Ukraine
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Bild: Reuters

Julia Timoschenko und die revolution

Die Rückkehr der Füchsin

Zehntausende hörten ihr auf dem Maidan zu: Julija Timoschenko hat sich nach ihrer Freilassung umgehend an die Spitze des Aufstands in der Ukraine gesetzt. Nach Chaos und Blutvergiessen sehnen sich die Menschen in Kiew nach einem Politiker, der stark ist - und wenn nötig gerissen.

23.02.14, 02:46 23.02.14, 15:52

Ein Artikel von

Benjamin bidder, spiegel online, kiew

Das Gespür für die richtige Geste hat Julija Wladimirowna Timoschenko auch im Gefängnis nicht verloren. Bevor sie sich nach ihrer Freilassung von Zehntausenden auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew feiern liess, fuhr sie zur Gruschewski-Strasse - zu den Barrikaden, an denen Mitte der Woche noch Scharfschützen des Geheimdienstes Jagd gemacht hatten auf die Demonstranten. Dort ehrte Timoschenko die Helden des Aufstands, an dessen Spitze sie sich nun setzen will. 

Auf dem Maidan nahmen sie Abschied von den Toten. In einem offenen Sarg trugen sie einen der Erschossenen zur Bühne: Alexej war erst vor wenigen Tagen Vater geworden. Dann schoben Helfer den Rollstuhl der 53-jährigen Politikerin zum Mikrofon. Die Haare trug sie zum Zopf geflochten, ihrem Markenzeichen. «Helden sterben nie», rief Timoschenko, und die Menschenmenge jubelte ihr zu, fast wie in alten Zeiten. 

Auch Buh-Rufe waren zu hören, doch seit Wochen ist kein Berufspolitiker auf dem Maidan mehr so freundlich empfangen worden. Je länger sich der Aufstand seit November hinzog, desto mehr litt das Ansehen der Anführer der Opposition. Ex-Box-Weltmeister Vitali Klitschko, Nationalistenführer Oleg Tjagnibok und Timoschenkos Statthalter Arseni Jazenjuk hatten zwar das Abkommen mit ausgehandelt, das am Freitag den Durchbruch brachte. Der Maidan aber pfiff sie aus, weil Klitschko Präsident Wiktor Janukowitsch bei der Unterzeichnung kurz die Hand geschüttelt hatte. 

Timoschenko hat alle überrumpelt

Alle drei hatten sich Hoffnungen gemacht, als Kandidat der vereinten Opposition bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten. Timoschenko hat sie alle überrumpelt: Kaum hatte sie das Krankenhaus in Charkow verlassen, kündigte sie auch schon ihre Kandidatur bei den für Mai angesetzten Neuwahlen an. Timoschenko versprach auf dem Maidan, sie «werde Garantin dafür sein, dass Euch niemand verrät und niemand Absprachen im Hinterzimmer trifft.» 

Ausgerechnet Timoschenko. In den neunziger Jahren hatte sie mit Gasgeschäften ein Vermögen verdient. Dann ging sie in die Opposition und zwischenzeitlich auch in Haft. Mit Wiktor Juschtschenko, später Präsident, war sie 2004/2005 das Duumvirat der «Revolution in Orange». Sie vereitelten Janukowitschs Plan, mit Wahlmanipulationen an die Macht zu kommen. Nur leiden konnten sie sich nie. 

Bald rangen Präsident und Premier nicht mehr nur gegen Janukowitschs Partei der Regionen, sondern kämpften auch erbittert gegeneinander. Juschtschenko wechselte Timoschenko als Regierungschefin zwischenzeitlich sogar gegen Janukowitsch aus. Im Gegenzug stand auch Timoschenko zwischenzeitlich kurz vor der Bildung einer «Grossen Koalition» mit der Partei der Regionen. 

Juschtschenko, der Verbündete, der zum Feind wurde, hat Timoschenko einmal mit einem Fuchs verglichen. In einer Sitzung kritzelte er sie als wildes Tier auf ein Blatt Papier, mit rotem Fell und buschigem Schwanz. Die Füchsin lächelte und zeigte ihre scharfen Zähne.

