Unvergessen

Gäbe es ihn nicht, er müsste erfunden werden: Christian Constantin. Bild: KEYSTONE

Am Geburtstag seines Sohns entlässt sich «Gott» selbst

24. Dezember 2008: Um 17 Uhr macht Präsident Christian Constantin den Fans des FC Sion ein Weihnachtsgeschenk. Er verschickt ein Kommuniqué, in dem er einmal mehr einen Trainerwechsel bekannt gibt. Gehen muss: Christian Constantin selber.

24.12.16, 00:01 24.12.16, 10:01

Christian Constantin führt sich als Präsident des FC Sion seit Jahr und Tag als das auf, was er offensichtlich in sich sieht: als Gott, der Allmächtige und Unfehlbare. Wobei der Blick in die Trainerliste der Walliser zeigt, dass auch unfehlbare Personen bisweilen klitzekleine Fehler machen und sie die Wahl eines Übungsleiters deshalb öfter korrigieren müssen, als es ihnen lieb ist.

An Heiligabend 2008 fühlt sich CC dazu veranlasst, die Notbremse ziehen. Wieder einmal muss ein Trainer gehen – nur dieses Mal ist es er selber. Nach seiner kurzen Zeit als Interimscoach übergibt Constantin das Amt an das Duo Umberto Barberis und Christian Zermatten.

27. November 2008: Constantin geht voran. Auf einem dreistündigen Marsch durch die Weinberge will er das Team zusammenschweissen. Bild: KEYSTONE

Stielike, der Mann mit Weltruf, beginnt die Saison

Als der FC Sion in die Saison 2008/09 startet, tut er dies mit Uli Stielike als Trainer. Der Deutsche ist als Spieler eine Koryphäe: Europameister, je dreifacher deutscher (Mönchengladbach) und spanischer Meister (Real Madrid), zwei Meistertitel mit Xamax. Als Nationaltrainer legt Stielike bei seiner ersten Trainerstation die Basis dafür, dass die Schweiz unter seinem Nachfolger Roy Hodgson erstmals nach 28 Jahren wieder an einer Fussball-WM teilnehmen kann.

Bis heute legendär ist das karierte Sakko, in dem Stielike als Co-Trainer von Erich Ribbeck für das deutsche Scheitern an der Euro 2000 mitverantwortlich war. Jahrelang ist er im Nachwuchs des DFB tätig, ehe er von 2006 bis 2008 die Geschicke der Elfenbeinküste verantwortet. Als Stielike im Wallis anheuert, tut er dies als Trainer, dessen Ruf nicht mehr so gut ist wie einst.

31. Mai 2008: CC begrüsst Stielike als neuen Sion-Trainer. Bild: KEYSTONE

CC spricht wieder mal von der Champions League

Die Ziele beim FC Sion sind wie immer gross. Zwar spielt der Klub in der Vorsaison bis zum Schluss um den Ligaerhalt. Doch bei der Vorstellung Stielikes spricht Constantin bereits wieder von der Champions League. «Er muss aus einer vielsprachigen Multikulti-Truppe eine Einheit bilden», fordert CC im «Walliser Boten». Ein Satz, den er nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal sagt. Drei Jahre lang gibt der Präsident, dieses Synonym für Ungeduld, seinem neuen Trainer Zeit. Stielike lobt er vor der Saison: «Es war nicht einfach, einen zu finden, der unseren Ansprüchen genügt.»

Ins Wallis verschlägt es Stielike nach der Offerte vor allem auch wegen Marco Schällibaum. Er habe mit ihm länger gesprochen, verrät Stielike, sein Trainerkollege habe ihm zum Engagement geraten. Zur Erinnerung: Besagter Schällibaum war exakt vom 6. Oktober bis zum 21. November 2006 Trainer des FC Sion …

26. Oktober 2008: Stielikes Zeit bei Sion läuft bereits wieder ab. Bild: KEYSTONE

Schällibaum wird zum Robin Hood der Trainerbranche

Am 3. November 2008 endet auch Stielikes Beschäftigung im Wallis früher als abgemacht – schon nach 13 Meisterschaftsspielen, nicht erst nach drei Jahren. Sion hat bei Basel 0:3 verloren und liegt in der Tabelle bloss auf Platz 7.

