Ukraine
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Bild: AP/AP

kämpfer vom Maidan

«Wir bleiben bis zum Ende»

Polizisten der ukrainischen Regierung schiessen mit scharfer Munition auf die Opposition, den Widerstand in Kiew können sie nicht brechen. Die Janukowitsch-Gegner wollen durchhalten, bis der Präsident gestürzt ist. Auf dem Maidan singen sie: «Noch ist die Ukraine nicht gestorben.»

21.02.14, 07:08 21.02.14, 15:07

Ein Artikel von

benjamin bidder, spiegel online, kiew

Wladimir steht auf dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew, die Stiefel auf schwarzer Erde. Das Pflaster ist verschwunden, die Kämpfer des Maidan haben die Steine aus dem Boden gerissen, sie machen Wurfgeschosse daraus. Mit grossen Hämmern klopfen sie ihre Beute in kleine, scharfkantige Brocken. 

Wladimir kommt aus der Stadt Chmelnitzky, 300.000 Einwohner, westlich von Kiew. Seit Anfang Dezember harre er auf dem Maidan aus, sagt er. In den vergangenen Wochen hat er alles gesammelt, was ihn schützen könnte: einen schwarzen Motorradhelm, Knieschoner, Schienbeinschoner, eine schusssichere Weste und seit Anfang der Woche auch einen eisernen Schild. Er hat ihn einem Polizisten der berüchtigten Berkut-Einheit abgenommen. «Mann gegen Mann», sagt Wladimir. Aber nun lässt er den Schutz achtlos liegen, wenn er zu den Barrikaden eilt, weil «er nur die Aufmerksamkeit der Scharfschützen auf mich lenkt», sagt er. Und weil die Kugeln ihrer Gewehre das Eisen leicht durchschlagen. 

Bild: X00829

Mindestens 60 Tote haben die Auseinandersetzungen im Zentrum Kiews in dieser Woche gefordert. Die meisten Demonstranten kamen ums Leben, als sie am Donnerstagmorgen vom Maidan aus in Richtung Regierungsviertel stürmten. Viele wurden in den Kopf getroffen. Andere starben, als sie verletzte Kameraden in Sicherheit bringen wollten. Auch das Innenministerium meldete Verluste: drei tote Polizisten, mehr als 500 verletzte Beamte, 30 von ihnen mit Schusswunden. 

Wenn es das Ziel der Heckenschützen war, Angst und Panik zu säen, dann ist ihre Mission gescheitert – zumindest bislang. Es gibt nicht weniger Verteidiger des Maidan, sondern eher mehr. Busse haben den Unabhängigkeitsplatz im Laufe des Tages erreicht, sie brachten Verstärkung aus dem Westen des Landes. Die Besetzer des Maidan erneuerten die Barrikaden. Sie schafften Hunderte Autoreifen heran, die sie in Brand setzen wollen. 

Schusswaffen für alle Polizisten

Keine Angst, Wladimir? «Wir bleiben bis zum Ende», sagt er. «Sei es Sieg oder Vernichtung.» Die Brutalität der Sicherheitskräfte ist furchteinflössend – aber auch die Todesverachtung, mit der Tausende ihnen entgegentreten. Viele der Männer vom Maidan sind Ehemänner und Väter. 

Wladimir ist 32. Im Herbst arbeitet er als Mähdrescherfahrer, sonst schlägt er sich mit Jobs auf Baustellen durch. Er hat eine Freundin, sie ist nicht auf dem Maidan, weil sie schwanger ist. 

Auf der Gruschewska-Strasse, am Dynamo-Stadion, reden die Demonstranten davon, dass sie nachts den Sitz der Regierung stürmen wollen. Auf dem Gebäude haben Männer des Geheimdienstes SBU Stellung bezogen, Scharfschützen der Einheit Alfa. 

Nichts deutet darauf hin, dass eine der Konfliktparteien in Kiew zurückweicht. Die Verteidiger des Maidan wollen nicht aufgeben, die Behörden bleiben bei ihrem harten Kurs. Der Innenminister kündigte an, alle Polizisten mit Schusswaffen auszurüsten, leider hätten die Demonstranten nicht auf «Warnungen gehört und nicht die richtigen Schlussfolgerungen» gezogen. Die Zeichen stehen auf Sturm. 

