor dieses Tweets. Versehen ist das Bild mit dem Hashtag ICC4Israel, eine Abkürzung für die Aufforderung: International Criminal Court for Israel. Mehr als hundert Menschen haben diesen Tweet geteilt.

Allerdings taugt das Bild nicht wirklich, um die Angriffe der Israelis anzuprangern. Es stammt aus einem ganz anderen Konflikt, aus Syrien. Aufgenommen ist es, wie offensichtlich im Bild zu erkennen, vom Hadath Media Center (h.m.c.), das in Aleppo arbeitet – und: Das gleiche Foto dient in den vielen Netzwerken auch als ein Beispiel für die Gräueltaten des Assad-Regimes

Die Herkunft vieler angeblich aktueller Bilder aus dem Gaza-Konflikt, die mit Hashtags wie #HamasKillsKids, #IsraelUnderFire, #GazaUnderAttack und #FreePalestine im Netz kursieren, ist selten überprüfbar. 

Zum Beispiel diese Aufnahme: Unter Beschuss stehen zwar tatsächlich palästinensische Zivilisten. Zu sehen ist der Angriff auf eine UNO-Schule in Beit Lahia im nördlichen Gaza-Streifen. Laut der Organisation Human Rights Watch handelt es sich um den Einsatz von Phosphorbomben. Allerdings stammt die Aufnahme vom 17. Januar 2009. Im Internet taucht sie derzeit häufig auf – als wäre sie ein Beleg für aktuelle Gräuel.

Schon seit Bestehen der Fotografie gab es immer wieder Versuche, Bilder zu manipulieren, ihre Aussage zu verdrehen, sagt der Bildwissenschaftler Gerhard Paul. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Aufnahme des neun Jahre alten Mädchens Kim Phúc im Vietnamkrieg. 

Nicht gefälscht, aber getürkt: Foto von neunjähriger Kim Phúc: Symbolbild des Vietnamkriegs. Bild: AP

Die Fotografie zeigt das Mädchen auf der Flucht vor amerikanischen Bombardements. Es ist zwar nicht gefälscht, geschraubt wurde jedoch nachträglich am Bildausschnitt: Der ist so eingeschränkt, dass die Napalm-Wolke im Hintergrund grösser wirkt. Das Foto avancierte zum Symbolbild für die Untaten der US-Truppen. «Es sind sehr häufig Abbildungen von Kindern im Krieg, die die Zivilgesellschaften des Westens» besonders berühren, sagt Gerhard Paul. 

Schon im Ersten Weltkrieg manipulierten die Kriegsparteien mit Fotografien. Das zeigt zum Beispiel diese Aufnahme aus dem Jahr 1917. 

In der Dunkelkammer fügte der Kriegsfotograf Frank Hurley nachträglich noch etwas Dramatik hinzu: Für die Aufnahme «Der Morgen nach der ersten Schlacht von Passchendaele» montierte der Australier Licht und Gewitterwolken ins Bild. 

Als ein besonders spektakulärer Kriegsbilder-Fake gilt sein Bild «Der Angriff». Es zeigt ein Schlachtfeld: Soldaten stürmen aus dem Schützengraben, Doppeldecker kreisen über den Kämpfern – doch es ist ein reines Konstrukt, bestehend aus zwölf Teilbildern, die Hurley zuvor bei Übungen an der Westfront im Hinterland aufgenommen und dann zusammengeschnitten hatte. 

Legendär: Die Nazi-Propaganda, auch Israel trickst

Die Nazi-Propaganda im Zweiten Weltkrieg fälschte in grossem Stil Fotos vom Kriege. Oft flog erst Jahre später auf, dass Bilder gestellt waren, oder gar nicht von den angegebenen Schauplätzen stammten. 

Heute mache es die Digitalisierung zwar leicht, Fotos zu verbreiten. Doch trage sie gleichzeitig dazu bei, dass Fälschungen meist schnell entdeckt werden, sagt Gerhard Paul. 

Dennoch führte die Masse an ungeprüften und aus dem Zusammenhang gerissenen digitalen Aufnahmen dazu, dass «die Glaubwürdigkeit der Bilder wie nie zuvor seit Beginn der Fotografie gelitten hat», sagt er. 

Einen zumindest kreativen Umgang mit Bildern legt auch dieses Video nahe. Produziert hat es der US-amerikanische Fernsehsender Christian Broadcasting Network (CBN). Titel: «Hamas will, dass Israel ihre Kinder tötet». Der Sprecher des Videozusammenschnitts erklärt, dass die Hamas nicht einmal davor zurückschrecke, ihre Kinder als menschliche Schutzschilde einzusetzen. Andere Quellen hingegen verorten das Video in Syrien. 

Dieser Tweet löste ein Verwirrspiel auf, das vor Kurzem im Netz für Furore sorgte. Zunächst war die Rede von entlarvenden Fotos und einer angeblichen Propaganda-Schmink-Aktion der Israelis. Sie zeigen angeblich, wie sich die Soldaten mit roter Theaterschminke Wunden aufmalen lassen. Die Botschaft der Bilder: Die Israelis gaukeln der Welt auf besonders perfide Weise das Leid auf ihrer Seite vor. In Wirklichkeit haben die Bilder nichts mit dem Konflikt in Nahost zu tun: Sie zeigen Make-up-Künstler aus England bei der Arbeit.

