USA

TImelapse-Video des Protestmarsches in New York youtube/Vinay Pulim

«Black lives matter»-Märsche

Amerikas schwarzer Protestbewegung fehlt ein Anführer

Tausende sind in Washington und New York auf die Strasse gegangen, um gegen Polizeiübergriffe auf Schwarze zu demonstrieren. Doch die Forderungen bleiben zu vage.

14.12.14, 08:30 14.12.14, 11:23

Sebastian Fischer, Washington / Spiegel Online

Ein Artikel von

Irgendwann kommen die Eltern der Getöteten auf die Bühne, die Kinder, die Geschwister, die Ehefrauen. Da ist die Mutter von Tamir Rice, dem zwölfjährigen Schwarzen, der vor drei Wochen von einem weissen Polizisten in Cleveland erschossen wurde; da sind die Eltern von Michael Brown, der im August in Ferguson starb; die Familie von Eric Garner, der im Juli im Schwitzkasten eines New Yorker Polizisten umkam; die Mutter von Trayvon Martin, der getötet wurde von einem – später freigesprochenen – Nachbarschaftswächter.

Es werden immer mehr. Am Ende stehen gut drei Dutzend Menschen auf der kleinen Bühne am Ende der Pennsylvania Avenue. Alle, die starben, waren unbewaffnet. 

«Justice For All March» in Washington

Hinter den Trauernden ist das Kapitolsgebäude in der kalten Winterluft zu sehen, vor ihnen stehen mehrere tausend Demonstranten, die in die Hauptstadt gereist sind, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren und für mehr Gerechtigkeit im Justizsystem. Denn in den allermeisten Fällen – zuletzt bei Brown und Garner – ist keine Anklage gegen die Polizisten erhoben worden.

New York: «Black Lives Matter» («Schwarze Leben zählen»), so das Motto der Protestmärsche. Bild: AP/FR170537 AP

Erinnerungen an die Grossen in der Geschichte der Schwarzen. Wo bleiben die neuen Leader jetzt? Bild: AP/FR159526 AP

Seit Wochen wird im ganzen Land demonstriert, nicht nur in Ferguson kam es zu Unruhen. An diesem Samstag gingen die Leute vor allem in Washington, New York und Boston auf die Strasse. «Das ist jetzt der Moment, in dem wir Geschichte schreiben», sagt die Mutter von Eric Garner. Die Frage ist, ob aus dem Moment nun eine neue Bürgerrechtsbewegung werden kann.

Regisseur Spike Lee beim Marsch auf Capitol Hill in Washington. Bild: AP/FR159526 AP

Denn das ist längst nicht entschieden. Die Tausenden auf den Strassen konnten schliesslich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Protest manchmal richtungslos wirkt, oft auch resigniert. Vor allem aber fehlt der Anführer.

Sicher, es gibt Al Sharpton. Der 60-jährige Prediger hat den «Justice for All»-Marsch in Washington initiiert, gibt sich seit dem Tod Michael Browns als das nationale Gewissen der Schwarzen. Doch wo Martin Luther King beim ursprünglichen «Marsch auf Washington» vor 50 Jahren vor einer Viertelmillion Menschen seine «I have a Dream»-Rede hielt und an diesem Samstag vor Beginn der Veranstaltung noch über Lautsprecher eingespielt wird, da redet Al Sharpton etwas zu oft über: Al Sharpton.

Prediger Al Sharpton: Rhetorik – oder Hybris? Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

«Ich habe nicht die Worte, die andere haben mögen; ich habe nicht das Verständnis von Liebe, das einige meiner Brüder und Schwestern haben; und einige hier mögen sein wie ich, der den steinigen Weg auf den Berg genommen hat», ruft er an einer Stellen den Leuten unter Anspielung auf seine schwierige Vergangenheit zu (Lesen Sie hier mehr darüber). Aber dennoch habe er es nach Washington geschafft,« weil Gott mir ein kleines Licht gab, und ich werde es scheinen lassen auf Michael Brown und Eric Garner».

«Wir auf den Strassen sind wütend und der hält hier seine Predigten. Sharpton hat den Bodenkontakt verloren.»

Rhetorik – oder Hybris? Es gibt Applaus, doch bei einigen Jüngeren im Publikum ist Verärgerung spürbar. «Wir auf den Strassen sind wütend und der hält hier seine Predigten. Sharpton hat den Bodenkontakt verloren», sagt Lauren Davis, die ganz vorne steht. In dem Moment, in dem Sharpton die Bühne betritt, suchen die 35-Jährige und ihre Freundinnen das Weite.

Demonstrantin in New York: «Ich kann nicht atmen». Bild: AP/FR170537 AP

Sharpton nutze die Proteste nur als Plattform, um mehr Aufmerksamkeit für seine TV-Show auf MSNBC generieren, sagen sie. Anstatt hier in gehöriger Entfernung des Parlaments die altbekannten Reden zu schwingen, solle man lieber direkt zum Kongress weitermarschieren und dort um politischen Einfluss kämpfen, meint Davis: «Wir brauchen echte Führungsstärke.»

Das bisherige Problem der Proteste könnte dieses sein: Entweder sind die Forderungen zu abstrakt – gegen Polizeigewalt, für Gerechtigkeit – oder zu kleinteilig. Sharpton etwa will Anhörungen im Kongress und Gesetze, die der Bundesebene mehr juristischen Einfluss geben in Fällen wie dem Michael Browns. Weder Demokraten noch Republikaner haben etwas gegen solche Anhörungen.

Newarks Bürgermeister Ras Baraka (Archivfoto): Starker Auftritt. Bild: EDUARDO MUNOZ/REUTERS

Einen der stärkeren Auftritte am Samstag legt Ras Baraka hin, der 44-jährige schwarze Bürgermeister von Newark: «Es ist das System der Jim-Crow-Justiz, das dem Mörder von Trayvon Martin die Freiheit lässt», sagt er unter Anspielung auf die sogenannten «Jim Crow»-Gesetze, die bis in die sechziger Jahre das Fundament der Rassentrennung waren. «Sie sagen, Jim Crow sei tot», ruft Baraka, «aber ich sage, Eric Garner ist tot.» Schwarze würden in den USA seit Jahrzehnten systematisch kriminalisiert. Deshalb brauche es Reformen nicht nur bei der Polizei, sondern auch im Kongress, in den Staaten, in den Städten, in den Universitäten. So lange, bis alle Bürger gleichberechtigt behandelt würden.

«Es ist das System der Jim-Crow-Justiz, das dem Mörder von Trayvon Martin die Freiheit lässt.»

Ras Baraka

Für Maurice C. Allen ist das ein generationenübergreifender Kampf. Auf dem Plakat des 31-Jährigen steht: «I am a Man.» Das ist einer der Schlachtrufe der Elterngeneration gewesen, die gegen die abwertende Bezeichnung eines schwarzen Mannes als «Boy» kämpften. «Unsere Eltern sind marschiert, jetzt sind wir dran», sagt Allen. Der Prediger Sharpton sei natürlich nach wie vor wichtig, «aber auch meine Generation muss jetzt ihre Sprecher und Stimmen finden», sagt Allen und dreht sein Schild herum.

«Schwarze Leben zählen», steht darauf. Der Schlachtruf der Gegenwart.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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