Unvergessen

Die Jagd auf Schiedsrichter Klötzli: Der Unparteiische muss vor den Wettingern in die Katakomben fliehen. Bild: KEYSTONE

Vier Wettinger gehen auf Ref Klötzli los, weil der Sekunden vor dem 1:1 abpfeift

7. Oktober 1989: Wettingen erzielt in Sion in der Nachspielzeit den Ausgleich. Doch Schiedsrichter Bruno Klötzli pfeift ab, als der Ball noch in der Luft ist. Vier FCW-Spieler gehen auf den Unparteiischen los. Unter Fusstritten und Faustschlägen flüchtet dieser in die Kabine. Der Skandal ist perfekt.

07.10.16, 00:01

Es ist ein nebliger Oktoberabend im Wallis. Im Sittener Stade de Tourbillon läuft die dritte Minute der Nachspielzeit des NLA-Spiels zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen, der trotz europäischem Höhenflug gegen den FC Neapel in finanziellen Schwierigkeiten steckt und gegen den Abstieg kämpft. Dank einem Treffer von Mirsad Baljic in der 88. Minute führen die Walliser mit 1:0, als sich eine der meist diskutierten Szenen im Schweizer Fussball ereignet.

Mirsad Baljic auf dem Weg zum 1:0 für Sion. Bild: KEYSTONE

Sions Jean-Paul Brigger kann nur ein paar Meter vom eigenen Strafraum einen Entlastungsfreistoss treten. Doch statt den Ball weit nach vorne zu schlagen, verzögert er die Ausführung und trifft schliesslich den Rücken von Wettingens Salvatore Romano. Von dort prallt das Leder vor die Füsse von Teamkollege Martin Rueda, der nicht lange fackelt und mit einem Lob über Sion-Keeper Stephan Lehmann zum 1:1 trifft.

Klötzli schaut nur noch auf die Uhr

Doch Rueda und die Wettinger haben die Rechnung ohne Schiedsrichter Bruno Klötzli gemacht. Der Unparteiische sieht – als der Ball noch in der Luft ist – auf seiner Uhr, dass die dreiminütige Nachspielzeit abgelaufen ist und pfeift die Partie ab. Den Ausgleich gibt er nicht mehr. 

Die Wettinger sind fassungslos und wollen ihre Wut an Klötzli auslassen. Plötzlich laufen sie Amok: Wie ein aufgescheuchtes Tier hetzen sie den Ref über den Rasen des Tourbillons. Als sie ihn einholen, setzt es Fusstritte und Faustschläge ab. Die Hände schützend vor dem Gesicht schafft Klötzli schliesslich die Flucht in die Katakomben des Stadions. 

Klötzli bleibt unverletzt, er kommt mit dem Schrecken davon. Ein NLA-Spiel wird er danach aber nie mehr pfeifen. Bild: KEYSTONE

«Ich hatte grosse Angst», sagt Klötzli nach dem Skandal-Spiel. «Wenn ich gestolpert wäre, wäre ich mit Sicherheit im Krankenhaus gelandet.» So kommt er aber unverletzt davon. Zu seinem Pfiff sagt er: «Regeltechnisch habe ich keinen Fehler gemacht. Aber ich muss schon zugeben, dass der Moment des Abpfiffs psychologisch nicht gerade gut gewählt war.» 

«Wenn ich gestolpert wäre, wäre ich mit Sicherheit im Krankenhaus gelandet.»

Schiedsrichter Klötzli

Happige Vorwürfe

Klötzli meldet den Fall dem SFV und seine Ausführungen haben es in sich. Seinem Rapport ist zu entnehmen,

Während die Bilder vom «Fall Klötzli» um die Welt gehen, steht die Fussball-Schweiz unter Schock. Solche Wild-West-Szenen, wie sie sich in Sion ereignet haben, kennt man hierzulande höchstens aus dem Fernsehen. Aus Südamerika oder Mexiko. Alle wissen: Das wird Konsequenzen haben.

Amokläufer zu Besuch beim «Blick»

Nur die vier Wettinger Spieler scheinen nicht zu ahnen, was auf sie zukommt. Am Tag nach dem Spiel gehen sie mit den «Blick»-Reportern, die den «Fall Klötzli» später mit 32 grösseren Geschichten zu einem Riesen-Skandal aufbauschen, auf einen Spaziergang und plaudern locker aus dem Nähkästchen. 

«Sicher ich bin hingerannt», gesteht Kundert. «Viellicht habe ich im ganzen Getümmel drin den Schiedsrichter berührt. Aber ich habe ihn ganz bestimmt nicht getreten. Alles andere als zwei, drei Strafsonntage wären ein Skandal.» Baumgartner beschreibt die Situation so: «Ich war total aggressiv, zu allem fähig. Aber ich kam gar nicht ran.» Germann sagt: «Ich bin ganz sicher. Ich habe nicht zugeschlagen.»

