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Die Ausschreitungen in der US-Stadt Ferguson haben die USA erschüttert. Bild: Jeff Roberson/AP/KEYSTONE

Demokraten droht eine Schlappe

Schwarze bei den US-Kongresswahlen: Wütend, machtlos, resigniert 

Bei den US-Kongresswahlen droht den Demokraten eine herbe Niederlage. Vor allem die afroamerikanische Basis wendet sich ab. Nirgends zeigt sich die Wut so sehr wie in Ferguson, dem Ground Zero der jüngsten Rassenunruhen. 

03.11.14, 22:45 04.11.14, 09:19

Marc Pitzke, Ferguson / Spiegel Online

Ein Artikel von

Bisher, sagt Patricia Bynes, habe sie Rassismus vor allem unterschwellig gespürt: «Die Leute lächelten und grüssten dich freundlich – und kehrten dir dann eiskalt den Rücken». Die schwarze Aktivistin sitzt in «Cathy's Kitchen», einem populären Restaurant an der South Florissant Street, der Hauptstrasse von Ferguson. Drei Häuser weiter steht die mittlerweile berühmt-berüchtigte Polizeiwache. 

Im August wurde Ferguson, ein Vorort von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, zum Fanal für Amerikas ungebrochen schwelenden Rassismus. Der Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown, erschossen vom weissen Polizisten Darren Wilson, löste schwere Unruhen aus. Seither ist der Eindruck vom unterschwelligen Rassismus einer neuen bitteren Realität gewichen: Die Kluft zwischen Schwarzen und Weissen ist so tief wie lange nicht mehr. 

Viele haben sich desillusioniert abgewandt, von Obama, den Demokraten und dem politischen System überhaupt. Doch ohne die schwarze Basis dürften die Demokraten bei den Kongresswahlen am Dienstag auch ihre letzte Mehrheit im Senat verlieren – und die wahre Macht in Washington. 

Der Tod eines jungen Schwarzen löste tagelange Demonstrationen aus. Bild: TANNEN MAURY/EPA/KEYSTONE

Wütend, machtlos, entmutigt: Nirgends zeigen sich die Probleme der Schwarzen deutlicher als in Ferguson, dem Ground Zero des US-Rassenproblems. Wochenlang tobten die Proteste, Geschäfte wurden geplündert, die Polizei fuhr Kriegsgerät auf. Inzwischen herrscht nervöse Ruhe: Alle warten darauf, ob Wilson angeklagt wird oder nicht – eine Entscheidung, die das zuständige Geschworenengericht nach den Wahlen bekanntgeben will. 

Die Entscheidung wäre bis dahin eigentlich eine gute Gelegenheit, seinem Unmut wenigstens mit dem Stimmzettel Luft zu machen. Denn zur Wahl stehen hier am Dienstag nicht nur die Vertreter im US-Repräsentantenhaus, sondern unter anderem auch die Mitglieder des Landesparlaments von Missouri und der County Executive, der mächtigste Mann im Landkreis. 

Gemäss dem alten Motto: All politics is local – Politik ist immer auch eine lokale Angelegenheit.

Doch das politische Engagement hält sich in engen Grenzen. Demonstrieren: ja – wählen: nein. Erste Schätzungen deuten auf eine miserable Wahlbeteiligung in St. Louis hin, vor allem bei Schwarzen und anderen Minderheiten. «Die meisten haben aufgegeben», weiss Patricia Bynes. «Ihr Motto: Scheiss drauf.» 

Nicola Kea, Verkäuferin 

Nicola Kea verkauft Getränke im Busch Stadium, dem Baseball-Stadion in St. Louis. Doch im Moment steht sie direkt gegenüber der Polizeiwache von Ferguson, einem modernen Bunker mit einem riesigen Antennenmast, der der NSA zur Ehre gereichen würde. Täglich halten Kea und ein paar wackere Demonstranten hier die Stellung, einsame Erben des Protests. 

