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Eine Frau, die irritiert

«Fuck the EU» – Victoria Nuland, Amerikas Krawall-Diplomatin

Victoria Nuland kann sehr direkt sein. Für die US-Regierung soll die Diplomatin in der Ukraine-Krise mit Europa verhandeln. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz aber sorgte sie erneut für Irritationen.

10.02.15, 18:20

M. Gebauer und H. Stark



Ein Artikel von

epa04436795 US Assistant Secretary of State for European and Eurasian Affairs Victoria Nuland (L) exchanges documents with Viktor Nazarenko, First Deputy of Head of State Border Guard Service, during her visit to a border guard unit near Kiev, Ukraine, 08 October 2014. Nuland gave engineering outfits as part of a US government project to assist the Ukrainian Border Guard Service.  EPA/SERGEY DOLZHENKO

Shake-Hands: Victoria Nuland Bild: SERGEY DOLZHENKO/EPA/KEYSTONE

Victoria Nuland steht in Washington vor einer azurblauen Videoleinwand der Denkfabrik Brookings Institution und will ein paar grundsätzliche Sätze zur Ukraine-Krise sagen. «Wir müssen der Ukraine dabei helfen, den Blutverlust zu stoppen», fordert sie. Auch mit tödlichen Waffen? Nuland spricht von «defensiven» Massnahmen und macht nur knapp davor halt, auf die Lieferung von schweren Waffen an die Regierung in Kiew zu drängen.

Nuland hat eine sehr direkte Art. Sie kann scharf, unterhaltsam, aber auch undiplomatisch werden - für eine Diplomatin sind das gefährliche Eigenschaften.

Die 53-Jährige ist die Europa-Beauftragte der amerikanischen Regierung, sie soll die USA durch die Ukraine-Krise führen und die Probleme mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin lösen. Aber in der Krise ist Nuland selbst zum Problem geworden.

Am vergangenen Freitag gab die Amerikanerin ihrer Delegation bei der Münchner Sicherheitskonferenz ein internes Briefing. Sie sass im sechsten Stock des Hotels Bayerischer Hof, im Raum waren vielleicht zwei Dutzend US-Diplomaten und Senatoren. Gerade hatte die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen öffentlich davon gesprochen, Waffenlieferungen könnten in der Ostukraine wie ein Brandbeschleuniger wirken. Die Amerikaner waren sauer.

Victoria Nuland - Fuck the EU

Nuland soll die Linie vorgegeben haben: «Wir können gegen die Europäer kämpfen, rhetorisch gegen sie kämpfen», sagte sie nach Angaben der «Bild»-Zeitung.

Die Reise der Kanzlerin zum russischen Präsidenten Wladimir Putin nannte Nuland dem Bericht zufolge «Merkels Moskau-Zeug». Die Stimmung heizte sich auf, einer der Senatoren soll über von der Leyen («Defätismus-Ministerin») gelästert haben, der Begriff «Moskau bullshit» der Europäer fiel wohl auch.

Die Top-Diplomatin Nuland gilt als konservativ. Im Fall eines Wahlsiegs der Republikaner im kommenden Jahr wird sie als mögliche neue Aussenministerin gehandelt. Sie ist mit Robert Kagan verheiratet, einem konservativen Vordenker. Er veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Text, warum Amerika die unumstrittene Führungsmacht in der Welt bleiben müsse.

In der Ukraine-Krise gilt Nuland als Hardlinerin und Anhängerin von Waffenlieferungen - anders als ihr Präsident Barack Obama hat sie eine klare Meinung, was getan werden muss.

Glücksfall und Hypothek für Obama

Nuland war an den US-Botschaften in Moskau und Peking, als Diplomatin bei der Nato und Sprecherin des Aussenministeriums in Washington. Aber kein Land fasziniert sie so wie Russland. Sie liebe dieses Land, hat sie einmal gesagt. Russisch spricht Nuland fliessend. Als die «wichtigste Erinnerung ihrer Karriere» bezeichnet die Spitzendiplomatin den Tag im August 1991, als sie zusammen mit 250'000 Menschen vor dem Kreml in Moskau gestanden «und Nein zur Konterrevolution gesagt» habe. Victoria Nuland hat deshalb auch den Kampf gegen die Mächte des Finsteren im einstigen Zarenreich in den Mittelpunkt ihrer Karriere gestellt.

Sie ist damit ein Glücksfall und eine Hypothek zugleich für Obama. Für Schlagzeilen sorgte sie bereits nach der Münchner Sicherheitskonferenz des vergangenen Jahres. Damals flog sie von München über Zypern und Prag nach Kiew, und auf dem Weg telefonierte sie mit Geoffrey Pyatt, dem amerikanischen Botschafter in der Ukraine. Nuland verzichtete auf besondere Sicherheitsvorkehrungen und benutzte ihr normales Mobiltelefon. Damit war das Gespräch unverschlüsselt.

Ukraine's President Petro Poroshenko meets U.S. Vice President Joe Biden as U.S. Secretary of State John Kerry and U.S. Assistant Secretary of State for Europe Victoria Nuland (L-R) look on during the 51st Munich Security Conference at the 'Bayerischer Hof' hotel in Munich February 7, 2015. REUTERS/Michaela Rehle (GERMANY  - Tags: MILITARY POLITICS)

Victoria Nuland bei der Ukraine-Verhandlung Bild: MICHAELA REHLE/REUTERS

Am Abend des 4. Februar 2014 tauchte bei YouTube ein Mitschnitt auf, vier Minuten und elf Sekunden lang. Das Gespräch zwischen den beiden Spitzendiplomaten gab einen seltenen Einblick in die Welt der amerikanischen Diplomatie. Am Ende des Telefonats sprach Nuland einen Vorschlag der US-Regierung an, der die zögerlichen Europäer ausmanövrieren sollte und sie weltberühmt gemacht hat. Kurz zuvor hatte sie mit den Vereinten Nationen gesprochen, die Uno sollte sich in der Ukraine engagieren und einen Gesandten schicken, damit hätte die EU nicht mehr viel zu sagen. «Das wäre grossartig, denke ich, um zu helfen, die Dinge zu bewegen, die Uno würde die Dinge vorantreiben», sagte Nuland und setzte hinzu: «Fuck the EU.»

«Absolut inakzeptabel» seien die Worte, liess die Kanzlerin damals ausrichten - eine ungewöhnlich scharfe Reaktion. In den Tagen danach musste Nuland sich entschuldigen. Als Zeichen der Abbitte erschien sie bei der nächsten Runde mit einem selbstgemachten Anstecker: «I love the EU.»

Nun sind zum zweiten Mal abfällige Aussagen Nulands durchgesickert, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Die Deutschen zeigten sich irritiert, schliesslich hatte die Amerikanerin bei den Treffen mit deutschen Ministern Merkels Initiative zur Deeskalation in der Ukraine-Krise gelobt.

Am Tag nach dem Bericht in der «Bild»-Zeitung wollte Nuland von den Aussagen dann auch nichts mehr wissen. Vielmehr sei sie ein Fan der Diplomatie-Initiative der deutschen Kanzlerin. «In der Öffentlichkeit und intern haben alle von uns, mich eingeschlossen, deren Diplomatie unterstützt», sagte sie der US-Zeitung «Wall Street Journal», «und wir haben Seite an Seite mit ihnen gearbeitet.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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