Das war die Zeit, in der für viele Ukrainer der Begriff «Politiker» zum Schimpfwort wurde. Die Quittung präsentierten ihnen die Wähler. Amtsinhaber Juschtschenko verlor die Präsidentschaftswahl 2010 krachend mit nur noch 5,5 Prozent. Timoschenko erreichte den zweiten Wahlgang, unterlag aber Janukowitsch. Das lag nicht an Wahlfälschungen, wie Timoschenko beteuerte, internationale Beobachter erklärten die Abstimmung für weitgehend frei und fair. Der Grund für die Niederlager war simpler: Eine knappe Mehrheit der Wähler hielt Janukowitsch für das kleinere Übel. 

Neben Janukowitschs Sünden aber verblassen Timoschenkos Fehler. Der Maidan applaudiert ihr wieder. Nach dem Sieg der Revolution 2005 war der Unabhängigkeitsplatz ein fröhliches Fahnenmeer. 2014 gleicht er einem Schlachtfeld, schwarz vom Russ und rot vom Blut der Opfer. Um aus der Krise herauszufinden sehnt sich so mancher wieder nach einem Politiker, der erfahren ist, stark - und wenn es sein muss auch gerissen. 

Der Chef vom «Rechten Sektor» wird noch mehr gefeiert

Mitte Februar spekulierten ukrainische Medien über einen prominenten Besucher in Timoschenkos Gefängnis. Die Rede war von Andrej Klujew, dem mächtigen Chef von Janukowitschs Präsidialamt. Er soll mit Timoschenko über ihre Freilassung verhandelt haben. Das kann eine Falschmeldung gewesen sein - oder eine Kostprobe von Timoschenkos Fähigkeiten. Dem Maidan dürfte sie allerdings nicht schmecken: Klujew gilt vielen als einer der Verantwortlichen für die Polizeigewalt gegen Demonstranten. 

Sollte Timoschenko tatsächlich das Präsidentenamt anstreben oder den Posten der Premierministers, steht sie vor grossen Herausforderungen. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat nach den Unruhen die Bonitätsnote der Ukraine gesenkt. Das Land steht aber nicht nur kurz vor dem Bankrott, es taumelt auch in Richtung Bürgerkrieg. Auf der russisch geprägten Halbinsel Krim wollen lokale Abgeordnete gegen die Revolution ins Feld ziehen und «die verfassungsmässige Ordnung» in Kiew wiederherstellen. Und Moskau reagiert eisig, Aussenminister Sergej Lawrow wirft der Opposition den Bruch des Abkommens mit dem Regierungslager vor. 

Nach Timoschenko trat ein Mann auf, der noch frenetischer gefeiert wurde als die ehemalige Premierministern. Sein Name ist Dimitrj Jarusch, er ist Anführer des «Rechten Sektor». Die Nationalisten haben sich schon am Freitag Scharmützel mit Timoschenkos Partei geliefert. Das Parlament hat Timoschenkos Vertrauten Alexander Turtschinow zum Parlamentpräsidenten ernannt. Der forderte die Demonstranten vom Maidan daraufhin auf, nach Hause zu gehen. 

Aber der Rechte Sektor ist nicht daran gewöhnt, Befehlen von Politikern zu gehorchen. «Wir werden nicht auseinandergehen», verkündete die Gruppierung. Die Aktivisten haben einen alten Schützenpanzer zum Chreschatik gebracht, der Flaniermeile am Maidan. Davor steht Andrej, 21, schwarze Maske, ballt die Faust, wenn er den Namen Timoschenko hört. «Wir haben die nationale Revolution verteidigt gegen Janukowitsch», sagt er. «Wenn uns Timoschenko enttäuscht, verteidigen wir sie auch gegen Timoschenko.»

Lesen Sie die gestrigen Ereignisse in der Ukraine in unserem Live-Ticker nach.



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