Sniper in Kiew. Video: Youtube/YouStarNews

Russland fordert von Präsident Janukowitsch, den Aufstand niederzuschlagen. Der Staatschef dürfe nicht zulassen, dass die Opposition über ihn wie über einen «Fussabtreter» hinweggehe, mahnte Ministerpräsident Dmitrij Medwedew. Janukowitsch ist auf russische Hilfszahlungen angewiesen, sonst droht dem Land der Bankrott oder zumindest Janukowitsch selbst im kommenden Jahr eine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl.

Auf der anderen Seite verhängt die EU Sanktionen gegen die Verantwortlichen für die Gewalt, hinzu kommt ein Lieferverbot für Repressionsgüter. «Es ist vollkommen klar, dass die Gewalt nicht akzeptabel ist», sagte die Aussenbeauftragte Catherine Ashton nach einer Dringlichkeitssitzung der Aussenminister am Donnerstag. «Die Botschaft ist klar: Es gibt keine Straffreiheit für diejenigen, die Menschenrechte missachten», sagte Belgiens Außenminister Didier Reynders. 

«Das ist ein starkes Signal, dass diese Ereignisse nicht akzeptabel sind in einer europäischen Stadt», fügte der britische Aussenminister William Hague hinzu. EU-Diplomaten hatten vor dem Treffen gesagt, dass Präsident Janukowitsch voraussichtlich nicht mit Sanktionen belegt werde. Auf der Liste könnten Regierungsvertreter oder Vertreter der Polizei stehen, sagte Reynders. Eine spätere Ausweitung sei aber möglich. 

In Odessa prügeln Schläger 

Das Land taumelt unterdessen in Richtung Anarchie: In Odessa prügelten Tituschki genannte und von der Staatsmacht angeheuerte Schläger Regierungsgegner zusammen. Die Stadt Lwiw im Westen hat sich für autonom erklärt. In den Provinzen gingen Gebäude des Geheimdienstes SBU in Flammen auf. Nach Angaben des Innenministeriums erbeuteten Regierungsgegner Hunderte Waffen. Als in Luzk im Westen der Janukowitsch-treue Gouverneur zu Demonstranten sprechen wollte, wurde er niedergeschlagen und misshandelt. 

Am Nachmittag rückten die Verteidiger des Maidan bis auf den Hügel am Rande des Platzes vor, auf dem das Hotel «Ukraina» steht. Im Foyer legten sie erst ihre Toten ab, dann errichteten sie dort ein Lazarett für Verletzte. Das Hotel, in dem viele Journalisten wohnen, war auch von den Kämpfen betroffen. Es liegt an der Institutska-Strasse, die ins Regierungsviertel führt. Mehrere Kugeln schlugen auch in Zimmern ein, in denen Reporter logieren. Männer vom Maidan bezogen in den oberen Etagen Position und feuerten auf Polizisten. 

Vor dem Hotel steht Irina, 48, eine Frau aus Kiew. Ihr Sohn wurde am Morgen verletzt. Er wurde von einer Kugel an der Stirn getroffen, zum Glück war es nur ein Gummigeschoss. Irina hat sich einen alten Skihelm umgeschnallt. Sie sagt, mehr noch als den Tod fürchteten die Menschen auf dem Maidan ein Leben in der Diktatur. «Wir haben irgendwie auf Hilfe von Europa gehofft», sagt sie. Sie wüssten aber inzwischen, dass sie Janukowitsch nur selbst stürzen könnten. 

Dann stimmen sie auf dem Platz die Hymne an, und auch Irina singt mit: «Schtsche ne wmerla Ukrajina - noch ist die Ukraine nicht gestorben. »

Kampf um die Ukraine – Was wollen die Grossmächte?

