Unvergessen

Moderator Hartmann, Bundestrainer Völler: «Ich kann diesen Scheiss nicht mehr hören!» Bild: ARD

Es gibt nur ein' Rudi Völler und der schenkt Weissbier-Waldi so richtig ein

6. September 2003: Nach einem lahmen 0:0 auf Island hat Bundestrainer Rudi Völler die Schnauze voll vom ewigen Gemotze der Medien und der Experten. Also schlägt er zurück – und wie! Sein Interview bei Waldemar Hartmann ist eine Sternstunde der Fussball-Berichterstattung.

06.09.17, 00:01 06.09.17, 08:38

Rudi Völler ist einer der populärsten deutschen Fussballer aller Zeiten. Auch als Bundestrainer ist der langjährige Torschütze der Nationalmannschaft beliebt, hat er doch eine fussballerisch eher limitierte Auswahl zum Vize-Weltmeistertitel 2002 geführt.

Doch nun weht «Tante Käthe» ein steifer Wind entgegen, denn in der Qualifikation für die EM 2004 läuft es überhaupt nicht nach Wunsch. Mühsame 2:1- und 2:0-Siege gegen die Färöer-Inseln, je ein 1:1 gegen Litauen und Schottland – das ist nicht das, was man sich in Deutschland vorstellt.

Delling und Netzer lästern über die DFB-Auswahl, Völler schlägt bei Hartmann zurück. Video: YouTube/YouDerTuber

Es folgt «der absolute, neue Tiefpunkt», wie es ARD-Moderator Gerhard Delling formuliert: ein 0:0 auf Island. Völler lupft es den Deckel, als er bei Waldemar Hartmann im improvisierten Studio sitzt und Delling zuhört, wie er mit Altstar Günter Netzer über den Match plaudert.

Völlers beste Aussagen:

«Delling, das ist eine Sauerei, was der sagt.

Die Geschichte mit dem Tiefpunkt und noch mal ein Tiefpunkt. Da gibt's noch mal einen niedrigen Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheissdreck nicht mehr hören. Das muss ich ganz ehrlich sagen.

Natürlich war das heute nicht in Ordnung. Aber ich weiss nicht, woher die das Recht nehmen, so etwas zu sagen. Das verstehe ich nicht.

Dann soll er doch Samstagabend-Unterhaltung machen und keinen Sport, keinen Fussball. Dann soll er ‹Wetten dass …?› machen und den Gottschalk ablösen.

Ich kann diesen Käse nicht mehr hören nach jedem Spiel, in dem wir kein Tor geschossen haben, dann ist noch ein tieferer Tiefpunkt. Das ist das Allerletzte. Wechselt den Beruf, das ist besser. 

Ich sitze jetzt seit drei Jahren hier und muss mir den Schwachsinn immer anhören.

Ihr müsst doch mal von eurem hohen Ross runterkommen, was ihr euch immer alle einbildet, was wir für einen Fussball in Deutschland spielen müssen.

Der Günter (Netzer), was die früher für einen Scheiss gespielt haben, da konntest du doch früher überhaupt nicht hingehen, die haben doch früher Standfussball gespielt.»

Moderator Waldemar Hartmann wendet nach Völlers Monolog ein, er verstehe nicht ganz, weshalb Völler diese Schärfe ins Gespräch bringe. Worauf ihm der Bundestrainer ins Wort fällt:

«Die Schärfe bringt ihr doch rein. Müssen wir uns denn alles gefallen lassen? Du sitzt hier locker, bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken.»

Hartmann ist höchstens einen kurzen Augenblick lang verdattert, dann verteidigt er sich:

«In Island gibt es kein Weizenbier. Ich bin auch kein Weizenbiertrinker.»

Gegen Ende des Gesprächs zeigt sich Völler versöhnlich: «Tschuldigung, Waldi, die Geschichte mit dem Weizenbier habe ich nicht so gemeint. Alles andere habe ich so gemeint.»

Klaus & Klaus: «Es gibt nur ein Rudi Völler»

Du darfst ruhig klicken. Aber beschwer dich anschliessend nicht, wenn dir für den Rest des Tages «Ein Rudi Völler» durch den Kopf geht! Video: YouTube/fritz51188

«Weissbier-Waldi» ist geboren

Obwohl Hartmann nach eigener Aussage kein Freund der bayrischen Biervariante ist, begleitet ihn von diesem Moment an der Spitzname «Weissbier-Waldi». Völlers Ausraster sorgt für ein willkommenes Taschengeld, eine Brauerei engagiert den Moderator als Werbeträger:

«Weissbier-Waldi» mit Oliver Kahn im Biergarten. Video: YouTube/dashad

Waldemar Hartmann schickt Rudi Völler jedes Jahr am 6. September eine SMS, es ist zum Ritual geworden zwischen den beiden: «Herzlichen Dank, eine Provision bekommst du immer noch nicht. Aber beim nächsten Treffen geht die Rechnung wieder auf mich.»

«Das war geil, was da abging»

Der erfahrene Medienmann Hartmann sagt im Rückblick, er habe sofort erkannt, was gerade passiere. «Ich habe mir gesagt: ‹Bleib schön ruhig, Waldi.› Das war geil, was da abging. Ich habe sofort gemerkt, das schreibt jetzt Fernsehgeschichte. Ein rasender Bundestrainer. Ich war glücklich, durfte es aber nicht zeigen. Ich dachte: ‹Genial, Rudi, du bist grandios, mehr davon.›»

Das Publikum steht ohnehin auf der Seite Völlers, seines langjährigen Lieblings, so dass der Ausraster für ihn keinerlei negative Auswirkungen hat. Nach der verkorksten EM 2004 tritt Rudi Völler als Nationaltrainer zurück. Einem kurzen Intermezzo als Trainer der AS Roma, wo er als Stürmer eine Legende ist, folgt der Einstieg als Sportdirektor von Bayer Leverkusen, wo er immer noch tätig ist.