Userinput

Unter dem Post des Artikels auf unserer Facebook-Page verlinkte der User Filip Alexander Scherrer diesen aufschlussreichen Clip, der natürlich auch nur eine Seite der Propaganda aufzeigt

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    Alle Leser-Kommentare
  • Matthias Studer 14.08.2014 21:15
    Highlight Die Medien machen mit. Als Beispiel der Separatist, der als Leichenflederer dargestellt wird.
    In voller Länge hier zu sehen http://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=blm_aJlVMIw ab 4.44 zu sehen. Wer Lust hat, das ganze Video ist sehenswert.
    0 1 Melden
  • Tux 14.08.2014 18:40
    Highlight Diese Bilder sind ja noch heilig. Tragischer finde ich die Schweizer Boulevardpresse - welche Bilder per Photoshop derart verfälscht, dass man wirklich den Eindruck bekommt, dass es so geschehen ist.
    Wenn ich zurückdenke an die Dramen mit den sogenannten Kampfhunden, bei welchen die Köpfe von (meist) gähnenden Hunden auf eine Art und Weise entstellt wurden, dass die Leser die auch wirklich glaubten und daraus überhaupt erst diesen Wahnsinns-Hype entstehen liess..... Notabene gab es mehr unsinnige Verbote und das Grundsatz-Problem ist nicht gelöst, dafür 100 neue Probleme geschaffen..
    Schade...
    0 2 Melden
  • Eric Jacques 14.08.2014 18:01
    Highlight http://www.noozhawk.com/images/uploads/010912-Phuc-630.jpg
    Das Vietnam-Bild wurde auf der rechten Seite vom Militär zensuriert weil ein Soldat an seiner Kamera herumwerkelt und keine Aufmerksamkeit dem Drama widmet.
    0 1 Melden
  • Zeit_Genosse 14.08.2014 14:04
    Highlight Was wir alle tun können, ist ob der Bilder und Berichte skeptisch zu bleiben. Nich einfach weiterposten, sondern sich fragen, wer will mir was und warum sagen und erwartet das ich was tue? In der digitalen Kommunikation will Propaganda instrumentallisieren.
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  • AdiB 14.08.2014 11:25
    Highlight spielt es eine rolle ob das bild vom phpsphorangriff aktuell ist oder nicht. ABC waffen sollten verboten sein und doch erlaubt man gewiessen ländern das zu produzieren. ob es 2009 passierte oder heute. denkt ihr das sich was geändert hat. dass was mich hier bei der berichterstattung aufregt ist das die ausrede ist das man dort waffen und munitiom versteckt. das ist eine un schule und die wird von der un geleitet und überwacht. die un wüsste wen da waffen sind aber eben einige dürfen andere nicht.
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    • Gelöschter Benutzer 14.08.2014 12:21
      Highlight B- und C-Waffen sind verboten. Phosphor dient als Brandbeschleuniger und ist kein chemischer Kampfstoff i.e. Sinne. Und ja es spielt eine Rolle ob jemand lügt wenn er angebliche Missetaten einer anderen Kriegspartei anprangert. Die Hamas kontrolliert den Gaza-Streifen, nicht die UNO. Waffen werden von der Hamas in Schulen gelagert und hergestellt. Anwohner werden per SMS und Telefon mehrfach vorgewarnt. Hamas-Führer schicken ihre Kinder nicht raus da sie ihnen "nicht zeigen wollen dass sie vor Zionisten Angst haben".
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    • leroy 14.08.2014 12:21
      Highlight Ja, es spielt insofern eine Rolle, als dass man 2009 Israel den Vorwurf machte, Phosphorbomben verwendet zu haben, und die IDF dieses Mal bisher explizit keine eingesetzt hat. Was Waffenlager an UN-Schulen angeht: Die UN-Mitarbeiter haben vor einigen Wochen zugeben müssen, dass die jahrelangen Warnungen Israels mindestens im Fall einer damals bombardierten Schule exakt gestimmt haben.
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    • Neptun 14.08.2014 12:36
      Highlight Ob die UN das wirklich weiss, vage ich an der Stelle mal zu bezweifeln. Es gibt immer Mittel und Wege Gegenstände auch in überwachte Einrichtungen zu schmuggeln (Stichwort Pyro ins Fussballstadion oder Drogen in Gefängnisse).

      Bilder werden, und das will der Beitrag letzten Endes zeigen, seit Beginn der Fotografie verändert und für Propagandazwecke genutzt. Die restliche Berichterstattung der medien lässt sich wohl an deren Herkunft "ablesen"...
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    • AdiB 14.08.2014 13:48
      Highlight der cousin meines vaters ist oberst bei der un. er selbst sagt das kein un gebäude unbewacht ist. die un ist immer pressent.
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    • rolf.iller 14.08.2014 20:32
      Highlight Es ist unglaublich wie die Israelsympatisanten alles und jedes rechtfertigen ohne die kleinste Selbstkritik. Fakt ist, Gaza ist Gefängnis, die Leute dort haben keine perspektiven. Die israelischen Siedler vertreiben seit 1948 die lokale und angestammte Bevölkerung und wundern sich dann, dass man sie nicht mag!
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    • Gelöschter Benutzer 14.08.2014 22:25
      Highlight Rolf, es ist aber doch einfacher ein Problem zu lösen wenn man bei der Wahrheit bleibt, oder?
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    • rolf.iller 15.08.2014 00:05
      Highlight Bob, klar - wollte nur mal wieder die Problematik zusammenfassen weil mich dieses unschuldige getue oben genervt hat - von wegen die israelis haben keine Ahnung warum die Raketen schiessen und dann klopft man noch höflich bevor man das Haus zerfezt.
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