Unvergessen

Luganos Siegestorschütze José Carrasco lässt sich nach der Sensation feiern. Bild: KEYSTONE

Luganos Carrasco bringt mit seiner Banane Gianluca Pagliuca und Inter Mailand zum Weinen

26. September 1995: Der FC Lugano gewinnt im San Siro gegen Inter Mailand sensationell mit 1:0 und schmeisst den haushohen Favoriten aus dem UEFA-Cup. Für die Schweizer Nati wird die Sternstunde der Tessiner allerdings negative Folgen haben.

26.09.17, 00:05 26.09.17, 08:01

Gleich zwei NLA-Klubs wollen an diesem Dienstagabend im Herbst Schweizer Fussball-Geschichte schreiben und zum zweiten Mal nach GC (1981 gegen Torino) einen italienischen Klub aus dem Europacup werfen.

Sowohl Xamax als auch der FC Lugano haben sich im Hinspiel der ersten Runde des UEFA Cup gegen die AS Roma, respektive Inter Mailand ein 1:1-Unentschieden erkämpft. Vor dem Rückspiel träumen sie vom ganz grossen Coup.

Die Tore beim 1:1 im Hinspiel. Video: YouTube/sp1873

Xamax bleibt gegen die Roma chancenlos. Gleich mit 0:4 gehen die Neuenburger im Olimpico unter. Ganz anders der FC Lugano: Das Team von Trainer Roberto Morinini, das in der NLA nur auf Rang 7 liegt, ist taktisch hervorragend eingestellt und nutzt im spärlich besetzten Guiseppe-Meazza-Stadion die Gunst der Stunde. 

Inter, das schon im Hinspiel im Cornaredo schwach gespielt hat und miserabel in die neue Serie-A-Saison gestartet ist, entlässt am Tag vor dem Rückspiel Trainer Ottavio Bianchi. Die Mannschaft ist verunsichert, der neue Interimstrainer Luis Suarez hat erst einmal mit dem Team trainieren können.

Ausserdem fehlen mit dem Engländer Paul Ince und Nicola Berti die beiden grossen Stars gesperrt. Doch mit Torhüter Gianluca Pagliuca, den damals noch blutjungen Roberto Carlos und Javier Zanetti sowie den Routiniers um Maurizio Ganz ist der UEFA-Cup-Sieger von 1991 und 1994 immer noch stark besetzt.

Roberto Carlos erzielte das Inter-Tor beim 1:1 im Hinspiel per Freistoss. Bild: Getty images europe

Lugano wehrt sich geschickt und schlägt eiskalt zu

Um Punkt 20.30 Uhr pfeift der deutsche Schiedsrichter Hans-Jürgen Weber die Partie vor nur 16'000 Zuschauern an. Inter übernimmt sofort das Zepter und greift ungestüm an. Lugano weiss sich aber zu wehren und verteidigt geschickt. Gleich zehn Mal lässt die Abwehr um Libero Mauro Galvão die Italiener schon vor der Pause ins Offside rennen. 

Die Mailänder bleiben auch nach der Pause hilf- und ideenlos. Trotzdem sind sie optimistisch – ein 0:0 würde Inter dank der Auswärtstorregel zum Weiterkommen genügen und Lugano bringt in der Offensive ebenfalls nur wenig zustande. Zwar wirbelt im Mittelfeld Igor Schalimov, der wenige Wochen zuvor mit Schimpf und Schande aus Mailand davongejagt worden ist, doch es fehlt der Vollstrecker im Sturm. 

«Der Erfolg kommt einer kleinen persönlichen Rache gleich.»

Lugano-Regisseur Igor Schalimov

Die Luganesi halten Inter souverän in Schach. Bild: KEYSTONE

Vier Minuten vor Schluss bietet sich Lugano dann noch eine gute Möglichkeit. Nach einem Foul auf dem linken Flügel steht José Carrasco unweit des Sechzehners zum Freistoss bereit. Im Hinspiel hatte der 25-jährige Chilene Inter-Keeper Gianluca Pagliuca bereits mit einem direkt verwandelten Corner erwischt. Was macht er diesmal?

