USA

Massenvergewaltigung oder nicht? Uni in Charlottesville. Bild: Steve Helber/AP/KEYSTONE

«Rolling Stone» zieht Text zurück: Wie ein schlecht recherchierter Artikel Opfern sexueller Gewalt schaden könnte

Die Zeitschrift «Rolling Stone» steht vor einem Desaster: Ein Text über die Vergewaltigung einer Studentin ist nicht haltbar. Nun wird befürchtet, der Fall könnte das Problem sexueller Gewalt an Unis überdecken – und Opfer zögern lassen, gegen Täter vorzugehen.

06.04.15, 13:14 06.04.15, 16:16

Ein Artikel von

Eine junge Studentin geht mit ihrem Date auf eine Party im Haus einer Studentenverbindung. Dort wird sie von sieben Männern vergewaltigt, während der Mann, mit dem sie ausgegangen war, zusieht. Die Gruppenvergewaltigung ist Teil des Initiationsrituals, das neue Mitglieder der Verbindung durchlaufen müssen.

Unter der Überschrift «A Rape on Campus» («Eine Vergewaltigung auf dem Campus») veröffentlichte die Zeitschrift «Rolling Stone» im vergangenen November diese Version einer jungen Frau, die nur «Jackie» genannt wird, eine Abkürzung ihres tatsächlichen Namens. Der Artikel, geschrieben von Sabrina Rubin Erdely, stützte sich im Wesentlichen auf Jackies Angaben über den Abend im September 2012 an der Universität von Virginia in Charlottesville.

Die Publikation löste in den USA Proteste und eine landesweite Debatte über sexuelle Übergriffe an Universitäten aus. Es wurde das Bild einer Hochschule gezeichnet, in der es eine versteckte Kultur sexueller Gewalt gibt – und die im Zweifelsfall lieber wegschaut.

Das Problem ist nur: Der «Rolling Stone» weiss nicht, ob das zentrale Ereignis der Geschichte – die Vergewaltigung – tatsächlich geschehen ist. Die Zeitschrift hat den Artikel nun komplett zurückgezogen und um Verzeihung gebeten. Man entschuldige sich bei den Lesern und allen Betroffenen, schrieb «Rolling Stone»-Chef Will Dana – der Studentenverbindung, der Universität von Virginia und den Studenten der Hochschule.

Autorin Erdely schrieb, sie sei «nicht weit genug gegangen», um die Richtigkeit von Jackies Geschichte zu verifizieren. Man sei der Frau zu weit in ihrem Wunsch entgegengekommen, andere Quellen nicht zu kontaktieren.

«Vermeidbares journalistisches Versagen»

Zweifel an der Geschichte waren schon kurz nach der Veröffentlichung aufgekommen, etwa durch Artikel in der Washington Post. Die Zeitung dokumentierte, dass der «Rolling Stone» nie mit drei Freunden Jackies gesprochen hatte, dass deren Zitate Jackies Erinnerung entstammten – und dass die Freunde Jackies Version der Ereignisse in Zweifel zogen. Die Studentenverbindung teilte zudem mit, am Tag der angeblichen Vergewaltigung habe es im Verbindungshaus gar keine Party gegeben.

Angesichts offenkundiger Ungereimtheiten entschuldigte sich der «Rolling Stone» schon am 5. Dezember. Die Zeitschrift bat die renommierte Journalismus-Fakultät der Columbia-Universität um eine unabhängige Prüfung des gesamten Textes.

Der Bericht – mit rund 13'000 Worten länger als der ursprüngliche Artikel – liegt nun vor. Er bezeichnet «A Rape on Campus» als «vermeidbares journalistisches Versagen». Der «Rolling Stone» habe sich zu sehr auf Jackies Angaben verlassen und nicht hartnäckig genug versucht, den Mann zu finden, mit dem sie ausgegangen war. Im Artikel wird er «Drew» genannt. Laut dem Columbia-Report wusste der «Rolling Stone» weder den echten Namen des Mannes – noch konnte die Zeitschrift sicher sein, dass er überhaupt existierte. Es wurde zudem nicht versucht, Jackies drei Freunde zu kontaktieren oder die sieben Männer, die der Vergewaltigung beschuldigt wurden.

Viermonatige Ermittlungen der Polizei ergaben keine Anzeichen dafür, dass Jackie vergewaltigt wurde. Die junge Frau kooperierte nicht mit der Polizei. Der Polizeichef von Charlottesville, Timothy Longo, sagte bei einer Pressekonferenz (siehe Video), es könne dennoch sein, «dass Jackie 2012 etwas Furchtbares widerfahren ist».

Verheerende Folgen für Glaubwürdigkeit von Opfern befürchtet

Damit sprach Longo ein Thema an, das über den Fall Jackie hinausgeht. «Das Versagen des Magazins könnte die Vorstellung verbreitet haben, dass Frauen Vergewaltigungsvorwürfe erfinden», heisst es in dem Columbia-Report. Wissenschaftler gingen davon aus, dass etwa zwei bis acht Prozent aller Vergewaltigungsvorwürfe falsch seien.

Polizeichef Timothy Longo an der Medienkonferenz. YouTube

Im Columbia-Report heisst es, ob Jackie angegriffen worden sei und falls ja, von wem, lasse sich aufgrund der vorliegenden Informationen nicht sagen.

