Unvergessen

Ganz links steht der Eindringling: Karl Power wird zum berühmtesten zwölften Mann der Welt. Bild: EPA DPA

Der Tag, an dem die Geschichte des Mannes mit den grössten Eiern begann

18. April 2001: Beim Champions-League-Spiel zwischen Bayern München und Manchester United kommt es zum grossen Auftritt eines Arbeitslosen namens Karl Power. Der ehemalige Boxer schleicht sich vor der Partie tatsächlich aufs offizielle Mannschaftsfoto der «Red Devils».

18.04.17, 00:01

Die TV-Zuschauer staunen nicht schlecht, als sie es sich am Mittwochabend für die Königsklasse vor der Kiste bequem machen. Auf jeden Fall jene, welche das Mysterium erkennen. Nach x-fachem Nachzählen und Augenreiben ist klar: Beim Posieren für das Mannschaftsfoto der Engländer steht neben der üblichen Startelf ein zwölfter Mann.

Der zwölfte Mann positioniert sich – ganz links. Bild: Getty Images Europe

Manchester United ist zu Gast im Münchner Olympiastadion für das Viertelfinal-Rückspiel bei den Bayern. Die «Red Devils» brauchen eine faustdicke Überraschung, um den 0:1-Rückstand aus dem Hinspiel aufzuholen. Beim Mannschaftsfoto überrascht das Team schon einmal mit einem unbekannten Gesicht.

Keiner bemerkt den überzähligen Mann

Der Mann, der hier aufs Ganze geht, heisst Karl Power. Natürlich wäre die Aktion nie im Leben erlaubt gewesen, doch weder Spieler noch sonst irgendjemand stört sich offensichtlich am kräftigen Mann mit dem Shirt von Eric Cantona. So knipsen die Fotografen ihr Foto, während Power breitbeinig und mit stolzer Brust neben Andy Cole steht.

Wie Gary Nevilles Reaktion zeigt, kommt auch für die United-Spieler die kräftige Gestalt, die sich da dazu schleicht, aus heiterem Himmel. Doch der Verteidiger verrät den Eindringling nicht. Als Neville mit mit dem Finger auf den 12. Mann zeigt, wird er nämlich angeschnauzt: «Sei still, ich mache das für Eric Cantona.»

Neville zieht den Zeigefinger wieder ein. Video: YouTube/Sports Guru

Fabien Barthez (in Schwarz) und Co. waren wohl auch etwas verwirrt. Bild: Getty Images Europe

Als Fotograf verkleidet schafft es Power überhaupt erst ins Stadion. Seinen Presseausweis kriegt er über das Männermagazin «Front». Unter dem Fotografenüberzug hält der ehemalige Boxer das ManU-Trikot bereit und als er in Richtung Spielerbank läuft, ist er nicht mehr aufzuhalten. Ungehindert betritt der Mann, der Cantona sehr ähnlich sieht, das Feld und lässt sich ablichten.

Power verlässt nach der Aktion gemütlich das Feld. Bild: Getty Images Europe

Es ist nicht das erste Mal, dass es Karl Power bei einem wichtigen Match ins Stadion schafft. «Vor einem Spiel zwischen ManU und Barcelona stand ich auch schon auf dem Feld», gibt Power später an. Es ist ein Test während der Planung seines grossen Auftritts. Dieser verläuft ohne weitere Folgen. So schnell wie er gekommen ist, verlässt Power den Platz  wieder. Auch danach gibt es keine Konsequenzen.

Nächste Station Wimbledon

Karl Powers unglaubliche Qualität, unbemerkt und aus nächster Nähe einen Grossanlass zu geniessen, unterstreicht der Engländer ein Jahr später in Wimbledon. Beim prestigeträchtigen und äusserst traditionellen Turnier in der Hauptstadt Englands spielt er seelenruhig ein paar Bälle mit seinem Kollegen Tommy Dunn.

Die Zuschauer warten gerade auf Tim Henman, als sich die beiden Flitzer auf den Centre Court schleichen und eine Runde Tennis spielen. Bis die Schuhe von Powers Kollegen, die nicht traditionell weiss, sondern schwarz sind, die ungebetenen Gäste verraten. Die Security führt die zwei aus dem Stadion, wo sie jedoch schnurstracks in ein bereitstehendes Taxi steigen und verschwinden.

Zu Gast bei Schumacher

Beim Formel-1-GP in Silverstone 2002 steht Power die Aufgabe bevor, eines der schwierigsten Sicherheitssysteme zu überwinden. Wie genau er dabei vorgeht, zeigt das Video ganz unten ab 55:00.

Karl Power winkt als vermeintlicher Michael Schumacher vom Podest. GIF: Youtube/KarlPowerTV

Nachdem ihm ein Sicherheitsbeamter die Türe aufhält, schleicht er sich mit zwei Kollegen aufs Podest, winkt freundlich und lässt die Zuschauer in der Ungewissheit, wer jetzt tatsächlich dort oben steht. Dieses Mal reagieren die Sicherheitsleute schnell und befördern den Spassvogel wieder runter. Ernsthafte Konsequenzen trägt auch dieses Gastspiel keine mit sich.

Zurück in die Heimat

Seinen letzten grossen Auftritt hat Power gleich mit einer ganzen Mannschaft an seiner Seite. Vor einem Spiel zwischen Manchester United und Liverpool manipuliert er nicht nur ein Mannschaftsfoto, er nimmt seine Kollegen gleich mit auf den Platz.

Dort lassen sie es sich nicht nehmen, den gegnerischen Goalie Jerzy Dudek zu verspotten, indem sie einen fürchterlichen Fehler Dudeks rekonstruieren. Diesem unterläuft 2002 ein schrecklicher Patzer, der zum 1:0 durch Diego Forlan führt.

Der Patzer von Liverpools Dudek gegen Manchesters Forlan. Video: YouTube/Łukasz Stachowiak

Die Veräppelung Dudeks hat zum ersten Mal Konsequenzen für den berühmten Flitzer: Der zwölfte Mann wird lebenslänglich aus dem Old Trafford verbannt.

Alle Flitzer-Aktionen Karl Powers in einer Reportage

Video: YouTube/KarlPowerTV

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Pana 18.04.2017 17:06
    Highlight Nicht schlecht. Remi Gaillard hat die ganze Sache noch ne Stufe weitergezogen ;)
    2 0 Melden
    • Tobias K. 19.04.2017 13:41
      Highlight Das ging mir auch durch den Kopf. Die Aktion war wirklich genial. Aus voller Kehle die Hymne mitgesungen. :)
      1 0 Melden

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