Das goldene Tor von José Carrasco. Video: YouTube/ZwoelfMagazin

Carrasco versucht es wieder. Er zirkelt den Freistoss vorbei an der Mauer auf die nahe Ecke. Und es klappt, der Ball fliegt an Freund und Feind vorbei. Pagliuca sieht ganz schlecht aus: Zwischen seinem Körper und dem Pfosten findet das Leder den weg ins Tor. Wenig später ist Schluss im San Siro und die Sensation perfekt.

«Carrasco hat mir die schlimmsten Momente meiner Karriere beschert.»

Inter-Goalie Gianluca Pagliuca

Pagliuca am Boden zerstört

Lugano ist im kollektiven Freudentaumel. «Inter hat nicht etwa schlecht gespielt, wir waren einfach sehr stark», freut sich Trainer Morinini. «Ich realisiere noch gar nicht, was passiert ist», sagt Torschütze Carrasco. Ein ganz besondere Genugtuung ist der Sieg natürlich für Schalimov: «Der Erfolg kommt einer kleinen persönlichen Rache gleich. Ich konnte zeigen, dass ich zu Unrecht ersetzt worden bin», so der Russe, der wie seine Mannschaftskollegen eine Prämie von 10'000 Franken kassiert.

Igor Schalimows bitterer Abgang bei Inter war für Lugano ein Glücksfall. bild: mondopallone.it

Ganz anders die Gefühlslage bei Inter. «Mir fehlen die Worte, so etwas ist mir noch nie passiert», stottert der völlig konsternierte Pagliuca. «Carrasco hat mir die schlimmsten Momente meiner Karriere beschert. Zwei so dumme Tore habe ich noch nie hintereinander vom gleichen Spieler kassiert. Lugano ist verdient weiter – und wir haben in der Kabine vor Verzweiflung geweint.» 

Die italienische Presse zeigt wenig Mitleid und spart nicht mit Kritik. «Das Inter-Drama geht weiter. Carrasco, der Roberto Carlos von Lugano, war der Matchwinner», kommentiert «Tuttosport». «Schalimow war der gefährlichste Mann auf dem Platz», schreibt die Gazzetta dello Sport; «Pagliuca stürzt Inter ins Elend», der «Corriere dello Sport». 

Gianluca Pagliuca wurde von Luganos Currasco gleich zweimal übertölpelt. Bild: Getty Images Europe

Inter schnappt der Nati Hodgson weg

Der Ruf nach einem neuen, erfahrenen Trainer wird immer lauter. Nach dem überraschenden Aus verstärken die Nerazzurri dann auch prompt ihre Bemühungen um den damaligen Schweizer Nati-Coach Roy Hodgson. Dieser hat zwar noch einen Vertrag mit dem SFV bis nach der EM 1996, sei aber nicht abgeneigt. Heisst es jedenfalls in den italienischen Gazzetten.

Medienchef Pierre Benoit wiegelt ab. Hodgson werde seinen Vertrag erfüllen, predigt er bei jeder Gelegenheit. Er liegt falsch. Noch vor der Winterpause unterschreibt der Nati-Coach einen Vertrag und löst den glücklosen Suárez ab.

Für die Schweiz hatte Luganos Exploit also eher negative Konsequenzen. Denn nach der Ära Hodgson geht es mit Artur Jorge, Rolf Fringer und Co. vorerst nur noch bergab. Erst unter Köbi Kuhn, der die Nati 2001 übernimmt, kann die Schweiz wieder international für Furore sorgen.

Roy Hodgson bei seinem ersten Heimspiel als Trainer von Inter Mailand. Bild: AP

Aber zurück zum FC Lugano. Trainer Morinini verkündet nach dem Triumph gegen Inter: «Nur Milan, Barcelona und Bayern München sind in der zweiten Runde für meine Mannschaft ausser Reichweite.» Bei der Auslosung steht die Glücksfee dann auf Seite der Luganesi: Slavia Prag, eine machbare Aufgabe. Haben sie im Tessin zumindest geglaubt. Denn gegen die Tschechen setzt es zuhause (1:2) und auswärts (0:1) zwei Niederlagen ab.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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