Unvergessen

Dank Bosman wurden Fussballstars zu Multimillionären. Er selber lebt heute von 700.05 Euro Sozialhilfe im Monat. Bild: staantribune.nl

Jean-Marc Bosman lehnt zwei Millionen ab und revolutioniert den Weltfussball

15. Dezember 1995: Der belgische Profi Jean-Marc Bosman will wechseln, aber der Transfer platzt an der überrissenen Ablösesumme, die sein Klub fordert. Bosman zieht vor Gericht. Dessen Urteil verändert die Fussballwelt nachhaltig – und zerstört sein eigenes Leben.

15.12.17, 00:05 15.12.17, 09:06

Zum Weltfussballer wird im Jahr 1995 der liberianische Stürmer George Weah gewählt. Doch der Titel könnte gut auch einem anderen Spieler gehören. Denn Weah schiesst zwar Tore am Fliessband, aber Jean-Marc Bosman hat den Fussball in neue Sphären gehievt.

Das Sammelbild von Jean-Marc Bosman zu seiner Zeit beim RFC Lüttich.

Nicht auf dem Platz, da ist die einst hoffnungsvolle Karriere schon vorbei. Bosman gewinnt am 15. Dezember 1995 im Gerichtssaal den vielleicht wichtigsten Prozess der Sportgeschichte. Es ist ein Sieg, der ihm selber nichts bringt. «Alle profitieren von mir», klagt der Belgier Jahre später im «Spiegel», «nur ich, ich habe nichts davon. Als hätte ich jemandem die richtigen Lottozahlen verraten, aber dann werde ich nicht am Gewinn beteiligt.»

Der Vergleich passt. Denn Bosman knackt in der Tat den Jackpot – nicht für sich, aber für alle nach ihm folgenden Fussballprofis. Dank dem Bosman-Urteil am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg fallen in der EU alle Grenzen: Ausländerbeschränkungen gelten plötzlich nicht mehr. Und für Spieler, deren Verträge auslaufen, muss seither keine Ablösesumme mehr bezahlt werden. Bis heute ist es das bedeutendste Gerichtsurteil in Bezug auf den Sport.

Die weitreichenden Folgen des Bosman-Urteils

Mit einem Schlag wechselt die Macht im Fussball: Sie geht von den Klubpräsidenten auf Spieler und ihre Berater über. Löhne explodieren, weil die Vereine ihre Spieler langfristig an sich binden wollen, und die sonst bald wieder weg wären. Wessen Vertrag ausläuft und wer einen neuen unterschreibt – egal ob am gleichen Ort oder bei einem neuen Klub – streicht meist ein üppiges Handgeld ein, einen Bonus für die Unterschrift. Das Geld, das früher bei einem Transfer von Klub zu Klub ging, geht seit dem Inkrafttreten des Bosman-Urteils vom Klub zum Spieler.

Bosman im Jahr 1996 in Brüssel. Bild: EPA DPA

All das hat Jean-Marc Bosman kaum im Kopf, als er 1990 vor Gericht zieht. «Ich will nur Fussball spielen, ich will mein Recht», sagt Bosman. Der ehemalige belgische Junioren-Nationalspieler – «ich war eine klassische Nummer 10» – hat sich mit dem RFC Lüttich verkracht. Bosman will eine Kürzung seines Lohns nicht in Kauf nehmen und nach Dünkirchen, in die zweithöchste französische Liga wechseln. Doch Lüttich lässt den 26-Jährigen nicht ziehen und verlangt deshalb die überrissene Ablösesumme von 800'000 Dollar, damals etwas mehr als eine Million Franken.

Alkohol, Depressionen, Scheidungen

Mit dem Gang vors Gericht tritt Bosman eine Lawine los. Der europäische Fussballverband UEFA erkennt die drohende Gefahr und bietet durch Mittelsmänner viel Geld, damit Bosman schweigt und seine Klage zurückzieht. Die Rede ist von knapp zwei Millionen Franken.

Manchmal denkt Bosman darüber nach, ob er das Geld nicht einfach hätte nehmen sollen. Denn heute lebt er, der all die Stars von heute zu Multimillionären gemacht hat, von der Sozialhilfe. Bosman ist zwei Mal geschieden, hat einen Entzug hinter sich. «Ich bin durch die Hölle gegangen, ich habe an Selbstmord gedacht», gibt er 2011 zu. Tabletten helfen ihm gegen Depressionen.

Kauderwelsch beim Freundschaftskick: Ein Bosman-Interview in der ARD im Jahr 2008. Video: YouTube/mamber0ni

Messias für die einen, ein Aussätziger für die anderen

Einen Klub findet Bosman nach dem Urteil nicht mehr. «Ich galt als Verbrecher. Als derjenige, der den Fussball zerstört hat.» Kein Präsident will sich offenbar den Zorn der anderen Vereine zuziehen und den Geächteten verpflichten. Bosman ist für die Spieler ein Messias, für die Klubs ein Aussätziger.

