USA
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
FERGUSON, MO - AUGUST 18:  Demonstrators protesting the shooting death of Michael Brown make their voices heard on August 18, 2014 in Ferguson, Missouri. Protesters have been vocal asking for justice in the shooting death of Michael Brown by a Ferguson police officer on August 9th.  (Photo by Joe Raedle/Getty Images)

Schwarze demonstrieren in Ferguson. Bild: Getty Images North America

Erklärbär

Warum Schwarze auch heute noch keine richtigen amerikanischen Bürger sind

Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der USA, hat nach dem Ende der Sklaverei endlose Rassenunruhen prophezeit. Er sollte Recht erhalten. 

19.08.14, 11:53 19.08.14, 12:13

«Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.» Der erste Satz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist zweifellos einer der schönsten und bedeutendsten Sätze in der Geschichte der Menschheit. Er ist auch einer der scheinheiligsten, wie die aktuellen Ereignisse in Ferguson einmal mehr zeigen. 

Das in Stein gemeisselte Bild von Thomas Jefferson im Mount Rushmore. Bild: Charlie Riedel/AP/KEYSTONE

Geschrieben hat ihn Thomas Jefferson, Gründervater, dritter Präsident und bis heute der wohl einflussreichste Vordenker der USA. Das Verhältnis von Schwarzen und Weissen in den Vereinigten Staaten ist bis heute eine offene Wunde geblieben. Obwohl im Bürgerkrieg Millionen für die Abschaffung der Sklaverei ihr Leben gelassen haben, obwohl die berüchtigten, Rassen diskriminierenden Jim-Crow-Gesetze längst abgeschafft worden sind, und obwohl heute ein Afroamerikaner im Ovalen Büro residiert, brechen Rassenunruhen mit geradezu mechanischer Regelmässigkeit aus. Weshalb? 

Jefferson empfahl einen eigenen Staat für Schwarze

Thomas Jefferson hat dies schon vor mehr als 200 Jahren prophezeit. In seinen «Notes on the State of Virginia» orakelte er düster: Sollten die schwarzen Sklaven einst ihre Freiheit erlangen, würde das der Beginn eines endlosen Rassenkriegs werden; denn niemals würden die Schwarzen das Unrecht vergessen, das ihnen die Weissen angetan hätten. Als Lösung empfahl Jefferson daher eine Trennung. Die schwarzen sollten ihre Bürgerrechte in einem eigenen Staat verwirklichen. 

Das Gut Monticello heute. Bild: wikipedia/Jutta 234

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Jefferson war alles andere als ein bigotter Rassist. Er war – zumindest theoretisch – ein Gegner der Sklaverei und ein aufgeklärter, äusserst gebildeter Mann, der eine der grössten Bibliotheken seiner Zeit besass, als Universalgelehrter galt, die französische Revolution bewunderte und die Ideale der Aufklärung vertrat. Jefferson war aber – wie übrigens auch George Washington – Plantagenbesitzer im Südstaat Virginia und damit Sklavenhalter. Er verkörpert damit geradezu idealtypisch die Schizophrenie, die bis heute typisch ist für die Vereinigten Staaten.

Nirgends kommt diese Schizophrenie deutlicher zum Ausdruck als in Jeffersons Privatleben. Er führte eine sehr glückliche Ehe mit seiner Frau Martha, mit der er sechs Kinder zeugte. Drei davon verstarben früh. Auch seiner Ehefrau war kein langes Leben vergönnt. Nach ihrem Tod nahm Jefferson ihr Kindermädchen Sally zur Geliebten. Sally selbst war bereits die Tochter aus einer Liaison seines Schwiegervaters mit einer Sklavin. 

«Jefferson hat mehr vorausgesehen, als viele heute zugeben wollen.»

Anette Gordon-Reed

Die Verhältnisse im Hause Jefferson waren typisch für die Südstaaten. Plantagebesitzer pflegten Sklavinnen als Geliebte zu nehmen. Die Verhältnisse waren auch bekannt. Im äusserst schmutzig geführten Wahlkampf gegen John Adams wurden Jeffersons Liaison mit Sally von seinen politischen Gegnern als Diffamierung benutzt. (Selfies gab es damals allerdings noch nicht.) 

Für seine weissen Kinder war Jefferson ein vorbildlicher Vater

Auch mit seiner Sklavin zeugte Jefferson mehrere Kinder. Sie lebten, wie seine überlebenden Kinder mit Martha und später seine Enkel, auf seinem Besitz Monticello bei Charlottesville. Sie führten jedoch ein völlig anderes Leben. Während Jefferson für seine «weissen» Kindern ein geradezu vorbildlicher Vater und Grossvater war, behandelte er seine «schwarzen» Kinder, nun, wie Sklaven: streng und völlig unpersönlich. 

