Unvergessen

Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter zaubert Katar aus dem Couvert. Bild: EPA/KEYSTONE FILE

Die ganze Welt staunt – Katar und Russland dürfen die WM austragen

03. Dezember 2010: Die Empörung am Tag nach der WM-Vergabe an Russland und Katar ist gross. Aus allen Rohren schiessen die Medien gegen Sepp Blatter und seine FIFA. Besonders harsch ist die Kritik in England.

03.12.17, 00:01 03.12.17, 15:38

Am Freitagmorgen des 3. Dezember 2010 gibt es in England nur ein Thema: die FIFA und Sepp Blatter. Selten wehte einem Schweizer auf der britischen Insel so viel Hass entgegen wie an jenem Dezembertag. Keine Zeitung, kein Pubgespräch, in dem der FIFA-Boss und seine Organisation unbescholten davonkommen. 

Rückblende: Zürich, Donnerstagabend, 2. Dezember 2010, kurz nach 17 Uhr: Die englische Delegation rund um Prinz William, David Cameron und David Beckham traut ihren Augen nicht. Vor ihnen umarmt Sepp Blatter die russischen WM-Botschafter, Sergej Arschawin und Igor Schuwalow, und drückt ihnen den WM-Pokal in die Hand.

«Ladies and Gentlemen: The 2018 World Cup will be organized in Russia.» Video: YouTube/PBS NewsHour

Die Russen haben soeben den Zuschlag für die WM 2018 erhalten. Und das obwohl man England, dem Mutterland des Fussballs, eigentlich die besseren Chancen eingeräumt hatte. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, nach Zürich zu reisen. Cameron und Konsorten kommen sich vor wie im falschen Film. Von 22 möglichen Stimmen haben die Briten nur deren zwei geholt. Ähnlich enttäuscht dürften auch die Portugiesen, Spanier, Belgier und Holländer sein – sie hätten die WM ebenfalls gerne ins eigene Land geholt.

So stimmten die FIFA-Exekutivmitglieder. bild: wikipedia.org

Wenig später darf auch noch die katarische Belegschaft ins Rampenlicht treten. Die WM 2022 geht in die Wüste. Australien, Japan und Südkorea gehen leer aus. 

Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani und Sepp Blatter freuen sich: Die WM 2022 geht nach Katar. Bild: EPA

England ist «not amused»

«DISGRACE», «DISASTER.»

«Schande», «Desaster»: «The Daily Telegraph»

Dass dieser ungewöhnliche Entscheid Kritik hervorrufen würde, war absehbar. Doch die Heftigkeit, mit welcher die WM-Vergabe ins Kreuzfeuer genommen wird, überrascht wohl auch die kühl kalkulierenden Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees. Das Erdbeben mit Epizentrum in London, welches durch die Medien-Landschaft donnert, spürt man bis ins Oberwallis.

Die englischen Medien schiessen aus allen Lagen auf den FIFA-Entscheid. bild: bbc.com

«FIXED.»

«Schiebung»: «The Sun»

Die Schlagzeile der Printausgabe der «Sun» lautet: «They stink, it's all over – FIFA bungs Russia the World Cup», «Sie stinken, alles ist vorbei – die FIFA stopft Russland die WM zu». Auf dem Online-Portal der «Sun» prangt in fünf grossen Lettern das Wort «FIXED». 

«THEY LIED.»

«Sie haben gelogen»: «The Daily Mail»

Spannend auch der Kommentar der «Daily Mail»: «Sie lächelten, schüttelten sich die Hände und versprachen, für England zu stimmen ... sie haben gelogen.»

«HUMILIATED»

«Gedemütigt»: «The Daily Express»

«SOLD.»

«Verkauft»: «The Daily Mirror»

Für den «Daily Mirror» ist klar, wie das ganze vonstatten gegangen ist: Die ölreichen Nationen Russland und Katar haben sich die WM gekauft. Während der «Daily Express» von einer «Demütigung» spricht, ist die WM-Vergabe für den «Daily Telegraph» eine «Schande» und ein «Desaster». Beim «Daily Star» ist man sich einig: Die Sache war abgekartet.

England ist nicht alleine

Auch der «Blick» hat seine Bedenken: «45 Grad und kein Bier. WM in Katar: So ein Scheich!». Bild: «blick.ch»

«WHAT A FIX.»