Die Video-Bilder entlarven die Schuldigen, auch wenn diese ihre Verfehlungen nicht einsehen wollen. Bild: KEYSTONE

Nachdem sie die Video-Bilder gesehen haben, sind sie einsichtiger. «Die Szenen, die sich da abgespielt haben, sind unentschuldbar», sagt Kundert. Baumgartner gibt zu bedenken, dass sowohl er wie auch Klötzli einen Fehler gemacht haben. Seine Freundin sieht bereits schwarz: «Muss ich mir jetzt eine Stelle suchen?», fragt sie halb schmunzelnd, halb nachdenklich.

Lange Sperren, hohe Bussen

Als der SFV die Urteile bekannt gibt, vergeht den Beteiligten das Lachen aber endgültig. Die vier Wettinger Spieler werden allesamt für mehrere Monate gesperrt und mit hohen Bussen belegt. Alex Germann, der auf dem Sprung in die Bundesliga zu Borussia Dortmund ist, trifft es am härtesten: ein Jahr Sperre und 20'000 Franken Busse.

«Unser grösster Fehler war, dass wir einen Tag nach dem Spiel mit der Boulevardpresse sprachen», sieht Baumgartner erst später ein. «Das war reinste Provokation. Die Wettinger Vereinsverantwortlichen hätten uns einen Maulkorb verpassen sollen. Denn nach diesen Interviews wurden wir von den Verbandsfunktionären wie Schwerverbrecher behandelt und dementsprechend auch bestraft.»

Alle fünf Karrieren zerstört

Der damals 30-jährige Frei macht seinem Ärger Luft, schreibt den Verbandsbossen einen scharfen Brief und entschliesst sich, die Karriere zu beenden. Kundert zieht sich sieben Wochen nach der Partie in Sion einen Kreuzbandriss zu. Weil das rechte Knie den Belastungen des Spitzensports nicht mehr standhält, beendet er im Frühling 1990 seine Laufbahn.

Baumgartner setzt seine Karriere beim FC Basel fort, spielt noch vier Jahre in der NLB und wird später Beach-Soccer-Profi. Germann trainiert ein Jahr beim FC Wettingen und steigt danach wieder ein, der Wechsel in die Bundesliga kommt aber nicht mehr zu Stande. «Diese Sperre war ein markanter Einschnitt in meine Karriere», muss Germann eingestehen.

Schiedsrichter Klötzli gerät nach seinem Rücktritt auf die schiefe Bahn. Bild: KEYSTONE

Ein halbes Jahr später hängt auch Schiedsrichter Klötzli seine Pfeife an den Nagel. Das Skandalspiel von Sion ist sein letztes auf der höchsten Stufe. Doch es kommt noch schlimmer: Der Amateur-Schiedsrichter, der für 400 Franken in der NLA pfiff, verfällt seiner Spielsucht und gerät auf die schiefe Bahn. 

1999 wird er wegen Urkundenfälschung und Vertrauensmissbrauch zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt. Klötzli hatte als Bankangestellter zwischen 1990 und 1993 insgesamt 800'000 Franken unterschlagen. Mittlerweile lebt der ehemalige Skandal-Ref zurückgezogen im Kanton Jura, wo er mit seiner Frau ein Restaurant führt.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Fussballer-Zitate, die Lach-Krämpfe verursachen

21.10.2013: Pajtim Kasami hämmert «einen der schönsten Volleys überhaupt» ins Crystal-Palace-Tor und verzückt sogar Andy Murray

07.12.2011: Der FC Basel schmeisst Manchester United aus der Champions League und Steini, der Glatte, schiesst den Ball an die Latte

13.11.1991: Weil die Schweizer Nati in der «Hölle von Bukarest» auf 0:0 spielt, vergeigt sie die EM-Qualifikation im letzten Moment doch noch

30.04.2011: Cabanas fordert vom Basler Schiri Respekt, denn «das isch GC! Rekordmeister! Än Institution, hey!»

22.02.2004: St.Gallens Kultfigur «Zelli» muss in der Not ins Tor und kratzt den Ball in «seiner» Ecke

05.12.2004: Paulo Diogo gewinnt mit Servette wichtige Punkte im Abstiegskampf – und verliert dabei einen Finger

30.05.1981: Der Wolf und seine «Abbruch GmbH» entfachen mit dem 2:1-Sieg gegen England eine neue Fussball-Euphorie

25.11.2009: Das beste Fussball-Musikvideo aller Zeiten erscheint auf Youtube – über den FC Aarau

16.04.2009: «Jawoll, jawoll, jawoll, jawoll … YB isch im Göppfinau!»