Russland

Die potentielle Annäherung der Ukraine an die EU wird von Moskau schon länger als machtpolitische Gefahr wahrgenommen. Über Jahrhunderte sah Russland die Ukraine in seinem Einflussbereich. Entsprechend kritisch sieht der Kreml nun auch die prowestlichen Demonstrationen in dem Nachbarland und bezichtigt den Westen, den Aufstand zu schüren. Dahinter steckt möglicherweise auch die Sorge, die prowestlichen Proteste könnten auf Russland überspringen. Monate bevor das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU unterzeichnet werden sollte, hatte Putin den Druck auf dem mittlerweile in Ungnade gefallenen Präsidenten Wiktor Janukowitsch mit Handelssanktionen und einer massiven Propaganda-Kampagne erhöht. Offenbar mit Erfolg. Ende November zog die Ukraine ihre geplante Unterschrift unter dem Abkommen mit der EU zurück. Moskaus Belohnung folgte: Senkung des Gaspreises um ein Drittel und ein 15 Milliarden Dollar-Kredit für die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckende Ukraine. Russland nutzt die zögerliche Auszahlung der Tranchen offenbar als politisches Druckmittel. Auch vor der erneuten Eskalation der Gewalt drängte der Kreml Janukowitsch, Zugeständnisse an die Opposition nicht zu gewähren bzw. zurückzunehmen und den Widerstand mittels Staatsgewalt zu brechen.

USA

 Angesichts der Haltung Russlands ist die Krise in der Ukraine auch für die USA von strategischer Bedeutung. Bislang hatte Washington vor allem auf die aussenpolitischen Bemühungen der EU gesetzt, doch mittlerweile wird die eigene Zurückhaltung offenbar zunehmend aufgegeben. Dies zeigte vor einigen Tagen auch das öffentlich gewordene Telefonat der US-Diplomatin Victoria Nuland mit dem US-Botschafter in Kiew, in dem sie die Haltung der EU in der Ukraine-Frage als zu lasch kritisierte und auch auf eine Vermittlerrolle der Uno hoffte. Die USA arbeiten daran, eine handlungs- und regierungsfähige ukrainische Opposition aufzubauen und drohten der ukrainischen Führung offen mit Sanktionen. Gleichzeitig lockt Washington mit wirtschaftlicher Hilfe, knüpft diese jedoch an politische und wirtschaftliche Reformen. 

EU

Jahrelang verhandelte die EU mit der Ukraine über ein Assoziierungsabkommen. Die damit verbundenen demokratischen und wirtschaftlichen Reformen sollten das Land enger an Europa binden. Präsident Wiktor Janukowitsch lehnte jedoch auf Druck Russlands das fertig ausgehandelte Abkommen im vergangenen November ab. Die EU bekräftigte danach, weiterhin offen für Verhandlungen zu sein. In dem Konflikt zwischen Regierung und Opposition versucht sie nun unter der Führung der EU-Aussenbeauftragten Catherine Ashton zu vermitteln und bot Kiew Unterstützung bei einer Verfassungsreform an. Zunächst lehnten die EU-Aussenminister Sanktionen gegen die ukrainische Regierung ab, doch werden nach der Gewalteskalation Stimmen für Strafmassnahmen lauter. 

Deutschland

Nach dem Scheitern des Assoziierungsabkommens stellte Angela Merkel klar, "Die Tür für die Ukraine bleibt offen". Im folgenden Konflikt zwischen Regierung und Demonstranten versuchte Berlin zu vermitteln und die Opposition zu stärken, vor allem den Profiboxer Vitali Klitschko. Aussenminister Frank-Walter Steinmeier antwortete auf Kritik Moskaus an einer Einmischung der EU, man müsse von der Vorstellung Abstand nehmen, "dass die Ukraine Teil eines geopolitischen Schachspiels ist." Nach der Eskalation der Gewalt drohte Merkel, zusammen mit dem französischen Präsidenten François Hollande, der ukrainischen Regierung mit Sanktionen. 



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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 21.02.2014 12:27
    Highlight Gregor Gysi (Die Linke, Deutschland) wollte G. Schröder mit Putin verhandeln lassen, nicht mit Janukowitsch. Damit hat Gysi erkannt, wer die Strippen in der Ukraine zieht. Gysi legt hier eine Nähe zur Realität an den Tag, welche zahlreichen Journalisten abhanden gekommen ist. Er weiss: Für Putin ist die Ukraine der Hinterhof von Russland und in diesem Hinterhof geschieht nichts ohne seinen Willen.
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