Sauer auch bei Ecki Heuser

Reporter: «Ich danke Ihnen.» Völler: «Ich Ihnen nicht.» Video: YouTube/TripleKSC

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Gruusig: Spuckende Fussballer und ihre Opfer

23.04.1994: Helmers Phantomtor, der berühmteste Nichttreffer der Bundesliga

19.5.2001: Vier Minuten feiert Schalke den Titel, dann trifft Andersson in Hamburg mitten ins königsblaue Herz

07.05.1991: «Mach et, Otze!» Kölns Ordenewitz will sich in den Pokalfinal tricksen – aber der DFB findet den Ordene-Witz nicht komisch

29.03.1970: «Decken, decken, nicht Tischdecken, Mann decken» – so kommentiert der Moderator des «Aktuellen Sportstudio» einen Beitrag über Frauenfussball 

13.04.1995: Andy Möller kreiert mit der Schutzschwalbe eine neue Tierart

02.04.1974: Ob den Dortmundern bei der Einweihung schon bewusst ist, dass sie einmal das geilste Fussballstadion der Welt haben werden?

06.04.2002: Bundesliga-Goalie Piplica fällt der Ball von einem Kirchturm auf den Kopf und von dort fliegt er ins Tor

20.10.2000: Christoph Daums freiwillige Haarprobe ergibt, dass er doch kein absolut reines Gewissen haben darf

08.11.1975: Weil er betrunken ist und sich so gut fühlt, pfeift Schiedsrichter Ahlenfelder schon nach 32 Minuten zur Halbzeit 

04.05.2002: Der Beweis dafür, dass Leverkusen keinen Titel holen kann – und es kam noch viel schlimmer

09.05.1998: Die grösste Bundesliga-Sensation ist perfekt: Aufsteiger Kaiserslautern darf die Meisterschale in die Höhe stemmen

20.05.2000: «Ihr werdet nie deutscher Meister» – Ballacks Eigentor in Unterhaching macht Bayer endgültig zu «Vizekusen»

Wolfgang Wolf wird Trainer der Wölfe in Wolfsburg – hihihi!

31.08.1993: Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei KSC-Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz in 11 Sekunden für die Ewigkeit

19.08.1989: Klaus «Auge» Augenthalers Weitschusstreffer wird Tor des Jahrzehnts

04.04.2009: Nie wurden die Bayern schöner gedemütigt als durch die Hacke von Grafite

Kultfigur Walter Frosch spielt mit einem Zigarettenpäckchen im Stutzen

03.04.1999: Titan Kahn tickt komplett aus – erst knabbert er Herrlich an, dann fliegt er in Kung-Fu-Manier auf Chapuisat zu

18.08.1995: St.Paulis Tier im Tor «geht einer ab», wenn er in der 1. Liga Bälle halten kann

03.01.2006: Der Bergdoktor ist da – Hanspeter Latour soll den 1. FC Köln vor dem Abstieg retten

17.04.2004: Goalie Butt jubelt nach seinem verwandelten Penalty noch, als es in seinem Kasten klingelt

10.03.1998: Trap hat fertig – diese dreieinhalb Minuten Kauderwelsch bleiben für die Ewigkeit

19.11.1994: Nach einer kuriosen Rote Karte und dem Last-Second-Ausgleich des KSC flippt Lothar Matthäus im Interview komplett aus

23.09.1994: Mario Basler kommt auf die absurde Idee, eine Ecke direkt zu verwandeln und hat damit auch noch Erfolg

10.12.1995: Ciri Sforza sieht im TV, wie er ohne sein Wissen transferiert wird und wie seine Mitspieler bitterböse über ihn schimpfen

16.05.1992: Eintracht Frankfurt verspielt den Meistertitel im letzten Moment, doch «Stepi» bleibt cool: «Lebbe geht weider»

18.09.1999: Kuffour knockt Kahn aus und als Ersatzkeeper Dreher sich das Knie verdreht, werden «Tanne» Tarnat und der Kahn-Killer zu den grossen Matchwinnern

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Die Schweiz ist Fussball-Weltmeister! Die U17-Nati setzt ihrem Höhenflug die Krone auf

15. November 2009: Die Schweiz, Fussball-Weltmeister? Das ist bis zu diesem Tag maximal ein Bubentraum. Doch er wird Wirklichkeit. In Nigeria werden die Schweizer U17-Fussballer die besten der Welt.

Es ist ein Abend für die Geschichtsbücher des Schweizer Sports. Bis zu 1,32 Millionen Zuschauer sind vor dem Fernseher live mit dabei, als die U17-Nati in Nigeria gegen den Gastgeber den WM-Final bestreitet. Es ist der Höhepunkt eines Turniers, das von A bis Z fantastisch verläuft.

Die Schweiz startet am 24. Oktober mit einem 2:0-Sieg gegen Mexiko. Mittelfeldspieler Pajtim Kasami haut einen Freistoss zum 1:0 ins Tor, den zweiten Treffer faustet sich der mexikanische Goalie nach einem Freistoss …

Artikel lesen