Bosman hat es aber auch sich selber zuzuschreiben, dass er kein Geld mehr hat – er hat es frei nach George Best einfach verprasst. Denn nach dem Urteil hat er mehr als eine Million Franken bekommen. Vom belgischen Verband gibt es Schadenersatz, die Spielergewerkschaft Fifpro unterstützt ihn, Bosman erhält Geld für einen Dokumentarfilm über ihn und in Barcelona wird ein Benefizspiel zu seinen Gunsten durchgeführt.

Auch Profis spenden Geld. Die Spieler der holländischen Nationalmannschaft spenden nach einem Sieg gegen Belgien ihre Prämien und Mark van Bommel überweist Bosman eine vierstellige Summe, als er zu Bayern München wechselt. Wenn er mal zu den Bayern komme, dann dank ihm, hat van Bommel laut Bosman lange vor dem Transfer gesagt.

Bosman und seine Anwälte. Bild: Reuters

Bosman holt sich seinen Lottogewinn

Die Million benötigt der frühere Fussballer einerseits, um seine Anwälte zu bezahlen. Andererseits leistet sich Bosman aber auch den Luxus, als Arbeitsloser zwei Häuser zu kaufen, einen Porsche 911 und einen BMW Z4.

Jean-Marc Bosman, der klagt, er habe jemandem die richtigen Lottozahlen verraten und werde nicht am Gewinn beteiligt, holt sich nun die Belohnung, die ihm in seinen Augen zusteht. Im Juni dieses Jahres hat sich Bosman bei «welt.de» über sein Urteil, die Auswirkungen des Brexit und die hohen Ablösesummen geäussert. Er sagte im Video unter anderem: 

«Den Preis, den man heute für Spieler zahlt, ist ein Skandal.»

Jean-Marc Bosman welt.de

«Man kann heutzutage einen Hund, ein Schwein, eine Kuh oder gar ein Lama kaufen – das ist ok. Aber in der heutigen Zeit sollte man meiner Meinung nach nicht mehr Menschen verkaufen können.», sagt der Belgier weiter.

Im Oktober ist Bosman 53 Jahre alt geworden. 700 Euro überweist ihm der Staat Monat für Monat. Er ist nicht der erste, nicht der einzige, und wird auch nicht der letzte Lotto-Millionär sein, dessen finanzielles Glück rasch aufgebraucht ist. Aber es gibt keinen zweiten, der den Weltfussball dermassen auf den Kopf gestellt hat wie Jean-Marc Bosman.

Unvergessen

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    Alle Leser-Kommentare
  • silver*star 15.12.2017 14:27
    Highlight Selber schuld.
    Er war ein Querulant.
    Kein Club wollte ihn anschliessend verpflichten.
    Verständlich.
    2 2 Melden
  • Rüdiger Rasenmeier 15.12.2017 07:14
    Highlight Rückblickend hat er den Fussball zerstört, resp. erst recht zum Business gemacht. Legionäre aus Übersee, die dem Geld nachrennen, statt einheimische Helden. Klar, die Spielqualität stieg, aber die Romantik und Identität ging verloren.
    39 4 Melden
    • Hoppla! 15.12.2017 09:50
      Highlight Das ist einfach falsch. Es betraf nur EU-Bürger. Da ist der Anteil von "Überseebürgern" doch eher klein. ;-) Ausser es spielen nun zig Franzosen aus Guadeloupe & Co. in der Schweiz.

      Und die Unterstellung, dass diese dem Geld nachrennen während der Schweizer ein Held ist und aus purer Liebe spielt ist irgendwie etwas mutig...
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    • Rüdiger Rasenmeier 15.12.2017 11:39
      Highlight heute gibts (fast) keine Lokalhelden mehr, Totti, Gerrard, paar Nasen bei Barça. Aber dem Geld rennen alle nach...sonst wären Natispieler nicht bei Nonames im Ausland. Schau mal wieviele Südamerikaner sich einen EU Pass besorgen. Trotzdem sollte man wieder mit 3-5 Ausländern spielen egal ob EU oder sonst wo her, wie im Hockey.

      Deine zig Franzosen bleiben Franzosen, auch wenn sie schwarz sind 😉.
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    • Hoppla! 17.12.2017 12:39
      Highlight Du hast den Begriff "aus Übersee" explizit benutzt und ihnen purer Materialismus unterstellt während die Schweizer Helden waren. Die Hautfarbe tut auch nichts zur Sache und ist keine Thema. Man könnte daraus nun eine politische Tendenz erkennen... ;-)

      Und dass Leute dem Geld nachrennen, was schon immer so war, ist also Herr Bosmans Schuld.
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