Ukraine
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epa04178431 Former Russian oil tycoon Mikhail Khodorkovsky attends a congress 'Ukraine - Russia: dialogue' in Kiev, Ukraine, 24 April 2014. Mikhail Khodorkovsky, the former Russian political prisoner, jointly with Ukrainian politician Yuriy Lutsenko and modern Russian novelist Lyudmila Ulitskaya took part in opening ceremony of Ukraine-Russia dialogue forum in Kiev on April 24-25. The  forum brings together leading economists, scholars, artists, experts, journalists, teachers, doctors, civic activists and human rights defenders, to show solidarity, to strengthen the ties between various groups from Russian and Ukrainian society, and to counteract the information war that has been unleashed by the Kremlin.  EPA/SERGEY DOLZHENKO

Bild: EPA/EPA

Chodorkowski

«Putin rächt sich»

Michail Chodorkowski sass in Putins Russland ein Jahrzehnt im Gefängnis. Jetzt lud er in Kiew viele Kreml-Kritiker zu einem Friedensgipfel. Seinen Rivalen attackierte er scharf – der Grund für dessen Ukraine-Politik liege auf der Hand. 

25.04.14, 07:33 25.04.14, 10:51

Ein Artikel von

Am Eingang von Kiews Olympia-Stadion begrüsst eine junge Russin die Teilnehmer von Michail Chodorkowskis Friedensgipfel mit Galgenhumor. «Herzlich willkommen beim Treffen der Nationalverräter», ruft Mascha Baronowa, eine blonde Oppositionsaktivistin aus Moskau. 

Es ist eine Anspielung auf Wladimir Putins Krim-Rede. Der Kreml-Chef hatte alle, die mit dem Kurs des Kremls nicht einverstanden sind, als «fünfte Kolonne» und Nationalverräter bezeichnet. 

Baronowa ist eine von ihnen. Bis Ende 2013 stand sie unter Anklage, wegen der Teilnahme einer Demonstration gegen Putins Amtseinführung oder wegen «Anstiftung zu Massenunruhen», so hatte es die Anklage formuliert. 

In Moskau war vor einer Teilnahme an dem Forum gewarnt worden, es könnte den Kreml-Propagandisten einen Trumpf in die Hand geben und den Eindruck verstärken, die Opposition sei aus dem Ausland gelenkt und von Oligarchen bezahlt. 

Russian former oil tycoon Mikhail Khodorkovsky attends a conference called Ukraine-Russia Dialogue,  in Kiev, Ukraine, Thursday, April 24, 2014. Russia’s most famous prisoner, the former oil tycoon Mikhail Khodorkovsky, has harshly criticized Russian president Vladimir Putin, saying he was pressuring Ukraine out of petty vengeance. Khodorkovsky, who spent 10 years in prison, spoke at the opening of a conference in Kiev devoted to fostering ties between Ukraine and Russia, despite Russia’s annexation of Crimea.(AP Photo/Sergei Chuzavkov)

Bild: AP/AP

Einige Putin-Kritiker bleiben aus Vorsicht fern 

Nun sitzen doch an die 300 Teilnehmer in Kiew zusammen, die Kosten für Anreise und Unterbringung hat Chodorkowskis Stiftung «Offenes Russland» übernommen. Die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja ist da, der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, die 86-jährige «Grande Dame» der russischen Menschenrechtler Ljudmila Alexejewa, und Galina Timtschenko, die vor kurzem aus politischen Gründen entlassene Chefredakteurin der führenden russischen Onlinezeitung «Lenta». 

Andere sind angesichts der politischen Brisanz des Treffens nicht nach Kiew gekommen. Die Menschenrechtler von «Memorial» etwa sind durch einige Mitglieder vertreten – aber Direktor Arsenij Roginski blieb in Moskau, um den Zorn des Kreml nicht auf seine Organisation zu lenken. Auch Putins langjähriger Finanzminister Alexej Kudrin, der seit den Winterprotesten 2011 in gemässigter Opposition zu ihm steht, lehnte eine Teilnahme ab. 

«Keinesfalls ein politisches Forum» stelle das Treffen dar, hatte Chodorkowskis Sprecherin bei der Ankündigung der Konferenz noch betont, sondern «ein Forum der russisch-ukrainischen Intelligenz, um die Verbindungen zu stärken.» Politischer allerdings geht es unter den derzeitigen Bedingungen eigentlich kaum. 