«Stop killing us!» steht auf ihrem Schild. Manchmal hupt ein Autofahrer zustimmend, manchmal brüllen sie einen Cop an: «Du Arschloch!» 

«Das ist wichtiger als mein Job», sagt Kea, die in Ferguson aufgewachsen ist. «Wir sind wütend. Wir dürfen nicht vergessen. Mehr haben wir nicht». 

Deshalb hofft Kea auch, dass am Dienstag möglichst viele wählen gehen. «Wir müssen uns Gehör verschaffen. Wir müssen dieses verdammte System ändern, in dem wir gross geworden sind.» Viel Hoffnung hat sie aber ebenfalls nicht: «Demonstrieren können wir gut. Wählen nicht so sehr.» 

Tommy Pierson Sr., Pastor 

«God Bless Mike Brown», flimmert über die Anzeigetafel vor Tommy Piersons Kirche, der Greater St. Mark Family Church. Pierson ist seit 37 Jahren Pastor, zuvor war er Fliessbandarbeiter bei GM. «Sie mögen uns nicht», sagt er über die Polizei. «Sie halten alle Schwarzen für Kriminelle.» 

Pierson macht keinen Hehl aus seiner Abscheu. Rassismus, Hass, ein Teufelskreis: «Ein schwarzes Leben ist billig.» Was Mike Brown zugestossen sei, «passiert überall in den USA», sagt er. «Die Polizei führt Krieg gegen Schwarze.» Wie damals bei der Sklaverei: «Wer nicht spurt, muss leiden.»

Mehr noch: «Seit Obamas Wahl ist das alles nur schlimmer geworden.» Die Weissen leisten Widerstand gegen die neuen Mehrheiten, die Schwarzen versäumten es, nach 2008 weiterzukämpfen: «Viele hatten die Illusion, dass Obama alle Probleme lösen würde.» Das Gegenteil sei eingetreten. 

Aber auch Pierson sieht eine Mitschuld in den eigenen Reihen: «Viele von uns haben aufgegeben», schimpft er. «So werden wir alles verlieren. Wenn wir nicht aufpassen, leben wir bald im Polizeistaat. Es ist eine Tragödie.» 

Hazel Erby, Stadträtin 

Am Anfang war noch Hoffnung. «Wir hatten uns so gefreut, dass die Wahl Obamas den Beginn einer neuen Ära markieren würde», sagt Hazel Erby. «Leider haben wir uns geirrt.» 

Seit 2004 sitzt die Demokratin im Stadtrat von St. Louis, als einziges schwarzes Mitglied. Dort vertritt sie auch Ferguson, wo sie wohnte, bevor sie in eine bessere Gegend zog: «Was hier los ist, bricht mir das Herz.» 

«Wir Schwarze klagen gern, dass wir politisch ignoriert würden», sagt Erby. «Aber das ist nun mal die Konsequenz, wenn man sich nicht engagiert.» Bei den letzten Kommunalwahlen lag die Wahlbeteiligung hier bei weniger als neun Prozent. Kaum die Hälfte davon waren Schwarze. 

Warum diese Lethargie? «Die Demokraten haben uns nie respektiert», sagt Erby, die am Dienstag den republikanischen Kandidaten fürs Amt des County Executives unterstützen wird, im Verbund mit einer Gruppe von insgesamt 30 fahnenflüchtigen Schwarzen. Die Demokraten ignorierten die Sorgen der Afroamerikaner, klagt sie, liessen sie nicht mitreden, entschieden gegen die Basis: «Schwarze Stimmen zählen nicht.» 

Courtney Allen Curtis, Landesabgeordneter 

Keiner brachte Courtney Allen Curtis bei, wie Politik geht. Es gab keine Anleitung, keinen Mentor, kein Vorbild. Wie hat er es gelernt? «Ich hab's gegoogelt.» 

