Unvergessen

Klaus Thomforde, wie er leibt und lebt, im St.Pauli-Tor Mitte der 90er Jahre. Bild: Bongarts

Kult-Keeper Klaus Thomforde

18.08.1995: St.Paulis Tier im Tor «geht einer ab», wenn er in der 1. Liga Bälle halten kann

18. August 1995: Klaus Thomforde liefert eines der berühmtesten Zitate der Bundesliga-Geschichte. Der Goalie des FC St. Pauli strahlt nach dem zweiten Saisonspiel in die Kamera und meint: «Es ist ja auch geil, in der 1. Liga die Bälle zu halten. Da geht mir einer ab!»

18.08.14, 00:00 18.08.15, 07:58

Ganz neu ist die 1. Bundesliga für den FC St. Pauli nicht, als er im Sommer 1995 aufsteigt. Es ist schon das dritte Gastspiel der Hamburger in der obersten Spielklasse. Auch Klaus Thomforde kennt die Beletage des deutschen Fussballs – aber erst von der Ersatzbank aus, denn lange standen ihm Kontrahenten vor der Sonne.

Das Portrait eines leicht Verrückten. Video: Youtube/NilsDePalma

1995 jedoch ist er die Nummer 1 am Kiez. Und er wird im deutschsprachigen Raum berühmt, weil er, nun ja: durchgeknallt wirkt. Wenn man so will, ist er der Vorgänger von Oliver Kahn. Thomforde ist bekannt für seine ausgelassenen Jubel, wenn er wieder mal einen Schuss abgewehrt hat. Dann ballt der Pauli-Keeper die Fäuste und schreit, als wäre er Hauptdarsteller von «Braveheart».

Dazu ist Thomforde auch nie um ein gutes Zitat verlegen. Sein legendärstes liefert er nach dem zweiten Spieltag der Saison 1995/96. Der FC St. Pauli gewinnt auswärts in Freiburg mit 2:0, als der Goalie vors Mikrofon tritt und freudig strahlt:

«Ist ja auch geil, in der 1. Liga die Bälle zu halten. Ich muss das mal sagen: Da geht mir einer ab!»

«Wie der Rächer der Enterbten»

Thomforde schuf sich mit seiner Art nicht nur Freunde. So mäkelte der «Spiegel» einst über den «allenfalls mittelprächtigen Bundesliga-Torhüter, der sich nach jeder Parade gerierte, als habe er gerade seinem Team durch einen gehaltenen Elfmeter den Weltmeistertitel gesichert. Klaus Thomforde hiess der Keeper, der im Strafraum des FC St. Pauli wie der Rächer der Enterbten die Fäuste ballte und kämpferische Grimassen zog. Sein Spitzname: das Tier im Tor.»

Der heutige Torhütertrainer der deutschen U21-Nationalmannschaft nimmt für sich in Anspruch, das Torwartspiel in Deutschland massgeblich beeinflusst zu haben. «Als ich mit St. Pauli einmal auf den blutjungen Frank Rost in einer Partie gegen Werder Bremen traf, hat er sich nach dem Spiel über mein ‹unmögliches Verhalten› beschwert», erinnert sich Thomforde im Gespräch mit dem Magazin «11 Freunde». Jahre später schrie er auf dem Platz genauso herum wie ich zu besten Zeiten. Und da war er nicht der einzige: Auch Oliver Kahn und andere Lautsprecher haben sich von mir inspirieren lassen.»

Gestatten: Das «Tier im Tor». Bild: Bongarts

Fluchende Engländer als Vorbilder

Auch er selber brauchte Vorbilder, um zum «Tier im Tor» zu werden. Denn eigentlich war er Finanzbeamter – nicht unbedingt das, was man hinter einem ständig brodelnden Vulkan erwartet. 1988 habe er ein Aha-Erlebnis gehabt, erinnert sich Thomforde, als er die englischen Goalies des FC Southampton im Training beobachtet habe.

«Während die Engländer im Kasten standen, haben sie geflucht wie die Seemänner. Kein Satz ohne ‹fuck› oder ein englisches Schimpfwort! Ich war beeindruckt und merkte, dass ich nicht der einzige war, der sich davon imponieren liess.» Deshalb habe er sich dieses Verhalten auch angeeignet. «Das Verrückte war, dass es funktionierte. Auf einmal standen meine Leistungen in einem ganz anderen Licht. Von diesem Zeitpunkt an habe ich meine Schimpftiraden und Jubelposen als bewusste Showelemente in mein Spiel integriert.»

«Siegermentalität und Selbstvertrauen haben mir den nötigen Halt gegeben»

Thomforde sagt, er sei gerne der «Verrückte» gewesen. «Diese Rolle hat sich positiv auf meine Leistungen ausgewirkt. Ich habe durch diese Art des Spiels weniger über meine Fehler nachgedacht. Im Vergleich zu heutigen Torhütern war ich nicht sonderlich gut ausgebildet – Siegermentalität und Selbstvertrauen haben mir den nötigen Halt gegeben.»

Um seine Ausraster ins rechte Licht zu rücken, hilft Thomfordes Frau. Sie habe Interviews gegeben und den Journalisten erzählt, dass sie ihren Mann zuhause schon gemassregelt habe. «Auf diese Weise konnte ich immer sagen, dass ich mein Fett schon weg bekommen hatte. So konnten wir jeden vermeintlichen Skandal umschiffen», verrät das Schlitzohr.

Klaus Thomforde heute: Seit Hebst 2013 ist er Torhütertrainer der deutschen U21-Nationalmannschaft. Bild: DFB

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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