«Der Diktator kann uns nicht zu Feinden machen»

Etwa zur gleichen Zeit, als Michail Chodorkowski, in Jeans und einer schwarzen, trachtenähnlichen Jacke im Konferenzzentrum am Kiewer Fussballstadion das Mikrofon ergreift, wird in Moskau der Hausarrest für den Oppositionellen Alexej Nawalny um ein halbes Jahr verlängert. 

Und einige hundert Kilometer östlich von Kiew heben russische Kampfflugzeuge in Richtung ukrainischer Grenze ab. Als Antwort auf den Versuch ukrainischer Spezialeinheiten, die Stadt Slowjansk von den Aufständischen zurückzuerobern, hat Russland ein Militärmanöver gestartet. 

«Wir haben uns hier versammelt, weil wir zeigen wollen, dass wir mit Putins Politik nicht einverstanden sind», verkündet Chodorkowski gleich am Anfang. «Wie mächtig ein Diktator auch sein mag – er kann uns nicht zu Feinden machen!»

Chodorkowski tritt zurückhaltend auf, aber seine Stimme wird schneidend, als er Putin offen für seine kurzsichtige Ukraine-Politik angreift. «Putin löst keine globalen strategischen Fragen, er rächt sich für eine persönliche Beleidigung», erklärt er. Beleidigt, so der im Dezember nach zehn Jahren Haft entlassene Geschäftsmann, sei der russische Präsident von der Revolution und der Vertreibung Janukowitschs. 



«Kampf zwischen Barbarei und Demokratie»

Jurij Luzenko, Innenminister unter Timoschenko, in Haft unter Janukowitsch und einer der Führer des Maidan, nutzt den Auftritt für eine klare politische Ansage. «Was wir heute in der Ukraine sehen, ist ein Kampf zwischen Barbarei und Demokratie. Und auf die Reconquista in der Ukraine folgt die Reconquista in Russland», erklärt er. Und er schmeichelt der russischen Intelligenzija: «Wir wissen um die grosse russische Kultur. Wir kennen den Unterschied zwischen Puschkin und Putin.» 

Gleich die erste Diskussionsrunde zeigt jedoch, wie schwer die Verständigung selbst unter Intellektuellen fällt in einem Moment, in dem die beiden «Brudervölker» so nah an einem Krieg sind wie nie seit Beginn der Ukraine-Krise. 

Es hagelt gegenseitige Anschuldigungen zwischen Ukrainern und Russen. Der bekannte Medienunternehmer und oppositionelle Blogger Anton Nossik etwa beschwert sich darüber, dass die ukrainischen Grenzer ihn für mehrere Stunden am Flughafen festhielten. 

Andere beklagen Einreiseverbote für russische Journalisten und die prinzipielle Weigerung ukrainischer Politiker, selbst mit oppositionellen russischen Medien zu sprechen. 

epa04178406 Former Russian oil tycoon Mikhail Khodorkovsky attends a congress 'Ukraine - Russia: dialogue' in Kiev, Ukraine, 24 April 2014. Mikhail Khodorkovsky, the former Russian political prisoner, jointly with Ukrainian politician Yuriy Lutsenko and modern Russian novelist Lyudmila Ulitskaya took part in opening ceremony of Ukraine-Russia dialogue forum in Kiev on April 24-25. Theforum will bring together leading economists, scholars, artists, experts, journalists, teachers, doctors, civic activists and human rights defenders, to show solidarity, to strengthen the ties between various groups from Russian and Ukrainian society, and to counteract the information war that has been unleashed by the Kremlin.  EPA/SERGEY DOLZHENKO

Bild: EPA/EPA

«Kein Journalismus, staatlich geplante Spezialoperation» 

Die Ukrainer rechtfertigen sich damit, dass sie sich im Kriegszustand befinden. Zwei der drei ukrainischen Panel-Teilnehmer verlassen irgendwann genervt das Podium. Einig ist man sich nur im Applaus, als der Journalist Pawel Scheremet sagt: «Die Journalisten der russischen Staatsmedien betreiben keinen Journalismus, sondern sie sind Propagandisten in einer staatlich geplanten Spezialoperation.» 

Gegen Abend beruhigen sich die Diskussionen etwas, mancher geht schon vor Ende der Diskussionen zum Bankett in der zweiten Etage über, bald erklingen die ersten Toasts auf eine Zukunft ohne Putin. 