Curtis ist studierter IT-Spezialist. Doch als es 2012 in Ferguson die ersten zwei Morde gab, beschloss er, Kommunalpolitiker zu werden. «Ich wollte etwas bewirken. Meiner kleinen Nichte zuliebe.» Monatelang zog er von Tür zu Tür, «Hundert Türen am Tag», um sich höflich vorzustellen: Courtney Allen Curtis, Kandidat fürs Repräsentantenhaus von Missouri. 

Er sammelte 9798 Dollar Spenden. Genug, um die Vorwahl zu gewinnen. Zur Hauptwahl meldete sich dann kein Gegenkandidat – und auch die Wiederwahl am Dienstag hat der Demokrat in der Tasche, konkurrenzlos. 

So sitzt er also im State House in Jefferson City, 52 Demokraten sind sie da gegen 109 Republikaner. Dass sich die Lage für Curtis und seine Mitstreiter am Dienstag verbessern könnte, erscheint wenig wahrscheinlich. Trotzdem, Curtis ist einer, der es geschafft hat, der nicht nur redet. 

Hat er bisher aber etwas verändern können? «Ich hab's versucht, keiner hörte zu.» Nach Michael Browns Tod war er live auf CNN und hat Obama abgeraten, nach Ferguson zu kommen: «Das würde uns nicht helfen.» 

Leslie Broadnax, Rechtsanwältin 

Für den dritten Geburtstag ihres jüngsten Sohnes – Benjamin, genannt BJ – hatte sich Leslie Broadnax etwas ganz Besonderes ausgedacht. Eine Superheldenparty, dafür wollte sie nächste Woche das Bürgerzentrum mieten. «Daraus», seufzt die Rechtsanwältin, «wird jetzt wohl nichts.»

Stattdessen wird Broadnax ihre fünf Kids von den Strassen fernhalten, für den Fall, dass es neue Proteste gibt. Sie hat Benachteiligung am eigenen Leibe erfahren. 2008 wurde Broadnax überfallen, doch die Behörden liessen sie im Stich. Dass die Täter gefasst wurden, erfuhr sie erst zwei Jahre später – durch Zufall, als man ihre Handtasche zurücksandte: «Wir brauchen sie nicht länger als Beweismaterial.» 

Um etwas zu verändern, ging Broadnax als Kandidatin für den Posten des Bezirksstaatsanwalts ins Rennen. Schon in den Vorwahlen scheiterte sie am Parteiapparat. Die Demokraten bestellten lieber den weissen kontroversen Altfunktionär Bob McCulloch. Der ist seit 23 Jahren im Amt. 

«Wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir eigene Kandidaten aufstellen, finanzieren, unterstützen», sagt Broadnax. «Du änderst nur was, wenn du mit am Tisch sitzt und nicht draussen an die Scheibe klopfst.» 

Einstweilen lehrt Broadnax Kriminalrecht am St. Louis Community College in Ferguson. Der idyllische Campus liegt unter herbstlich gefärbten Bäumen, die meisten Studenten hier sind schwarz. Canfield Drive – die Sackgasse, in der Michael Brown starb – ist nur wenige Strassen entfernt. 



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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 03.11.2014 23:29
    Highlight Die Politik wird in den USA von den 50 reichsten Familien gelenkt und wer da nun im Kongress oder Senat ihre Lobbyarbeit betreibt, ist im Grunde irrelevant.
    Diese reichen Clans haben auch unterschiedliche Interessen, die auch gerne mal konträr verlaufen. Aber dafür hat man die richtigen Kandidaten im Kongress und Senat sitzen, die ohne ihr Geld nie an die Macht gekommen wären.
    Es läuft einiges schief in den USA. Daran werden auch die Republikaner so schnell nichts ändern. Es kommen jetzt nur andere Interessenvertreter der Wirtschaft an die Macht. Das System in den USA bleibt aber intakt.
    2 0 Melden

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