«Was für eine Schiebung»: «The Daily Star»

Der Entscheid des FIFA-Exekutivkomitees wirft auch in der Schweiz hohe Wellen. Das Verdikt des «Blick» ist eindeutig: «Dass die FIFA sich einen Dreck um die Fans schert, braucht sie uns nicht mehr zu beweisen. Was zählte, war die Steuerfreiheit. Das Geld im Überfluss. Und Blatters Eitelkeit, auch den Ostblock und den Nahen Osten mit einer WM zu beglücken.» 

«20 Minuten» macht sich derweil Sorgen um das fussballerische Niveau der WM 2022. Dort wird Katar als Gastgeber nämlich einen Fixplatz haben und ebenfalls teilnehmen. «So gut kickt Katar – aus einem Meter daneben», titelt die Pendlerzeitung und zeigt folgendes Video:

Video: streamable

Die Kritik an der WM-Vergabe ist auch sieben Jahre nach dem Entscheid nicht abgeflaut. Menschenrechtsorganisationen, welche die Arbeitsbedingungen in Katar bemängeln, die anhaltenden Korruptions-Vorwürfe, ein geplantes Alkoholverbot und die Verlegung in den Winter sorgen bei den FIFA-Funktionären nach wie vor für Kopfzerbrechen, obwohl Sepp Blatter längst abgesetzt ist.

In den edlen Hallen des FIFA-Hauptsitzes am Zürichberg denkt heute wohl manch einer: «Hätten wir doch vor vier Jahren anders entschieden.» An Alternativen hat es an jenem Dezember-Abend im Jahr 2010 jedenfalls nicht gemangelt ... 

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Medienschau nach der WM-Vergabe 2018 und 2022

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Informant 03.12.2017 17:58
    Highlight Der Ivan darf die WM austragen. Unfassbar.
    1 0 Melden
  • Dä Brändon 03.12.2017 17:34
    Highlight Wieso sollte Russland die WM nichtaustragen dürfen? Ich bin überzeugt das die WM in Russland den besten gehören wird. Schönes Land, fussbalbegeistertes Volk, tolle Stadien. Katar ist tatsächlich ein Witz.
    3 1 Melden
    • Amboss 04.12.2017 08:57
      Highlight Naja, nach dieser Argumentation muss man aber auch Katar die WM zugestehen.

      "schönes Land": sicher Ansichtssache, aber die Wüstenlandschaft kann man schon "schön" finden.
      "fussballbegeistertes Volk": vielleicht nicht direkt Fussball, aber Sport allgemein ist in Katar schon sehr wichtig
      "tolle Stadien": wird uns Katar sicher bieten

      Auch wird es sicher ein tolles Turnier sein, bei uns halt mit Glühwein am Weihnahtsmarkt.

      Aber es geht doch gar nicht darum, sondern ganz einfach um die Frage, ob es sein soll, dass solche Turniere gekauft werden oder nicht...
      1 2 Melden
    • Dä Brändon 04.12.2017 09:50
      Highlight Dann unterstellst Du Russland die WM gekauft zu haben. Deutschland hingegen, wurde sie geschenkt?
      1 1 Melden
    • Amboss 04.12.2017 11:03
      Highlight Nein, dies unterstelle ich Russland nicht. Aber möglich ist es.
      Die WM im Katar hingegen ist bestimmt gekauft, denn da ist einfach alles absurd, insbesondere dass in Katar eine Stadiondichte entsteht, welche einfach absurd ist, höher als in den fussballverrücktesten Zentren des Fussballs wie London, Ruhrgebiet, Buenos Aires.

      Dass die WM in Deutschland gekauft war, dies ist mittlerweile ja wohlbekannt. Rüstungsdeals, Testspiele von Bayern München etc...
      1 0 Melden
  • Gzuz187ers 03.12.2017 16:19
    Highlight FIFA=Mafia
    1 0 Melden
  • sslider 03.12.2017 16:12
    Highlight Zu spät,die Dinge haben ihren Lauf genommen
    0 0 Melden
  • Jaing 03.12.2017 14:01
    Highlight "In den edlen Hallen des FIFA-Hauptsitzes am Zürichberg denkt heute wohl manch einer: «Hätten wir doch vor vier Jahren anders entschieden.»"

    2010 war vor 7 Jahren.
    8 0 Melden

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