Während Chodorkowski sich in eine Ecke zu privaten Gesprächen zurückzieht, fragen sich die Teilnehmer nach dem Sinn des Dialogs, wenn gleichzeitig im Osten des Landes gekämpft wird. «Wir müssen dafür sorgen, dass die schrecklichen Ereignisse, die wir nicht beeinflussen können, uns nicht zu Feinden machen», erklärt der bekannte russische Galerist Marat Gelman. 

«Das Treffen macht Sinn», glaubt Mascha Baronowa, «weil die russische Opposition hier die Möglichkeit hat, sich zu treffen. In Russland geht das heute nicht mehr.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Tanuki 25.04.2014 13:58
    Highlight Ich bin immer sehr überrascht über diese positive Meinung über Russland. Wer so positiv über Russland schreibt hat meiner Meinung nach keine Ahnung, oder wird irgendwie von Russland bezahlt. Ich hab zwar keine Ahnung was in der Ukrainer tatsächlich passiert, aber Russland steuert direkt auf eine Diktatur zu. Als demokratischer Schweizer werde ich so etwas sicher nicht gutheissen.
    0 1 Melden
  • Hynrek 25.04.2014 11:24
    Highlight Ach wo soll ich den hier wieder einmal nur beginnen?
    Naja starten wir mal hier:
    1: WER hat diesen Artikel geschrieben? Bis anhin konnte ich das immer direkt lesen (oder ich habs nicht gefunden)

    2:Wenn wir uns wirklich mit dem Herrn Chodorowsky symphatisieren, dann sollte man aber auch genau hinschauen WESHALB dieser Herr eingebunkert wurde!
    Dazu nur mal den Entscheid des Europäischen Gerichtes für Menschenrechte begutachten. a) Nicht politisch motiviert b) schaut mal wie viel er Russland geklaut hatte!

    3: "Kein Journalismus, staatlich geplante Spezialoperation"
    Komische überschrift für einen Artikel der genau dasselbe macht!
    Komischerweise habe ich hier nie von einem Pro-Europäischen Mob gelesen oder ihr? Bitte einfach mal neutraler angehen!

    4: Könnt Ihr euch noch erinnern weshalb der Janukowitsch abgesetzt wurde? Genau, weil er ja anscheinend die Berkut auf die "Friedlichen Demonstranten" gehetzt hat und es tote gegeben hat.
    Die jetzige Regierung (die erst ein paar Monate alt ist und eigentlich vor der Ukrainischen Verfassung Rechtswidrig wäre) lässt bereits das Militär gegen die eigene Bevölerung auffahren. Jawohl, sehr demokratisch.

    5: Zum Abschluss noch ne nebeninfo...
    "Parteichef der Swoboda, Oleh Tjahnybok" .
    Schaut mal den Bericht des Simon Wiesenthal Center (SWC) von 2012 an. Wer ist dort auf Platz 5 aufgeführt?
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  • sewi 25.04.2014 10:42
    Highlight Hört auf mit der Anti Russen Propaganda.... wir sind nicht so dumm....
    5 2 Melden
  • koala 25.04.2014 09:51
    Highlight Chodorkowski hat überhaupt nichts zu erzählen! Seine Märchen beschämen mich. Sobald man Putin kritisiert, ist man ein Held im Westen - EU Logik. Der Prozess dieses konsumgeilen und korrupten Oligarchen wurde übrigens vom europäischen Gerichtshof überprüft; sein Urteil war nicht politisch motiviert und verstösst gegen keine Menschenrechte, also völlig rechtskräftig. Ich bin kein Unterstützer Putins, muss aber sagen, dass er sehr viel für sein Land geschaffen hat. Es ist ein Skandal, wie westliche Medien nur einseitig über Ereignisse berichten, nur weil sie zu faul sind, objektiv zu recherchieren und alle Ecken zu beleuchten!
    4 4 Melden
    • Nicoscore 25.04.2014 12:09
      Highlight Der europäische Gerichtshof hat gesagt, das Urteil verstosse nicht gegen Menschenrechte. Es bestätigte aber, dass Chodorkowski keinen fairen Prozess hatte. Das Urteil ist meiner Meinung nach stark anzuzweifeln.
      1 2 Melden
  • Horny 25.04.2014 08:52
    Highlight Wer Rächt sich da an wem
    4 0 Melden

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