Das war umso erstaunlicher, als eines dieser Kinder, ein Sohn, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war. Man muss sich das vorstellen: Wenn Jefferson auf Monticello Gäste empfing – und das tat er gerne und oft – dann erlebten sie einen Bilderbuch-Grossvater, der mit seinen Enkeln sang und spielte, der sich am Tisch gleichzeitig von seinem eigenen Sohn wie von einem Sklaven bedienen liess. Viel mehr Schizophrenie geht nicht.

Keine Chance: Ein schwarzer Demonstrant wird verhaftet. Bild: Getty Images North America

Privat konnte Jefferson sein Sklavenproblem halbwegs lösen. Auch seine «schwarzen» Kinder erhielten nach seinem Tod die Freiheit. Weil sie so hellhäutig waren, lebten sie als Weisse weiter. Jefferson hatte dies Sally versprechen müssen, sie hätte ihn sonst nicht nach Paris begleitet, wo sie problemlos hätte fliehen können. Auch George Washington schenkte seinen Sklaven erst in seinem Testament die Freiheit, und nur seinen eigenen. Die seiner bedeutend reicheren Frau blieben unfrei. 

Die Ereignisse in Ferguson bestätigen einmal mehr, dass Jeffersons Befürchtungen vor endlosen Rassenauseinandersetzungen berechtigt waren. Oder wie die Harvard-Historikerin Annette Gordon-Reed in der «Financial Times» schreibt: «Unsere gequälte Rassenvergangenheit lässt uns nicht in Ruhe. Immer noch sind Schwarze keine vollwertigen Bürger. Jefferson wurde oft verunglimpft, weil er die Zukunft des Erbes der Sklaverei vorausgenommen hat, und die Doktrin der weissen Überlegenheit, die sie zugelassen hat. Aber Jefferson hat mehr vorausgesehen, als viele heute zugeben wollen.» 



Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Don Giovanni 20.08.2014 00:09
    Highlight Es kommt der Tag, an dem die weiße Minderheit in den USA in Ghettos leben wird.
    0 2 Melden
  • samy4me 19.08.2014 15:51
    Highlight Das Problem sind die Gesellschaft, die Medien und zum Teil auch die Schwarzen selber.... Erst wenn es gar keine Erwähnung mehr benötigt ob der President der USA schwarz oder das Opfer von Polizeiwillkür ein Affroamerikaner ist, findet dieses elende Rassendenken endlich ein Ende...
    7 2 Melden
  • sewi 19.08.2014 13:47
    Highlight Was mich erstaunt ist dass nach so langer Zeit die Schwarzen und Weissen nicht zusammengefunden haben und eine gemeinsame Identität aufgebaut haben. Mich dünkt, ein Afrikaner der zehn Jahre in der Schweiz lebt ist mehr Teil unserer Gesellschaft als ein in den USA geborener schwarzer Amerikaner.Der Weisheit letzter Schluss habe ich natürlich auch nicht.
    10 1 Melden
    • Boogie 19.08.2014 14:47
      Highlight Das hat etwas. Allerdings ist die Ausgangslage natürlich auch nicht vergleichbar. Ich war gerade längere Zeit in den USA und rückblickend muss ich sagen, dass ich leider sehr selten in Kontakt mit Afroamerikanern gekommen bin. Hingegen wird man von Weissen andauernd überall angesprochen. Es scheint also, als ob die Afroamerikaner keinen grossen Wert darauf legen würden, mit den Weissen in Kontakt zu kommen und den "Graben" zu überwinden. Andersrum sieht's (leider) gleich aus... Warum man es nicht schafft sich gegenseitig anzunähern weiss ich nicht.
      2 0 Melden

Was ist gefährlicher als junge Männer? Alte Männer!

Trump, Giuliani, de Niro & Co. verwandeln die amerikanische Politik in ein Irrenhaus – mit unabsehbaren Folgen.

Nichts ist gefährlicher als ein Land, in dem es einen Überschuss an jungen Männern gibt, die keine Zukunftsperspektive und keinen Zugang zu Frauen haben. Ohne die mit Testosteron vollgepumpten und mit Nationalismus aufgeheizten jungen Männer wäre der Erste Weltkrieg genauso wenig möglich gewesen wie der «IS»-Terror.

Im überalterten Westen fehlt heute der Überschuss an jungen Männern. Das gibt Anlass zur Hoffnung, die Welt könnte friedlicher werden, denn es fehlt das Kanonenfutter für …

Artikel lesen