Der Guardian schreibt, nur weil Jackie möglicherweise über manche Aspekte gelogen habe, bedeute das nicht, dass auch die Vergewaltigung erfunden sei. Die Zeitung beruft sich auf eine Studie, wonach Opfer sexueller Gewalt Teile des Vorfalls weglassen, übertreiben oder erfinden – aus Scham oder Sorge, man werde die Geschichte sonst nicht glauben oder womöglich dem Opfer Schuld geben.

Auch der «Rolling Stone» ist sich darüber im Klaren, dass die Zurückziehung des Jackie-Artikels verheerende Folgen haben könnte: Es könnten unangebrachte Zweifel an künftigen Vergewaltigungsvorwürfen gesät werden und Opfer sexueller Übergriffe noch stärker zögern, zur Polizei oder Hochschulleitung zu gehen.

Studentenverbindung prüft juristische Schritte gegen Zeitschrift

«Sexuelle Gewalt ist ein ernstes Problem auf Uni-Campussen», schreibt die Zeitschrift. Es sei wichtig, dass Vergewaltigungsopfer bedenkenlos ihre Geschichte erzählen könnten. «Es macht uns betroffen, dass ihre Bereitschaft, dies zu tun, durch unser Versagen geschmälert werden könnte.»

Die Studentenverbindung Phi Kappa Psi, in deren Haus die Vergewaltigung laut Jackie stattgefunden haben soll, prüft juristische Schritte gegen den «Rolling Stone». Das Leben der Mitglieder sei für ein Semester komplett zerstört worden. In einer Mitteilung hiess es, man könne sich zudem kaum vorstellen, was für ein Rückschlag der Artikel für Opfer sexuellen Missbrauchs sei.

Uni-Präsidentin Teresa Sullivan teilte mit, der «Rolling Stone» habe den Ruf vieler Unschuldiger beschädigt. Die Hochschule sei fälschlicherweise als gleichgültig gegenüber Opfern sexueller Übergriffe dargestellt worden – das verstärke deren Zögern, sich der Hochschule oder den Behörden anzuvertrauen.

Schon vor der Veröffentlichung des fehlerhaften Artikels stand die Universität von Virginia – eine der renommiertesten öffentlichen Hochschulen der USA – gemeinsam mit 54 anderen Institutionen auf einer Liste des Bildungsministeriums. Die Hochschulen wurden wegen ihres Umgangs mit Hinweisen auf sexuelle Übergriffe überprüft.

(ulz/ap/reuters)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • narissa 06.04.2015 19:50
    Highlight Offensichtlich haben die Medien versagt, doch nicht nur sie.
    Man kann wohl kaum erwarten, dass sich ein Opfer explizit an alles erinnert. Bewusst zu lügen - im Wissen darüber, dass man sich gegenüber den Medien öffnet - ist jedoch eine ganz andere Kiste. Jackie hat scheinbar lediglich eine blühende Fantasie (siehe auch http://edition.cnn.com/2014/12/16/us/uva-rape/), und ist nicht nur evt. Opfer sondern m.E. nach auch Täterin, denn ihr Handeln führte zu "Opfern".
    Abgesehen davon, dass ich mich als Opfer einer solchen Tat verhöhnt fühle und die befürchteten Folgen durchaus nachvollziehen kann.
    0 0 Melden
  • Karl33 06.04.2015 16:40
    Highlight Ist ja nicht das erste mal, dass Vergewaltigungsvorwürfe erfunden werden. Bei Karl Dall wars eine bekannte Serienstalkerin, Dall musste ein paar Tage ins Gefängnis und ein Jahr geschäftlich und privat untendurch, die Täterin ging wiederholt straffrei aus mit ihren Falschanschuldigungen.
    14 0 Melden
  • stadtzuercher 06.04.2015 15:38
    Highlight "Könnte Opfern sexueller Gewalt schaden"? Hallo?
    Und kein Wort über die Männer, denen es womöglich Familien und Karriere zerstört, weil sie von zwei rachsüchtigen Journalistinnen fälschlich und ohne irgendwelche Belege beschuldigt worden sind? "Das Leben der Mitglieder sei für ein Semester komplett zerstört worden." Es ist genau diese reisserische (und mit Verlaub: feministische) Feder, mit der hier auch in Watson falsche Vergewaltigungsvorwürfe verniedlicht und zwischen den Zeilen gar gutgeheissen werden. Es ist nicht das erste Mal, dass unsere Presse diese Hetze mitmacht, siehe Karl Dall.
    19 3 Melden
  • elmono 06.04.2015 14:13
    Highlight Vergewaltigung ist ein abscheuliches Verbrachen, genauso wie eine erfundene Vergewaltigung und die damit verbundene Zerstörung der Existenz. Besonders bei öffentlichen Personen und Prominenten spielen die Medien eine entscheindende Rolle. Voreilige mediale Verurteilungen wie im Fall Kachelmann oder Türck sollte man richtig saftig bestrafen. Ich werde nie vergessen wie der steuerhinterziehende Moral-Apostel Alice Schwarzer (Entschuldigung an dieser Stelle für die nicht "gendergerechte Formulierung") in ihrer BILD-Kolumne während des Prozesses gegen Kachelmann gehetzt hat. Einfach nur widerlich
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