25.9.1996: Murat Yakin sticht mit seinem Freistoss mitten ins Ajax-Herz und bringt Mama Emine zum Weinen

10.09. 2008: Luxemburgerli vernaschen? Denkste! – Die Schweizer Nati kassiert die bitterste Niederlage ihrer Geschichte

16.11.2005: Die Nacht der Tritte und Schläge – einer der grössten Nati-Erfolge verkommt zur «Schande von Istanbul»

12.04.2004: Der grosse Robbie Williams führt den kleinen FC Wil zum Cupsieg gegen GC

12.11.2002: Basel holt gegen Liverpool ein 3:3 und Beni Thurnheer schwärmt: «Dieses Spiel müsste man zeigen, wenn ich gestorben bin»

18.06.1994: Beni Thurnheers fataler Irrtum – es gibt eben doch einen Zweiten wie Bregy

07.09.2005: Nati-Goalie Zuberbühler kassiert auf Zypern ein Riesen-Ei und schiebt die Schuld dafür dem «Blick» in die Schuhe

20.11.1996: Wegen 20 fatalen Minuten landet Champions-League-Überflieger GC in Glasgow auf dem harten Boden der Realität

01.09.2007: Mit dem letzten Spiel im Hardturm-Stadion gehen 78 Jahre Geschichte zu Ende

07.10.1989: Der «Fall Klötzli» – vier Wettinger gehen auf den Schiri los, weil dieser Sekunden vor dem Ausgleich abpfeift

24.04.1996: Das Ende von Nati-Trainer Artur Jorge nimmt ausgerechnet mit dem einzigen Sieg seiner kurzen Ära den Anfang 

08.10.2010: Vucinic lässt der Schweiz die Hosen runter und trägt sie als Kopfschmuck

03.05.1994: Mit dem Sonderflug zur spontanen Aufstiegsfeier auf den Barfi

26.09.1995: Luganos Carrasco bringt mit seiner Banane Gianluca Pagliuca und das grosse Inter Mailand zum Weinen

09.08.2009: Basel-Goalie Costanzo wird für drei Spiele gesperrt – nach einer Attacke auf den eigenen Mitspieler

30.09.2009: Dank Tihinens Hackentrick, «abgeschaut bei einem finnischen Volkstanz», bodigt der FC Zürich das grosse Milan

01.11.1989: Nur durch einen Witz-Penalty zwingt Diego Maradonas Napoli die tapferen Wettinger in die Knie

29.09.1971: Statt «allzu augenfällig im Spargang» die Pflicht zu erledigen, sorgt GC für den höchsten Schweizer Europacup-Sieg aller Zeiten

07.03.2007: Johann Vogel droht Köbi Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

26.04.2003: Colombas Goalie-Goal lässt Razzetti alt aussehen und den FC Aarau unabsteigbar bleiben

01.05.1993: Marc Hottigers Knallertor versenkt Italien – und er verärgert die Azzurri danach mit einer frechen Leibchentausch-Bitte 

11.08.2010: Moreno Costanzo schiesst mit seiner ersten Ballberührung als Natispieler gleich den Siegtreffer

26.06.2006: «Züngeler» Streller leitet das peinliche Schweizer Penalty-Debakel ein

15.11.2009: Die Schweiz ist Fussball-Weltmeister! Die U17-Nati setzt ihrem Höhenflug die Krone auf

26.06.1954: Die Schweiz kassiert gegen Österreich in der «Hitzeschlacht von Lausanne» eine ihrer bittersten Niederlagen

30.07.2000: Nur GC-Milchbubi Peter Jehle steht noch zwischen FCB-Legende Massimo Ceccaroni und seinem allerersten Tor

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mett-Koch 07.10.2016 16:08
    Highlight Gibt's davon kein Video mehr?
    0 0 Melden
  • Amazing Horse 07.10.2016 09:49
    Highlight Das waren noch Zeiten, als man vom FC Wettingen noch zu Borussia Dortmund transferiert wurde. :D
    31 0 Melden
  • Pana 07.10.2016 06:01
    Highlight So einen Schiri hätten die Finnen gestern auf Island gebraucht. Bei 4 Minuten Nachspielzeit, erzielte Island den Siegtreffer in der 96. Minute :/
    20 2 Melden

Ausgerechnet Ajeti schiesst St.Gallen ab – Thun gewinnt spektakuläres Kellerduell in Sion

Der FC Basel setzt die Young Boys vor deren Heimspiel vom Sonntag gegen GC unter Druck. Gegen St. Gallen kommt der FCB zu einem ungefährdeten Sieg. Im Spektakelmatch zwischen Sion und Thun fallen alle fünf Tore schon vor der Pause.

– Beschwingt von der Achtelfinal-Qualifikation legt der FC Basel gegen St.Gallen einen wahren Sturmlauf hin. Das Team von Trainer Raphael Wicky nimmt das Tor von FCSG-Keeper Daniel Lopar von Beginn an unter Dauerbeschuss. Doch Albian Ajeti, Michael Lang, Mohamed Elyounoussi und Alexander Fransson lassen zunächst beste Chancen liegen.

– Die längst fällige FCB-Führung fällt in der 26. Minute. Albian Ajeti trifft gegen seinen Ex-Verein nach einer Fransson-Flanke aus kurzer Distanz per …

Artikel lesen