Unvergessen

Jay-Jay Okocha: «So good that they named him twice.» bild: Getty images north

31.08.1993: Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei KSC-Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz in 11 Sekunden für die Ewigkeit

31. August 1993: 20-jährig ist Jay-Jay Okocha, als er sich bei Frankfurt mit einer einzigen Aktion unsterblich macht. Und selbst der spätere dreifache Welttorhüter Oliver Kahn ist ob der Demütigung nicht sauer, sondern kann nur gratulieren.

31.08.16, 00:01 31.08.16, 10:35

«Stellen Sie den Ton des Fernsehers lauter, kommen Sie nahe an den Monitor heran und Geniessen Sie!», so kündigt Jörg Dahlmann bei seinem Spielbericht für Sat.1 eines der schönsten Bundesliga-Tore aller Zeiten an. Dass der Kommentator selbst gerade Zeuge eines aussergewöhnlichen Tores geworden ist, lässt ihn gar seinen Job aufs Spiel setzen: «Liebe Zuschauer! Die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal. Sollen sie mich rausschmeissen. Ich zeig' ihnen die Szene bis zum Umfallen!»

Dahlmann darf seinen Job behalten. Denn es sind elf Sekunden und fünf Haken, welche so gar nicht in diese Zeit der Bundesliga passen wollen. In den 90-er Jahren prägen hartes Einsteigen und Vokuhila-Frisuren die Liga und dann kommt diese 87. Spielminute der 5. Runde zwischen Eintracht Frankfurt und und dem Karlsruher SC.

22 Minuten zuvor ersetzt der 20-jährige Jay-Jay Okocha den glanzlosen Jan Furtok. Bereits in der 77. Minute bereitet der Nigerianer das 2:1 durch Uwe Bein vor, zehn Minuten später hätte der Weltmeister von 1990 zum 3:1 einschieben können, doch Frankfurts Nummer 10 legt den Ball zurück auf Okocha und ermöglicht diesem ein Solo für die Ewigkeit.

Okochas Solo gegen Oliver Kahn und die halbe Hintermannschaft von Karlsruhe. Video: YouTube/Beste5TV

«Hätte ich verschossen, hätte ich nie wieder unter ihm gespielt»

Der Nigerianer spielt mit dem jungen Oliver Kahn Katz und Maus, dribbelt vor das Tor, und schliesst den «Wahnsinnstanz» (Kicker) gegen die Verteidiger Slaven Bilic, Burkhard Reich und Lars Schmidt mit dem 3:1 ab. «Jay-Jay tanzt Oko-cha-cha», titelt die «Bild» am Tag danach. «Beckenbauer, Baresi, Kohler ... alle Liberi und Manndecker der Welt hätten hier stehen können und sie wären allesamt von ihm ausgetanzt worden», schreit Dahlmann. Und er dürfte damit recht haben.

Jay-Jay Okocha

Der beste Fussballer, den Nigeria je hatte, wechselt 1998 für die damalige Rekordsumme für einen afrikanischen Kicker für 12.5 Millionen Euro von Fenerbahçe Istanbul zum Paris St-Germain. Grosse Titel bleiben ihm im Klubfussball verwehrt. Er kann einzig den französischen Supercup gewinnen. Mit der Nationalmannschaft holt er 1994 den Afrika-Cup und 1996 Olympiagold. Okocha führt Nigeria 1994, 1998 und 2002 dreimal an Weltmeisterschaften, zweimal ins Achtelfinal. Nach Frankfurt, Fenerbahçe, dem PSG, Bolton und dem Qatar SC beendet er seine Karriere 2008 mit dem Aufstieg bei Hull City.

Was Okocha nicht weiss: Seine unmittelbare fussballerische Zukunft hängt an diesem Treffer. «Nach dem Spiel kam Trainer Toppmöller auf mich zu und sagte, dass ich unter ihm nie wieder gespielt hätte, wenn der Ball nicht reingegangen wäre», erzählt der Traumtorschütze später. «Und ich hätte Toppmöller in dieser Entscheidung gestärkt», fügt Eintrachts Vize-Präsident Bernd Hölzenbein hinzu.

Schon im Februar 1993 machte Okocha mit diesem Regenbogen-Trick gegen Dresdens Sven Kmetsch auf sich aufmerksam. Video: YouTube/ribbel

«Ich möchte auch mal normale Tore schiessen, ein Schuss aus 30 Metern»

Denn Trainer Klaus Toppmöller steht während Okochas Tanz nach eigenen Angaben am Rande eines Herzinfarkts: «Schiess endlich, schiess, habe ich acht-, neunmal gebrüllt», gibt der Übungsleiter zu Protokoll und für Hölzenbein rannte Okocha «mindestens eine Minute lang» vor Kahn hin und her. Es waren elf Sekunden. Auch dies eine Ewigkeit im Fussball

Der Fussballer selbst, der auf dem Platz irgendwie nie erwachsen wurde und immer verspielt blieb, hat eine einfache Erklärung für das Solo bereit: «Ich hatte gar nicht vor, den Ball so lange zu halten. Ich habe das Loch gesucht.» Die ARD-Zuschauer wählen den Treffer im Frankfurter Waldstadion zum Tor des Jahres 1993. Okocha kommentiert: «Ich möchte auch mal normale Tore schiessen, ein Schuss aus 30 Metern.» Dabei gehören gerade Weitschüsse und Freistösse zu den weiteren Spezialitäten des Spielmachers.

