Unvergessen

Die englischen Weltmeister feiern 1966 ihren Triumph mit dem WM-Pokal – wenige Monate vor dem Turnier war die Coupe Jules Rimet noch gestohlen worden. Bild: Keystone

Das letzte Abenteuer des ersten WM-Pokals endet mit seinem endgültigen Verschwinden

19. Dezember 1983: Aus einer Vitrine des brasilianischen Fussballverbands wird die Coupe Jules Rimet gestohlen. Die Diebe schmelzen den historischen WM-Pokal ein. Eine erste Entführung hatte er noch überlebt – dank der Spürnase des englischen Hunds «Pickles».

19.12.17, 00:05 19.12.17, 07:57

Den Zweiten Weltkrieg übersteht der 1930 erstellte WM-Pokal unbeschadet. Die 35 Zentimeter hohe und 3,8 Kilogramm schwere Statue wird während Jahren vom italienischen FIFA-Funktionär Ottorino Barassi versteckt – in einer Schuhschachtel unter dem Bett.

Erst acht Jahre alt ist das Prunkstück aus vergoldetem Sterlingsilber zu diesem Zeitpunkt und heisst noch schlicht «Coupe du Monde», Weltpokal. Erst nach dem Krieg wird er im Gedenken an den verstorbenen FIFA-Präsidenten Jules Rimet benannt, dem geistigen Vater der Fussball-Weltmeisterschaften.

Scharf bewacht: Die Coupe Jules Rimet bei der WM 1970 in Mexiko. Bild: AP

Eingeschmolzen und verscherbelt

Der Pokal existiert 53 Jahre lang – dann verschwindet er auf Nimmerwiedersehen. Seit 1970 ist er im Besitz des brasilianischen Fussballverbands; seit dessen Nationalmannschaft zum dritten Mal Weltmeister geworden ist.

Aus einer Vitrine am Verbandssitz in Rio de Janeiro wird die Coupe Jules Rimet am 19. Dezember 1983 gestohlen. Die Banditen schmelzen den Pokal ein und kassieren so den Materialwert für ein Kunstwerk, dessen ideeller Wert nicht zu beziffern ist. Die Quellenlage ist unterschiedlich: In den meisten Berichten heisst es, die Diebe konnten nie ermittelt werden. In anderen wird beschrieben, dass man sie sehr wohl überführt hat, dass ihnen aber vor der Verurteilung die Flucht gelang.

Die Schlagzeile zum Diebstahl, der die Fussballwelt erschüttert.

«Pickles» wird zum berühmtesten Hund der Fussballgeschichte

Es ist nicht der erste Diebstahl des Pokals. Viel Aufsehen erregt der Vorfall im Vorfeld der WM 1966 in England. Der Pokal wird am 20. März geklaut, als er bei einer Briefmarkenausstellung in der Londoner Westminster Central Hall präsentiert wird. Mehr als 180'000 Franken Lösegeld fordern die Entführer, zu überreichen in 1- und 5-Pfund-Noten.

Scotland Yard tappt tagelang im Dunkeln. Dann kommt Hilfe von Kommissar Spürnase: Der Collie-Mischling «Pickles» stöbert den Pokal eine Woche nach dem Diebstahl auf. Er findet ihn bei einem Spaziergang mit seinem Herrchen, der Pokal liegt in Zeitungspapier eingewickelt in einem Gebüsch im Süden Londons.

Aufzeichnungen einer Auszeichnung für den Hund und seinen Besitzer. Video: YouTube/British Pathé

Das tragische Ableben der Spürnase

Es ist ein Fund, der sich lohnt. Herrchen David Corbett erhält einen Finderlohn von über 70'000 Franken. Und Pickles darf bei einem Festbankett zur Eröffnung der WM die Teller ablecken. Der Hund wird ein Star und tritt noch im selben Jahr in der Komödie «Der Spion mit der kalten Nase» auf.

Doch das Glück währt nicht lange. Ein Jahr nach seinem historischen Fund ist «Pickles» tot. Als er eine Katze verfolgt, bleibt er mit dem Halsband an einem Zaun hängen und stranguliert sich selber. Heute ist das Halsband des berühmtesten Hunds der Fussballgeschichte im nationalen Fussballmuseum in Manchester ausgestellt.

Der Dieb der Trophäe wird nie dingfest gemacht. Zwar wird zunächst der Occasionshändler und Gelegenheitsdieb Edward Betchley als Täter überführt. Aber er beteuert erfolgreich, nur als Mittelsmann fungiert zu haben.

«Pickles» ist nach seinem Fund mit einem Schlag ein Star.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Das offizielle Poster der WM 2018 – und seine Vorgänger

Bend it like Sturridge – das sind die 13 besten Aussenrist-Tore aller Zeiten

Barças Penalty-Pass: Der endete auch schon sehr peinlich – und Cruyff war nicht der Erfinder

Einmal Gotthard retour – das sind unsere 12 Kandidaten für den Fussball-Tunnel des Jahres

Fussball kann so schön sein – unsere 12 Kandidaten für den Skill des Jahres

Das Navi falsch eingestellt – das sind unsere 12 Kandidaten für das Eigentor des Jahres

Nichts für schwache Nerven – das sind unsere 12 Kandidaten für das Horrorfoul des Jahres 2015

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ohniznachtisbett 19.12.2017 16:09
    Highlight Three Lions on the shirt, Jules Rimet's still gleaming... immerhin ist er in diesem "Mutterallerfussballsongs" verewigt. Und denkt dran wenn in Russland Kickoff ist, sind es dann bereits "52 years hurt"... Und ja der Song ist mehr als 54, 74, 90, 2006, bringenhei, ja sogar mehr als You'll never walk alone. Keine Wiederrede! Verstanden? ;)
    1 4 Melden

Die ganze Welt staunt – Katar und Russland dürfen die WM austragen

03. Dezember 2010: Die Empörung am Tag nach der WM-Vergabe an Russland und Katar ist gross. Aus allen Rohren schiessen die Medien gegen Sepp Blatter und seine FIFA. Besonders harsch ist die Kritik in England.

Am Freitagmorgen des 3. Dezember 2010 gibt es in England nur ein Thema: die FIFA und Sepp Blatter. Selten wehte einem Schweizer auf der britischen Insel so viel Hass entgegen wie an jenem Dezembertag. Keine Zeitung, kein Pubgespräch, in dem der FIFA-Boss und seine Organisation unbescholten davonkommen. 

Rückblende: Zürich, Donnerstagabend, 2. Dezember 2010, kurz nach 17 Uhr: Die englische Delegation rund um Prinz William, David Cameron und David Beckham traut ihren Augen nicht. Vor …

Artikel lesen