Auf Stielike folgt: Constantin. Der Präsident macht sich nach der Trennung vom deutschen Trainer gleich selber zu dessen Nachfolger. «Ich musste doch etwas unternehmen», begründet er. «Wir haben aus den letzten vier Spielen gerade mal zwei Punkte geholt und ein einziges Törchen geschossen. Das sind Resultate, mit denen ich nicht zufrieden sein kann.»

Wenige Tage später folgt das erste Spiel unter CC – ausgerechnet gegen Marco Schällibaum, der Trainer der AC Bellinzona ist. Vor dem Spiel kündigt der Hitzkopf an, ein Zeichen setzen zu wollen. Schällibaum spricht von einem Affront gegen alle Trainer, der bestraft werden müsse. «Uli Stielike ist doch ein Grosser und keine Pfeife», sagt Schällibaum. «Constantin kann die Trainer doch nicht ständig so blossstellen, als hätten sie keine Ahnung von Fussball

Die Revanche des «Robin Hood» aus Bellinzona gelingt, die Tessiner gewinnen dank einem von Mauro Lustrinelli verwandelten Penalty in der 90. Minute mit 2:1. «Die Genugtuung ist gross», gibt Schällibaum zu, «dieser Sieg ist einer für alle diplomierten Trainer».

8. November 2008: Constantin beim Debüt als Sion-Trainer. Weil er keine Lizenz hat, muss er von der Tribüne aus zuschauen. Bild: KEYSTONE

8. November 2008: Bellinzona-Trainer Schällibaum, wie man ihn kennt: mit hochrotem Kopf. Bild: KEYSTONE

Barberis: «Der Totomat gilt auch für mich»

Constantin bleibt trotz der Niederlage im Amt und obwohl er gar nicht über die nötigen Diplome verfügt. Der Kniff des juristisch mit allen Wassern gewaschenen Architekten: Stielike ist nicht entlassen, sondern gilt als krank geschrieben. Unter Trainer CC ändert sich im Wallis nicht viel. Auch zum Ende der Hinrunde ist Sion nur auf Rang 7 klassiert.

Und so folgt der Heiligabend, an dem Constantin beschliesst, den Trainerjob wieder abzugeben. Er hat es nicht besser, aber auch nicht schlechter gemacht, als andere. Umberto Barberis und Christian Zermatten werden als Trainer bestimmt. «Der Totomat gilt auch für mich», weiss Barberis, der 1993/94 schon einmal Trainer unter Constantins Gnaden war und damals entlassen wurde. CC pflegt jeweils zu sagen, nicht er entscheide über das Schicksal seiner leitenden Angestellten, sondern die Anzeigetafel.

7. Januar 2009: Barberis (links) und Zermatten mit den falschen Kugeln auf grünem Filz, statt grünem Rasen. Bild: KEYSTONE

On/off-Beziehung mit Tholot

Barberis' zweite Amtszeit in Sion ist kürzer: Sie dauert nur bis am 9. April. Dann zieht CC wieder einmal die Notbremse – und steht für den Cup-Halbfinal gegen Luzern erneut an die Seitenlinie. Sion gewinnt das Spiel und zieht in den Cupfinal ein. Dort wird es von Didier Tholot zu einem 3:2-Erfolg nach 0:2-Rückstand gecoacht.

Fast exakt vor zwei Jahren gibt Christian Constantin bekannt, mit einem neuen Trainer in die Rückrunde der Saison 2014/15 zu starten. Mit Didier Tholot. Und, oh Wunder, der Franzose hält sich mehr als eineinhalb Jahre im Amt, im August 2016 hat CC dann aber wieder genug. Er schmeisst Tholot zum vierten Mal raus, sitzt kurz selbst auf die Bank und stellt dann Peter Zeidler ein. Wohl auch nur auf Zeit ...

21. Mai 2009: Tholot und Constantin präsentierten den Schweizer Cup. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Brikne, 20.7.2017
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