Neben seinen Dribblings-Künsten war Okocha auch für seine Freistösse und Gewaltsschüsse – wie hier für den PSG gegen Lyon – bekannt.  Video: YouTube/Diarra Arabic

Oliver Kahn nimmt das «schönste Gegentor der Karriere» gelassen

Und Oliver Kahn? Der Keeper, der für seinen Ehrgeiz berühmt war und jedes Tor als persönliche Beleidigung empfand? Der bleibt in einem Interview mit «11Freunde» 20 Jahre später total entspannt: «Jay-Jays Tor war genial. Ausserdem ist mir durch diese Szene erstmals aufgefallen, wie beweglich ich war. Hoch, runter, wieder hoch, wieder runter! Ich war verdammt schnell … Das habe ich jedenfalls aus diesem Tor rausgezogen.»

Okochas Freistoss für Bolton gegen Aston villa im Carling-Cup-Halbfinal. Video: YouTube/DidledeeBWFCtube

Auch seine Vorderleute mag er für das «schönste Gegentor der Karriere» nicht kritisieren: «Nein, wem hätte ich da einen Vorwurf machen können? Ich war nach dieser Situation völlig ruhig – warum auch immer. Die haben das Schauspiel aus der Distanz ganz wunderbar beobachtet und mir viel Glück gewünscht. (lacht) Aber dieses Tor ist mir mit einem Schmunzeln in Erinnerung geblieben und auf gar keinen Fall negativ besetzt.»

Die Legende von der Entdeckung durch Stepanovic

Dass Okocha überhaupt bei Frankfurt gelandet ist, ist der Legende nach einem grossen Zufall geschuldet. Mit 17 Jahren schenken die Eltern Augustine Azuka, der damals schon von allen nur Jay-Jay gerufen wird, zum Abitur eine Reise nach Deutschland. Er darf dort seinen älteren Bruder Emmanuel besuchen, der Profifussballer ist. Ein Freund nimmt ihn dann zum Training von Borussia Neunkirchen in der damaligen dritthöchsten Liga mit. Okocha überzeugt und der Verein setzt alles daran, dass er bleibt.

Der Legende nach hat Dragoslav Stepanovic zu Okocha gesagt: «Statt zu schlafen, kannst du auch bei uns trainieren.» bild: Getty images europe

Eines Tages soll Dragoslav Stepanovic den jungen Supertechniker, den er später einmal als «originellsten Spieler seit Pelé» beschreiben wird, gesehen haben und ihn gefragt haben, was er denn sonst so mache, wenn er nicht Fussball spiele. «Schlafen», ist Okochas Antwort und «Stepi», damals Frankfurts Trainer sagt: «Dann kannst du auch zu uns zum Training kommen.» Die Ablösesumme beträgt 25'000 Mark.

Der Mentor von Ronaldinho

Die Karriere bei Frankfurt verläuft für Okocha später weniger erfolgreich. Zu viel brotlose Kunst, zu viel Zirkus wird ihm immer wieder vorgeworfen. Nach dem Abstieg 1996 wechselt er zu Fenerbahçe Istanbul. Trotzdem wird der Mittelfeldspieler später von den Frankfurt-Fans zu einem der besten elf Eintracht-Spielern aller Zeiten gewählt und ziert seit Januar 2013 eine der «zwölf Säulen der Eintracht» in der U-Bahn-Station Willy-Brandt-Platz. Fussball-Fans entscheiden halt nicht immer mit dem Kopf, sondern meist mit dem Herzen. Und in diese dribbelte sich der Nigerianer im Sturm.

Jay-Jay Okocha war 2001/2002 Ronaldinhos Mentor beim PSG. 

In der Türkei erhält Okocha die türkische Staatsbürgerschaft und nennt sich Muhammet Yavuz, nach zwei Jahren wechselt er zum PSG. Dort nimmt er sich während seinen letzten beiden Jahren dem jungen Ronaldinho als Mentor an. In Paris wird noch immer gemunkelt, dass der Brasilianer seine besten Tricks von Okocha gelernt habe.

«Jay-Jay ... so gut, dass sie ihm zwei Namen gaben»

Dieser zieht 2002 zu Bolton nach England weiter. Die Fans prägen den Ausdruck «Jay-Jay ... so gut, dass sie ihm zwei Namen gaben». In einer Sendung stellt Okocha dabei seine besten Tricks nach und soll auch seinen verrücktesten zeigen (Video unten): «Der ist zu riskant für ein Spiel. Den kann ich nur im Training oder beim Stand von 4:0 oder 5:0 zeigen. Sonst dreht mein Trainer durch.» 

Jay-Jay Okocha und einige seiner besten Tricks. Video: YouTube/nsoccerstars

Die Trainer hätten ihm auch so immer wieder gesagt, er mache zu riskante Sachen, aber Okocha erklärt: «Mit der Zeit lernen sie mich kennen und sie realisieren, dass ich nur das mache, was ich kann. Die Tricks können zwar misslingen, aber meistens nehme ich kein allzu grosses Risiko.» Und angesprochen auf eine «Rabona» die er in der eigenen Platzhälfte gegen Birmingham zum Spielaufbau benutzte, sagt der Zauberfussballer: «Ach, solche Aktionen sind nur um anzugeben.» Schön, hatten die wichtigsten elf Sekunden in Okochas Karriere ein Happy End. Wir hätten sonst viele seiner Tricks wohl gar nie gesehen.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

Die Bundesliga im Zeitraffer – wie sich die Liga seit 1991 verändert hat

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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